Zum wiederholten Mal in den letzten Tagen studierte Misato die Aufnahmen, welche von der Mulde gemacht worden waren, welche sich dort befand, wo zuvor die US-Zweigstelle von NERV gewesen war.
Sie hatte die Photographien auf dem Boden von Ritsukos Büro ausgebreitet und hockte dane-ben.
Akagi nahm die Okkupation ihres Arbeitszimmers mit säuerlicher Miene zur Kenntnis.
„Du solltest wirklich bei Gelegenheit einmal dein Büro aufräumen, dann müßte ich dir nicht immer aushelfen. Und wenn du es selbst nicht schaffst, dann frag doch einfach
Shinji, sobald der das Chaos sieht, fängt er schon automatisch an, alles an Ort und Stelle zu räumen.“
„Ja, nur daß ich derart viele TopSecret-Unterlagen dort aufbewahre, daß ich danach erst mich und dann ihn erschießen müßte. Außerdem ist dein Büro
größer, Ritsuko.“
Misato nahm eines der Bilder in die Hand.
„Offiziell wurde NERV-US von einer Explosion zerstört... und als irgendjemand diese Darstel-lung kritisierte, weil keine Trümmerstücke gefunden worden waren, hieß e
plötzlich Implo-sion...“
„Ich weiß - ich habe die bereinigte Fassung des wissenschaftlichen Berichtes an die UN selbst verfaßt.“
„Wir wissen beide, daß das eine Lüge ist.“
„Ja, schon, aber mangels einer besseren Erklärung mußte es reichen. Und wenn ein Engel für den Verlust der Anlage verantwortlich ist... willst du wirklich, daß die
Staaten, welche NERV finanzieren, anfangen zu befürchten, daß der Feind auch bei ihnen auftauchen könnte? Dann drehen sie uns schneller den Geldhahn zu, als Ikari protestieren
könnte. NERV hat nur dann Bestand, wenn Tokio-3 weiterhin die Festungsstadt ist, die von den Engeln zuerst angegriffen wird.“
„Natürlich, darauf läuft es doch immer hinaus - eine Ebene von Täuschungen nach der ande-ren.“
„Tja...“
Akagi hob die Schultern.
„Egal... dieses Bild hier... das ist kein Explosionskrater, das ist einfach eine Mulde, so als hätte jemand die Anlage einfach ausgegraben. Und hier - das sind Teile des Fundamentes...
die Kan-ten wirken laut Gutachten wie abgeschnitten, der Gutachter spricht von einem Laserskalpell, verneint dies aber schon im nächsten Satz, weil die Schnittstelle nicht verschweißt
ist...“
„Das habe ich auch alles schon gelesen. Die MAGI haben keine Antwort parat, was für eine Waffe zum Einsatz gekommen sein könnte. Alles, was wir haben, ist die Aufzeichnung, auf
der für einen Sekundenbruchteil ein großer Schatten zu sehen ist, der auf die Anlage fällt. Aber selbst mit den zusätzlichen Rechenkapazitäten haben die MAGI einfach
zuwenig Daten, um ein Szenario auszuarbeiten.“
„Eine komplette Zweigstelle - einfach weg, Totalverlust... knapp zweihundert Menschen...“
„Und der EVA mit dem S2-Organ.“
„Der ist mir da im Vergleich eigentlich völlig egal, Ritsuko. Soetwas baust du ohne Probleme nach.“
„Nicht, wenn es nach dem Komitee geht. Die sind nämlich der Ansicht, daß das S2-Organ hochgegangen ist und an allem Schuld hat, weswegen sie weitere Experimente dieser Art
un-tersagt haben.“
„Und daran hältst du dich?“ fragte Misato lauernd.
„Muß ich wohl, jedenfalls hat Kommandant Ikari dem Komitee zugestimmt.“
„Also ist es plötzlich die Schuld der Wissenschaftler, daß sie tot sind?!“
„So gesehen - ja. Das S2-Organ hat offiziell NERV-US zerstört und damit muß niemand be-fürchten, daß bei ihm plötzlich ein Engel vor der Haustür steht, der
doch eigentlich hier bei uns vorbeischauen sollte. Ganz einfach.“ sagte Akagi bitter.
„Du klingst nicht gerade so, als ob du von der Lösung begeistert bist.“
„Warum sollte ich auch? Es ist eine ganze Reihe kompetenter Fachkräfte verlorengegangen, ein paar davon habe ich gekannt, mit einigen auch schon zusammengearbeitet. Und jetzt
heißt es einfach, sie hätten ihren Tod selbst verschuldet. Das macht mich krank. Anscheinend gibt es nur einen Weg, NERV zu verlassen: Auf einer Bahre mit den Füßen
voran.“
*** NGE ***
Shinji saß am Küchentisch, den Kopf auf den verschränkten Unterarmen, und wartete auf Rei, während er über die Dinge nachdachte, von denen Kaji-san ihm erzählt
hatte.
Seine Mutter hatte die EVAs gebaut... bisher hatte Shinji nur geglaubt, daß sie die erste Testpi-lotin gewesen war, daß sie von seinem Vater dazu gezwungen worden war, den EntryPlug
zu betreten. Und nach Misatos Aussage war es doch Ritsuko Akagi gewesen, welche die EVAs erschaffen hatte, stand das nicht im Widerspruch zueinander? Andererseits, wenn seine Mutter vielleicht
nur das Grundkonzept geliefert hatte... wenn die EVAs in ihrer heutigen Form tat-sächlich auf Doktor Akagis Arbeit zurückgingen...
Egal, wie er es drehte, er landete immer wieder bei seinem Vater, erinnerte sich immer wieder an den Moment, in dem er sich von ihm abwandte, an dem er ihn verlor... aber hatte er ihn ei-gentlich
verloren? Verlieren konnte man doch nur etwas, das man zuvor schon gehabt hatte... Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, daß sein Vater ihn jemals angelächelt hatte,
konnte sich nicht an ein einziges freundliches Wort erinnern... oder hatte er das alles nur verdrängt, um ihn besser, um ihn uneingeschränkt hassen zu können? Dabei wollte er ihn
gar nicht hassen, in der Tiefe seines Herzens wollte er von ihm nur akzeptiert und anerkannt wer-den... aber wie sollte das geschehen, wenn sie einander weder über den Weg liefen, noch sein
Vater über InterKom mit ihm sprach...
Shinji erinnerte sich an das letzte ´richtige´ Gespräch mit seinem Vater, damals auf dem Grä-berfeld am letzten Todestag seiner Mutter, ein gutes Vierteljahr bevor er nach
Tokio-3 ge-kommen und von NERV zwangsrekrutiert worden war.
Sie hatten eine ganze Weile schweigend vor dem Grabpfeiler gestanden, einem von vielen, der sich eigentlich in nichts von den anderen unterschied. Hätte Shinji nicht den Standort schon lange
verinnerlicht gehabt, hätte er die Grabstätte wahrscheinlich nicht erkannt.
Sein Vater hatte nicht den Eindruck gemacht, sich darüber zu freuen, ihn zu sehen. Auch nicht, daß er Trauer oder Bedauern empfand, vielmehr hatte er gewirkt, als erfülle er eine
lästige Pflicht, etwas, das von ihm erwartet wurde...
Er hatte seinen Vater zögernd nach einem Bild seiner Mutter gefragt, doch nur die Antwort er-halten, daß es keine Bilder mehr gebe, daß er alle nach ihrem Tod verbrannt
habe...
Und dann war sein Vater einfach gegangen, hatte es einem seiner Untergebenen überlassen, ihn zu seinen Pflegeeltern zurückzubringen...
Ja, er traute es seinem Vater durchaus zu, Mitschuld am Second Impact gehabt zu haben... und er traute es ihm zu, seine eigene Frau, Shinjis Mutter, getötet zu haben...
Und in diesem Augenblick wurde ihm klar, daß er von seinem Vater Akzeptanz und Anerken-nung weder erwarten konnte, noch wirklich wollte...
Wenn er Rei-chan nur überreden könnte, mit ihm zusammen NERV zu verlassen... wenn er sein Konto plünderte und dazu den Kreditrahmen, würde das sicher für eine
Zugfahrkarte ans andere Ende Japans reichen, oder vielleicht auch für zwei Plätze auf einem Flug zum Festland, in der inneren Mongolei würde NERV sie vielleicht nicht finden...
Doch er wußte, daß ein solches Unterfangen schon im Ansatz scheitern würde, Rei-chan wür-de die Mission nicht aufgeben... und er konnte den Menschen, die darauf bauten,
daß die EVAs sie gegen die Engel verteidigten, eigentlich auch nicht den Rücken zukehren... wie hatte Kaji-san doch gesagt - er durfte nicht weglaufen, auch wenn dies der vielleicht
einfachste Weg war.
Wenn sein Vater etwas plante, das der Menschheit schaden würde, dann mußte er versuchen, diese Pläne zu vereiteln...
Die Wohnungstür wurde geöffnet und wieder geschlossen.
„Shinji-kun?“
Rei-chan war zurück!
„Ich bin hier.“
Egal, was geschah, sie war wie ein Anker. Ohne sie hätte er sich wahrscheinlich für den einfa-cheren Weg entschieden...
Rei kam in die Küche, stellte einen Beutel mit Einkäufen auf den Tisch, hauptsächlich frisches Gemüse und etwas Obst, begann die Sachen einzuräumen.
„Ahm, Rei-chan, wie waren deine Tests?“
Sie zuckte kurz zusammen.
Shinji-kun konnte doch nicht wissen, das sie im TerminalDogma gewesen war und LILITH mit dem Longinusspeer durchbohrt hatte...
„Das übliche“, antwortete sie knapp.
Am Boden der Tasche befanden sich ein paar Äpfel, sie nahm einen davon und wusch ihn ab, hielt ihn dann Shinji hin.
„Möchtest du?“
Er nickte und nahm den Apfel entgegen.
Dabei erinnerte er sich an die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden.
Wer hatte sie ihm nur erzählt? Die Geschichte gehörte zum christlichen Mythos... wo und wann hatte sie nur gehört?
Es war den beiden verboten gewesen, die Früchte eines speziellen Baumes zu essen, doch Eva hatte sich über das Verbot hinweggesetzt und einen der Äpfel des Wissens mit Adam
geteilt, als Strafe hatten sie das Paradies verlassen und fortan auf Erden leben müssen...
Adam und Eva... sicher war es nur ein Zufall, daß der Engel im Dogma den Namen ADAM trug, und ebenso, daß die EVANGELIONs auf die Bezeichnung EVA abgekürzt wurden... oder war da
vielleicht die Quelle, aus welcher sein Vater die Namen der Engel bezog?
Nachdenklich drehte er den Apfel in den Händen.
Ein ganz normaler Apfel...
Shinji biß hinein.
Natürlich geschah nichts.
„Rei, ich... uhm... wollte dich etwas fragen...“
„Was, Shinji-kun?“
Sie nahm ihm gegenüber Platz.
„Weißt du, ahm, ich wüßte gerne, wann dein Geburtstag ist... ich wollte eigentlich Misato fragen, aber irgendwie... uhm... bin ich nicht dazu gekommen...“
Rei sah ihn nur an.
Ihr Geburtstag...
Wie sollte sie ihm darauf nur antworten?
´Das ist geheim´? - Nein, das würde nur weitere Fragen aufwerfen, das würde er nicht verste-hen...
Und welches Datum war eigentlich das zutreffende? Der Tag, an dem das Klonprojekt in An-griff genommen worden war? Der Tag, an dem ihre Vorgängerin aktiviert worden war? Der Tag, an dem
dieser Körper den Klontank verlassen hatte?
So viele Möglichkeiten...
Jemand wie Suzuhara-kun hätte wahrscheinlich jeden dieser Tage genannt, um einen Grund zum Feiern zu haben... oder auch nicht... aber was sollte sie nur Shinji-kun sagen... sie war doch gar
nicht geboren worden im Sinne des Wortes, sie war erschaffen worden, war aus der DNA des Zweiten Engels erschaffen worden, hatte menschliche Form durch Beifügung menschlicher DNA erhalten...
und menschliche Gefühle...
Welches Datum... welcher Tag...
Und dann nannte sie ihm ein Datum... den Tag, an dem er nach Tokio-3 gekommen war, den Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren, den Tag, an dem er sie zum ersten Mal in den Armen
gehalten hatte, als er sie vor den herabfallenden Trümmerstücken der Hangar-decke hatte beschützen wollen...
Shinji schluckte.
„Uhm, wenn ich das eher gewußt hätte... das... ah...“
„Damals kannten wir uns noch nicht.“
Und trotzdem war ihr an diesem Tag ein sehr wertvolles Geschenk gemacht worden, ein eigentlich völlig Fremder, der sie hatte beschützen wollen...
„Trotzdem... uh... ich meine... naja...“
Sie lächelte ihn an. Er schien über seine Depressionen hinweg zu sein.
*** NGE ***
Die Ferien neigten sich dem Ende zu und der Beginn des nächsten Schuljahres rückte immer näher.
In der dritten Woche des neuen Schuljahres würde eine Klassenfahrt stattfinden, damit die Schüler sich besser kennenlernten, Ziel der Reise sollte die Insel Okinawa für einen
einwöchi-gen Tauchkurs sein.
Am letzten Ferientag läutete es an der Tür des Apartments, welches Rei und Shinji bewohnten, an diesem Tag war Shinji mit Training dran, während Rei daheim geblieben war und da
Bad geputzt hatte, bis sie sich in den Kacheln spiegelte, irgendwie fiel es ihr schwer, sich vorzu-stellen, daß es ihr früher völlig egal gewesen war, wie es in ihrer Wohnung
aussah.
Den Putzlappen noch in der Hand öffnete sie die Wohnungstür.
Es kam ja nur eine Handvoll Personen in Frage, die sie besuchen konnten.
Da waren einmal Misato-san oder Kaji-san, doch der Major hatte erst am gestrigen Tag bei ih-nen vorbeigesehen.
Dann Ishiren-san, welche nur mit ihr in Kontakt trat, wenn Shinji-kun nicht in der Nähe war und sie über etwaige Veränderungen und Umbesetzungen bei ihrer und Shinji-kuns Leibwache
in Kenntnis setzte - da sie erfahren hatte, daß für Shinji-kun nur ein Leibwächter abgestellt worden war, hatte sie Ishiren-san, welche immerhin ein Team aus fünf Mitgliedern
des Sicher-heitsdienstes befehligte, gebeten, auch auf Shinji-kun Acht zu geben.
Und schließlich der Kommandant, doch genau den wollte sie definitiv nicht sehen. Seit Wochen schon befürchtete sie eigentlich, er könnte ihr befehlen, sich von Shinji-kun zu
trennen. Und sie wußte nicht, was sie dann tun sollte... Befehlsverweigerung hätte wahrscheinlich zur Folge, daß der Kommandant sie ersetzen würde, auch wenn Doktor Akagi
ihre Erinnerungen kon-serviert hatte... und Shinji-kun... wo sollte er denn hingehen, wenn er diesen Ort verlassen mußte...
Vor der Tür, auf dem Korridor, stand eine Person, mit welcher Rei nun wirklich nicht ge-rechnet hatte: Hikari Horaki, die Klassensprecherin!
„Hikari!“ sagte sie überrascht.
„Hallo, Rei. Störe ich?“
Rei setzte zu einer bejahenden Antwort an, schließlich hatte sie ihre Putztätigkeit im Bad un-terbrochen, überlegte es sich aber anders und verneinte, da ihr die Abwechslung zum
einen nicht ungelegen kam und zum anderen auch ganz jemand anders vor der Tür hätte stehen kön-nen.
„Möchtest du hereinkommen?“
„Ja, äh, gern.“
Rei gab den Weg frei, Hikari trat ein, zog im Vorraum die Schuhe aus und folgte Rei dann in die eigentliche Wohnung, sah sich neugierig um, da sie noch nie hier gewesen war.
„Hier wohnt ihr also, Ikari-kun und du.“
„Ja.“
Rei trat rasch in die Küche und beförderte den Putzlappen durch die offenstehende Tür zum Bad zielsicher in den Eimer, der noch in der Duschkabine stand.
„Hübsch habt ihr es, wirkt sehr gemütlich.“
Hikari lächelte beim Anblick der Blumen, die sich in mehreren Vasen an verschiedenen Plätzen befanden und die Wohnung bunt, hell und freundlich wirken ließen.
Nachdem sie einen schnellen Blick in die Küche geworfen hatte, fiel ihr allerdings doch etwas auf.
„Öh, hier gibt es nur ein Bett?!“
„Ja, Hikari.“
Die nächste Frage lag ihr schon auf der Zunge, doch sie schluckte sie herunter, errötete statt-dessen. Es ging sie schließlich nichts an, was ihre Mitschüler nachts taten...
aber wahrscheinlich war es jetzt wohl Rei, die über ein gewisses Maß an... Lebenserfahrung verfügte...
Rei wartete auf eine weitere Äußerung der Klassensprecherin, doch diese schwieg, lief statt-dessen rot an, eine Reaktion, die Rei immer noch nicht ganz einordnen konnte. Was hatte sie
denn gesagt, das ein Erröten hätte begründen können?!
„Was führt dich her?“
„Ich... ah... also...“
Ein ähnliches Sprachmuster wie bei Shinji-kun, wenn dieser verlegen war...
„Ah, Rei, du weißt doch, daß demnächst die Klassenfahrt stattfindet, Tauchen auf Okinawa...“
„Bekannt“, bestätigte sie.
„Ich wollte fragen, ob du mich zum Einkaufen begleiten willst, ich wollte mir einen neuen Ba-deanzug kaufen und... naja... dachte mir, du könntest mir vielleicht bei der Auswahl
helfen. Ei-gentlich wollte ich ja meine jüngere Schwester mitnehmen, aber die trifft sich mit ihren Freun-dinnen und hat keine Zeit.“
„Und Suzuhara-kun?“
Hikari errötete noch stärker.
„Das geht doch nicht... nicht in der Öffentlichkeit...“
Rei dachte über die Äußerung der Klassensprecherin nach. Setzte man voraus, daß Suzuhara-kuns Körper dieselben biologisch-chemischen Reaktionen aufwies wie Shinji-kuns,
wäre es wirklich nicht klug, ihn in eine derartige Lage zu bringen.
Hikari benötigte Rat, allerdings war Rei nicht ganz klar, ob sie ihr da wirklich helfen konnte, ihr Modeverständnis entsprach doch eher dem einer Betonmauer. Und außerdem wollte
sie noch das Bad fertigputzen...
- Andererseits... eine Abwechslung war wirklich nicht unwillkommen.
„Gut, ich begleite dich.“
„Schön... du brauchst doch sicher auch einen Badeanzug, oder?“
„Nein, ich habe doch meinen Badeanzug für den Sportunterricht.“
„Aber, Rei, das ist doch die Gelegenheit, mal etwas anderes zu tragen... die Jungs ein wenig zu beeindrucken. Mit den schwarzen Badeanzügen, die wir beim Schwimmunterricht tragen
müs-sen, schaffen wir das nie.“
Rei schwieg.
Sie war sich eigentlich sicher, daß sie die anderen Mitschüler nicht nach Okinawa begleiten würde. Der Kommandant würde das niemals erlauben. Außerdem würden die
Piloten wahr-scheinlich im Hauptquartier benötigt, sie konnten doch nicht einfach die Stadt verlassen, was, wenn ein Engel angriff?!
Aber das sagte sie der Klassensprecherin nicht, Hikari wirkte derart gutgelaunt, daß sie sie damit nicht belasten wollte.
Und ein neuer Badeanzug... sicher gab es bei Zeiten Gelegenheit, ihn Shinji vorzuführen, im-merhin hatte NERV ja auch ein großes Schwimmbad, in dem sie schon oft genug ihre Runden
gedreht hatte.
Schließlich nickte sie.
„Laß uns gehen.“
*** NGE ***
Stunden später...
Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt.
Rei war von ihrem Einkaufsbummel längst zurück, hatte die Plastiktüte mit ihren Einkäufen un-ter dem Bett versteckt, wo Shinji sie vorerst nicht finden würde. Auch Shinji
war inzwischen zurück und hatte das Abendessen zubereitet. Nachdem sie gegessen hatten, packten sie ihre je-weiligen Schultaschen für den nächsten Tag und stellten sie im Vorraum
bereit, waren danach ein wenig ratlos, was sie mit der verbleibenden Zeit anfangen sollten, Shinji hatte sich bereits vorgenommen, in den nächsten Tagen nach einem billigen tragbaren
Fernsehgerät Ausschau zu halten, als Rei verschlug, einen Spaziergang zu unternehmen.
Und während sie Arm in Arm durch die Straßen schlenderten, störte der junge Ikari sich auch nicht an der Tatsache, daß wenigstens zwei Mitglieder de
NERV-Sicherheitsdienstes ihnen auf Schritt und Tritt folgten...
*** NGE ***
Misato derweil hatte festgestellt, daß Asuka sich wieder an ihren Biervorräten vergriffen hatte.
Das rothaarige Mädchen saß vor dem Fernseher, neben sich eine angebrochene Bierdose. Überhaupt wirkte Asuka um einiges schlampiger als am Tage ihrer Ankunft, ihr Haar war
un-gekämmt und glanzlos und ihre Sachen unordentlich.
So ging das nun schon seit Tagen, um genau zu sein seit dem Tag, an dem Shinji im internen Vergleich Asukas Synchronratio überholt hatte.
Misato raufte sich stumm die Haare, Ermahnungen brachten überhaupt nichts.
Aber wenigstens gab es einen Lichtblick in der Tatsache, daß Kaji sie bald abholen würde, eine gemeinsame Bekannte aus Studientagen, die in einem kleinen Ort weiter unten an der
Küste wohnte, hatte heute geheiratet und sie und Kaji zur abendlichen Feier eingeladen.
*** NGE ***
Über einer Seitenstraße der Stadt erschien wie aus dem Nichts eine pulsierende Kugel. Daß die Kugel nicht dorthin gehörte, wäre einem Beobachter auf den ersten Blick
klargeworden, denn sie war völlig schwarz-weiß, beide Farben zerliefen auf der Oberfläche, bildeten skurrile Mu-ster und Flächen, dann wieder nur Punkte und Linien,
außerdem schien das Objekt alle Farbe aus der Umgebung abzusaugen, wirkte alles in der Nähe blasser und farbloser.
Die Kugel warf einen großen Schatten, welcher die Straße von einer Seite zur anderen bedeck-te, welcher auf Straßenlaternen und geparkte Autos, sowie Gartenmauern fiel. Und
diese ver-sanken im Schatten des Engels...
Als die Kugel wieder verschwand, von einem Herzschlag zum anderen einfach nicht mehr da war, fehlte von den Wagen, den Laternen und jenen Stücken der Mauern, welche der Schatten berührt
hatte, jede Spur, ebenso vom Asphalt der Straße, stattdessen war genug von der Straße verschwunden, um die darunter befindlichen Rohrleitungen freizulegen...
*** NGE ***
Im NERV-HQ reagierten die MAGI, allerdings waren sie sich nicht sicher, ein Blaues Muster festgestellt zu haben. CASPER beharrte auf seiner Beobachtung, die anderen beiden Einheiten allerding
verweigerten eine Zustimmung, so daß die Alarmsirenen stumm blieben und nur eine schriftliche Mitteilung auf Ritsuko Akagis Terminal erschien, welches zu diesem Zeitpunkt al-lerdings nicht
besetzt war.
*** NGE ***
Rei erwachte in der Nacht mit einem Gefühl drohenden Unheils, der Eindruck war so stark, daß sie Shinji fest in ihre Arme nahm und bis zum Morgen so verblieb.
*** NGE ***
Gendo Ikari saß in seinem Büro hinter seinem Schreibtisch und kämpfte gegen die Müdigkeit. Er wollte nicht schlafen, wenn er schlief, hatte ADAM Gelegenheit, sich etwa
weiter voran-zutasten. Und die Drogen verloren langsam an Wirkung. Er wollte eine Erhöhung der Dosis so lange wie möglich hinauszögern, da dies auch seinem Körper auf Dauer
nicht bekommen wäre.
Vielleicht war er zu ungeduldig gewesen, vielleicht hätte er noch warten sollen, ehe er sich ADAM implantieren ließ...
Er bemühte sich, seine Gedanken zu fokussieren, der Punkt, mit dem er sich beschäftigte, war wie er den Rei-Klon und Yuis Sohn trennen konnte, wie er es anstellen konnte, daß
Rei-II ei-nen derartigen Schock davontrug, daß er sie wieder unter seine uneingeschränkte Kontrolle be-kam. Ideen hatte er gleich mehrere, allerdings würden die meisten davon den
Verlust von Ein-heit-01 samt Piloten zur Folge haben, was Ikari auf emotionelle Ebene sogar begrüßen würde, was das Komitee jedoch nicht hinnehmen würde. Außerdem
würde ein Verlust des beseelten EVAs zur Folge haben, daß er möglicherweise Fuyutsuki verlor... auch für diesen Fall hatte er bereits Lösungen erwogen, allerding
würde beides ebenfalls den Ablauf seines Szenarios be-einflussen...
*** NGE ***
Kajis Wagen hielt vor dem Apartmenthaus, in dem Misato wohnte.
Seufzend stieg er aus, ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür, fing eine her-ausfallende Misato Katsuragi auf, lud sie sich ächzend auf die Arme und trug sie auf den
Ein-gang zu.
Warum mußte Katsuragi-chan nur immer soviel Alkohol trinken...
*** NGE ***
Tokio-3 am frühen Morgen:
Vögel zwitscherten von Dächern und Bäumen, die Straßenbahnen nahmen den Tagesbetrieb auf, Menschen machten sich auf den Weg zur Arbeit...
Und über dem Stadtzentrum schwebte ein großer schwarz-weißer Ball und schien auf die Verteidiger der Stadt zu warten...
Für die Verhältnisse der Stadt also ein ganz normaler Tag.
*** NGE ***
Die drei EVAs pirschten sich an den Engel heran, jeder war mit einem Positronengewehr be-waffnet. Sie bewegten sich in Dreiecksformation, EVA-01 an der Spitze, EVA-00 und -02 hinter ihm.
Shinji wäre deutlich wohler gewesen, hätte er Asuka nicht in seinem Rücken gewußt.
An ihrem Terminal staunte Ritsuko Akagi nicht schlecht, als sie las, daß EVA-01 sein AT-Feld nach hinten verstärkt hatte.
„Ich sehe ihn.“ meldete Shinji.
„Der ist ja auch nicht zu übersehen“, brummte Asuka.
Da hatte sie sich die halbe Nacht für den ersten Schultag fein gemacht - schließlich konnte sie mit wirren Haaren und Schlabberlook kaum Eindruck schinden - und dann tauchte so ein
ver-kappter Gummiball am Himmel auf.
„Verteilen und den Beschuß eröffnen?“ fragte Shinji und blickte auf den kleinen Bildschirm vor sich, welcher Misato zeigte.
„Noch abwarten. Aber nicht näher heran...“
Misato blickte zur Seite, wenn Shinji sich an die Konfiguration der Terminals in der Zentrale von seinen ein, zwei Aufenthalten dort richtig erinnerte, mußte sie Doktor Akagi ansehen.
„Stimmt ´was nicht?“ kam es von Asuka.
„Wir erhalten Signale, die von dem Engel ausgehen, Signale der Freund-Feind-Erkennung.“
„Ach, toll, will uns der Gummiball jetzt erzählen, er käme in Frieden? Oder kapitulieren die En-gel?“
Asuka lachte, aber es klang nicht gerade belustigt.
Shinji blickte nach oben.
Wenn er noch ein Stück vorrückte und dann etwas nach links, hatte er eine viel bessere Schuß-position, falls Misato den Feuerbefehl gab...
Der EVA setzte sich in Bewegung, folgte seinen Gedankenanweisungen.
Über die Synchronverbindung nahm Shinji bereits einiger Zeit das typische dumpfe Grollen wahr, welches der EVA von sich gab, jetzt kam auch das übliche Hungergefühl dazu. Wa
hät-te er nur alles dafür gegeben, jetzt in ein Steak beißen zu können, nur halbdurch und noch blu-tig... seit er bei Rei wohnte, hielt er sich da ja sehr zurück, auch
wenn sie ab und an erklärte, es mache ihr nichts aus, wenn er Dinge aß, die ihr nicht bekamen. Er bekam immer ein leicht schlechtes Gewissen, wenn er morgens die Milchtüte aus dem
Kühlschrank holte, oder wenn er sich ein wenig Fisch in die Bento-Box fürs Mittagessen packte, befürchtete, daß sie es an sei-nem Atem riechen konnte, daß der Geruch
bei ihr Übelkeit hervorrief... aber jetzt hätte er wirklich nichts gegen ein schönes saftiges Stück Fleisch gehabt, auch wenn es nur eine Reak-tion auf die vom EVA ausgehenden
Impulse war.
Sein taktischer Computer empfing die Signale der Freund-Feind-Kennung ebenfalls, versuchte sie zu identifizieren.
Seltsamerweise stellte sich noch gar nicht das Haßgefühl ein, auch der Blutdurst hielt sich in Grenzen - nicht daß Shinji sich darüber beschwert hätte, er wußte
auch, daß er in seiner Wach-samkeit nicht nachlassen durfte, wollte er nicht von den Emotionen des EVAs plötzlich über-wältigt werden.
„Shinji - zurück!“ schrie Misato plötzlich.
„Was denn?“ fragte er und wollte dem Befehl folgen, als er feststellte, daß die Beine seines EVAs festzustecken schienen. Er blickte nach unten, sah mit Schrecken, daß
EVA-01 bereits zu den Knöcheln im grauen Asphalt versunken war, welcher ansonsten keinen flüssigen Ein-druck machte.
Treibsand... so mußte es sein, in Treibsand oder in einem Sumpf zu versinken...
Er spürte einen Zug von unten, der stärker wurde, je mehr er versuchte, sich zu lösen.
Panik stieg in ihm hoch, er ruderte mit den Armen.
„Helft mir!“ brüllte er aus Leibeskräften und versuchte noch energischer, sich aus der grauen Masse zu lösen. „Helft mir doch!“
Rei wollte vorstürmen.
Shinji-kun war in Gefahr!
EVA-01 war inzwischen bis zu den Hüften im Boden versunken, wurde einfach hineingesogen, ohne Wellen zu schlagen, ohne daß irgendetwas verriet, woran es liegen könnte.
Zugleich erwachten die Haßgefühle des EVAs, schien dieser entschieden zu haben, worüber der taktischer Computer noch unentschlossen war, hatte den Engel als Feind erkannt.
„Rei, bleib, wo du bist! Der Schatten ist der wahre Engel!“ befahl Misato.
Schatten? Welcher Schatten?
Dann sah sie die Linie auf dem Asphalt, hinter welcher dieser um einiges grauer erschien, hinter welcher sich EVA-01 befand.
Der Engel war im Begriff, Shinji-kun zu verschlingen!
Und der Major hatte sie angewiesen, nichts zu unternehmen...
Aber sie mußte Shinji-kun doch helfen...
Aber es war ein Befehl und sie mußte Befehlen folgen...
Aber sie konnte Shinji-kun doch nicht im Stich lassen, mußte ihrem Mitstreiter... ihrem Gelieb-ten... helfen...
Diesen Befehl konnte sie nicht befolgen!
Und ihr EVA schien derselben Ansicht zu sein, jedenfalls hatte sie das Gefühl, als bestärke er ihren Entschluß, als er sich in Bewegung setzte.
Rei rannte los...
...und wurde gestoppt!
EVA-02 stürzte sich auf EVA-00, tackelte diesen wie ein Footballspieler und brachte ihn zu Fall.
„Loslassen, Soryu!“
„Vergiß es, First.“
Asuka grinste, nagelte EVA-00 mit ihrem EVA am Boden fest.
„Befehle müssen befolgt werden, wußtest du das nicht?“
„Asuka! Rei!“ kam Misatos schreiende Stimme aus den Lautsprechern. „Hört sofort auf! Werft EVA-01 eure Versorgungskabel zu, vielleicht könnt ihr ihn dann aus diesem...
Sumpf heraus-ziehen!“
EVA-01 war inzwischen bis zur Brust versunken.
Shinji rief immer noch über InterKom um Hilfe. Schließlich verstummte er, sah nur hilflos auf die Monitore der ComPhalanx, streckte die Hand nach Reis Bild aus.
„Rei-chan...“
Drei Worte brannten ihm in der Kehle, drei Worte, die er auszusprechen nicht schaffte, weil ihm die Angst die Kehle zuschnürte.
„Ich...“
„Shinji, Notevakuierung!“ befahl Misato. Besser den EVA opfern, als auch noch den Piloten zu verlieren!
In seinem Kommandostand sah Gendo Ikari auf.
„Befehl widerrufen!“
„Was?“ fragte Misato und riß die Augen auf.
Doch Ikari antwortete nicht. Auch wenn der Verlust von EVA-01 schmerzte, das war es doch, worüber er sich den Kopf zerbrochen hatte...
In seinem EntryPlug tätigte Shinji eilig die nötigen Handgriffe, um den Plug zu evakuieren, mußte entsetzt feststellen, daß der Plug nicht reagierte, daß die Kommando
von der Auto-matik ignoriert wurden.
Sein EVA überschwemmte ihn mit Wut, als wollte er ihm neue Kraft verleihen, fütterte ihn regelrecht mit Zorn, schien ihm zuzurufen, sie beide gefälligst aus der Misere zu
holen.
Die externe Energieversorgung wurde unterbrochen, der EVA lief nun auf seinen Akkus, wel-che für fünf Minuten ausreichten...
Schon war EVA-01 bis zum Hals versunken.
Shinji spürte Kälte in sich aufsteigen, fühlte bereits seine Beine nicht mehr, hatte den Eindruck, in einem Eisschrank zu sitzen.
Neben dem EVA, der nur noch mit dem Kopf aus dem Schatten ragte, schlug das Ende eines Versorgungskabels auf, federte einmal auf dem falschen Asphalt, versank dann ebenfalls.
Shinji versuchte, danach zu greifen, doch die Kälte hatte bereits seine Arme erreicht, lähmte sie.
EVA-01 raste, mobilisierte die letzten Kräfte.
Shinji glaubte, eine weitere Präsenz im Inneren des EVAs zu spüren, eine strahlende Präsenz, die sich klar von der Dunkelheit abhob.
„Mutter...?“
War es so, wenn man starb? War das Licht der Zugang zur nächsten Welt, zum Jenseits?
Wartete seine Mutter dort auf ihn?
Noch einmal blickte er auf die ComPhalanx. Die Bilder waren unscharf und verzerrt, trotzdem konnte er ganz klar den Ausdruck auf Rei-chans Gesicht erkennen... Sorge... Panik... Angst...
Er wollte sie nicht alleinlassen!
„Rei-chan... ich liebe dich...“ flüsterte er.
Dann brach die Verbindung zusammen und die Kälte griff vollends nach ihm...
*** NGE ***
EVA-01 verschwand im Schatten des Engels, einen Moment lang ragte noch das Horn aus dem Grau, war dann ebenfalls versunken.
„Nein!“ brüllte Rei. „Nein!“
„... liebe dich...“ kam es fast unhörbar aus dem Lautsprecher.
„Nein! Shinji!“
EVA-02 hatte sich aufgerichtet, jagte Positronenladung um Positronenladung in den schwarz-weißen Ball über ihnen, ohne eine Wirkung zu erzielen.
Und dann war der Ball verschwunden und mit ihm der Schatten und alles, was dieser ver-schlungen hatte...
„Nein!“
EVA-00 brach zusammen, als die Synchronisation mit seiner Pilotin erlosch.