Einen guten Teil des Nachmittages verbrachten Shinji und Rei mit Einkaufen, der Vorrats-schrank mußte wieder einmal aufgefüllt werden, dazu noch die eine oder andere Kleinigkeit, wie Shampoo oder Geschirrspülmittel.
Während Shinji im Anschluß die Einkäufe einräumte, lag Rei bäuchlings auf dem Bett, das Gesicht zum Fußende, und starrte gegen die Wand.
„Ich fange jetzt mit Kochen an!“ verkündete Shinji, kam dann, als eine Antwort ausblieb, in den Schlafraum.
„Rei-chan... ahm...“
Sie reagierte nicht.
Shinji setzte sich neben sie.
„Worüber... uhm... denkst du nach?“
„Ich habe heute etwas erfahren. Shinji-kun, kannst du ein Geheimnis bewahren? Es geht um Hikari und Suzuhara-kun.“
„Uh... ein Geheimnis?“
Lag es etwa zwischen den beiden im Argen? Hatten sie sich gestritten? Hatte Hikari deshalb mit Rei-chan sprechen wollen?
„Natürlich kann ich schweigen.“
„Hikari Horaki wurde als EVA-Pilotin ausgewählt.“
„Ah... ah...“
Shinjis Mund stand offen. Damit hatte er nun doch nicht gerechnet, eher damit, am morgigen Tag in der Schule einen am Boden zerstörten Toji wieder aufbauen zu müssen.
„Für Einheit-03. Ihre Ausbildung beginnt morgen in der Testanlage von Matsushiro.“
„Hikari soll einen EVA steuern? Uh... Rei... das ist... also... ahm... ich weiß nicht... wie ist man denn nur auf sie gekommen?“
„Das MARDUK-Institut hat sie ausgewählt, so wie du ausgewählt wurdest.“
„MARDUK?!“
Den Namen hatte er schon gehört... ja, dieses Institut war für die Auswahl der Piloten zustän-dig, aber ihm war nie jemand davon über den Weg gelaufen, jedenfalls hatte
niemand sich ihm gegenüber als Mitarbeiter des Instituts vorgestellt...
„Und sie haben... uhm... also... und das hat sie dir vorhin erzählt?“
„Ja, Shin-chan. Sie war sehr unsicher.“
„Das... ah... das kann ich nachfühlen.“
„Ich habe sie vor der Dunkelheit zu warnen versucht.“
Shinji nickte.
„Und... uh... Toji?“
„Hikari wurde von Doktor Akagi zum Stillschweigen verpflichtet. Sie hat sich mir nur anver-traut, weil ich ebenfalls eine Pilotin bin. Und unter derselben Maßgabe habe ich es dir
anver-traut.“
„Ja... ahm... ich werde es nicht weitersagen.“
„Shin-chan, ich möchte, daß du dir etwas ansiehst... in der oberen Schublade.“
„Uhm...“
Er stand auf, ging zu dem Schrank, sah sie fragend an.
Die oberste Schublade enthielt Rei-chans private Sachen... er hatte noch nie einen Blick hin-eingeworfen.
„Öffne sie ruhig.“
Shinji zog die Schublade auf, kämpfte sogleich gegen Erröten und Nasenbluten an, als er ihre zusammengelegten Höschen sah.
Warum passierte ihm das denn jetzt? Schließlich legte er doch auch die Wäsche zusammen, wenn sie im Waschsalon aus der Waschmaschine kam...
Daneben lag in der hinteren Ecke ein Brillenetui, dessen Existenz er sich ganz schnell bemühte, wieder zu vergessen. Und da war ein Paar Handschuhe... Handelemente einer PlugSuit...
Er nahm sie und zeigte sie Rei.
„Ahm, das hier?“
„Ja. Sieh sie dir an.“
Er wußte, was das für Handschuhe waren... die Innenflächen wiesen Spuren von Hitzeeinwir-kung auf, die Farbe war ebenfalls verräterisch. Es waren seine Handschuhe, jene
Handschuhe, die er getragen hatte, als sie gegen den Engel Ramiel gekämpft hatten, die beschädigt worden waren, als er die Einstiegsluke von Rei-chans EntryPlug geöffnet hatte.
„Du... du hast sie die ganze Zeit aufbewahrt?“
„Ja, Shin-chan. Eine Erinnerung daran, daß jemand für mich da ist.“
„Uhm...“
Shinji legte die Handschuhe zurück. Das war also das Geheimnis der obersten Schublade...
*** NGE ***
In der Schule irrte Toji am nächsten Tag durch die Gänge wie ein Schlafwandler.
Kensuke schleppte Shinji hinter sich her, während er Toji folgte.
„He, Toji, was ist denn mir dir los?“
Toji blinzelte, sah die beiden an.
„Ach, ihr... habt ihr Hikari gesehen?“
„Nein, Großer. Vielleicht ist sie krank.“
Panik trat in Tojis Augen.
„Uh, sicher geht es ihr gut.“ sagte Shinji und riß sich endgültig aus Kensukes Griff los.
„Sie... sie hat gesagt, sie müßte für ein paar Tage weg“, murmelte Toji abwesend.
„Was hat er denn?“ flüsterte Kensuke Shinji zu.
Shinji hatte eine vage Ahnung, was in Toji vorging, vor allem, wenn Hikari ihn nicht darüber informiert hatte, was ihr bevorstand. Allerdings war die Reaktion doch etwas extrem, wenn sie nur
ein paar Tage wegbleiben wollte... außer natürlich, es gab noch andere Gründe...
Toji seufzte tief und langanhaltend.
„Jetzt macht er mir Angst“, murmelte Kensuke. „Er sieht aus wie Oberschüler Kuno.“
„Wer?“ fragte Shinji.
„Ach, ist ein Charakter aus einem alten Manga.“
„Äh... ja... wir bringen Toji besser ins Klassenzimmer, wer weiß, wo er sonst hinläuft...“
*** NGE ***
Misato ging die Akte durch, welche Ritsuko ihr schweigend gereicht hatte.
„Das ist also Nummer vier... Hikari? Warum gerade sie?“
„Ihre Werte sind optimal. Führungsqualitäten, Verantwortungsbewußtsein, aber nicht zu selbstbewußt, so daß sie in einem Team arbeiten kann. Die Stärke de
nächsten Kandidaten wäre eher seine Selbständigkeit gewesen, aber ich ziehe sie einem einsamen Wolf vor.“
„Das Mädchen hat zwei Schwestern und einen verwitweten Vater, sie kümmert sich allein um den Haushalt...“
„Ich weiß. NERV hat eine Haushaltshilfe engagiert.“
„So... Hat das MARDUK-Institut sie ausgewählt?“
„Natürlich, da beziehen wir alle unsere Daten her.“
„Aha...“
Misato wischte mit der Hand über die nahezu leere Schreibtischplatte.
„Ritsuko, dein Büro wirkt so aufgeräumt...“
„He, keine Kritik, ja... wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!“
„Ich meine doch nur... ziehst du vielleicht in ein größeres Büro?“
„Nein, ich verbringe die nächsten zwei Wochen in Matsushiro und weise die neue Pilotin ein. Maya übernimmt hier für mich.“
„Ist sie denn schon soweit?“
„Ja. Solange es keine größeren Schwierigkeiten gibt - aber dann komme ich ohnehin zurück. Ich habe heute nacht das System von EVA-01 durchgecheckt, keine Bedenken. Maya wird
die üblichen Tests durchführen und die Synchronraten im Auge behalten. Ach ja, könntest du Rei etwas von mir ausrichten?! Wenn... hm... Fragen bestehen, bin ich über mein
Handy zu errei-chen.“
„Ja, mache ich.“ antwortete Misato irritiert. „Also, dann... gute Fahrt... ich komme dann zum ersten Aktivierungstest und der anschließenden Überführung von
EVA-03 ebenfalls nach Ma-tsushiro.“
„Okay. Maya wird in der Zwischenzeit hier in meinem Büro ihre Zelte aufschlagen - nur falls Kaji und du auf der Suche nach einem abgeschiedenen Ort...“
„Ritsuko! Zwischen ihm und mir ist nichts mehr! Und außerdem gibt es doch wohl tausend bessere Orte als gerade dein Büro, wo man von lauter Katzen angestarrt wird!“
„Da fällt mir ein - ich muß meine Katzen noch zu meiner Großmutter bringen, kann sie ja schlecht mitnehmen.“
„Och, du bist doch die Chefwissenschaftlerin von NERV, da sollte sowas drin sein.“
„Nimmst du deinen Pinguin mit zur Arbeit?“
„Nee.“
„Na also. Vergiß nicht, Rei das von mir auszurichten.“
„Mache ich.“
*** NGE ***
Kaji hörte, wie sich in seinem Rücken die Tür seines Büros öffnete, speicherte sofort die Daten ab, an denen er gerade arbeitete und schaltete den Bildschirmschoner ein.
Zugleich gingen sein Blick schräg nach oben zu der dort hängenden verspiegelten Scharfschützenmedaillie und seine rechte Hand zum Griff der Waffe im Schulterhalfter.
In dem provisorischen Spiegel sah er verschwommen einen roten Haarschopf.
Zugleich rief eine Mädchenstimme:
„Hallo, Kaji-san!“
„Asuka...“
Kaji nahm die Hand von der Waffe.
Seit er dem Mädchen in der Fresenhark-Villa zu Hilfe gekommen war, war er in ihren Augen ein Held, obwohl er ganz anderer Meinung war, war er doch viel zu spät gekommen... aber
vielleicht kompensierte sie durch ihr Verhalten ihm gegenüber auch nur ihre Erinnerungen an jenen Tag...
„Tut mir leid, ich habe gerade ziemlich viel zu tun.“
Als Antwort umarmte sie ihn von hinten.
Kaji biß die Zähne zusammen.
Ein wenig Bewunderung ließ er sich ja noch gefallen, aber jetzt ging sein Schützling doch zu weit. Und wenn ihr Onkel diese Szene gesehen hätte, wäre er sicher zum gleichen
Ergebnis ge-kommen und hätte ihn einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen.
„Asuka, ich habe wirklich keine Zeit... okay, was gibt es?“
„Ich wollte mit dir sprechen... wegen der ganzen Sache mit Shinji und so... du bist mir in den letzten Wochen aus dem Weg gegangen...“
„Nein, wirklich nicht, ich bin nur richtig mit Arbeit zugeschüttet, das ist alles.“
„Ich wollte ihm wirklich nichts tun... es ist nur so... ich war unsicher, mit ihm allein zu sein, was, wenn er wie Pietter gewesen wäre? Und First verhält sich auch so
abweisend...“
„Asuka, ich verstehe ja, warum du das getan hast, du brauchst mir nichts vorzuspielen. Du magst die beiden einfach nicht und sie kommen mit dir nicht klar, das passiert überall, liegt
wohl in der Natur des Menschen.“
„Nein, ich spiele dir nichts vor... ich liebe dich doch!“
Innerlich verzog Kaji das Gesicht, äußerlich behielt er jedoch sein Pokerface bei.
Soetwas fehlte ihm gerade noch, daß sich ein Teenager in ihn verliebte...
„Ich weiß, daß du mich magst - ich mag dich ja auch -, aber das ist noch keine Liebe. Du kennst mich doch gar nicht, weder meine Schwächen, noch meine häßlichen
Seiten. Du bildest dir nur ein, mich zu lieben, weil du mich interessant findest.“
Ein paar harte Worte brachten sie vielleicht dazu, von ihrer Faszination abzurücken... er konnte Asuka ja verstehen, schließlich war er erwachsen, gutaussehend, clever,
geheimnisvoll... und er hatte einen knackigen Hintern...
„Das ist nicht wahr!“ rief Asuka sichtlich getroffen.
„Ist es doch. Du bist doch immer noch ein Kind.“
Asukas Miene versteinerte.
Noch ein Kind...
Nein, ein Kind war sie schon lange nicht mehr, seit über zwei Jahren nicht mehr...
Sie öffnete die Schleife ihrer Schuluniform, knöpfte ihre Bluse auf.
Kaji sah sie entgeistert an.
„Asuka, laß das... was soll das? Hör auf!“
„Kaji... sieh genau hin! ´Ein Kind´? Sieh mich an, bin ich ein Kind?“
Sie legte eine Hand auf ihren, nur noch von ihrem BH bedeckten, üppigen Busen.
„Sieht so ein Kind aus? Mir ist es ernst, Kaji, ich würde dir alles geben... freiwillig...“
Die Bluse fiel zu Boden.
„Bitte, versteh meine Gefühle...“
Kaji schluckte, bückte sich nach der Bluse.
„Jetzt verstehe ich sie. Und ich werde dich nie wieder ´Kind´ nennen.“
Er hängte ihr die Bluse über die Schultern.
„Aber ich erwidere deine Gefühle nicht. Es tut mir leid.“
Asuka starrte ihn an.
In ihr zerbrach etwas.
Warum liebte er sie nicht? Warum konnte er sie nicht lieben? Wen liebte er dann...
„Misato...“ flüsterte sie.
Zorn stieg in ihr auf.
Misato hatte ihr Kaji fortgenommen...
„Du liebst sie immer noch?! Gibt es deshalb keinen Platz für mich?“
Kaji hob abwehrend die Hände.
„Asuka, das ist es nicht...“
Er log, ja, aber die Wahrheit hätte das Mädchen noch mehr in Rage versetzt...
„Nein? Denkst du, ich würde nicht bemerken, wie du sie ansiehst?“
Kaji fühlte sich, als wäre er unfreiwilliger Darsteller in einer Seifenoper.
„Asuka...“
Er wich zurück, stieß dabei gegen seine Maus, schaltete den Screensaver ab.
„Moment mal...“
Asuka peilte an ihm vorbei, fixierte das Bild der Klassensprecherin der 3-A, Hikari Horaki, welches auf dem Bildschirm erschienen war.
„Das gibt´s doch nicht... die und EVA-Pilotin? Ihr spinnt doch alle hier!“
Fahrig schlüpfte sie wieder in ihre Bluse, knöpfte sie zu, wich zugleich zur Tür zurück.
„Kaji... ich... ich... ich hasse dich!“
Kaji hatte sie fallengelassen... er liebte sie nicht... hatte sie nie geliebt... er hatte sie verra-ten... gab Misato den Vorzug... wurde deshalb die Klassensprecherin ins Team geholt, diese
Schnepfe? Um sie auszubooten? Nicht mit ihr, nicht mit Asuka Soryu Langley!
*** NGE ***
Zwölf Tage waren vergangen, die Klassenfahrt stand unmittelbar bevor, ein Tag Schule noch, dann das Wochenende und am Montag würde die 3-A nach Okinawa abfliegen.
Die Piloten waren bereits Anfang der Woche darüber informiert worden, daß sie an der Reise nicht teilnehmen würden, was Rei mit unbewegtem Gesicht, Shinji mit leichter
Enttäuschung - er hätte gern einmal etwas anderes gesehen als Tokio-3 - und Asuka mit einem offenen Wut-ausbruch zur Kenntnis nahm, bei dem ihr Spind in der Umkleidekabine zu Bruch
ging.
Shinji beschäftigte sich in Gedanken mit eben dieser Umkleidekabine - das Piloten-Team erhielt mit einem weiteren weiblichen Piloten Zuwachs. Und der Gedanke, daß sich ausgerechnet
Hi-kari auf der anderen Seite des Wandschirmes befinden würde, bereitete ihm Unbehagen. Mit Rei-chan war er mittlerweile vertraut genug, daß sie sogar zusammen duschen konnten, ohne
daß er dabei vermeinte, den Verstand zu verlieren. Und die ständig stänkernde Asuka ignorier-te er nach bestem Können, auch wenn ihre Vermutungen über das, was er und
Rei-chan so al-les taten, langsam der Realität entsprachen, wie Shinji errötend bei sich feststellte. Aber Hika-ri... wenn Toji erfuhr, daß die Piloten eigentlich nur einen Raum
hatten, um sich umzuziehen, der nur von einer dünnen Stoffbahn geteilt wurde... wahrscheinlich würde Hikaris Freund ihm den Hals umdrehen... Toji lief in den Tagen auch immer noch herum
wie Falschgeld, während der Stunden starrte er stur auf Hikaris Platz, als könnte er sie so herbeiwünschen.
Schließlich trat Toji in der Pause auf Rei zu.
„Ayanami, Hikari hat mir gesagt, du wüßtest, wie ich sie erreichen könnte.“
„Ja, das stimmt, Suzuhara-kun.“
Rei holte ihr Handy heraus, tippte die Nummer von Doktor Akagis Gerät ein.
„Einen Moment.“
Am anderen Ende der Leitung wurde abgenommen.
„Rei?“
„Ja. Ist Hikari zu sprechen?“
„Augenblick, ich stelle in den Test-Plug durch. - Eigentlich hatte ich deinen Anruf bereits frü-her erwartet.“
„Ja.“
Akagi gab etwas von sich, das wie ein unterdrücktes Lachen klang.
„Hier ist sie.“
„Danke.“
Rei reichte Toji ihr Handy.
Toji nahm es entgegen, lauschte.
„Uhm, hi...“
*** NGE ***
„Und es macht dir wirklich nichts aus?“
„Ach was, wir kommen schon klar.“
Shinji hörte die Stimme bereits, ehe er um die Ecke des Ganges bog. Er hatte gerade sein Syn-chrontraining hinter sich. Maya Ibuki hatte in den letzten Tagen viel Routine entwickelt,
wäh-rend sie zu Anfang noch versucht hatte, durch Scherze ihre Unsicherheit zu überspielen, weil sie allein die Geräte im Testcenter bediente.
Die Stimmen gehörten Kaji-san und Misato.
Shinji bog um die Ecke, blieb in gebotenem Abstand stehen.
Die beiden Erwachsenen standen auf den Korridor vor Kajis Büro, neben Kaji stand PenPen, der einen Rucksack aufgeschnallt hatte.
Misato trug ihre Ausgeh-Uniform.
„Ah, Shinji, von dir wollte ich mich auch noch verabschieden.“
„Uhm. Geht es nach Matsushiro?“
„Hier bleibt wohl nichts lange geheim. Ja, stimmt, ich werde zwei, drei Tage weg sein, also macht hier keinen Unfug, nicht daß das Hauptquartier in Schutt und Asche liegt, wenn ich
zu-rückkomme!“
Sie hob mahnend den Zeigefinger, lachte dabei.
„Das betrifft auch dich und Rei, verstanden?!“
„Uh, ja.“
„Gut. Kaji ist so nett und paßt die Zeit über auf PenPen auf.“
Kaji grinste breit.
PenPen wedelte mit einer Flosse.
„Wark!“
„Ich will ihn nicht ganz allein in Asukas Obhut lassen.“
„Ja...“
Das war wahrscheinlich sehr weise von Misato...
„Die habe ich aber auch gewarnt, sollte sie sich nicht benehmen, dann laß es mich wissen, wenn ich wieder da bin, und es hagelt ein Donnerwetter! Hach, ich schätze, ich muß
los.“
„Na, gute Reise, Katsuragi, ich passe schon auf deinen Vogel auf.“
„Natürlich.“
Misato ging in die Hocke, tätschelte PenPen den Schädel.
„Mach´s gut, mein Kleiner.“
„Wark! Wark!“
„Genau.“
Sie richtete sich auf, knuffte Kaji kurz.
„Und nochmals danke.“
Dann ging sie zu Shinji, legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Nicht vergessen - keine Dummheiten, klar, Shinji-kun?“
„Uhm... ja, Misato.“
„Okay, also, bis in ein paar Tagen.“
Sie marschierte den Gang hinunter.
Kaji grinste immer noch.
„Katsuragi immer mit ihren Dummheiten... na gut... - So, PenPen, was meinst du, wollen wir uns mal das NERV-eigene Schwimmbad ansehen?“
„Wark!“
Der Pinguin reichte Kaji eine Flosse. Dieser nickte Shinji zu, ergriff dann die Flossenspitze und ging langsam und gebückt neben dem watschelnden Pinguin den Gang entlang.
*** NGE ***
Zwei Tage später bereitete sich auf dem NERV-Testgelände von Matsushiro alles auf den er-sten Aktivierungstest von EVA-03 vor.
Die Zentrale der Anlage lag oberirdisch, von großen Fenstern aus hatte man einen guten Blick über das Gelände.
EVA-03 stand in einer Grube, aus welcher er mit der Brust herausragte, der EntryPlug war be-reits teilweise eingeführt, stand aber noch offen, ein Metallsteg verband eine Gebäudewand
mit der Einstiegsluke. Der EVA war ein schwarzer Gigant, dessen Panzerung an den Schultern und Gelenken weiß abgesetzt war.
Ritsuko Akagi nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.
„Noch 30 Minuten bis zum Beginn des Tests!“ verkündete eine Stimme über Lautsprecher, wies die NERV-Angehörigen an, das Testgelände zu räumen.
„Du bist recht ruhig“, stellte Misato fest.
„Es kann nichts schiefgehen. Wir haben die Daten von EVA-01 problemlos auf das System von EVA-03 überspielen können. Und das Mädchen hat sogar meine Erwartungen
übertroffen – Hikaris Synchronwerte bei den Trockenübungen im Simulator bewegten sich um einen Wert von 45.5. Das ist besser als Shinjis Werte bei seinem ersten Kampf.“
„Sie wurde ja auch nicht gleich ins eiskalte Wasser geworfen.“
„Nun ja, Rei mußte für einen solchen Wert sehr lange trainieren.“
„Dein Vertrauen möchte ich haben.“
„Misato, das Mädchen ist bereit und fähig, einen EVA zu steuern.“
In diesem Moment verließ Hikari das Gebäude.
Sie trug eine blau-schwarze PlugSuit mit hellen Schulterstücken, bewegte sich im Freien etwas unsicher, ging über den Verbindungsstegs zum EntryPlug, verschwand darin.
„Verbindung zum Plug!“ wies Ritsuko einen der Techniker an, justierte ihr Headset. „Hikari, bist du soweit?“
Auf einem Monitor des Terminals vor ihnen erschien Hikaris Gesicht. Sie lächelte nervös.
„Denke schon.“
„Gut, verhalte dich einfach genauso wie während der Tests, konzentriere dich nur. Es wird fast keinen Unterschied geben.“
„G-gut.“
Misato entging das leichte Beben in der Stimme des Fourth Children nicht.
„Nur Mut, Hikari, umso eher bist du wieder draußen.“
„Hauptstromquelle klar!“ - „Signalstrom konstant!“ - „Kühlsysteme störungsfrei!“ - „Druck-verbindungen werden gelöst!“ -
„Datenlink zum Hauptcomputer ohne Probleme!“
„So könnte der EVA sogar kämpfen.“ erklärte Ritsuko überzeugt.
„Hm, ja...“
„Was ist? Immerhin wird er deinem Kommando unterstellt sein.“
„Ja. Ein Monopol von vier EVAs... damit könnte man die Welt zerstören!“
„Wir können immer noch jederzeit den Stecker ziehen. Und die Grube kann sehr schnell mit Bakelit geflutet werden.“
„Nein, Ritsuko, ich meine... wenn die Engel besiegt sind... was geschieht dann mit den EVAs? Sie sind jeder konventionellen Armee überlegen, mit ihren AT-Feldern können sie sogar
ein Bombardement mit N2-Minen überstehen. Was macht NERV dann mit ihnen?“
„NERV untersteht immer noch den UN.“
„Hm, ja... aber sieht Kommandant Ikari das auch so?“
Ritsukos Gesicht verfinsterte sich. Sie preßte die Lippen zusammen, bis sie nur noch eine blut-leere weiße Linie bildeten.
Misatos Blick war auf den EVA auf der anderen Seite der Panzerglasfenster gerichtet.
„EVA... EVANGELION... die vierte einsatzbereite Einheit unter unserem Kommando, wenn die Tests zufriedenstellend verlaufen... Ritsuko, für mich waren die EVAs immer ein Werkzeug
für meine Rache an den Engeln... Rache für den Tod meines Vaters beim Second Impact.“
„Hm“, machte Akagi.
„Es ist leicht, ein Werkzeug in ihnen zu sehen, bis man die Piloten kennenlernt, bis einem klar wird, daß andere alles riskieren... das ist mir meine Rache nicht wert...“
„Misato, ich tue doch auch alles, was in meiner Macht steht, um die Kinder zu schützen.“
„EntryPlug-Fixierung abgeschlossen!“ - „Pulsübermittlung klar!“ - „Erstanschluß starten!“
„Die brauchen uns hier gar nicht“, stellte Misato fest und wechselte damit sprungartig das The-ma.
„Nein, wir sind nur zu Überwachungszwecken hier. Wie schlägt Maya sich?“
„Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hat sie alles unter Kontrolle. Ich mußte Asuka ein we-nig zurechtweisen, aber das war alles.“
„Ah, ja...“
„Alles im Normalbereich!“ - „Liste bis 1350 klar!“ - „Primärkontakte okay!“ - „Synchronisa-tion wird eingeleitet!“ - „Übergang zu
Phase 2!“ - „Nervenkontakte klar!“ - „Synchronisations-kontakt steht!“ - „Liste bis 2550 klar!“ - „Harmonics im Normalbereich!“ -
„Synchronverbin-dung wird geöffnet!“ - „Grenzwert erreicht!“ - „Synchronisation zwischen Einheit-03 und Pilot bestätigt!“
*** NGE ***
Hikari saß mit geschlossenen Augen in ihrem Pilotensitz und konzentrierte sich, ganz wie Dok-tor Akagi es ihr beigebracht hatte. Der Würgereiz war auch inzwischen abgeklungen, der sie
bei der Flutung des Plugs mit LCL überkommen hatte.
Sie saß da und lauschte.
Ein Pochen... leise und nur im Hintergrund... da wieder... und noch einmal... sich ständig wie-derholend... wie ein Herzschlag... der Herzschlag des EVAs...
Obwohl ihre Augen immer noch geschlossen waren, konnte sie sehen, blickte durch die Augen des Giganten.
Wie klein alles war...
Da war noch etwas... sie spürte eine weitere Präsenz in der Nähe, die sich im Dunkeln verbarg, abwartete, lauerte...
Wer...?
Die Präsenz schien zusammenzuzucken.
Jetzt konnte Hikari sie besser erkennen.
Es war ein Abbild des EVANGELIONs...
War dies das Bewußtsein des EVAs?
In Gedanken formulierte sie einen Gruß, erhielt einen neugierig-fragenden Impuls als Antwort, der zugleich von Schmerz und Qual unterlegt zu sein schien.
Eine ganze Weile verharrten sie so, fixierten einander.
Plötzlich ging ein Ruck durch den EVA.
Hikari verspürte Übelkeit.
Die Repräsentation des EVA-Bewußtseins fuhr herum, gab ein wütendes Grollen von sich.
Hikari spürte Wellen erbarmungslosen Hasses, die von dem EVA ausgingen, spürte den Wunsch, zu töten und zu zerreißen...
*** NGE ***
Shinji saß am Rand des Schwimmbeckens im NERV-Hauptquartier und ließ die Beine ins Was-ser baumeln, sah Rei beim Schwimmen zu, welche ruhig ihre Bahnen zog. Neben ihm saß
Pen-Pen, eine Flasche eisgekühlten kohlensäurefreien Wassers in den Flossen, aus der er mittels ei-nes langen Strohhalmes trank.
Rei-chan sah wirklich umwerfend aus, anstatt des schwarzen Einteilers trug sie einen knappen azurblauen zweiteiligen Badeanzug, der ihre schlanke Figur zur Geltung brachte.
Shinji grinste breit.
„Na, PenPen, soetwas sieht man am Südpol nicht, oder?“
„Wark!“
Jetzt unterbrach Rei ihre Bahn, schwamm zu den beiden hinüber.
„Shin-chan, komm doch ´rein, das Wasser ist warm.“
„Ahm... ich weiß... uh... aber ich kann nicht schwimmen.“
„Ich könnte es dir zeigen.“
„Du... ah... ich bleibe lieber an Land.“
PenPen stupste ihn mit der Flosse an, versuchte ihn auf etwas aufmerksam zu machen.
„Wark!“
„Shinji hat Angst vor Wasser! Shinji hat Angst vor Wasser!“ begann Asuka in seinem Rücken zu singen.
Shinji zuckte zusammen. Und in der nächsten Sekunde fühlte er einen starken Stoß in den Rük-ken, der ihn nach vorn ins Becken katapultierte.
„Wark!“
PenPen sprang vorsichtshalber ebenfalls ins Wasser.
Shinji fand sich wasserschluckend und mit Armen und Beinen rudernd im Wasser wieder, spür-te im nächsten Moment, wie jemand ihn um die Hüfte faßte und über Wasser
zog.
Prustend schnappte er nach Luft.
Rei-chan hielt ihn... sie hatte ihn gerettet...
Wütend sah er schräg nach oben, wo Asuka am Beckenrand stand, eine Hand in die Seite ge-stemmt.
Sie trug einen weiß-rot gestreiften Zweiteiler, welcher ihre körperlichen Vorzüge mehr als nur untermalte, und grinste.
„Och, hast du dich erschreckt, Shinji-kun?“
„Asuka... ich kann nicht schwimmen!“
„Na soetwas aber auch... Keine Angst, ich hätte dich schon gerettet... wenn ich es erstmal be-merkt hätte...“
„Soryu...“ grollte Rei.
„Na, ist ja nichts passiert. Viel Spaß noch, ihr zwei Turteltauben, ich bin am anderen Ende des Beckens und arbeitete an meinem Eintauchmanöver.“
Damit stolzierte sie mit wiegenden Hüften davon.
„Wark.“ sagte PenPen, der neben Shinji und Rei aus dem Wasser auftauchte.
„Ja. Hoffentlich ertrinkt sie.“ flüsterte Rei in einem Anflug plötzlichen Zornes, der sich ebenso schnell wieder legte. „Shin-chan, bist du in Ordnung?“ Zugleich
trat sie kräftig Wasser und steuerte den Beckenrand an.
„Äh, ja... naß, aber in Ordnung...“
Er hustete, griff nach dem Beckenrand, hielt sich fest.
„Wenn du nicht dagewesen wärst...“
„Ich bezweifle, daß Soryu dann derartiges getan hätte.“
„Ahm...“
Wieder hustete er, zog sich umständlich aus dem Becken.
„Ich bin völlig durchnäßt... sollte vielleicht gehen und meine PlugSuit überziehen... damit die Sachen trocknen können...“
„Ja. Sonst erkältest du dich vielleicht.“
„Uhm, Rei-chan, willst du nicht lieber mitkommen?“
Er warf einen Blick zu Asuka hinüber, welche gerade mit Anlauf ins Becken sprang, dabei eine Rolle vorwärts vollführte.
Rei folgte seinem Blick.
„Sei unbesorgt. Soryu ist nicht imstande, mir Schaden zuzufügen.“
„Na... ahm... da...“
Die Alarmsirenen heulten auf, aus verborgenen Lautsprechern forderte Makoto Hyugas Stim-me die Piloten auf, sich zu den EVA-Käfigen zu begeben und startbereit zu machen.
Erschrocken wechselte Shinji einen Blick mit Rei.
„Hikari...?“
*** NGE ***
Der Aktivierungstest verlief perfekt.
Alle Abläufe entsprachen vollkommen den Protokollen, die Synchronverbindung zwischen EVA-03 und dem Fourth Children war störungsfrei und pendelte sich bei einem Ratio von 44.7 ein.
„Das ist die Aufregung“, mutmaßte Ritsuko, weshalb der Wert von den Übungen abwich.
„Wenn´s sonst keine Probleme gibt...“
„Jetzt hör doch mal auf zu unken, Misato, das ist eigentlich meine Aufgabe!“
Die beiden schrägstehenden Augen von EVA-03 glühten auf.
Sirenen begannen zu heulen.
„Was ist los?“ rief Ritsuko.
„Störung im Zentralnervensystem! Der EVA entgleitet unserer Kontrolle!“ meldete einer der Operatoren.
„Test sofort abbrechen!“
„Geht nicht! EVA-03 reagiert nicht auf Kommandos! Stromzufuhr unterbrochen!“
„Bakelit-Einleitung in die Grube! Bis Knöchelhöhe!“
„Bestätigt...“
Am Rücken des EVAs, wo mehrere Leitungen mit dem Stromanschlußport verbunden waren, bildete sich plötzlich in den Leitungen ein Klumpen. Dann platzte die Panzerung auf. Mit einem
satten Schmatzen quoll eine zähe kaugummiartige Masse hervor, die sich rasch über den Nak-ken des EVAs und den EntryPlug ausdehnte.
„Ein Engel!“ stieß Misato hervor.
„Sofort den Plug evakuieren!“ schrie Ritsuko.
Die Masse über dem Plug erzitterte, etwas schien sich durch sie hindurchschieben zu wollen, wurde aber zurückgehalten.
„Plug läßt sich nicht evakuieren!“ - „Bakelit wird eingeleitet!“
Da sprang EVA-03 aus der Grube, zerriß alle Verbindungen, brach alle Fesseln.
Mit weitausholenden Schlägen richtete er seine Kraft gegen die Gebäude der Testanlage.
Eine riesige Hand wischte auf den Kontrollraum zu, brach durch die Fenster, zerschmetterte, was sich ihr in den Weg stellte...