Mit leisem Zischen wurde die Luft aus der PlugSuit gepreßt, legte sich das Material eng auf die Haut, als Rei den Kontakt am Handgelenk drückte. Kurz fuhr sie sich durch ihr Haar, trat
dann an die Tür des Krankenzimmers, schloß sie wieder auf.
Ihr Gesicht war wieder völlig ausdruckslos, nur in ihren Augen lag ein leichtes Funkeln.
„Major Katsuragi dürfte bald zurückkommen.“
Shinji gab eine schwache Bestätigung von sich.
Er fühlte sich jetzt noch erschöpfter und ausgelaugter als zuvor, dafür war ihm aber wirklich nicht mehr kalt. Wie zahllose Phantome glaubte er immer noch spüren zu
können, wo ihre Lip-pen seine Haut berührt hatten, auf der Brust, dem Hals, im Gesicht... nur seine Wangen hatte sie seltsamerweise außenvor gelassen... vermeinte immer noch, die
sanften Berührungen ihrer Hände zu spüren, glaubte immer noch ihr gedämpftes Stöhnen zu hören, als er an ihrem Ohr-läppchen geknabbert hatte... dennoch waren
sie nicht weitergegangen, hatte es eine Grenze ge-geben, die keiner von ihnen hatte überschreiten wollen, die Grenze hinter welcher in gewisser Weise ihre Kindheit unwiderbringlich beendet
sein würde...
Shinji hoffte jetzt nur, daß er das Krankenhaus verlassen haben würde, ehe jemandem der feuchte klebrige Fleck im Laken auffiel...
Seine Haut juckte, natürlich, das LCL war bereits eingetrocknet und hatte Krusten auf der Haut gebildet.
„Ah... ich glaube, das erste, was ich brauche, wenn wir wieder zuhause sind, ist eine Dusche... ahm...“
Er verschluckte sich. Hoffentlich verstand sie das jetzt nicht falsch, glaubte nicht, daß er sie irgendwie von sich abwaschen wollte...
„Wir brauchen eine Dusche.“ korrigierte sie ihn. Für einen Augenblick huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Wenn du mir den Rücken wäschst, wasche ich
dir deinen.“
„Ahm...“
Shinji blinzelte.
„Rei-chan... ich hatte Furcht, dich nie wieder zu sehen...“
„Du warst plötzlich fort. Ich habe es... hier... gespürt.“
Sie legte die Hand auf ihre Brust über dem Herzen.
„Ja... uh... eine... Leere...“
Rei setzte sich wieder auf die Bettkante und nahm seine Hand.
Shinji konnte gar nicht anders als zu lächeln. Ihre Nähe gab ihm Kraft, schien sogar den anson-sten zäh dahintropfenden Strom der Zeit zu beschleunigen, den er zuweilen
wahrzunehmen glaubte.
„Im Inneren des Engels... Rei, EVA-01 hat von selbst zu mir Kontakt aufgenommen.“
„Von selbst, Shinji-kun?“
„Ja, obwohl die Akkus leer waren, befanden wir uns in Synchronisation. Rei-chan, der EVA hatte Angst... er... uhm... er wollte nicht sterben.“
„Die Grundprogrammierung basiert laut Doktor Akagi auf den Erinnerungen und der Persön-lichkeit eines Menschen. Vielleicht...“
„Und ich hatte den Eindruck, daß da noch jemand war... Rei-chan, sicher wirst du mich für verrückt halten...“
„Warum sollte ich das?“ fragte sie und strich über seine Stirn. Seine Haut war warm, aber nicht heiß.
„Ah... ich... ich glaube, ich habe die Präsenz meiner... ahm... Mutter gespürt...“
Rei erstarrte.
Sollte dies das Geheimnis von EVA-01 sein? Der Doktor hatte die Einheit einmal als beseelt bezeichnet... sollte sich wirklich die Seele von Yui Ikari, nach deren Vorbild sie erschaffen worden
war, in Einheit-01 befinden?
„Shinji-kun, es gibt da etwas, daß ich dir nicht erzählt habe.“
„Was, Rei-chan?“
„Als wir gegen den Zwillingsengel gekämpft haben, als ich in EVA-02 saß... da hatte ich auch so einen Eindruck. Die Grundprogrammierung ist dieselbe, aber da war noch
jemand.“
„Wer?“
„Ich glaube, daß es sich um Doktor Soryu gehandelt hat.“
„Doktor Soryu?“
„Soryus Mutter.“
„Ihre...“
„Ja, Shinji-kun. Auch Soryu ist Halbwaise.“
„Uh, das... und was ist mit EVA-00? Könnte sich dort deine Mutter...“
„Nein. Ich weiß, wo meine Mutter ist.“
„Dann... dann ist es trotzdem möglich... Rei, meine Mutter ist beim ersten Testlauf von EVA-01 gestorben...“
„Ich weiß.“
„Du weißt es?“
„Ja. Ich ging davon aus, daß die Fakten dir ebenfalls bekannt sind.“
„Hm... ja... ich wollte mich nur nicht erinnern... ich war dabei...“
Rei spürte, wie sich ihr Herz zusammenzuschnüren schien, als sie den leidenden Gesichtsaus-druck auf Shinji-kuns Zügen sah.
„Sie ist im EntryPlug von EVA-01 gestorben... und etwas scheint zurückgeblieben zu sein... so wie wir etwas zurücklassen, Erinnerungen, Gefühle... ah, du weißt doch
sicher... die Kreuz-tests...“
„Ja, Shinji-ku...“
Rei blinzelte.
Shinji-kun... die Anrede für einen Freund... doch Shinji war inzwischen viel mehr...
„Ja, Shin-chan.“
„Shin-chan? So hat mich schon lange niemand mehr genannt...“
„Dann erlaube mir, die einzige zu sein, die dich so nennen darf.“
An der Tür klopfte es zweimal recht heftig, dann wurde sie aufgestoßen und Misato kam hin-ein.
„Tut mir leid, daß es länger gedauert hat, mußte erst noch Leutnant Ishiren finden, damit mich jemand bei euch in die Wohnung läßt... die gute Frau und ihre
Leute scheinen sich gerne zu verstecken... Training meint sie, damit ihr sie nicht gleich entdeckt... So, hier sind Sachen zum Umziehen, ich nehme eure PlugSuits gleich mit, wenn ich in die
Geofront zurückfahre...“
Sie legte einen Armvoll Kleidung auf das Bettende.
In der Tür erschien Asuka, die immer noch ihre rote PlugSuit trug.
„Wenn ich gewußt hätte, daß du noch eine Weltreise vorhattest, wäre ich nicht mit dir gefah-ren, Misato!“
Misato verdrehte die Augen.
Wie oft wollte Asuka ihr das denn noch vorhalten?
„Ja, ja, ja...“
„Eh, Wondergirl, ihr haust ja in einer ganz schönen Bruchbude!“
Rei sah sie an, runzelte ein wenig die Stirn als Zeichen ihres Mißfallens.
Sollte Ishiren-san in ihrer Abwesenheit ihre Wohnung betreten, sah sie kein Problem darin, auch nicht, wenn der Major etwas holte, so wie heute - aber Soryu wollte sie nicht in ihren vier
Wänden haben. Sollte sich herausstellen, daß die Rothaarige in ihrer Wohnung gewesen war, würde sie den Rest des Tages mit Putzen verbringen...
„Vielen Dank, Misato-san, für Ihre Mühen.“
„Kein Problem, Asuka wollte unten bleiben, da konnte ich schnell machen.“
„Was soll das denn jetzt wieder heißen?“
Asuka stemmte die Fäuste in die Hüften.
„Uhm, wie geht es denn Kaworu?“ fragte Shinji, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen, bemerkte, daß er sich bei Asukas Auftauchen instinktiv die Bettdecke bi
zum Hals hochgezogen hatte.
„Schläft noch. Ihn scheint es ganz schön erwischt zu haben.“
„Ja, er... ah... sein EVA hatte keine Energie mehr...“
„Hm, wirklich seltsam, er war Wochen da drin - ich sag das ungern, aber eigentlich hätte er gar nicht mehr am Leben sein dürfen.“
„Uh...“
„Andererseits war EVA-04 mit einer neuartigen Energiequelle ausgestattet... keine Ahnung, soll Ritsuko sich doch damit herumschlagen, die hat schließlich die drei oder vier
Doktortitel.“
„Seid ihr jetzt fertig? Ich will nach Hause.“ sagte Asuka.
Misato seufzte, deutete auf die mitgebrachten Sachen.
„Tja, am besten kommst du mit auf den Flur, Rei, damit Shinji sich anziehen kann.“
„Vielleicht braucht er Hilfe.“
„Ja, ganz sicher braucht Shinji-Baby Hilfe beim Anziehen“, lachte Asuka hämisch.
„Ah, geh nur, Rei, ich... ahm... ich bin gleich fertig.“
„Und ich hatte schon Angst, du wolltest dich uns präsentieren, wie Gott dich schuf, Shinji“, sagte Asuka mit Ekel in der Stimme.
„Das reicht jetzt“, knurrte Misato und schob Asuka nach draußen.
Rei folgte ihnen auf den Gang.
Während Shinji sich drinnen anzog, kam draußen Toji dazu.
„Ist alles in Ordnung bei euch?“
„Argh, Suzuhara!“
Asuka verschränkte die Arme vor der Brust.
„Keine Sorge, ich guck dir nichts weg, meine Freundin hat einiges mehr zu bieten“, brummte Toji und ging an ihr vorbei, ohne sie weiter zu beachten. „Ayanami?“
„Shinji-kun ist in Ordnung.“
„Ah, sehr gut, das wird Mari freuen.“
Asuka murmelte etwas von ´Shinjis Harem´.
„Sie ist meine kleine Schwester!“ fauchte Toji. „Ikari hat sich zufällig die Mühe gemacht, sie hier zu besuchen.“ Sein wütendes Grollen begleitete seine
Worte.
„Ist mir doch egal.“
„Ja, ich weiß“, murmelte Misato bitter.
Toji schüttelte nur den Kopf.
„Und der andere Pilot, Ayanami?“
„Unverändert, Suzuhara-kun. Richte deiner Schwester bitte von mir und Shinji-kun Grüße aus.“
„Ja, klar.“
„Von mir auch.“ erklärte Misato.
„Egal worum es geht, von mir kannst du auch grüßen!“ grinste Kaji, der gerade aus Kaworus Zimmer kam.
„Kaji!“ rief Asuka. „Nimmst du mich mit zurück in die Geofront?“
„Bedaure, ich passe hier noch ein wenig auf, bis eine Ablösung kommt.“
„Wie sieht der Neue überhaupt aus?“
Asuka quetschte sich an dem überraschten Kaji vorbei.
„Iiiie! Der sieht ja aus wie Wondergirl! Noch so ein Bleichgesicht!“
Schnell kehrte sie auf den Flur zurück.
Shinji kam aus seinem Zimmer, hielt Rei die Tür geöffnet, so daß sie nun darin verschwinden konnte, um sich umzuziehen.
„Na, Ikari, jetzt siehst du schon etwas fitter aus.“
Shinji grinste müde. Wenn Toji wüßte, wie fit er gewesen wäre ohne Rei-chans Aufwärmübun-gen...
Kajis Handy klingelte, er ging ein paar Schritte den Flur hinunter, ehe er zu sprechen begann, kehrte aber schnell zurück.
„Sie verlegen Nagisa in den Krankenflügel des Hauptquartiers, ich bleibe auf alle Fälle noch solange hier.“
„Okay“, bestätigte Misato. „Ich fahre jetzt zurück und setze Shinji und Rei daheim ab. Asuka, wenn du mitkommen willst, setz dich in Bewegung, ansonsten bleib hier und
sieh zu, wie du zurückkommst.“
„Was habe ich denn wieder gemacht?!“ protestierte Asuka laut.
„Kritik am vorgesetzten Offizier.“ knurrte Misato.
Kurz darauf stieß auch Rei zu ihnen und die vier setzten sich in Bewegung, nachdem sie sich - oder zumindest drei von ihnen - von Toji verabschiedet hatten, der versprach, die
Grüße auszu-richten.
Asuka saß auf der Rückfahrt auf dem Beifahrersitz und spielte beleidigte Leberwurst; als Misato Shinji und Rei vor deren Haus absetzte, konnte Asuka sich die Bemerkung, die beiden
sollten bloß aufpassen, daß die Bude nicht über ihnen zusammenkrachte, nicht verkneifen.
*** NGE ***
Oben in der Wohnung fiel Rei Shinji um den Hals, kaum daß die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloß gefallen war, küßte ihn und knöpfte zugleich das Hemd, welche
er zuvor hochkonzen-triert zugeknöpft hatte, auf, half ihm aus seinen Sachen und bugsierte ihn ins Bad.
*** NGE ***
Am nächsten Morgen standen Teile der Stadt immer noch unter Wasser, weil die Kanalisation an verschiedenen Stellen verstopft war, zum Glück war die Gegend, in welcher Shinji und Rei
wohnten, nicht davon betroffen, allerdings fuhren keine Bahnen, da die U-Bahntunnel teilweise überflutet waren, nach der Verlautbarung des Stadtrates würde dieser Zustand noch bis zum
Abend anhalten. Noch in der Nacht hatte NERV Entwarnung bezüglich der dunkelblauen Flüs-sigkeit gegeben.
Die beiden fuhren mit dem Rad zur Schule, Shinji auf dem Sitz, Rei auf dem Gepäckträger, sich an Shinji festhaltend und dabei ab und an ein leises „Huih!“ von sich
gebend.
Da sie früh genug losgefahren waren, mußte Shinji sich auch nicht derart anstrengen wie vor über einem Monat, als sie beinahe die Prüfungen verpaßt hätten.
Natürlich dachte der alte Lehrer, welcher auch dieses Jahr wieder den Löwenanteil an Unter-richtsstunden bestreiten würde, nicht daran, sich an den Stundenplan zu halten,
dafür gab es wieder einen sehr langen Monolog über den Second Impact, wobei es Shinji sehr schwer fiel, nicht breit zu grinsen, stimmten die Aussagen des Lehrers, der Impact wäre
durch einen Aste-roideneinschlag am Südpol hervorgerufen worden, doch überhaupt nicht. Andererseits war das wirklich kein Thema, über welches man lachen sollte...
Eine kurze Abwechslung gab es nur in der dritten Stunde, als Hikari über Lautsprecher zur Di-rektorin zitiert wurde.
Die Klassensprecherin - trotz der Tatsache, daß ein neues Schuljahr begonnen hatte, hatte nie-mand Interesse an Neuwahlen gezeigt - zuckte überrascht zusammen, wartete die Erlaubni
des Lehrers ab und verließ dann den Klassenraum.
*** NGE ***
„Fräulein Horaki?“ fragte die Sekretärin der Direktorin.
„Ja.“
Hikari blickte sich im Vorzimmer unsicher um.
Warum hatte man sie herbestellt? Sie hatte doch ihre Aufgaben korrekt erfüllt...
„Bitte eintreten.“
„Äh, ja.“
Zögernd öffnete sie die Tür ins Zimmer der Direktorin und trat ein.
Hinter dem Schreibtisch der Direktorin saß nicht diese, sondern eine Frau mit wasserstoff-blonden Haaren, die etwas, das wie das Oberteil eines Taucheranzuges wirkte, unter einem
Laborkittel trug.
„Hikari Horaki?“
„Ja.“
Hikari sah sich, stellte fest, daß ansonsten niemand anwesend war.
„Ich bin Ritsuko Akagi, Wissenschaftsoffizier im NERV-Hauptquartier.“
Sie reichte eine Visitenkarte über den Tisch.
„Ja...“
Hikari warf einen Blick auf die Karte, sie trug nur das NERV-Symbol und den Namen der Frau.
„Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß du befähigt bist, einen EVANGELION zu steuern.“
„Ich...?“ quetschte Hikari mit erstickter Stimme hervor.
Das mußte doch ein Irrtum sein... sie konnte doch nicht... sie war nicht geprüft worden...
„Ja.“
Akagi faltete die Hände vor sich auf dem Tisch.
„Wir wollen dich als Pilotin für Einheit-03 anwerben.“
„Mich? Das kann nicht stimmen... ich kann soetwas nicht...“
Mit unbewegter Miene hörte Ritsuko zu, wie das Mädchen vor ihr einen Grund nach dem an-deren aufzählte, weshalb es nur ein Irrtum sein konnte.
„Hikari, ich kann dir versichern, daß uns ausreichende Daten vorliegen, die deine Befähigung bestätigen. Ich habe hier eine Zugfahrkarte nach Matsushiro, wo deine Ausbildung
durchge-führt werden wird, sei morgen vormittag am Bahnhof.“
„Nein, das geht nicht, ich kann nicht...“
„Gut“, seufzte Ritsuko. „Du kannst gehen.“
„Ich... wirklich?“
„Ja, natürlich. Ich habe noch mehr zu tun. Aber schicke bitte...“ sie nahm die nächste Akte von ihrem Stapel, „Toji Suzuhara zu mir.“
Hikari erstarrte.
Toji... ihr Toji-chan... er würde sicher nicht ablehnen, würde gar nicht erst auf den Gedanken kommen, daß eine solche Option bestand, schließlich wußte er ja, wie
Ikari-kun als Pilot rekru-tiert worden war...
Langsam setzte sie sich.
Akagi sah Hikari mit hochgezogenen Brauen an.
„Gibt es noch etwas?“
„Sie werden ihn als nächsten anzuwerben versuchen...“
„Ja, ich habe keine große Auswahl.“
„Warum ich?“
„Deiner Akte nach bist du der beste Kandidat unter den potentiellen Piloten.“
„Ich...“
„Also?“
Sie biß sich auf die Lippe.
„Ich habe Bedingungen.“
„Bedingungen? Gut, laß hören.“
„Nur zwei... und eine davon würde wohl auch T... Mitschüler Suzuhara stellen.“
„Ich höre.“
„Ich habe zwei Schwestern, unsere Mutter ist tot. Ich kümmere mich um den Haushalt, wenn ich für NERV arbeiten soll, müssen Sie jemanden abstellen, der bei uns daheim meinen
Platz einnimmt.“
Ritsuko machte sich entsprechende Notizen.
„Eine Haushaltshilfe... ja, das liegt im Rahmen des möglichen.“
„Und dann... Mitschüler Suzuhara hat eine jüngere Schwester, sie liegt seit Monaten im Kran-kenhaus... beim ersten Angriff wurde sie verletzt... NERV soll dafür sorgen,
daß sie die best-mögliche Behandlung bekommt.“
Ritsuko musterte Hikari lange.
„Warum kümmert es dich, was mit diesem Mädchen geschieht? Sie gehört nicht einmal in deine Klasse.“
„Ich... ich habe sie besucht. Das ist mein Preis, Doktor Akagi. Und auch... Mitschüler Suzuha-ra wird diesen Preis verlangen.“
„Hm...“
Akagi hatte die Pausen bemerkt, welche das Mädchen machte, sobald es über den anderen Kandidaten sprach, so als ob es etwas ganz anderes sagen wollte. Und sie konnte sich denken, wa
das war.
„Toji Suzuhara ist dein Freund, nicht wahr?“
„Ahm...“
Hikari wurde rot.
„Das ist wahr.“
„Verstehe.“
Sie war durch die Jahre bei NERV viel zu abgebrüht, um gerührt zu sein, doch sie war nahe daran.
„Gut. NERV wird die Kosten der Behandlung von...“
„Mari Suzuhara.“
„... von Mari Suzuhara übernehmen. Sei morgen pünktlich am Zug, man wird dich in Matsu-shiro abholen.“
„Ja, Doktor Akagi.“
„Und bewahre Stillschweigen, das gehört zu unserer Vereinbarung.“
„Ja.“
„Du kannst in den Klassenraum zurückkehren.“
Hikari verließ das Büro, ging wie im Halbschlaf durch das Vorzimmer und die Flure, konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, gerade eben ihre Seele verkauft zu haben...
*** NGE ***
Den ganzen restlichen Schultag saß Hikari mit hängenden Schultern an ihrem Pult und blickte ins Leere, beantwortete neugierige Fragen, weshalb sie zur Direktorin gerufen war, nur mit
ei-nem unwilligen Brummen und ließ sich auch nicht von Toji aufheitern.
Schließlich bat sie Rei in der letzten Pause, mit ihr kurz auf das Dach des Gebäudes zu gehen.
Der Himmel über Tokio-3 war klar und erlaubt eine wunderbare Aussicht.
Doch Hikari hatte kein Auge dafür.
„Du wolltest mit mir sprechen.“
„Ja, Rei. Ich... Als ich bei der Direktorin war, war da eine Frau...“
Hikari reichte Rei die Visitenkarte.
„Doktor Akagi...“ las Rei überrascht.
„Ich bin jetzt auch eine EVA-Pilotin.“ erklärte Hikari tonlos.
„Das...“
Rei brach ab. Was sollte sie denn sagen? Der Tonfall der Klassensprecherin deutete nicht dar-auf hin, daß sie sich über die Auswahl freute, also verbot sich eine Gratulation. Und
genauge-nommen war Rei auch nicht danach zumute, wenn sie bedachte, daß bald ein weiteres Mitglied ihres kleinen Freundeskreises zwar an ihrer Seite stehen, aber auch denselben Gefahren
ausge-liefert sein würde.
„Ich verstehe.“
„Ja? Ich verstehe überhaupt nichts, weder, weshalb ich ausgewählt wurde, noch warum ich zu-gesagt habe... das heißt, das warum ist nicht das Problem... sie hätten sich
andernfalls an Toji gehalten...“
Das überraschte Rei nun doch, daß auch Suzuhara-kun auf der Liste von Kandidaten stand, welche das MARDUK-Institut erstellt hatte.
„Ja.“
„Ich darf es ihm nicht einmal sagen. Wie soll ich ihm denn erklären, daß ich die nächsten Tage nicht da sein werde, daß ich leider alle Verabredungen platzen lassen
werde, die wir für die na-he Zukunft getroffen haben?“
„...“
„Rei, wie war es, als du das erste Mal in einen EVA gestiegen bist?“
„EVA-00 ist Amok gelaufen und ich wurde schwer verletzt.“
Hikari wurde kreidebleich.
„Deshalb“ murmelte sie, das Bild Reis mit ihren zahlreichen Verbänden nur viel zu gut vor Augen.
„Aber derartiges hat sich nicht wiederholt. Außerdem sind die Sicherheitsvorkehrungen mitt-lerweile verbessert worden.“
„Ich... ah... ich habe Angst.“
„Ja.“
Das sollte die Klassensprecherin besser auch... bei EVA-03 war unter Garantie dieselbe Grund-programmierung wie bei den anderen EVAs verwandt worden...
Rei trat neben Hikari an die Brüstung.
„Hikari, du wirst mit Dingen in Kontakt kommen, welche Angst mehr als rechtfertigen.“
„Die Engel... ist es wahr, daß Ikari-kun gestern von einem beinahe verschlungen worden ist?“
„Ja. Aber es gibt noch andere Dinge. Die EVAs wurden geschaffen, um die Engel zu bekäm-pfen, das ist der ganze Inhalt ihrer Existenz. Und dies geben sie auch in ihre Piloten
weiter.“
„Diese... diese Dinger denken doch nicht, oder?“
„Wenn du die Kontrolle über ihre Wut behalten willst, darfst du keine Angst verspüren, ver-stehst du?“
„Keine Angst... keine Angst...“
„In einem Kampf kann ich... können Shinji-kun und ich dich beschützen, aber im EntryPlug, in der Steuerkapsel, bist du auf dich allein gestellt.“
„Ich verstehe... es ist also ganz leicht, in einem EVA verletzt zu werden, trotz der Größe und der Panzerung...“
„Außer, wir stehen zusammen. Sag Suzuhara-kun, du mußt dringend weg, sag ihm, wenn er mit dir sprechen will, soll er mit mir reden, ich werde versuchen, einen Kontakt
herzustellen.“
„Das ist sehr nett von dir.“
„Ich habe nicht viele Freunde.“
„Dann... ich habe bereits darüber nachgedacht, fast den ganzen Tag... ich werde heute nach-mittag mit Toji ausgehen, er hat mich ins Kino eingeladen... und danach... meine ältere
Schwe-ster arbeitet in einem Hotel, sicher bekommen wir dort ein Zimmer... ich muß nur meinen Kof-fer für die Reise nach Matsushiro mitnehmen...“
Hikari verstummte.
„Ich habe das Gefühl, daß ich heute zum letzten Mal hier stehe.“
„Die Grundausbildung wird bestenfalls zwei Wochen in Anspruch nehmen, danach wirst du nach Tokio-3 zurückkehren, da der EVA im Hauptquartier stationiert sein wird. Du wirst noch oft
hier stehen können, Hikari.“
„Du bist eine echte Freundin, Rei... und was meine Planung des heutigen Abends angeht... be-halte es bitte für dich, ja?“
„Natürlich.“
„Ich will nur eine schöne Erinnerung mit auf die Reise nehmen...“
*** NGE ***
Im Hauptquartier standen Misato und Kaji derweil vor einem Automaten in der Cafeteria.
„Willst du auch Kaffee? Ich lade dich ein.“
„Kaffee? Kein Bier? Katsuragi-chan, geht es dir gut?“
„Natürlich geht es mir gut... nein, eigentlich geht es mir nicht gut. Asuka macht Streß, ich habe zuhause kein Bier mehr im Kühlschrank und überlege, ob ich nicht
für ein paar Tage einfach in mein Büro ziehen sollte.“
„Du könntest bei mir wohnen.“
„Glaubst du wirklich, das würde gutgehen?“
„Weiß nicht, einen Versuch wäre es doch wert, oder?“
„Lieber nicht, Kaji. Du hast dich vielleicht seit unserer gemeinsamen Zeit verändert, aber ich bin noch nicht darüber hinweg.“
„Okay, wie du meinst. Aber ich werde mir weiterhin Mühe geben.“
Misato nickte.
„Ritsuko hat mir vorhin mitgeteilt, daß sie den Piloten für EVA-03 aussucht... unter den Kan-didaten mit höchster Priorität sind auch Freunde von Shinji.“
„So...“
„Ja. Kannst du mir sagen, wie es Kandidaten geben kann, wenn laut deinen Nachforschungen das aussuchende MARDUK-Institut gar nicht existiert? Das läuft doch alles viel zu
glatt.“
„Tja, Katsuragi... Ich bin im Zusammenhang mit den Testkandidaten auf etwas gestoßen... Code 707.“
„707 - das ist Shinjis Schule, das ist der Sicherheitscode für das Areal.“
„Ja, genau. Wenn du mich fragst, dann manipuliert NERV alles selbst insgeheim.“
„NERV selbst... nein... Ikari...“
„Ikari ist NERV. Und wenn ihm klar wird, daß ich das alles weiß, bezweifle ich, daß er mich weiterhin am Leben lassen wird.“
„Kaji...“
„Ah, komm, Katsuragi, das ist das Risiko, welches zum Job gehört. Ich soll solange ausharren, wie ich kann. Und falls ich ganz überraschend abreisen muß, um meinen knackigen
Hintern zu retten, ist es wohl besser, wenn jemand weiß, was abgeht. - Wußtest du eigentlich, daß Ikari vor dem Second Impact mit einer Reihe wissenschaftlicher
Veröffentlichungen Aufsehen erregt hat?“
„Nein, was meinst du?“
„Ikari... oder besser Rokubungi, wie er damals noch hieß... er hat nämlich bei der Hochzeit den Namen seiner Frau angenommen... war ein Verfechter der Verbesserung des Menschen
durch Genmanipulation im Ungeborenenstadium. Stichwort: Der perfekte Mensch.“
„Mein Gott...“
„Ja. Seiner Theorie nach ist es möglich, durch gezielte Manipulation jede Veranlagung und jede Begabung hervorzurufen, Erbkrankheiten auszurotten, alles was nicht perfekt ist, einfach
zu korrigieren... in seiner Vorstellung müßten wir vielleicht alle groß, blond und blauäugig sein, oder so ähnlich.“
„Und was hat das mit der Gegenwart zu tun? Ich meine, mir gefällt das auch nicht, absolut nicht, aber wo ist der Zusammenhang?“
„Erstens: Ich glaube, daß Ikari in der Klasse 2-A... nein, jetzt ja 3-A der Tokio-3-High eine eigene Testgruppe hat. Jeder der Schüler ist ein potentieller EVA-Pilot, aber da
ist alles, ansonsten steht niemand auf der Liste. Und zweitens: Rei.“
„Das ist übel... und was ist mit Rei?“
„Rei Ayanami - stärker, schneller, robuster, intelligenter... besser als der Durchschnittsmensch. Klingelt da etwas? Klingt doch, als ob Ikari seine Theorien in der Praxis angewandt
hat.“
„Das... Kaji, weißt du, was du da sagst?“
„Kennst du Reis Geburtsdatum? Die Namen ihrer Eltern? Mögliche noch lebende Verwandte? Ihren Geburtsort? Den Todestag ihrer Eltern? Irgendetwas?“
„Nein. Die Daten sind entweder geheim oder gelöscht.“
„Es gibt überhaupt nichts. Das erste Mal taucht eine Rei Ayanami vor etwas über fünf Jahren in den Unterlagen auf, als NERV für sie eine Wohnung angemietet hat. Und wa
die geheimen Unterlagen angeht... ich habe mich in die Datenbank gehackt - Katsuragi, die Dateien sind alle leer.“
„Das ist eine Verschwörung. Und wir stecken mitten drin.“
„Genau. Und deshalb kann ich dir nur raten, in Zukunft immer mit einer geladenen Waffe unter dem Kopfkissen zu schlafen.“
„Was ist mit dem Fifth Children? Durch Nagisas Rettung wird doch eigentlich kein neuer Pilot mehr benötigt, oder?“
„Nun, den neuesten Nachrichten zufolge ist der Junge auf längere Sicht hin nicht einsatzbereit. Er ist zwar inzwischen wach, befindet sich aber in einer Art Schockzustand, der jede
Synchro-nisation mit einem EVA verbietet. Und wer weiß, was für Schäden er vielleicht noch durch den Aufenthalt im Inneren des Engels erlitten hat.“
„Hm... wen Ritsuko wohl aussuchen wird...“
*** NGE ***
Shinji stand am Schultor und wartete auf Rei, welche noch etwas mit Hikari zu besprechen hat-te.
Kensuke trat an ihn heran.
„Sag mal, Shinji...“
„Hm?“
„EVA-03, ist der schon fertiggebaut?“
„Wie kommst du denn auf die Idee?“
„Hey, es gibt da draußen noch mehr Leute, die sich dafür interessieren, laut einem von den Ty-pen in der Diskussionsgruppe ist ein weiterer EVA in Matsushiro in
Arbeit.“
„Ahm, stimmt, da wird einer gebaut...“
„Und der Pilot?“
„Uh, was soll mit dem Piloten sein?“
„Steht der schon fest? Sag schon! Oder kann man sich noch bewerben?“
„Äh, Kensuke, ich glaube nicht, daß man auf Anfrage Pilot wird...“
„Oh, ich wäre so gerne Pilot! So eine Chance kommt doch nie wieder! Oder werden sie den anderen Piloten nehmen, den von EVA-04?“
„Woher weißt du davon?“
„Toji hat erzählt, daß man außer dir gestern noch einen Piloten im Krankenhaus behandelt hat... oder hat der ins Gras gebissen? Ist die Stelle vielleicht noch
frei?“
„Kaworu ist noch am Leben!“ antwortete Shinji heftiger als beabsichtigt.
„Ich wäre so gerne Pilot... dann würde man mich ernstnehmen... und ich wäre ein Held, so wie in den Mangas!“
„Kensuke... äh... ich will dir ja nicht... uhm... zunahetreten... aber... uh... ich fühle mich nicht gerade heldenhaft. Und als Held hat mich auch noch niemand
bezeichnet.“
„Ach... nicht?!“
Kensuke ließ die Schultern hängen.