Kurz vor zehn Uhr abends waren ein paar Lehrer durch die Sporthalle gegangen und hatten die Schüler der unteren Klassen nach Hause geschickt, während die älteren noch ein wenig
feiern konnten.
Shinji, Rei, Hikari und Toji standen am Tor zum Schulgelände und hielten Ausschau nach Asuka und Kensuke, laut Toji hatte Asuka ihren Begleiter den ganzen Abend über herumkom-mandiert
und durch die Gegend gejagt, weshalb er sich jetzt vergewissern wollte, ob mit Kensuke alles in Ordnung war.
Doch die beiden ließen sich nicht blicken.
„Seltsam“, murmelte Toji. „Eigentlich hätten sie an uns vorbei... oder waren sie schon vor uns draußen? - Hikari?“
„Ich habe sie nicht gesehen“, meinte das Mädchen mit den Sommersprossen.
Und Shinji und Rei waren anderweitig beschäftigt gewesen. Sie konnten es gar nicht fassen, daß es schon so spät war.
„Tja, vielleicht warten wir hier ganz umsonst. Aber morgen unterhalte ich mich mit Ken ein wenig...“
Am nächsten Tag würde es Zeugnisse geben, es fand zwar kein Unterricht statt, aber die Schü-ler sollten sich um elf Uhr in ihren Klassenräumen versammeln. Die
Abschlußklasse war bereits an diesem Morgen entlassen worden.
„Uhm, naja, vielleicht sollten wir wirklich gehen...“
Shinji sah sich noch einmal um.
„Asuka wird ihn schon nicht... uh... oder möglicherweise doch... äh...“
„Du kannst einem wirklich Mut machen, Ikari, weißt du das?“
„Tut mir leid, Toji.“
Suzuhara seufzte.
„Ich wüßte nur zu gerne, weshalb Ken so vernarrt in Asuka ist... er hat doch auch gesehen, wozu sie fähig ist... hm...“
Sie trennten sich, während Toji Hikari heimbrachte, fuhren Shinji und Rei mit der Straßenbahn.
Shinji lockerte seine Krawatte.
„Ah, Rei, ich wollte nur sagen, daß ich... uhm... daß ich sehr glücklich bin, daß wir... naja, daß du mich zu dem Tanz begleitet hast. Und... ahm... du bist
wirklich eine sehr gute Tänzerin.“
„Danke, Shinji-kun.“ antwortete sie mit einem schmalen Lächeln.
„Ähm, ja... naja...“
Er nahm ihre Hand in die seine, während er nach weiteren Worten suchte.
Ein Kontrolleur kam und ließ sich ihre Fahrkarten zeigen, hob im ersten Moment die Augen-brauen, als er ihre NERV-ID-Karten sah, nickte dann aber und wechselte in den nächsten Wa-gen
über.
Die Bahn hielt an ihrer Haltestelle und sie stiegen aus, gingen Hand in Hand zwischen den her-untergekommenen Gebäuden hindurch. In ihrem Apartmentgebäude flackerte das Flurlicht recht
unstet, sie stiegen rasch die Treppen bis zum vierten Stock empor, Shinji übernahm die Führung und öffnete die Wohnungstür, blieb dann aber vor der Schwelle stehen.
„Shinji-kun, was ist?“
Er grinste.
„Rei-chan, leg deine Arme um meinen Hals.“
Sie blinzelte, tat aber, was er von ihr verlangte. Doch mit dem, was er als nächstes tat, hatte sie nicht gerechnet: Shinji hob sie schwungvoll hoch, so daß er sie auf seinen Armen
trug.
„Shinji-kun, was hast du vor?“
„Kopf einziehen!“ flüsterte er und trug sie über die Schwelle, ließ sie dann wieder hinunter.
Sie strich ihr Kleid glatt und sah ihn fragend an.
„Warum hast du das getan?“
„Es... ahm... naja... ich dachte... uhm... das wäre angemessen... ähm... du siehst aus wie eine Prinzessin und... ähm...“
„Ich verstehe. Bisher dachte ich, ´jemanden auf Händen tragen´ wäre nur eine weitere Rede-wendung.“
„Uh...“
Er schloß die Wohnungstür, war froh, daß sie sich mit seiner Erklärung zufrieden gab.
Während er den Krawattenknoten vollends öffnete und dann die Anzugjacke auszog, schälte sie sich aus dem Kleid. Im Licht des Mondes sah er kaum mehr als ihre Silhouette, doch da
genügte bereits.
Rei trug keinen BH unter dem Kleid, aber das hatte er bereits früher am Abend festgestellt, als sie dicht zusammen getanzt hatte.
Warum stolperte er nur immer mit dem Kopf voran in solche Situationen... und am schlimm-sten war es immer, wenn er irgendwelchen spontanen Einfällen nachgab... Mit Erleichterung registrierte
er, daß sie sich das große Männerhemd, welches sie als Nachthemd benutzte, über-zog und vor der Brust zuknöpfte.
Ein paarmal atmete er tief durch.
„Also, Rei... ich... ich hoffe, du warst auch zufrieden... uhm...“
„Der Abend hat mir gefallen.“ erklärte sie und kroch ins Bett, sah ihn an.
Nach kurzem Zögern folgte er ihr, nahm sie in die Arme und legte den Kopf an ihre Schulter, so daß er den Geruch ihres Haares einatmen konnte.
*** NGE ***
Kensuke hockte wie ein Häuflein Elend an seinem Platz im Klassenraum, Toji stand bereits neben ihm, die Hand kumpelhaft auf Aidas Schulter.
„Was... was ist denn los gewesen?“ fragte Shinji, kaum daß er seine beiden Freunde erspäht hatte.
Toji ballte die Fäuste.
„Diese Asuka ist ein ganz durchtriebenes Biest!“
Kensuke schniefte.
„Ich dachte... als sie mich fragte, ob ich sie nicht begleiten wollte... ich dachte, sie mag mich vielleicht... aber dann schickte sie mich los, etwas zu trinken zu holen... und danach hat
sie mich gar nicht mehr beachtet, sondern hat nur noch mit ein paar anderen Mädchen ´rumgehan-gen... und dann hat sie mit einem aus der Abschlußklasse getanzt...“
„Wie gemein“, murmelte Hikari.
„Hat mich einfach stehenlassen... mit kleinen langweiligen Jungs wolle sie nichts zu tun ha-ben...“
Kensuke vergrub das Gesicht in den Armen.
Toji klopfte ihm beschwichtigend auf dem Rücken.
„Na, na, besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“
Asuka betrat den Klassenraum, grinste breit, als sie die Gruppe zusammenstehen sah.
Toji sah sie finster an, gab ein dumpfes Knurren von sich.
Shinji kannte diesen Blick, hatte sich schließlich selbst schon im Fokus dieses Blickes befun-den...
„Toji, nur die Ruhe...“
Er schluckte.
„Och, ist der kleine Kensuke traurig?“ lachte Asuka häßlich. „Dabei durfte er doch mit mir zum Ball gestern gehen... hat es ihm etwa nicht gefallen?“ Ihr
Gesichtsausdruck veränderte sich, wirkte plötzlich sehr verletzt. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen...“ Und dann grinste sie wieder.
„Du falsche Schlange!“ schrie Toji und schien mit seinem Vorsatz, keine Mädchen zu schlagen, brechen zu wollen, streckte Kopf und Schultern vor wie ein wütender Stier.
Shinji hielt ihm am Arm fest, wußte aber sogleich, daß er den größeren und stärkeren Mitschü-ler allein kaum halten konnte.
Doch darum kümmerte sich Rei, die Toji einfach die flache Hand gegen die Schulter drückte.
Einen Moment lang schien Toji gegen starken Wind anzukämpfen, Überraschung breitete sich auf seinem Gesicht aus, dann starrte er sprachlos auf Reis schmale Hand.
„Wa...“
„Du hättest keine Chance“, flüsterte Rei sehr leise.
Trotzdem hatte Asuka sie gehört.
„Stimmt, Suzuhara, aber du kannst es gerne versuchen...“
Sie blickte ihn provozierend an.
In Shinji stieg die Wut hoch.
Einem seiner Freunde ging es richtig schlecht und sie machte sich auch noch darüber lustig...
„Asuka, laß das!“ schrie Shinji. „Hast du eigentlich nichts besseres zu tun?“
Die Rothaarige schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Dann... ah... dann...“
„Na, Shinji, sprachlos? Geht das Gestotter wieder los?“
„Ah...“
Asuka lachte laut auf.
Hikari trat an Shinjis Seite, funkelte Asuka wütend an.
„Das ist so gemein!“
„Ach, halt die Klappe, Klassensprecherin, wer hat dich denn gefragt.“
Hikari riß die Augen auf.
Asuka stolzierte zu ihrem Platz und setzte sich, immer noch dieses breite hämische Grinsen im Gesicht.
„Miststück...“ flüsterte Toji.
Asukas Augen funkelten auf.
Niemand nannte sie so, ohne es zu bereuen... aber sie konnte warten, an diesem Tag hatte sie schon ein Triumpherlebnis gehabt, als sie den dummen kleinen Jungen am Rand der Tränen ge-sehen
hatte...
Der Lehrer kam mit den Zeugnisheften...
*** NGE ***
Bestanden hatten sie alle, von den Schülern, die zu den Prüfungen angetreten waren, wurden alle versetzt. Bei der Verteilung der Zeugnisse äußerte sich der Lehrer lobend
über Asukas Fortschritte mit den Kanji-Schriftzeichen. Das beste Zeugnis hatte Rei, worüber sich eigentlich niemand, der sie kannte, wirklich wunderte.
Kaum hatte der Lehrer die Stunde geschlossen, spazierte Asuka aus dem Raum, warf dabei Toji erneut einen provozierenden Blick zu. Doch dieser beherrschte sich zähneknirschend.
Im Anschluß nahm Toji Kensuke zur Aufmunterung mit in eine nahegelegene Einkaufspassage, wo es auch ein paar Automatenspiele gab.
„Armer Kensuke“, murmelte Shinji, während er und Rei mit der Bahn zurückfuhren. An diesem Tag hatten sie beide keine Tests.
Rei nickte ohne Worte.
Soryu hatte sich über ihren Shinji lustiggemacht...
„Wirklich gemein von Asuka, ihn so zu behandeln...“
„Soll ich ihr die Beine brechen, Shinji-kun?“
Shinjis Kopf fuhr herum, entgeistert sah er sie an.
„Wie?“
„Soryu benötigt ihre Beine nicht, um im Falle eines Angriffes einen EVA steuern zu können.“
„Ahm... ich glaube nicht... das solltest du nicht tun... uhm... du bekommst doch nur Ärger...“
Insgeheim stimmte sie ihm zu, aber in diesem Fall würde sie sogar den Zorn des Kommandan-ten in Kauf nehmen...
„Shinji-kun, gibst du mir dein Wort, mich nie so zu behandeln?“
Er zuckte zusammen, seine Augen weiteten sich noch mehr.
„Rei-chan, ich... ich könnte nie... ich möchte immer bei dir sein...“
Sie lächelte unwillkürlich, doch zugleich fragte sie sich, ob er dies auch sagen würde, wenn er wüßte, was sie wirklich war... ob er dann noch zu ihr stehen
würde...
„Vielleicht gibt es Dinge über mich, die du nicht weißt.“
„Uhm... also... ähm...“
Wieder nahm er ihre Hand, drückte sie leicht.
„Ich glaube an dich.“
Ihre Kehle wurde trocken.
Seine Hand fühlte sich warm an angenehm warm
„Shinji-kun...“
Die Bahn hielt, sie stiegen aus.
„Oben dürfte es ziemlich stickig sein...“ meinte Shinji an der Hausfassade hinaufblickend.
„Ja.“
„Was... uhm... was hältst du von einem Picknick hinten im... ah... Park?“
„Einverstanden.“
„Dann hole ich schnell ein paar Sachen. Geh schon ´mal vor...“
Er lief nach oben.
*** NGE ***
Rei saß unter einem der knorrigen Bäume in der verwilderten Grünanlage und blickte Shinji entgegen, der mit einer Plastiktüte in der Hand zu ihr herüberkam.
Lächelnd stellte er die Tüte auf die Erde.
„´Ist zwar kein Picknickkorb, aber, uhm...“
Er begann auszupacken, breitete zwischen ihnen mehrere Servietten überlappend aus, so daß eine größere Fläche für die mitgebrachten Nahrungsmittel entstand,
stellte die angebrochene Packung Weißbrot dazu, dann eine Flasche Fruchtsaft und zwei Becher, vervollständigte das ganze schließlich mit den Marmeladeschälchen, die Rei im
Kühlschrank aufbewahrt hatte, so-wie zwei Messern.
Sie aßen in aller Ruhe, danach räumte Shinji bis auf die Becher und die Flasche alles wieder zusammen und lehnte sich gegen den Baumstamm, verschränkte die Hände hinter dem
Kopf und schloß die Augen, lächelte entspannt.
„Weißt du, Rei-chan, ich... ah... ich kann kaum glauben, daß wir das hinter uns haben...“
Jetzt lagen etwas über vier Wochen Ferien vor ihnen, allerdings hatte Doktor Akagi bereits an-gekündigt, die Zeit für zusätzliches Synchrontraining auszunutzen.
Rei sah ihn interessiert an.
Shinji-kun wirkte so friedlich und entspannt... eigentlich hatte sie diesen Ausdruck bisher nur auf seinem Gesicht gesehen, wenn er schlief...
Shinji seufzte wohlig auf.
So gefiel es ihm... ein schöner warmer Tag, der kühle Schatten eines Baumes, ein Nachmittag, an dem es nichts zu tun galt, an dem weder die Schule noch NERV seine Zeit in Anspruch
nah-men... und die Nähe Rei-chans... ja, am wichtigsten war ihre Gegenwart...
Rei rückte näher an ihn heran.
Shinji-kun fühlte sich offensichtlich wohl...
Sie verringerte die Distanz noch mehr, wollte sich den Ausdruck seines Gesichtes ganz genau einprägen... schließlich rutschte sie über ihn, so daß sich ihre Knie links und
rechts seines Bek-kens befanden und sie auf seinen Oberschenkeln saß, ihr Gewicht dabei aber auf ihre Knie ver-lagerte.
Shinji öffnete die Augen, sah direkt in ihr Gesicht.
„Rei-chan...“ setzte er überrascht an.
„Shinji-kun, du wirkst so zufrieden...“
„Ahm...“
Sie hob die Hand und berührte sacht seine Wange.
„Rei...“
Ohne zu denken legte er die Arme um ihre Taille.
Ihre Lippen näherten einander, sie spürten den flachen warmen Atem des jeweils anderen im Gesicht. Reis Mund war leicht geöffnet, ihre Lippen formten ein flaches Oval, sie
schloß die Augen, legte ihre Arme um seinen Hals, dann war auch der letzte Zentimeter überwunden, be-rührten sich ihre Lippen schließlich, blieben aneinanderhängen.
Mehrmals wurde der Kuß teilweise angebrochen und wieder neu angesetzt, als ihrer beider Lippen ein Eigenleben zu entwickeln schienen, während seine rechte Hand ihren Rücken
hin-auf- und hinabwanderte, während sie ihn abwechselnd an sich zog und dann wieder die Inten-sität Ihrer Umarmung lockerte.
Shinji glaubte beinahe, seine Lippen stünden in Flammen, so intensiv war der Eindruck, den er verspürte. Sein Atem ging sehr schnell, immer wieder unterbrach er den Kuß kurz, um
Luft zu holen, nur sich dann mit neuem Elan ihren Lippen zu widmen. Er vermeinte zu schweben, glaubte, den Erdboden hinter sich zu lassen.
Und Rei verspürte ein Gefühl in der Magengegend, das sich anfühlte, als schlügen dort unzäh-lige Schmetterlinge zugleich mit den Flügeln, ein Gefühl, das in ihr
nicht den Eindruck erweck-te, sie könnte in irgendeiner Form krank sein. Es war ein berauschendes Gefühl, das sich noch mehr steigerte, sobald Shinji-kuns Hand ihren Nacken
erreichte.
So war es also, verliebt zu sein...
„Was macht ihr zwei da?“ riß eine herrische Stimme die beiden in die Realität zurück.
Erschrocken ließ Shinji Rei los, starrte schräg nach oben.
Ein Polizist... der erste Polizeibeamte, den Shinji in dieser Gegend von Tokio-3 zu Gesicht be-kam... was wollte der Mann von ihnen?
„Uhm... also...“
„Das hier ist eine öffentliche Einrichtung, euer Verhalten könnte sittlichen Anstoß erregen. Ihr beiden seid doch sicher noch minderjährig, oder? Wo wohnt ihr? Wie
heißen eure Eltern?“
Rei blinzelte.
Ihr Hochgefühl war verschwunden, stattdessen verspürte sie Wut auf den Uniformierten, der sie und Shinji-kun gestört hatte. Wen sollten sie denn stören?
Langsam stand sie auf, reichte dem immer noch völlig überraschten Shinji die Hand, zog ihn auf die Füße.
Und ebenso langsam holte sie ihren NERV-Ausweis aus der Tasche und reichte ihn dem Beam-ten.
Der Uniformierte setzte seine dunkle Brille ab, begutachtete den Ausweis, sah dann Rei verär-gert an.
„Was soll das denn? Wen willst du damit veräppeln, Kleine, das ist doch sicher eine Fäl-schung.“
Rei war fassungslos.
Der Mann hatte ihr indirekt gerade erklärt, daß er sie für eine Lügnerin hielt, daß die Angaben auf dem Ausweis nicht stimmten.
„Ich bin die Person auf dem Bild, Rei Ayanami.“
„Ja, klar, das glaube ich dir noch, aber du kannst mir nicht erzählen, daß du zu NERV ge-hörst.“
„Uh, doch, das stimmt...“
Auch Shinji holte seine ID-Card hervor und hielt sie ihm unter die Nase.
„Noch so eine Fälschung... seitdem es heißt, daß diese EVAs von Kindern gesteuert werden, will plötzlich jeder ein Pilot sein... Also, eure Namen und die eurer
Eltern!“
Shinji öffnete und schloß die Faust, wieder und wieder.
Das durfte doch nicht wahr sein... kaum erlebte er einen wirklich glücklichen Moment, da tauchte jemand auf und machte alles zunichte... und schlimmer noch, der Beamte zweifelte nicht nur an
seinen Worten - das hätte er verkraftet -, er bezichtigte auch noch Rei-chan der Unwahrheit...
Shinji schluckte, kniff die Augenlider zusammen und blickte dem Polizisten ins Gesicht.
„Ich bin Shinji Ikari. Ich arbeite für NERV. Ich bin der Pilot von EVANGELION-Einheit-01. Mein Vater heißt Gendo Ikari, er ist der Kommandant von NERV. Sie können ihn gerne
anru-fen und meine Angaben überprüfen, ich nenne Ihnen gerne die Nummer. Aber er wird nicht gern gestört und reagiert dann oft etwas extrem“, erklärte er mit Nachdruck
und Eiseskälte in der Stimme, war für einen Augenblick das genaue Abbild Gendo Ikaris in Sprache und Auf-treten. „Sie könnten auch Major Katsuragi anrufen, unseren taktischen
Offizier. Oder Doktor Akagi, die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung. Alles vielbeschäftigte Leute, die sich si-cherlich freuen werden, Ihnen Auskunft zu geben.“
Die Mimik des Beamten entgleiste, fassungslos sah er Shinji einen Moment lang an, warf dann einen erneuten Blick auf die beiden Ausweise, betrachtete mit größer werdenden Augen da
NERV-Siegel unter den Bildern der beiden Teenager vor ihm.
Die Dinger waren tatsächlich echt...
Nervös gab er sie zurück.
„Eure Angaben stimmen wohl...“
Eine vierte Person betrat die Szene, eine dunkelhaarige Frau in einer nachtschwarzen Ein-satzkombination, die ein Namensschild mit dem NERV-Symbol über der Brust trug.
„Gibt es hier Probleme?“
Rei wandte sich ihr zu und nickte knapp mit dem Kopf zur Begrüßung.
„Keine Probleme, Ishiren-san.“
Die Frau gab ein Zeichen der Bestätigung, blieb aber an Ort und Stelle stehen, anstatt wieder zu gehen.
Mit wachsender Nervosität huschte der Blick des Beamten hin und her, während ihm klarwur-de, daß er mitten in ein Wespennest hineingegriffen hatte. NERV war für die
Ordnungshüter von Tokio-3 tabu, außer sie ertappten NERV-Angehörige bei einer Straftat. Und der Name Katsuragi war ihm auch nicht unbekannt, schließlich kassierte die Frau
jede Woche wenigstens einen Strafzettel wegen Geschwindigkeitsübertretung...
„Und jetzt?“ erkundigte sich Shinji mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ein Bericht ist wohl nicht nötig... aber ihr solltet nicht...“
Er gab es auf, eigentlich hatten die beiden Kinder ja gegen kein Verbot verstoßen... es war nur sehr ungewöhnlich, jemanden tagsüber in dieser Parkanlage anzutreffen, in welcher
sich nach Einbruch der Dunkelheit der Bodensatz von Tokio-3 traf...
„Also können wir gehen?“
„Ja. Einen schönen Tag noch...“
Shinji sah dem Polizisten nach, bis dieser außer Sicht war, ließ dann die Schultern hängen und stieß die angehaltene Luft aus, während sein Herz viel zu schnell
pochte.
„Ich entferne mich dann ebenfalls, Captain Ayanami.“ erklärte die Frau.
„Ja, Ishiren-san.“ bestätigte Rei.
Die Frau wandte sich ab und verschwand zwischen den Büschen.
Rei blickte Shinji an.
Wie energisch er aufgetreten war, als der Beamte ihre Angaben in Zweifel gezogen hatte...
Und jetzt schien ihn im Nachhinein sein eigener Mut zu erschrecken.
„Laß uns gehen, Shinji-kun.“
„Äh, ja, Rei...“
Er hob die Sachen auf und trottete an ihrer Seite zu den Häusern zurück.
„Uhm, Rei, wer war das... ich meine, diese Frau...“
„Ishiren-san gehört zu meiner Leibwache.“
Vor Überraschung blieb er stehen.
„Leibwache?“
„Jeder der Piloten verfügt über wenigstens einen ihm speziell zugewiesenen Leibwächter, der ihn oder sie beschützen soll.“
„W-wirklich? Das... das ist mir noch gar... aufgefallen...“
„Sie haben Anweisung, sich im Hintergrund zu halten.“
„Ich... ah... ich verstehe... aber heißt das... daß wir, uhm, auf Schritt und Tritt überwacht wer-den?“
„Ja, Shinji-kun. Die EVA-Piloten sind zu wertvoll, als daß NERV riskieren könnte, daß ihnen etwas zustößt.“
Shinji sah sich aufmerksam um.
„Und... uhm... wo sind sie?“
Rei runzelte die Stirn, sah sich ebenfalls um, deutete dann in rascher Abfolge auf drei Fenster, zwei davon in ihrem Gebäude, im dritten und im vierten Stock, das dritte im Nachbarhaus. Dann
deutete sie noch auf einen weiter entfernt liegenden Hauseingang, wo Shinji eine Bewe-gung im Schatten registrierte.
Shinji stand der Mund offen.
„Und... und sie bewachen uns überall? Auch... auch in deiner Wohnung?“
In ihm stieg die Schreckensvision auf, sie könnten während der letzten Wochen ständig be-lauscht worden sein, daß wildfremde Menschen jedes seiner Worte, jedes Gespräch
mit ihr, je-des Geständnis mitgehört haben könnten.
„Nein.“
„Ah... g-gut...“
Oben in der Wohnung nahm sie ihm die Tüte mit den Sachen des Picknicks aus der Hand und stellte sie in den Kühlschrank, während Shinji immer noch mitten im Raum stand und sich
be-mühte, das Erfahrene zu verdauen.
„Shinji-kun...“
Er drehte den Kopf.
Rei-chan stand im Durchgang zur Küche und fixierte ihn. In ihren Augen war etwas unge-wohntes... ein Funkeln... ihre Lippen formten ein Lächeln.
„Uh, ja, Rei-chan?“
„Wir wurden gestört.“ erklärte sie völlig emotionslos trotz ihres Lächelns. „Ich bin der Ansicht, daß wir dort fortsetzen sollten, wo wir unterbrochen
wurden.“
„Uhm...“
Weiter kam er nicht, denn da hatte sie bereits die Arme um ihn geschlungen und versiegelte seine Lippen mit den ihren...
*** NGE ***
Das erste, das Shinji wahrnahm, als er am nächsten Morgen erwachte, war ein Kitzeln an seiner Nasenspitze. Er schlug die Augen auf, sah Rei über sich gebeugt, deren Haarspitzen da
Ki-tzeln verursachten.
„Guten... guten Morgen, Rei-chan...“ flüsterte er.
„Guten Morgen, Shinji-kun“, erwiderte sie mit einem schwach hörbaren fröhlichen Unterton.
Kurz senkte sie den Kopf und berührte seine Lippen mit den ihren, dann rollte sie sich aus dem Bett.
„Ich mache Frühstück.“
Shinji setzte sich auf und rieb sich die Augen.
Seine Lippen waren ganz taub, so als hätte man ihm eine örtliche Betäubung verpaßt.
Die Erinnerung an den Rest des gestrigen Tages und den Abend war wie ein farbiger Rausch von Eindrücken, war ein einziger nichtendenwollender Kuß, zuerst in der Zimmermitte, dann auf
der Bettkante, schließlich auf dem Bett selbst. Zugleich war es ein beschränktes gegensei-tiges Erforschen gewesen, bei dem er herausgefunden hatte, daß es Rei-chan sehr anregte,
wenn er eine bestimmte Stelle ihres Nackens berührte, während sie sicher erkannt hatte, wie er darauf reagiert hatte, als sie mit der Innenseite ihres Fußes über sein
Schienenbein gestrichen hatte...
Und es war wirklich kein Traum gewesen. Und trotz allem hatte dieser lange Kuß noch immer etwas Unschuldiges besessen, hatte er kein einziges Mal den Drang verspürt, ihr die Kleider
vom Leib zu reißen, hatte er die Wanderungen seiner Hände auf ihren Rücken beschränkt...
Ein Blick auf seine Armbanduhr, die er sich von der Sitzfläche des Bürostuhles geangelt hatte, sagte ihm, daß er noch Zeit hatte, rasch zu duschen und im Anschluß mit
Rei-chan zu frühstük-ken, ehe er zum Hauptquartier aufbrechen mußte.
Und das nannte sich Ferien... für Doktor Akagi war die Zeit doch noch nur ein Grund, sie noch längeren und intensiveren Tests zu unterziehen...
Er ging in die Küche, wo Rei an der Spüle stand und hantierte, umarmte sie von hinten und plazierte einen leichten Kuß auf ihrem Hals.
„Ich dusche schnell.“
„Ja.“
Er sah es nicht mehr, doch sie lächelte.
Und sie lächelte immer noch, als Shinji aus dem Bad kam und sich an den gedeckten Tisch setzte, lächelte, während sie die Ellenbogen auf den Tisch aufstützte und mit den
Fingern der ineinander gefalteten Hände eine Brücke bildete, über die hinweg sie ihn anblickte.
Misato-san hatte Recht gehabt... sie hatte den ganz großen Fang gemacht...
*** NGE ***
Shinji schickte sich gerade an, das Haus zu verlassen, als für einen Augenblick die Erde bebte, daß er unwillkürlich die Hand zur Mauer ausstreckte, um nach Halt zu suchen.
Ein Erdbeben? - In dieser Region Japans kam es nicht so häufig zu Beben wie anderswo... und seit seiner Ankunft in Tokio-3 hatte er noch keine Erdstöße wahrgenommen...
Oder ein Angriff?
Er sah sich um, registrierte keine Veränderungen.
Rasch drehte er sich um und lief wieder nach oben, nur weil unten alles normal erschien, mußte das noch lange nicht für die Wohnung gelten, in der Rei noch war...
Gerade, als er die Wohnungstür erreichte, begann sein Handy zu piepen.
Also doch ein Angriff?
Aber zuerst mußte er nach Rei-chan sehen...
In der Wohnung war nur eine Vase umgefallen, allerdings hielt Rei sich nicht damit auf, das Wasser aufzuwischen, sondern reagierte auf das Piepen ihres Handys, indem sie sofort aus der Wohnung
stürmte und auf dem Flur gegen Shinji prallte.
„Uh... tut mir leid...“ sagte Shinji automatisch.
Rei nahm nur seine Hand und zog ihn mit sich nach unten.
Im Haus hatten sie keinen richtigen Empfang, würde das Signal nicht stark genug durchkom-men, um verständlich zu sein. Wahrscheinlich waren in den letzten Wochen in der Nähe
Signal-verstärker in der Gegend installiert worden, damit die beiden Piloten wenigstens angepiept werden konnten.
Von einem Herzschlag zum anderen wurde aus dem blauhaarigen Mädchen, welches eben noch lächelnd sich der Aktivitäten der letzten Nacht erinnert hatte, ein emotionsloser Profi,
wurde Shinjis Rei-chan zu Pilotin Ayanami.
Sie mußten bis zur Haltestelle der Straßenbahn laufen, ehe Rei ein klares Signal auf ihrem Handy hatte.
Das Gespräch, welches sie mit dem Hauptquartier führte, war nur kurz.
„Ein Engel“, informierte sie ihren Begleiter. „Wir sollen schnellstens ins Hauptquartier kom-men.“
„Wo ist er?“ stieß Shinji hervor. „Die... ah... die Sirenen heulen noch gar nicht.“
„Wir erhalten unsere Informationen im Hauptquartier.“
„Ja...“
Wie verändert sie plötzlich war... so konzentriert... das mußte mit dem bevorstehenden Kampf zusammenhängen...
Shinji hatte keinen Zweifel, daß das Auftauchen eines Engels gleichbedeutend war mit einem baldigen Kampf.
Er nahm ihre Hand, drückte sie leicht, doch sie erwiderte den Druck nicht, ging in Gedanken bereits die Startsequenz von EVA-00 durch, wappnete sich innerlich schon jetzt gegen die
Dunkelheit. Unkonzentriertheit konnte die Mission scheitern lassen... konnte Shinji-kun in Ge-fahr bringen...
*** NGE ***
Misato Katsuragi starrte sprachlos auf den großen Monitor der Zentrale.
Neben ihr stand Ritsuko Akagi und wirkte ebenfalls nicht gerade gesprächig.
Der Monitor zeigte eine Luftaufnahme Südjapans.
Auf der Karte gab es drei große Krater, Krater, die am Vortag noch nicht existiert hatten...
„Mein Gott...“ flüsterte Misato.
Von der anderen Seite trat Kaji an sie heran.
„Schwere Zerstörungen... und dabei waren es nur ungezielte Schüsse...“
Ritsuko schloß die Augen.
„Derzeit können wir nichts tun.“
„Ich möchte die Aufzeichnungen noch einmal sehen“, murmelte Misato.
Der Monitor zeigte ein Flugobjekt, welches wie drei nebeneinanderliegende, durch dünne Muskelstränge verbundene, Augäpfel aussah, wobei das mittlere Auge das größte der
drei war. An den Rändern hingen tropfenförmige Klumpen.
Gerade löste sich einer der Tropfen, fiel der Erde entgegen...
... explodierte beim Aufschlag, löschte ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern aus, hin-terließ nur einen Krater...
„Der erste Einschlag erfolgte nahe der Küste weit im Süden von Tokio-3. Der zweite und der dritte erfolgten näher bei der Stadt. Diese Engelstränen verfügen
über eine gewaltige Spreng-kraft. Außerdem verringert der Engel seine Flughöhe, den MAGI-Berechnungen nach wird er im Sturzflug in die Stadt krachen.“
„Toll... einfach toll...“
Misato begann, in der Zentrale auf und ab zu gehen, sah dabei immer wieder zum Komman-dostand hinauf, wo sich nur Kozo Fuyutsuki aufhielt, der sich schwer auf die Brüstung stützte.
„Ritsuko, zeig mir noch einmal den Einsatz der N2-Mine.“
„Kommt...“
Ein Flugzeug näherte sich dem Engel, feuerte eine Rakete ab, welche weit vor dem Engel ex-plodierte.
„Beschuß mit der neuen N2-Luftmine nutzlos, die Analyse der gewonnenen Daten bezüglich der Stärke des AT-Feldes ergibt, daß ein Beschuß vom Boden aus ebenso
erfolglos bleiben wird.“
„Und der Engel wird voraussichtlich eine Kamikaze-Aktion hinlegen?“ fragte Misato nach.
„Die MAGI gehen davon aus. Wenn er seine Flughöhe weiterhin in diesem Maß verringert, hat er gar keine andere Alternative.“
„Wie groß wird die Sprengkraft sein, die er dann entfaltet?“ kam es von Kaji.
Ritsuko gab einen kurzen Befehl in ihren Palmtop ein.
„Szenario Sahakiel.“
Wieder wurde die Luftaufnahme Südjapans gezeigt. Dann erschien ein gewaltiger Feuerball, der die Karte zu verschlingen schien. Was zurückblieb, war eine tiefe Wunder in der Erde, ein
Krater, aus dem glutflüssiges Magma quoll, welches unter starker Dampfentfaltung auf das eindringende Meerwasser traf...
Sogar Kaji war bleich geworden.
„Ob ich noch einen Flug ans andere Ende der Welt bekomme...?“ versuchte er die Situation aufzuheitern.
Misato preßte die Lippen zusammen, nahm ihre Wanderung durch die Zentrale wieder auf.
„Haben wir Kontakt zum Kommandanten?“
„Nein, der Engel stört die Funkverbindungen, alle Frequenzen.“
Fuyutsuki beugte sich weiter vor.
„Doktor Akagi, berechnen Sie bitte die voraussichtliche Aufschlaggeschwindigkeit des Engels. Und berechnen Sie, ob die vereinte Kraft aller drei EVAs ausreicht, den Sturz des Engel
abzu-fangen.“
Misato starrte ihn an.
„Natürlich, das ist es... wenn die EVAs den Engel auffangen können, ehe er explodiert, können sie ihn vorher vernichten... Genial!“
„Ich habe meinen akademischen Grad nicht in der Lotterie gewonnen. - Also, Doktor?“
„Es könnte klappen. Wenn alle drei EVAs schnell genug sind, können sie den Sturz des Engels aufhalten. Aber die Chancen sind trotzdem minimal.“
„Gut, Ritsuko...“
Misato lächelte grimmig. Selbst eine winzige Chance war immer noch eine Chance.
„Mach die EVAs startklar! Und laßt den Engel nicht aus den Augen, ich will über jede noch so klitzekleine Veränderung der Bahn sofort informiert werden. Wir positionieren
die EVAs so, daß sie jeden Punkt der Stadt in möglichst geringer Zeit erreichen können, laß die MAGI die günstigsten Positionen berechnen, orientiere dich an der
Flugbahn des Engels und berechne den voraussichtlichen Aufschlagpunkt so genau wie möglich!“
„Schon dabei!“
Ritsuko nahm an ihrem Terminal Platz.
„Maya, du gehst in den Kontrollraum des Testcenters und überwachst die Startvorbereitun-gen!“
„Ja, Sempai.“
Misato befestigte ihr Headset.
„Ich übernehme die Leitung von hier aus. Kaji, geh bitte in den Hangar und unterrichte die Kinder!“
Kaji nickte.
Er wußte, weshalb sie ihn ausschickte - Asuka würde auf ihn hören und in seiner Gegenwart nicht anfangen zu stänkern...
*** NGE ***
Die EVAs waren inzwischen gestartet und der Engel befand sich weiterhin auf seinem Kami-kaze-Kurs. Die drei EVANGELIONs waren nach Maßgabe der MAGI positioniert worden.
Asuka war von dem Plan alles andere als überzeugt.
„Einen fallenden Engel mit den Händen aufzuhalten, das ist doch...“ murmelte sie.
„Hast du etwas gesagt?“ fragte Misato über Funk.
„Nein.“ knurrte Asuka.
Trotzdem hielt sie den Plan einfach für bescheuert.
Und daß Misato ständig versuchte, sie zu bemuttern, machte es auch nicht einfacher... Misato war nicht ihre Mutter, ihre Mutter war tot, ihre Pflegemutter lag im Sterben auf der
anderen Seite der Welt und ihre Stiefmutter konnte ihretwegen tot umfallen...
Nein, noch eine Mutter brauchte sie wirklich nicht, alles was sie brauchte, war EVA-02, im EntryPlug fühlte sie sich sicher und geborgen. EVA-02 würde sie nie im Stich lassen...
Der Engel näherte sich...
*** NGE ***
Der taktische Bildschirm zeigte den Abstieg des Engels.
Rei ließ den Blick von dem Schirm, wartete nur auf das Startsignal.
Sie konnte die geringe Wahrscheinlichkeit des Gelingens des Planes in etwa im Kopf berech-nen, aber wenn es der Plan war, für den die Führungsspitze von NERV sich entschieden hatte, um
den Engel aufzuhalten, war es mit Sicherheit jener, der den größten Erfolg versprach.
Mittlerweile waren die Bewohner der Stadt in die Bunker evakuiert worden, so daß sie nicht befürchten mußten, jemanden plattzuwalzen, wenn sie losrannten... und es würde
auch keine Unfälle geben wie bei Suzuhara-kuns Schwester... Shinji-kun hatte ihr von Mari Suzuhara be-richtet... und seinen Schuldgefühlen...
Aus den Tiefen des EVA-Bewußtseins stieg ein Gefühl von Hunger auf.
Der Engel mußte nahe genug herangekommen sein, daß EVA-00 ihn wahrnehmen konnte, aber noch war es kein Problem, noch verspürte sie nicht den unerträglichen Blutdurst und den
Drang zu zerstören...
*** NGE ***
Shinji hockte hinter der Steuerung seines EVAs und wartete.
Asuka war verdächtig ruhig... ob sie etwas plante? Ihr war es durchaus zuzutrauen, daß sie versuchte, den Engel allein aufzuhalten...
Und Rei... Rei-chan... sie war die Konzentration in Person...
Wenn es ihnen nicht gelang, den Engel zu stoppen, würde er die ganze Stadt einschließlich der darunterliegenden Geofront vernichten... eigentlich hatten noch nie derart viele Leben auf
ein-mal von ihrem Einsatz abgehangen... andererseits hing der Fortbestand der Menschheit von ihrem Sieg ab...
Er spürte den Hunger in sich aufsteigen... nein... nicht in sich... es war der Hunger des EVAs... dann folgten der Zorn und der Haß...
Das konnte nur bedeuten, daß der Engel in Reichweite war...
Der taktische Bildschirm zeigte den voraussichtlichen Aufschlagpunkt.
„Sektor B-2! Stromversorgung wird ausgeklinkt!“ rief Misato. „Start!“
Die drei EVAs rannten los.
Jeder der drei Piloten spürte den Haß, den der jeweilige EVANGELION ausstrahlte, jeder von ihnen hörte den Lockruf des Blutes, vernahm das stete Pulsieren des Kerns de
Engels...
Zerstören...
Vernichten...
Der Hunger trieb sie voran, ließ sie regelrecht dahinrasen...
Töten...
Shinji stemmte sich gegen den dunklen Drang.
Er mußte sich konzentrieren... sie sollten den Engel auffangen... wenn er den EVA nicht unter Kontrolle behielt, würde er sich stattdessen auf den Gegner stürzen, um ihn zu
zerreißen, egal, ob dabei die Stadt vielleicht zerstört wurde...
Er sah den Engel, ein rasch größer werdender Punkt am Himmel...
Zerreißen...
Er mußte durchhalten, durfte nicht die Kontrolle verlieren...
Im Laufen zog er das PROG-Messer aus der Schulterpanzerung.
Der taktische Schirm zeigte schematisch, wo sich das Herz des Engels befand... im Inneren des zentralen Auges...
Das Messer mußte in sein Herz... nur noch daran denken... ins Herz... Kontrolle...
Er biß sich auf die Zunge, hatte kurzfristig den Kopf klar.
Der Engel...
*** NGE ***
„Aufschlag... jetzt!“ rief Ritsuko.
Misato hielt den Atem an, kniff die Augen zu.
Entweder die drei schafften es, oder gleich war alles aus...
Der große Monitor zeigte eine grelle Explosion.
Misato blinzelte.
Sie waren noch da...
„Ritsuko...?“
Akagi sah über die Schulter.
„Ziel: Sahakiel zerstört.“
„Die EVAs?“
„Ihre AT-Felder haben die Explosion eingedämmt. Schäden diesseits der Hayflick-Grenze.“
„Die Piloten, Ritsuko, was ist mit den Kindern?“
Maya meldete sich über InterKom.
„Lebenszeichen der Piloten sind stabil.“
„Danke, Maya. - Ich gehe nach oben.“
Misato verließ die Zentrale, fuhr mit dem Aufzug an die Oberfläche.
*** NGE ***
Kaji war bereits vor Ort, neben ihm stand Asuka, ein Handtuch um die Schultern und einen wütenden Ausdruck im Gesicht.
Misato kam hinzu.
„Kaji, wo sind Shinji und Rei?“
„Da drüber, Katsuragi.“
Er deutete in die Richtung, in die Asuka wütend starrte.
„Oh...“
Misato mußte zweimal hinsehen.
Dort standen die beiden tatsächlich engumschlungen.
„Müssen die das in aller Öffentlichkeit machen? Das ist sowas von obszön!“ brummte Asuka.
Kaji lachte.
„Ich nenne das Streßabbau.“
„So, Kaji? Ich habe im Augenblick auch jeden Streß...“
Sie klimperte mit den Wimpern.
Kaji klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter.
„Das wird schon wieder, Asuka.“
Sie blickte ihn finster an.
Misato ging zu Shinji und Rei hinüber.
„Na, ihr beiden...“
Die beiden Angesprochenen fuhren auseinander, blieben aber nahe genug zueinander stehen, um einander den Arm um die Taille zu legen.
„Auftrag ausgeführt, Major.“ meldete Rei.
Shinji nickte enthusiastisch.
„Könnt ihr mir erklären, was ihr da macht?“
„Uh... Misato...“
Katsuragi seufzte.
„Das war eigentlich vorauszusehen... seid vorsichtig...“
„Major, ich kann Ihnen versichern, daß nichts geschehen ist oder geschehen wird, das meine Einsatzfähigkeit einschränken könnte.“
Shinji zuckte zusammen.
Wie meinte Rei-chan das nur...