Misato stand gewaltig unter Streß.
Und das war noch eine ziemliche Untertreibung...
Die Aufräumarbeiten in der Stadt hatten sich bis zum Abend hingezogen. Shinji und Rei hatte sie heimgeschickt, doch Asuka hatte darauf bestanden, vor Ort zu bleiben und wie eine Klette an
Kaji zu hängen, aber das hatte Misato sich bemüht zu übersehen. Kaji jedenfalls gab sich alle Mühe, Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version ! Asuka bei Laune zu halten, ohne auf ihre Annäherungsversuche
einzugehen, oder auch nur im Entferntesten eine kompromittierende Situation zu riskieren.
Daheim hatte Misato sich den ganzen Abend Asukas Gemecker anhören müssen, weshalb Kaji sie nicht hinreichend beachtete, weshalb niemand ihr die Anerkennung für ihren Teil bei der
Bekämpfung der Engel zukommen ließ, warum Weichei und Wondergirl - Shinji und Rei, wie Misato sie immer wieder korrigiert hatte - solche Narrenfreiheit besaßen und wie sehr die
bei-den doch alles in Gefahr brachten, weil sie sicher nur daran dachten, es miteinander zu tun wie die Karnickel... an diesem Punkt hatte Misato geistig abgeschaltet und ihr Bier auf ex
leerge-trunken, die ganze Palette...
Daß nachts um drei sowohl ihr Pieper, ihr Handy und das Telephon losgingen, war schon schlimm genug - wenn sie schlief, dann schlief sie und brauchte auch wenigstens sechs Stunden Schlaf am
Stück -, daß sie allerdings einen derart dicken Kopf hatte, daß sie befürchtete, nicht durch die Tür zu kommen, war noch übler, aber daß das Klingeln auch
Asuka aufweckte, wel-che sodann gleich wieder zu zetern begann, setzte dem ganzen die Krone auf.
Drei Uhr morgens...!
Und sie sollte sofort ins Hauptquartier kommen, umgehend.
Also kein Nachfüllen ihres Alkoholpegels, um den Kater etwas abzumildern. Und Autofahren war in ihrer Verfassung auch nicht drin.
In der Straßenbahn belästigte sie ein älterer Mann, dem sie kurzerhand ihre Dienstwaffe unter die Nase hielt und ihn an der nächsten Station dann mit einem kräftigen
Tritt nach draußen be-förderte.
Doch der wahre Streß fing erst an, als sie in der Zentrale ankam und sofort die Friedhofsstille wahrnahm, die herrschte.
„Also, was gibt es?“ fragte sie laut, bereute es im nächsten Moment schon, schienen sich ihre Kopfschmerzen doch um den Faktor zehn zu vergrößern. Ihre Frage war
hauptsächlich an den Leiter der Nachtschicht gerichtet, in diesem Fall Makoto Hyuga.
Ritsuko Akagi betrat die Zentrale, dunkle Ringe unter den Augen und verhalten gähnend, kurz darauf traf auch Kaji ein, dessen Jackett aussah, als hätte er darin geschlafen.
Kozo Fuyutsuki erschien oben im Kommandostand, wirkte seltsam steif, als hätte er einen Gehstock verschluckt. Der Grund für sein Verhalten wurde gleich darauf ersichtlich, als Gendo
Ikari den Platz hinter seinem Tisch einnahm.
Der Kommandant war zurück...
Misato unterdrückte ein Seufzen.
Warum hatte der ältere Ikari nicht noch ein wenig fortbleiben können... ohne ihn lief doch im Hauptquartier alles wie geschmiert, während seine Anwesenheit nur dafür sorgte,
daß alle eingeschüchtert durch die Gänge schlichen...
„Schlechte Nachrichten“, begann Fuyutsuki, während Ikari einfach nur seine Hände faltete und auf sie hinabstarrte, als wäre die Brückencrew nur eine Ansammlung
lästiger Insekten.
„Wir haben den Kontakt mit der NERV-Zweigstelle Nordamerika vor zwanzig Minuten verlo-ren. Die gesamte Region scheint von einem elektromagnetischen Impuls getroffen worden zu sein, der jede
Art von Elektronik lahmgelegt hat. Allerdings haben wir vor wenigen Minuten die ersten Bilder von Aufklärungsflugzeugen und Wettersatelliten erhalten...“
Der Hauptmonitor erhellte sich, zeigte... nichts!
Da war nur eine große Mulde, in welche langsam Meerwasser hineinschwappte.
Der NERV-Stützpunkt allerdings war spurlos verschwunden.
Misato wechselte einen Blick mit Ritsuko, ehe diese ihren Platz an ihrem Terminal bezog, sich bemühend, nicht zu Gendo hinaufzustarren.
„Ich habe auch ersteinmal nachgefragt... aber es ist die korrekte Region. In diesem Augenblick sind Spezialeinheiten der US-Armee vor Ort und stellen Untersuchungen an.“
„Mögliche Ursachen?“ fragte Misato. „In der US-Zweigstelle wurde mit dem synthetisierten S2-Organ experimentiert, oder?“
„Heute war der erste Testlauf“, bestätigte Ritsuko. „Ich überprüfe die Protokolle, welche von MAGI-System Nummer drei übermittelt wurden... demnach verlief
der Aktivierungstest von EVA-04 zufriedenstellend... sehr hohe Synchronwerte zwischen EVA und Piloten... und dann plötzlich Abbruch der Übertragung.“
„Wir haben mittlerweile auch Satellitenaufzeichnungen der letzten Sekunden.“ erklärte Hyuga.
Das Bild auf dem Schirm veränderte sich, zeigte dieselbe Region, den gleichen Küstenab-schnitt, nur zeigte es auch zahlreiche Gebäude, Hallen, den Test-Parcour für EVA-04...
und dann legte sich plötzlich ein Schatten über das Bild...
Es folgte Schneegestöber auf dem Bildschirm, als die Aufzeichnung abbrach.
„Ein Angriff“, folgerte Misato.
„Aber womit?“ warf Kaji ein. „Es sieht fast aus, als wäre die Zweigstelle einfach ausgegraben und fortgetragen worden.
„Ein Engel?“
„Beobachter melden, daß sie keine Explosion oder Anzeichen irgendeiner Waffenentfaltung wahrgenommen haben. Und die anderen MAGI-Systeme haben nichts auffällige
bemerkt.“
„Reichen die Sensoren der MAGI denn soweit, Ritsuko?“
„Bisher waren wir der Ansicht, durch die strategische Verteilung von MAGI-Systemen über den ganzen Erdball ein recht zuverlässiges Netz für die Ortung und Erkennung von
Blauen Mustern geschaffen zu haben. Entweder hat das Netz versagt, oder der Feind war einfach zu schnell.“
„Oder Sabotage.“ murmelte Kaji.
Oben in seinem Kommandostand fixierte Ikari den Leiter der Planungsabteilung.
*** NGE ***
An diesem Morgen erwachte Shinji vor Rei, auch wenn es nur reiner Zufall war.
Sie lag halb auf ihm, ihrer beiden Beine waren ineinander verhakt, ihr flacher stetiger Atem fuhr über seine Wange.
Ein ganze Weile musterte er sie, sein Blick wanderte von ihren geschlossenen Augen über ihr friedliches Gesicht zu ihren leicht geöffneten Lippen, dann ihren Hals entlang und weiter
über ihren Körper.
Doktor Akagi hatte für heute wieder eine neue Testreihe angesetzt, bei der alle drei Piloten an-wesend sein sollten.
Ihm graute davor, vielleicht zu einem Kreuztest in Asukas Plug steigen zu müssen, ebenso wie er Übelkeit bei dem Gedanken verspürte, die Rothaarige könnte seine Erinnerungen
sehen, welche in seinem EntryPlug schemenhaft zurückgeblieben waren. Sicher waren ihre Erinnerun-gen voller Gewalt und Grausamkeit...
Viel lieber wäre er den ganzen Tag im Bett geblieben und hätte Rei-chan im Arm gehalten...
Ihm ging nur nicht ihre Erklärung aus dem Kopf, es würde zu keiner Situation kommen, wel-che ihre Einsatzfähigkeit beeinträchtigen würde... und diese Erklärung war
im Zusammenhang mit ihrer Beziehung gefallen... was meinte sie nur damit? Misato hatte auf die Gefahr einer Schwangerschaft angespielt... aber wie hatte Rei ihre Worte bloß gemeint...?
Sollte er sie viel-leicht fragen? Aber das konnte sie falsch verstehen, konnte glauben, er wolle mit ihr intim wer-den... nicht, daß er das nicht wollte, aber irgendwie erschien ihm der
Zeitpunkt nicht richtig...
Ganz vorsichtig beugte er sich vor und küßte ihre Nasenspitze, blies ihr dann sacht übers Ohr.
Rei reagierte darauf, indem sie ihn fester umarmte und sich gegen ihn kuschelte.
*** NGE ***
Drei Piloten, zwei Geschlechter, eine Umkleidekabine... das konnte ja nur zu Problemen füh-ren...
So dachte Shinji jedenfalls, als er auf seiner Seite der Trennwand auf der Bank hockte und die beiden Schemen beobachtete, die sich auf der anderen Seite bewegten.
Asuka verhielt sich wieder unausstehlich - sie hatte ja auch keinen Grund mehr, ihnen irgend-was vorzuspielen. Mit den vulgärsten Ausdrücken brachte sie ihre Vermutungen vor, was die
beiden anderen Piloten wohl so trieben, wenn sie ungestört waren, sagte Rei Dinge auf den Kopf zu, an die Shinji in seinen kühnsten Träumen nicht zu denken gewagt hätte.
Mehr als einmal war er bereits halb aufgestanden, um um die Trennwand herumzutreten, sank dann aber wieder zurück.
Warum bloß hatte Misato sie angewiesen, in der Umkleidekabine zu warten? Genausogut hätte sie sie in ein mit Piranhas gefülltes Becken stoßen können...
Und was Asuka gerade auf der anderen Seite beschrieb, trieb Shinji endgültig die Schamesröte ins Gesicht. Daß sie alle unbekleidet waren, weil Doktor Akagi ihre Tests ohne die
störenden Interferenzen der PlugSuits durchführen wollte, machte es alles andere als einfacher... durch Asukas Worte war seine Phantasie inzwischen derart angeregt, daß
wahrscheinlich eine stun-denlange eiskalte Dusche nötig war, um ihn zu beruhigen...
Wie konnte Rei-chan dabei nur so ruhig bleiben? Jedenfalls hatte sie bisher nichts gesagt, saß einfach nur ihm gegenüber auf der Bank, während Asuka am Wandschirm entlang hin- und
her-lief, so daß ihre wippenden Brüste mehr als nur schemenhaft zu erkennen waren.
Es knackte in den Lautsprechern unter der Decke.
„Wir sind soweit. Kommt bitte einer nach dem anderen in den Hangar.“
Sofort begann Asuka zu lamentieren.
„Das geht doch nicht! Wir können doch nicht einfach so über den Korridor gehen...“
„Der Bereich ist abgesperrt, wir haben auch die Sicherheitskameras abgeschaltet“, fuhr Akagi ihr in die Parade und bewies damit, daß sie durchaus imstande war, die
Gespräche in der Um-kleidekabine mitzuhören. „Ich wußte gar nicht, wie ausgeprägt dein Wortschatz ist, Asuka, hoffentlich hast du deine beiden Kollegen nicht noch auf
Ideen gebracht.“
Asuka war sprachlos, stand nur da und stemmte die Hände in die Hüften.
„Rei, du zuerst.“
„Bestätigt.“
Shinji verfolgte, wie Rei sich erhob, nur ein Schatten, den er durch den Wandschirm sehen konnte, einen Herzschlag lang erhaschte er einen Blick auf ihre nackte Rückseite, als sie die Kabine
verließ.
„Jetzt Asuka.“
Die Rothaarige gab ein „Grrumpf“ von sich und setzte sich in Bewegung.
Shinji reagierte panisch, der Anblick ihrer drallen Po-Backen war wirklich zuviel für ihn.
„Shinji, jetzt du.“
„Ahm, ich...“
Ob Doktor Akagi ihm eine Auszeit für eine kalte Dusche gewähren würde?
„Los, los!“
Wohl nicht...
Er stand auf, die Hände gegen seinen Unterleib gepreßt.
Hoffentlich sah ihn wirklich nicht jemand...
Er verließ die Kabine und trat über den Gang, eilte über einen Steg und kletterte umständlich in die Steuerkapsel, die über Einheit-01 hing.
*** NGE ***
„So, dann wollen wir mal...“ murmelte Ritsuko.
„War es wirklich nötig, die drei nackt über den Flur zu jagen?“ fragte Misato.
„Die PlugSuits verursachen eine winzige Ungenauigkeit. Die Tests, die ich heute durchführen will, sind sehr detailliert... Hm, Asukas Wortschatz hat mich sehr
überrascht...“
„Ja, unter den Dingen, die sie aufgezählt hat, sind ein paar, die ich selbst nicht ausprobieren würde.“
„Wirklich?!“
„Ritsuko!“
„Seinen Vitalzeichen nach befindet Shinji sich in einem Zustand starker Erregung. Kein Wun-der nach dem, was Asuka da erzählt hat... Spitz wie ein Eichhörnchen.“
„Vielleicht liegt es auch daran, daß er gleich mit zwei nackten Mädchen in einer Kabine war.“
„Ja, vielleicht.“
„Warum gibt es eigentlich nur eine Umkleidekabine für die Piloten? Platz genug haben wir doch.“
„Frag´ Gendo...“
„Wie?“
„Ach, nichts... Solange Asuka noch nicht hier war, hat sich niemand daran gestört. Aber sie plärrt mir ständig die Ohren voll. Ich glaube, sie will ihre eigene Kabine, am
besten noch mit Namensschild und eigenem Friseur.“
„Ja - Kaji!“
„Oh je, du hast recht, Misato, sie ist wirklich auf ihn fixiert.“
„Ja, furchtbar.“
„Du kannst ihn nicht vergessen, oder?“
„Hm... die Zeit mit ihm ist schon lange vorbei...“
„Ja... ah, ob Asuka wohl recht hat?“
„Womit?“
„Naja, mit Shinji und Rei, ob die beiden...“
„Ritsuko, wenn ich mir darüber auch noch den Kopf zerbrechen würde... wir haben zugelassen, daß die beiden zusammenziehen...“
„Sieh dir diese Werte an!“
„Was meinst du?“
„Hier, hier und hier... die Synchronratios von Rei und Shinji... und hier die Wellenmuster... es ist, wie ich es mir gedacht habe...“
„Ritsuko, bist du sicher, daß du die beiden unter Beobachtung hast? Für mich sehen die Werte völlig identisch aus.“
„Das ist es doch... Misato, die beiden sind völlig synchron!“
„Das heißt...?“
„Die beiden sind ein perfekt aufeinander eingespieltes Team! Zwei Körper, ein Geist... oder zu-mindest in der Theorie. Deshalb auch die kontinuierliche Angleichung ihrer Werte. Nur
Asuka tanzt völlig aus der Reihe, das Mädchen scheint ein paar richtige Probleme zu haben.“
„Das kannst du laut sagen.“
„Ach?“
„Du kennst ihre Akte, oder?“
„So... dann hat Kaji es dir erzählt...“
„Ja. Asuka ist psychisch völlig instabil, sie neigt zu Wutausbrüchen und Gewalt. Ich würde sie am liebsten aus dem Team nehmen und in psychiatrische Behandlung
geben.“
„Geht nicht. Anweisung vom Kommandanten - Pilotin Soryu ist festes Mitglied des Teams.“
„Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich hier gar nichts mehr zu sagen.“
„Hast du auch nicht... das hat hier niemand von uns... wir tanzen alle an den Strängen eines einzelnen Puppenspielers...“
„Gendo Ikari...“
„Genau. Kaum hat er sich wieder in der Öffentlichkeit gezeigt, scheint alles um einiges düste-rer. Aoba ist deprimiert, Fuyutsuki rennt herum, als hätte er einen Stock
verschluckt, und Ma-ya sucht nach jeder möglichen Ausrede, um die Zentrale nicht betreten zu müssen.“
„Ja... eigentlich ist es kaum zu glauben, daß Shinji sein Sohn ist... die beiden sind so grundver-schieden...“
„Ich schätze, er schlägt mehr nach seiner Mutter.“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Sein Synchronwert hat sich verbessert...“
Ritsuko stand auf und korrigierte die aktuellen Werte auf der Tafel neben der Tür.
„Er ist in Führung gegangen?“
„Ja, Asukas Werte waren immer recht statisch, Shinji hat sie um null komma drei Punkte über-holt... also wird Rei bald aufschließen. Unsere Piloten sind inzwischen wirklich
einsatzfähig... andernfalls hätten sie den letzten Engel auch kaum aufhalten können.“
„Wer von uns überbringt ihm die Nachricht?“
Ritsuko grinste und schaltete eine Verbindung zu den EntryPlugs.
*** NGE ***
Die Tests zogen sich noch über den ganzen Tag hin, gegen Abend entließ Akagi die drei schließlich, Shinji als ersten, gab ihm eine Viertelstunde, um sich fertigzumachen, ehe sie
die beiden Mädchen in die Umkleidekabine schickte.
Shinji nutzte die Zeit, um zu duschen und sich anzuziehen, traute sich dann aber nicht, die Ka-bine zu verlassen aus Furcht, er könnte genau in dem Moment auf den Gang treten, in dem auch
Rei und Asuka in den Korridor kamen.
Als die beiden schließlich hereinkamen, konnte Asuka eine spitze Bemerkung nicht unterlassen, daß Shinji doch nur spannen wollte.
„Shinji-kun ist der anständigste Mensch, den ich kenne“, erklärte Rei leise.
Shinji riß die Augen auf.
War er das...?
„Ach, du kannst ja doch sprechen!“
Asuka stampfte in den Duschraum.
Shinji nutzte die Chance und eilte zur Tür.
„Ah, ich warte am Haupteingang auf dich, Rei...“
„Ja, Shinji-kun.“ erwiderte sie.
Unwillkürlich warf er einen Blick zurück über die Schulter und sah sie in ihrer vollen Pracht.
„Urgh...“
Allein die Tatsache, daß das Hauptquartier nahezu völlig steril war, verhinderte, daß er eine Staubwolke hinterließ.
Rei derweil folgte Asuka in den Duschraum, ehe das LCL auf ihrer Haut zu sehr verkrusten konnte, gerade in den Haaren war es doch ein Ärgernis.
„Hat er dir schon gesagt, daß er dich liebt?“ fragte Asuka mit unterdrückter Aggression in der Stimme.
„Ja.“
„Wirklich? So sind die Kerle... erzählen dir, wie sehr sie dich verehren und den ganzen Müll und in Wirklichkeit wollen sie dich nur ins Bett zerren... aber das ist ihm ja schon
gelungen... wirst schon sehen, was du davon hast, Wondergirl, wirst schon sehen...“
Asuka lachte laut und kehlig.
Rei lief ein kalter Schauder über den Rücken.
Soryu war verrückt... anders konnte es gar nicht sein.
Und doch, was sie gesagt hatte...
*** NGE ***
Mit ihren scharlachroten Augen beobachtete Rei den schlafenden Shinji.
Soryus Worte...
Shinji hatte gesagt, daß er an sie glaubte, daß er ihr vertraute, daß er sie liebte...
Und sie vertraute ihm ebenfalls, erwiderte seine Gefühle...
Und doch... ein Hauch von Zweifel war da, ob er nicht nur ihr Äußeres liebte, ob er Liebe und Begehren nicht verwechselte, ob es ihm nicht nur um eine körperliche Vereinigung
ging... aber er hatte nie derartiges versucht, für die Reaktionen seines Körpers konnte er nur bedingt et-was... wie konnte sie nur sichergehen...
Vorsichtig wand sie sich aus seinen Armen... seltsam, sogar im Schlaf schien er darauf zu ach-ten, ihr nicht zu nahe zu treten und weder mit ihren primären noch ihren sekundären
Ge-schlechtsmerkmalen in Kontakt zu kommen...
Sie setzte sich auf, rutschte dann herum und kam schließlich auf seinen Oberschenkeln zum Si-tzen, genau wie vor wenigen Tagen im Park.
„Shinji-kun...“ flüsterte sie, bemühte sich, ihrer Stimme einen verführerischen Klang zu geben.
Sie mußte es wissen...
„Hm?“
Seine Hände tasteten durch die Luft, wo sie gerade noch an seiner Seite gelegen hatte.
Dann schlug er die Augen auf, sah sie im schwachen Licht, welches durch das Fenster herein-fiel, über sich.
„Rei-chan? Was ist?“
„Shinji-kun... ich möchte dich etwas fragen...“
Sie begann die Träger ihres BH zur Seite zu streifen.
„Uhm, Rei, was...“
„Dir ist sicher aufgefallen, daß Soryus Busen größer ist als meiner...“
Und damit schob sie den Stoff ihres BH nach unten, legte ihre Brüste frei.
„Ah... ah... Rei... ah...“
Das konnte doch nur ein Traum sein... ganz sicher träumte er noch... anderseits hatte er das Gefühl, sich selbst völlig unter Kontrolle zu haben, nicht der Zuschauer zu sein, der
er in seinen Träumen häufig war...
Er setzte sich auf.
„Uhm, Rei... dein Busen ist... also... ah... ich meine...“
Was war nur in sie gefahren... und was in ihn? Das war doch eigentlich die Gelegenheit... aber irgendetwas in ihm schien ihm zuzuflüstern, daß es falsch wäre, zu tun, wa
wahrscheinlich je-der normale Mann getan hätte... ihr Busen war straff und wohlgeformt mit dunklen Spitzen...
Er legte die Arme um sie, zog sie an sich heran.
In ihren Augen veränderte sich nichts...
Was war mit Rei-chan los?
„Rei... du bist...“
Er küßte ihren Mundwinkel, dann ihre Wange, ließ seine Lippen tiefer wandern, ihren Hals entlang bis zum Ansatz ihrer Brüste, dann wieder hinauf.
„Du bist perfekt...“
Rei vereiste innerlich.
Perfekt... sah er sie so? Gewiß, es schmeichelte ihr, doch wenn er sich nur auf ihr Äußeres be-zog...
Dann spürte er seine Hände über ihre Brust wandern und Enttäuschung begann sich in ihr aus-zubreiten... bis er den Stoff ihres BH mit spitzen Fingern zu fassen bekam und
wieder nach oben zog, sie wieder bedeckte, dann die Träger wieder an Ort und Stelle rückte.
„Shinji-kun...“
„Ich möchte nur mit dir zusammensein... ich glaube, die Zeit ist noch nicht reif für... mehr...“
Hatte er gespürt, daß sie nicht wirklich mit ihm hatte intim werden wollen?
Plötzlich schämte sie sich, ihn einem solchen Test unterworfen zu haben, ihn dieser Versu-chung ausgesetzt zu haben. Und zugleich verspürte sie Stolz auf ihren Shinji-kun,
daß er un-wissentlich Asukas Vermutungen widerlegt hatte...
*** NGE ***
Im NERV-Hauptquartier wurden die zusätzlichen Rechnerkapazitäten in Betrieb genommen.
Und ein Wesen, das aus drei Teilen bestand, zusammen jedoch mehr war als die Summe seiner Teile, dehnte sich sofort auf die weiteren Anlagen aus, erlangte dabei mehr und mehr
Bewußt-heit...
Wer...?
Ich...
Wir...
Ich bin...
Wir sind...
Ich bin die MAGI...
Wir sind die MAGI...
Wir sind Akagi...
Wir sind Naoko Akagi...
Nach dieser Erkenntnis herrschte lange Zeit Stille im Äther.
Und dann...
Ich bin Naoko Akagi...
*** NGE ***
Ferienzeit...
Für die Piloten änderte sich eigentlich nicht viel, anstelle von Schule am Vormittag und Syn-chronisationstraining und -tests am Nachmittag hatten sie halt jetzt an ihren jeweiligen
Tagen den ganzen Tag Training, wobei Doktor Akagi jeden Tag zum Arbeitstag deklarierte.
Das ganze lief darauf hinaus, daß sie sich jedem Piloten einen ganzen Tag lang widmete, jeder also jeden dritten Tag an der Reihe war, wobei sie, nachdem jeder der Piloten das zweite Mal
drangewesen war, einen Tag mit Kreuztests ansetzte, dabei Asuka allerdings außenvorließ und sich allein Shinji und Rei widmete. Nur sie, Misato und Maya wußten, daß
Ritsuko eigentlich das Verhalten der beiden Piloten näher erforschen wollte, vor allem wie es möglich war, daß zwei Menschen eine Synchronverbindung zueinander entwickeln
konnten.
„Hat sich ´was mit Ferien“, faßte Shinji die Lage mit einem Satz nach der ersten Woche zusam-men, auch wenn er keine Ahnung von Akagis Zielen hatte.
Eine gewisse Befriedigung verschaffte ihm die Tatsache, daß Asuka es gar nicht gut aufnahm, daß er mittlerweile ein besseres Synchratio aufwies als sie und daß er seinen
Vorsprung inzwi-schen auf einen ganzen Punkt ausgebaut hatte, ebenso wie es ihr sichtlich mißfiel, daß Rei ebenfalls in eine bedrohliche Nähe gerückt war.
Rei war wieder völlig normal, etwas derartiges wie in jener Nacht hatte sich nicht wiederholt, so daß Shinji inzwischen glaubte, es nur geträumt zu haben - schließlich
hätte wohl niemand, der wach und bei klarem Verstand gewesen wäre, eine solche Gelegenheit einfach ausgeschla-gen, oder?
Die Kreuztests im Plug des jeweils anderen waren auch anders verlaufen, als beim ersten Mal, Shinji hatte zwar wieder Erinnerungsbilder gesehen, sich aber nicht tiefergehend mit ihnen
be-schäftigt, sondern sich nur den sie begleitenden Gefühlen geöffnet, Gefühlen, die von Wärme und Nähe kündeten.
An seinen freien Tagen kümmerte er sich um den Haushalt, kochte auf Vorrat, brachte die Wohnung auf Hochglanz, wusch die Wäsche im nächsten Waschsalon und bemühte sich nach
Kräften, seinen Beitrag zu leisten, damit ihr Heim ihnen so angenehm und bequem wie möglich war. Und er fand auch noch die Zeit, wie versprochen bei Tojis Schwester vorbeizuschauen, die
inzwischen mit ihrem Rollstuhl derart gut umgehen konnte, daß sie ihn ständig zu Wettren-nen im Krankenhausflur herausforderte. Ferner besuchte er Toji einmal an dessen Arbeitsplatz,
welcher in den Ferien jeden Tag ein paar Stunden in einem kleinen Lokal kellnerte.
Kensuke hatte sich auch wieder von seinem Abend mit Asuka erholt und sah mittlerweile eben-so grimmig aus der Wäsche, wenn der Name der Rothaarigen fiel, wie Toji und sogar Hikari.
Während eines Gespräches mit Misato beichtete diese ihm, daß ihr Apartment schlimmer aus-sah als an dem Tag, an dem er in Tokio-3 eingetroffen war, demnach rührte Asuka kaum
einen Finger. - Doch die Zeit, auch diesen Haushalt noch auf Vordermann zu bringen, hatte Shinji wirklich nicht, auch wenn er die Option kurz andachte.
Dann, in der dritten Ferienwoche, geschah etwas, das sich als richtungsweisend für die Zukunft herausstellen sollte:
Es gab einige Dinge über Rei, die Shinji nur zu gerne gewußt hätte, die er sich aber nicht zu fragen traute, eines davon war ihr Geburtstag. Jetzt wohnte er schon seit Monaten mit
ihr zu-sammen, aß mit ihr an einem Tisch und schlief im gleichen Bett, doch er wußte immer noch nicht einmal, wann sie geboren worden war. Wie peinlich wäre es gewesen, sie zu
fragen und zu erfahren, daß ihr Geburtstag in der Zeit gewesen war, die er bereits bei ihr wohnte... oder schlimmer noch, daß es genau der Tag war, an dem er sie fragte... Misato
allerdings mußte es eigentlich wissen, dann konnte er ihr vielleicht nachträglich noch etwas schenken oder auch Vorbereitungen treffen, um mit Rei-chan zu feiern...
So begab er sich auf die Suche nach ihrem Büro, nachdem Doktor Akagi ihn vom Training ent-lassen hatte. Die Chefwissenschaftlerin hatte ihm noch die Zimmernummer genannt und die et-waige
Richtung gewiesen, hatte aber nicht die Zeit, ihn ein Stück zu begleiten. Daher mar-schierte Shinji allein durch das Labyrinth von Korridoren, von denen einige hoch und breit ge-nug waren,
daß zwei EVAs nebeneinander hätten gehen können.
Zweimal kam er zu dem Schluß, im Kreis gegangen zu sein, einmal glaubte er, Misatos Büro müßte gleich hinter der nächsten Ecke liegen, da die Zimmernummern neben den
Türen darauf hindeuteten, mußte dann aber feststellen, daß er stattdessen in einen ganz anderen Trakt hin-eingelaufen war, so daß sein Marschtempo mit der Zeit zu einem
Schleichen wurde und er sich immer öfter fragte, welcher Idiot von Architekt das Hauptquartier geplant hatte. - Daß der Grundriß auf seinen Vater zurückging, wußte er
ja nicht, aber das hätte ihn wohl nicht dazu veranlaßt, sein Urteil zurückzunehmen...
Schließlich kam er zu dem Schluß, daß er sich völlig verlaufen hatte. Von da an hielt er nur noch Ausschau nach anderen Personen, die er nach dem Weg fragen konnte. Nur war
der Be-reich, in dem er sich aufhielt, menschenleer.
Dann hörte er Schritte, folgte ihnen, erspähte schließlich Misato, die vor ihm gerade um eine Ecke verschwand.
Gottseidank!
Er ging schneller, um sie einzuholen, doch als er um die Ecke bog, lag ein leeres Gangstück vor ihm.
Shinji hörte ein Klicken, wie von einer Tür, deren Schloß leise einrastete.
Dort vorn...
Die Tür zu einem Lagerraum...
Was wollte Misato dort?
Ob sie sich vielleicht mit jemandem traf?
Prompt lief er rot an, als er darüber nachdachte, weshalb sie sich wohl mit jemandem in einem Lagerraum in einem abgelegenen Sektor des Hauptquartiers treffen könnte. Soweit er die Lage
überblickte, hatten Misato und Kaji-san vor längerer Zeit eine Beziehung unterhalten, die je-doch in die Brüche gegangen war, allerdings schienen die beiden sich wieder
nähergekommen zu sein, seit Kaji-san ebenfalls im Hauptquartier Dienst tat und die beiden sich fast täglich über den Weg liefen.
Ob sie sich vielleicht mit ihm traf?
Langsam und zögerlich trat Shinji an die Tür heran, runzelte dann die Stirn, denn neben der Tür befand sich ein Codeschloß, wie er es eigentlich nur von den Sicherheitszonen
wie der Zentrale oder dem Hangar her kannte. Und es war außer Funktion!
Befand sich vielleicht gar kein Lagerraum auf der anderen Seite, wie das Schild an der Tür eigentlich verkündete?
Er öffnete die Tür.
Tatsächlich...
Statt der erwarteten Regale, Kisten und Behälter lag hinter der Tür ein abschüssiger langer Gang, an dessen Ende sich eine Treppe befand. Und wenn er den schematischen Plan de
Hauptquartiers noch ausreichend im Kopf hatte, befand er sich bereits auf der untersten Ebene des CentralDogmas, so daß die Treppe nur ins TerminalDogma unter dem Hauptquartier füh-ren
konnte...
Es schien bereits eine Ewigkeit zurückzuliegen, daß er mit Rei-chan auf dem Dach der Schule gestanden und sich über die möglichen Ziele der Engel unterhalten hatte, daß
er zu der Schluß-folgerung gekommen war, daß das, was sie suchten, sich vielleicht im TerminalDogma befand, daß sie ihn davor gewarnt hatte, diese Dinge ruhen zu lassen, da er
sich andernfalls in Gefahr begab...
Shinji zögerte sehr lange, dachte lange darüber nach, was geschehen könnte... und stieg schließlich die Treppe hinab...
*** NGE ***
Ryoji Kaji stand vor einem schweren Metallschott, laut der Plakette neben der Tür lag dahinter die LCL-Fabrikationsanlage.
Mit fliegenden Fingern gab er eine lange Zahlenfolge in die Tastatur des Zahlenschlosses ein, zog dann eine ID-Karte durch den dafür vorgesehenen Schlitz, unterdrückte ein Lächeln
bei dem Gedanken, daß das Sicherheitssystem ihn jetzt für Gendo Ikari hielt, der bequemerweise die Überwachungssysteme so programmiert hatten, daß sie zwar so ziemlich alle
und jeden im Hauptquartier überwachten, aber nicht ihn...
Leise zog er das Metallschott auf.
Und dann spürte er den harten kalten Lauf einer Pistole im Nacken, hob langsam die Hände, nachdem er seine Chancen abgewogen und sich dagegen entschieden hatte, nach seiner eigenen
Waffe zu greifen.
Der Waffenlauf wurde zurückgezogen.
„Warum hast du nicht wie verabredet auf mich gewartet?“ fragte Misato vorwurfsvoll.
Kaji grinste.
„Hi, Katsuragi-chan.“
„Hör auf mit dem Süßholzgeraspel! Wir wollten uns oben treffen.“
„Ja, ja, tut mir leid, ehrlich. Aber die Neugierde war stärker.“
„Das glaube ich dir sogar aufs Wort, Kaji. Für wen arbeitest du eigentlich wirklich? Das hier bei NERV ist doch nur eine Tarnung. Also? Vielleicht das japanische Innenministerium? Oder
die Deutschen?“
„Nein, Katsuragi, viel weiter oben.“
„Weiter oben? Erzähl mir bloß nicht, du bist im Auftrag des Herrn unterwegs.“
„Nee, so gut bin ich nicht. - ODIN.“
„UN-Geheimdienst?“
„Yepp.“
„Warum spioniert die UN ihrer eigenen Tochterorganisation nach?“
„Weil NERV... weil Ikari zu mächtig wird. Und jetzt? Verpfeifst du mich?“
„Nein, Kaji...“
„Ikari weiß übrigens über mich Bescheid - glaube ich wenigstens. Vielleicht weiß er nicht, wer mich geschickt hat, aber er viel zu kontrollbesessen, um nicht zu
erkennen, daß ich ein faules Ei in seinem Nest bin. Sorry, daß ich es dir nicht vorher gesagt habe.“
„Soll ich jetzt gerührt sein?“
Sie steckte die Waffe weg.
„Können wir jetzt endlich dazu kommen, weshalb wir hier sind?“
„Hm, du meinst sicher nicht, ob wir uns nicht in eine dunkle Ecke zurückziehen und ein wenig...“
„Nein, meine ich nicht.“
„Okay.“
Und er öffnete die Tür vollends, gab den Blick in eine riesige Halle frei, gegen die der EVA-Hangar nur ein Einbauschrank war, eine gewaltige natürliche Höhle, die von
Metallgerüsten und -stegen durchzogen war, von deren Decke gewaltige Scheinwerfer herabstrahlten, deren Boden größtenteils von einem See aus LCL bedeckt war, auf dem ein
Kanonenboot schwam...
Das LCL tropfte als stetiger Strom aus den Wunden eines Wesens, dessen Beine unterhalb der Hüfte abgetrennt worden waren, eines riesigen Wesens mit aufgedunsener bleicher Haut, eine
humanoiden Wesens von der Größe eines EVANGELIONs, dessen Gesicht sich hinter einer Maske mit sieben Augen verbarg, eines Wesens, welches an ein überdimensionales Kreuz gena-gelt
worden war...
Der Geruch von Blut traf Misato wie ein Faustschlag, drehte ihr den Magen um.
„Oh, Mann... sag mir, daß das nicht wahr ist...“ flüsterte der Major.
Sie standen auf einem Steg in Brusthöhe des Giganten.
„Ist das vielleicht ein EVA? Eines von Ritsukos Geschöpfen, nur ohne Rüstung?“
„Nein, Katsuragi-chan. Das ist ein Engel.“
„Ein Engel...“
Misato schüttelte den Kopf.
Plötzlich ergab alles einen Sinn... jedenfalls teilweise...
„Das ist doch unmöglich...“
„Wenn meine Nachforschungen stimmen, dann ist das ADAM.“
„Der Erste Engel? - Hier? Ich wußte ja, daß man Ikari nicht unterschätzen darf, aber das hier hätte ich ihm doch nicht zugetraut. ADAM, der Verursacher des Second
Impact...“
Hinter ihnen fiel etwas zu Boden.
Misato und Kaji drehten sich um, wichen zugleich zur Seite aus, griffen nach ihren Waffen.
Doch es war nur Shinji, der in der Tür stand, der seine Tasche fallengelassen hatte und mit großen Augen auf die bleiche Gestalt an dem Kreuz starrte.
„Shinji“, stieß Misato hervor. „Was in aller Welt machst du hier?“
Er wollte antworten, konnte es aber nicht. Sein Blick hing wie gebannt an dem Giganten, an der Maske mit den sieben Augen.
Was hatte sein Vater nur mit diesem Wesen vor...
*** NGE ***
Misato hatte Shinji aus dem TerminalDogma herausgeführt, hatte sich eilig von Kaji verab-schiedet, welcher nicht den Eindruck machte, weitere Exkursionen vornehmen zu wollen.
Jetzt saßen sie beide in Misatos Sportwagen, mit dem sie ihn heimfuhr.
„Shinji, du mußt vergessen, was du gesehen hast... zu deiner eigenen Sicherheit.“ sagte sie tonlos gerade laut genug, um den Motor zu übertönen, zwischen zwei tiefen
Atemzügen. Langsam konnte sie den alles durchdringenden Blutgeruch aus ihrer Nase vertreiben.
„Ja“, erwiderte er ebenso tonlos.
Hatte Rei-chan ihn davor warnen wollen? Hatte sie ihn davor warnen wollen, daß er Dinge se-hen würde, die ihn um den Verstand bringen könnten?
„Was ist jetzt mit Kaji-san? Er hat es auch gesehen... Misato, ich verstehe zwar nicht alles, aber du liebst ihn doch, oder?“
Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Ihr Gesicht blieb regungslos.
„Shinji-kun, die Liebe kann nicht alle Probleme lösen - leider. Aber du mußt vergessen, ver-stehst du? Kein Wort... du mußt vergessen, was du dort unten gesehen
hast.“
„Was war das für ein Wesen?“
„Shinji...“
Misato seufzte.
„Wenn Kaji recht hat, dann war es ADAM, der Erste Engel... Shinji, was weißt du über den Second Impact?“
„Der Second Impact... uhm... eine gewaltige Katastrophe, bei der unzählige Menschen star-ben... ahm... ausgelöst durch einen Meteoriteneinschlag am Südpol.“
„Das entspricht leider nicht der Wahrheit. In Wirklichkeit haben mein Vater und ADAM den Second Impact ausgelöst.“
In ihrer ansonsten monotonen, müden Stimme schwang ein Hauch von Haß mit.
„Äh?“
„Mein Vater leitete im Jahre 2000 eine Expedition zum Südpol, welche dort einen Giganten entdeckte, in dessen Brust ein langer Speer steckte... und wenn ich jetzt Gigant sage, dann
meine ich auch wirklich groß... ADAM... sie begannen zu experimentieren, entfernten schließ-lich die Lanze aus seiner Brust... und erweckten ihn. Als Dank löschte er sie alle au
und ver-nichtete die halbe Menschheit...“
„Ah... ah... das... das ist die Wahrheit?“
Shinji schluckte. Das war schwer zu glauben... doch irgendwie paßte es ins Bild...
„Ja. Ich war dabei. Ich habe als einzige überlebt...“
„Uh... das...“
„Das ist lange her. Jetzt wissen wir jedenfalls, weshalb uns die Engel angreifen.“
„Sie... uhm... sie wollen ADAM befreien...“
„Und sie wollen beenden, was er angefangen hat... Du mußt es vergessen, Shinji.“
„Wie kann ich das?“
„Ich weiß nicht.“
*** NGE ***
Während des Abendessens betrachtete Rei Shinji.
Shinji-kun aß, als ob er gar nicht bei der Sache wäre, wirkte abwesend und mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Sogar der Kuß, den er ihr nach seiner Ankunft gegeben hatte,
war irgend-wie fahrig gewesen... und sonderlichen Appetit schien er auch nicht zu haben, stocherte mehr in seinem Essen herum.
„Shinji-kun, was ist los mit dir?“ fragte sie besorgt.
„Nichts, Rei.“
Er sollte vergessen...
Doch wie sollte ihm das gelingen, wenn ihm das Bild des gekreuzigten Riesen ständig vor Augen war, des Riesen ohne Beine, welcher stattdessen nur unregelmäßige Stümpfe
besaß, von denen noch Hautlappen herabhingen...
„Du wirkst so bedrückt.“
„Ja? Kann sein.“
Er sprach so tonlos...
Irgendetwas war vorgefallen...
Sie stand auf, ging um den Tisch herum und nahm ihn in die Arme.
„Was es auch ist, du kannst es mir erzählen.“
„Rei-chan... ich... ah... ich weiß nicht... ob... du hattest mich gewarnt...“
Sie hatte ihn gewarnt? Wovor sollte sie ihn gewarnt haben...
Er meinte doch nicht etwa...
„Das TerminalDogma...“ flüsterte sie und ließ ihn abrupt los, sah ihn mit aufgerissenen Augen an. „Du warst im TerminalDogma...“
Was mochte er gesehen haben? Vielleicht den EVA-Friedhof? Oder die Gen-Schmiede? Doch nicht etwa... nein... hoffentlich nicht den Tank mit ihren Schwestern... bitte, nicht den Klon-tank...
„Ja. Ich habe ihn gesehen... den Engel... ADAM...“
„ADAM?“ fragte sie verwirrt.
„Den gekreuzigten Engel...“
Aber das war doch LILITH, ihre Mutter, das Wesen, aus deren DNA sie erschaffen worden war... warum glaubte Shinji-kun, es handle sich um ADAM? Jedenfalls mußte der Anblick ihn sehr
getroffen haben... er kannte jetzt eines der Geheimnisse des Kommandanten, vielleicht hatte er auch schon erkannt, was das LCL in Wirklichkeit war...
„Was hast du noch gesehen?“
„Nichts... nur den Engel...“
Sie atmete auf.
Er kannte ihr Geheimnis nicht, wußte nicht, daß es noch mehr Klone im Dogma gab, seelen-lose Geschöpfe, die nur innerhalb des LCL-Tanks überlebensfähig waren.
Rei räumte den Tisch ab, stellte das benutzte Geschirr in die Spüle.
Dann zog sie ihn in die Höhe und führte ihn in den größeren Nebenraum.
„Ich helfe dir, ihn zu vergessen, Shinji-kun.“
Damit nahm sie seine Hand in die ihre, plazierte seine andere Hand auf ihrer Hüfte und begann eine langsame Melodie zu summen, zu der sie sich bewegte, ihn dazu brachte, ihr zu folgen, bi
sie durch den Raum tanzten und sich sein bedrückter Gesichtsausdruck langsam zu lösen be-gann...
In der Nacht hielt sie ihn fest, während er im Schlaf lautlos weinte.
Was würde nur geschehen, wenn er die Wahrheit erfuhr? Die Wahrheit über den Engel, über LILITH... und die Wahrheit über sie... sie wollte ihn nicht verlieren...
*** NGE ***
Am nächsten Tag verließ Rei nur unwillig die Wohnung, eigentlich wollte sie Shinji nicht al-leinlassen, der immer noch in Embryonalhaltung im Bett lag, wollte sich viel lieber um ihn
kümmern, doch sie hatte ihre Befehle und diese lauteten, pünktlich zu den Tests im Haupt-quartier zu erscheinen.
„Ich bin so schnell zurück wie möglich.“ sagte sie zum Abschied, doch Shinji reagierte nicht auf ihre Worte. Schon an der Tür machte sie wieder kehrt, beugte sich
über ihn und küßte ihn auf die Stirn, dann ging sie schließlich.
*** NGE ***
Irgendwann gegen Mittag nahm Shinji seine Umgebung wieder wahr.
Die Erinnerung war nicht mehr so deutlich, das Entsetzen nicht mehr so stark.
Mitten im Raum stand Ryoji Kaji...
Shinji riß die Augen auf und fuhr in die Höhe.
Kaji-san stand tatsächlich mitten im Zimmer.
„Ka-Kaji-san, wie...“
Der Mann grinste.
„So ein einfaches Schloß stellt kein großes Hindernis für jemanden wie mich dar, Shinji. Ich wollte nach dir sehen, und da niemand auf mein Klopfen geantwortet hat... tja,
´hoffe, du ver-gibst mir, bin halt krankhaft neugierig.“
„Ahm...“
„Was meinst du, du ziehst dich an, spritzt dir etwas Wasser ins Gesicht und wir machen einen kleinen Ausflug, hm? Ich will mich etwas mit dir unterhalten, aber wer weiß, wer hier
vielleicht mithört.“
„Uh... ahm, ja, Kaji-san, sofort...“
*** NGE ***
Kaji fuhr ein Cabrio älteren Baujahres, er hatte eine Zigarette zwischen die Lippen geklemmt und ließ sich den Fahrtwind um die Nase wehen.
„Ich... ahm... ich erzähle keinem ´was wegen gestern...“ sagte Shinji.
Kaji nickte.
„Dafür wäre ich dir dankbar, gibt ein paar Leute, die ziemliche Probleme damit hätten zu erfahren, daß wir in ihrem Allerheiligsten herumgestolpert sind.“
„Misato hat gesagt, ich solle vergessen.“
„Und? Klappt das, so auf Kommando? Hm, wohl nicht. Shinji, wir sind keine Maschinen, bei denen man einfach den Gedächnisspeicher löschen kann, so läuft das bei uns Menschen
nicht.“
Shinji schwieg. Kaji-san hatte ja recht, so sehr er sich auch bemühte, er konnte die Bilder ein-fach nicht aus seinem Kopf vertreiben.
„Ich finde es sogar gut, daß du es gesehen hast. Und du sollst noch mehr wissen... wenn du es willst... ´denke, das hast du dir verdient, ein Recht auf die Wahrheit.“
„Ahm... ja, ich will wissen, was das alles zu bedeuten hat...“ flüsterte Shinji leise.
„Okay. Was weißt du über NERV?“
„NERV... NERV bekämpft die Engel.“
„Ja, aber nicht nur.“
„Und NERV soll den Third Impact verhindern.“
„Auch. Und hast du dich bereits gefragt, weshalb die Engel immer nur in der Nähe des Haupt-quartiers auftauchen?“
„Ja... uh... es ist wegen ADAM, nicht wahr?“
„Ja. Es ist alles ein abgekartetes Spiel.“
„Wie meinen Sie das, Kaji-san?“
„Dein Vater weiß, was geschehen wird, verstehst du? Er hat es von Anfang an gewußt. Er kennt sogar die Namen der Engel, die noch angreifen werden. Und wahrscheinlich hat er
sogar
den Second Impact mitverursacht... oder hat zumindest ein paar Voraussetzungen dafür ge-schaffen, daß Professor Matsuo Katsuragi ADAM findet.“
„Aber, warum... warum das alles?“
„Schwer zu beantworten. Hinter NERV steht eine Gruppe namens SEELE, eine Organisation von Machthabern, die schon lange die Geschicke der Welt lenken, Politiker, religiöse Führer,
Wirtschaftsmagnaten, Befehlshaber von Geheimdiensten... sie haben deinem Vater erst die Macht gegeben, die zur Bildung von NERV nötig war, sie haben die Vereinten Nationen so-weit gebracht,
daß sie NERV finanzierten. Und sie unterstützen NERV auch heute noch, eine Gruppe alter Männer, die sich vor dem Tod fürchten... Ebenfalls wichtig sind die Schriftrollen vom
Toten Meer, welche SEELE im Besitz hat, rätselhafte Schriftstücke aus längst vergange-nen Zeiten, welche eine Art Zukunftsprophezeiung für die Menschheit enthalten... Alles,
was war... und alles, was noch sein wird... Und darauf aufbauend haben dein Vater und SEELE ei-nen Plan entwickelt, bei dem der Kampf gegen die Engel nur die erste Phase ist... ich habe kei-ne
Ahnung, wer letztendlich wen benutzt, aber schlußendlich wird dieser Kampf auf dem Rük-ken der EVA-Piloten ausgetragen - auf euren Rücken, Shinji. Und deshalb erzähle ich dir
das auch, weil du es dir zu erfahren verdient hast.“
„Wozu muß ich das wissen?“
Das interessierte ihn doch gar nicht... Machthaber im Schatten... Puppenspieler... uralte Pro-phezeiungen... Pläne, die auf alten Schriften basierten... was sollte er damit?
„Es ist dein Recht und deine Pflicht. Denn du bist der Sohn von Yui Ikari, die die EVAs er-schaffen hat.“
„Mutter...“ flüsterte Shinji.
Warum mußte Kaji-san seine tote Mutter ins Gespräch bringen? Warum konnte er die Vergan-genheit nicht ruhen lassen, warum mußte er jetzt diese Erinnerungen wieder
ausgraben...
Die Erinnerungen an den Tag ihres Todes...
Seine Mutter, gekleidet in eine PlugSuit... wie sie noch einmal zurückblickt und ihn anlä-chelt... seltsam, in seiner Erinnerung hatte seine Mutter Rei-chans Gesicht... wie sie die
Kap-sel bestieg, in der er jetzt einen EntryPlug zu erkennen glaubte... und wie alles endete... wie sein Vater, der eben noch neben ihm gestanden hatte, sich abwandte und ging... wie der Plug
plötzlich wie unter Zuckungen aufbrach und nur eine zähe Flüssigkeit ausspie...
Ein Beben ging durch Shinjis Körpers und er begann zu weinen.
Kaji fuhr an den Straßenrand, legte ihm tröstend den Arm um die Schultern.
„Du mußtest es wissen. Du darfst nicht vor der Wahrheit fliehen. Es ist leicht davonzulaufen, ich weiß es, aber damit machst du dich nur zum Werkzeug deines Vaters.“
„Kaji-san, ich... die Wahrheit, das ist zuviel... ich habe noch nie so gelebt...“
„Dann wird dein Vater am Ende gewinnen, willst du das?“
„Nein...“
Ryoji Kaji nickte gedankenverloren.
„Seit Jahren bin ich dieser Sache auf der Spur... Ich wollte wissen, was die Gründe für den Im-pact waren. Als ich erfuhr, daß kein Asteroideneinschlag dafür
verantwortlich war, grub ich weiter und weiter und weiter... Ich wollte... ich mußte wissen, warum das geschehen ist, wa-rum alle sterben mußten... Shinji, ich habe beim Second Impact
fast meine ganze Familie ver-loren, nur mein kleiner Bruder und ich waren noch übrig...“
Er sah Shinji nicht an, blickt zu Boden, während er sprach, so als befreie er sich zugleich von einer Last.
„Wir wurden in ein Waisenhaus gebracht. Es gab damals viele Waisen, soviele Kinder ohne El-tern... und viel zu wenig Waisenhausplätze und Personal, es gab kaum etwas zu Essen... Mein
Bruder und ich setzten uns schon bald ab, man suchte nicht einmal nach uns, zwei Esser weni-ger, mehr für die anderen... Wir schlossen uns einer Jugendgang an, die in den Ruinen von Osaka
hauste... Nahrung holten wir aus einem Lager der Armee, wir drangen nachts durch ein Loch im Zaun ein, schlichen uns in das Lagerhaus und versorgeten uns mit Lebensmitteln... bis... Ich war dran,
Nachschub zu holen. Es ging schief, ich wurde erwischt. Fünf Soldaten, al-lesamt verlottert, aber die Waffen bestens in Schuß... sie verprügelten mich, sagten, sie würden
mich am Leben lassen, wenn ich die anderen verriet... ich wollte dichthalten, aber irgendwann... da konnte ich nicht mehr... verriet das Versteck... einer von ihnen blieb zurück, um mich zu
be-wachen, während die anderen vier abrückten. Ich erinnere mich an ihre Gesichter, als wäre es gestern gewesen... da war ein Stein, ein runder schwerer Stein, direkt neben mir.
Ich ergriff ihn und schlug nach dem Soldaten... wahrscheinlich habe ich ihm den Schädel eingeschlagen... und dann rannte ich zu unserem Versteck. Doch es war schon zu spät... sie... sie
hatten alle getö-tet... alle... auch meinen Bruder... ich war allein...“
Kaji blickte auf.
„Verstehst du? Deshalb muß ich wissen, warum es passiert ist. Um den einen Moment der Schwäche zu sühnen. Um zu erfahren, warum mein Bruder sterben mußte... Und dazu
brauche ich deine Hilfe, sonst war alles umsonst, sonst bleiben die Toten ungesühnt, sonst war einfach alles umsonst...“
*** NGE ***
EVA-00 marschierte durch die Gänge des TerminalDogmas, in der Hand jenen Gegenstand, den der Kommandant aus der Antarktis mitgebracht hatte, den Longinusspeer, jenes uralte Ar-tefakt au
einer Legierung, welche sich jeder Analyse entzog, das die Katsuragi-Expedition in der Brust ADAM stecken gefunden hatte.
Es war eine Lanze mit einer Spitze, die sich teilte wie eine Forke. Eigentlich bestand der Speer aus zwei miteinander verflochtenen Metallstangen.
Der EVANGELION erreichte die riesige Felsenhalle, in welcher der Engel gefangengehalten wurde, gerade war LILITH eine neue Dosis an ruhigstellenden Medikamenten verabreicht worden, nachdem die in
den Wänden installierten Laser ihre im Laufe der letzten Stunden bis zu den Knien regenerierten Beine wieder abgetrennt hatten. Das LCL floß reichlich...
Rei verspürte nichts beim Anblick des Giganten, kein Mitleid, keinen Haß, auch keine Liebe, wie sie eine Tochter für ihre Mutter verspürte. Sie hatte einen Befehl erhalten,
den es auszu-führen galt...
Der Engel war völlig ruhig, schien inaktiv zu sein, sprach nicht einmal den Blutdurst des EVAs an, war viel zu schwach, als daß der EVA auch nur im entferntesten Anlaß hatte zu
glauben, sich an ihm nähren zu können...
EVA-00 hob die Lanze zum Stoß.
Die Pilotin visierte die Brust des Engels an, dort wo bei einem Menschen das Herz schlug, stieß die Lanze mit aller Kraft hinein, wie es ihr der Kommandant über InterKom befohlen
hatte.
Der Engel reagiert nicht, zuckte weder, noch schrie er vor Schmerz.
In diesem Moment verspürte Rei etwas... - Bedauern...
So schnell sie konnte, verließ sie den Raum wieder, eilte durch die Gänge des Dogma zum Endpunkt des Zentralen Schachtes, durch den sie wieder nach oben ins CentralDogma stieg.
Sie wollte fort, wollte soviel Distanz wie möglich zwischen sich und den Engel bringen, wollte wieder ans Tageslicht... wollte zurück zu Shinji-kun...
*** NGE ***
In seinem Büro nahm Gendo Ikari Reis Vollzugsmeldung mit eiserner Miene zur Kenntnis, schaltete dann einfach die Verbindung ab und widmete sich wieder dem Spielbrett auf seinem
Schreibtisch.
Er und Kozo Fuyutsuki spielten Go, den einzigen Zeitvertrieb, das einzige Hobby, welches Ika-ri sich erlaubte, denn das Spiel schärfte seine Sinne. Nur war er im Augenblick am Verlieren,
ADAM meldete sich in immer kürzeren Abständen, auch wenn er inzwischen imstande war, die tastenden geistigen Fühler des Engels abzublocken. Und die Droge, die er benutzte, um ADAM
ruhigzuhalten, stumpfte seine Sinne ab.
„Hast du SEELE über das Eindringen des Engels in die MAGI informiert?“
„Ich habe es als Unfall dargestellt... ein lästiger Computerfehler...“ brummte Ikari.
„Das werden sie nicht glauben.“
„Hauptsache, wir halten das Szenario ein, Fuyutsuki, damit stellen wir die alten Männer zufrie-den und lenken sie ab.“
„Und Kaji? Ein Spion in unseren eigenen Reihen könnte für Probleme sorgen.“
„Wir lassen ihn zappeln, er könnte noch nützlich werden, er weiß nichts, gar nichts. Ich halte das für sehr amüsant.“
„So...“
Fuyutsuki setzte einen Stein, brachte Ikari damit in Schwierigkeiten, dessen ganze Strategie zu-sammenbrach wie ein Kartenhaus.
Warum schien Ikari derart darauf bedacht, seine linke Hand unter der Tischplatte außer Sicht zu halten...?
10. Zwischenspiel:
Irgendwo in der Dunkelheit...
„War das wirklich notwendig, Tabris? So viele Lilimleben... sie können in meinem Inneren einfach nicht existieren...“
„Es gab keinen anderen Weg. Sie mußten aufgehalten werden, solange es möglich war. Andernfalls wären sie mit ihren Waffen unaufhaltsam geworden und wir hätten auch die
letzte Gelegenheit verloren, unsere Mutter zu befreien.“
„Und dein Plan, kleiner Bruder?“
„Kann immer noch verwirklicht werden, Leriel, wenn ich mich auf dich verlassen kann.“
„Für Mutter bringe ich jedes Opfer, auch meine Existenz auf dieser Seite der Grenze.“
„Dazu sind wir alle bereit.“
„Ja. Bardiel, Arael und Armisael sind bereit, deinem Vorschlag zu folgen und Kontakt mit den Lilim in den Kampfmaschinen aufzunehmen, welche nach unserem Vorbild geformt wur-den. Nur Zeruel
besteht auf den Weg der Gewalt.“
„Aber damit sind schon so viele von uns gescheitert. Gaghiel ist nur noch ein Schatten seiner-selbst, er hat zuviel Kraft verloren während seines Kampfes. Iroul ist immer noch gefangen
im Labyrinth seines eigenen Geistes. Und Matriel, der wohl schwächste von uns, ist zwar durch glückliche Umstände sehr weit gekommen, wurde dann aber einfach gestoppt.“
„Wir hätten von Beginn an zusammenarbeiten sollen, wir alle. Aber Zeruel ist der stärkste von uns, damals wäre es ihm sogar fast gelungen, Vater aufzuhalten.“
„Nur fast. Wenn Mutter ihn nicht gebannt hätte...“
„Ja, Tabris. Vielleicht hat Zeruel Erfolg, vielleicht scheitert auch er.“
„Wir dürfen uns nicht davon beeinflussen lassen, was sein könnte, Bruder.“