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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 36 - Eine von uns

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Sehr, sehr vorsichtig legte EVA-01 den geborgenen EntryPlug von EVA-03 auf den Boden.
Vor wenigen Augenblicken war ein Bergungsteam samt medizinischer Crew eingetroffen.

Der kopflose EVA lag völlig still.
Auch aus dem EntryPlug kamen keine Signale...
EVA-03 war verstummt...

EVA-02 stand in einiger Entfernung, das Gewehr immer noch in den Händen.

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Die Kommunikation zwischen den EVAs einer- und dem Hauptquartier andererseits war im-mer noch gestört. Ein Mitglied des Bergungsteams versuchte, sich mittels Lichtsignalen mit den Piloten zu verständigen, allerdings war zumindest Shinji der Code nicht bekannt.

EVA-00 fiel nach vorn, schlug lang hin, gleich darauf wurde der EntryPlug ausgefahren und Rei Ayanami stolperte ins Freie.

Das also sollten die Lichtsignale bedeuten...

Shinji griff nach der Steuerung, um die Evakuierung seines Plugs auszulösen, zögerte dann aber. Gerade wurde der EntryPlug von EVA-03 geöffnet...
Shinji hielt den Atem an.
Was würden die Retter im Plug finden...?

Die Augen von Einheit-01 zoomten auf den Plug heran.

Äußerlich war der Plug unversehrt, wies keine Delle auf. Als die Luke aufschwang, floß ein Schwall von LCL-Flüssigkeit hinaus.

Zögernd trat Rei näher...

Ärzte gingen in Bereitschaft, eine Trage stand bereits neben der Ausstiegsluke...
Der Sanitäter, welcher in den Plug hineingestiegen war, kam heraus, einen leblosen Körper auf den Armen...

*** NGE ***


Hikari Horaki saß in ihrem Bett im NERV-Krankenflügel mit dem Rücken gegen das hochge-stellte Kopfteil gelehnt; sie trug jetzt ein Krankenhausnachthemd. Ihre Augen waren geöffnet, doch ihr Blick war leer, starrte nur geradeaus.

Rei sah Hikari in die Augen, wartete auf eine Reaktion, erwiderte den starren Blick, wartete... wartete, bis sie den Blick nicht mehr aufrechterhalten konnte. Hikaris leerer Blick war einfach stärker...

„Misato, was ist mit ihr?“ flüsterte Shinji.
Er stand neben der Tür, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt.

Neben ihm stand Misato Katsuragi, immer noch in ihrer Ausgehuniform, welche jedoch zahl-reiche Risse und Flecken aufwies. Ihr linker Arm war eingegipst, sie trug ihn in einer Schlinge, hatte ihr Uniformjackett lose über der Schulter liegen. Ein Verband bedeckte ihre Stirn unter der Uniformmütze, ihr Gesicht war zerschrammt. Aber sie lebte.
Eine ganze Reihe der NERV-Mitarbeiter in Matsushiro hatte dieses Glück nicht gehabt, die Bergungstrupps fanden immer noch Leichen...
„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht findet Ritsuko etwas...“ antwortete sie ebenso leise.
Sie war unter mehreren Trümmerstücken wieder zu sich gekommen, die über ihr ein Dach ge-bildet hatten. Ihr Arm war gebrochen und sie hatte eine Gehirnerschütterung davongetragen, hatte sich aber aus eigener Kraft freigraben können, war eine der ersten gewesen, welche vor Ort ärztlich versorgt wurden, war mit der ersten Fuhre ins Hauptquartier gebracht worden, hatte dort Shinji und Rei getroffen, welche auf die Ergebnisse von Hikaris Schädeluntersuchung warteten. Mit ihr war Ritsuko Akagi gekommen, welche den Zustand de Mädchens mit großer Betroffenheit zur Kenntnis genommen und sofort ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte.

„Sie reagiert überhaupt nicht auf ihre Umgebung.“ stellte Rei fest.

„Vielleicht ein Schock? Immerhin mußte sie mitansehen, wie der EVA die Anlage zerlegt hat... und wer weiß, was der Engel getan hat, um die Kontrolle zu erlangen.“
Misato war schwindlig. Mit kurzen Schritten schleppte sie sich an der Wand entlang zu einem Stuhl, der in der Ecke stand, setzte sich.

Die Zimmertür flog auf.
Kaji kam herein, sah sich kurz um, trat dann direkt zu Misato und umarmte sie vorsichtig, ohne daß sie Gegenwehr leistete.
„Ich habe gerade erfahren, daß du schon hier bist, Katsuragi.“

„Ich bin in Ordnung, Kaji, etwas angeschlagen, aber noch am Leben.“

„Ja, du bist zäh. - Was ist mit Ritsuko?“

„Ich bin auch noch am Leben“, kam es von der Tür her. „Und wenn du nach links und rechts gesehen hättest, anstatt einfach den Gang hinunterzurennen, hättest du das auch schon früher bemerkt. – Aber danke der Nachfrage.“
Ritsuko Akagi humpelte hinein.
Ihre Beine waren von blauen Flecken und Schürfwunden übersät, ihr rechter Knöchel verbun-den. In nächster Zeit würde sie auf Hackenschuhe verzichten müssen.
In der Hand hielt sie ein Klemmbrett.

Hinter Akagi trat Maya Ibuki ein, welche sogleich wieder neben ihrer Mentorin Stellung bezog, als wäre sie bereit, diese aufzufangen, sollte sie stolpern.
Damit war es recht voll in dem Krankenzimmer.

Kaji drückte sich gegen die Wand, Rei zog sich zurück in die nächste Ecke und Shinji rührte sich ebenfalls nicht vom Fleck.

Akagi musterte besorgt das sommersproßige Mädchen im Bett.
„Die Untersuchungen haben nichts ergeben. Das Schädel-CT ist in Ordnung. Keine Verletzungen, keine Blutungen, nichts, das auf einen Tumor hindeuten könnte... Sie ist völlig gesund. Aber das ist Kaworu andererseits auch und trotzdem ist er noch nicht wieder ansprechbar.“

„Aber sie schläft doch nicht, Doktor Akagi.“

„Ich weiß, Rei. Es könnte ein Schock sein, ausgelöst durch die abrupte Unterbrechung der Synchronverbindung als der Kopf des EVAs gesprengt wurde.“

„Also ist es Soryus Schuld.“ folgerte Rei mit eiskalter Stimme.

Shinji lief es kalt den Rücken hinab, als er seine Rei-chan so sprechen hörte, das war nicht das Mädchen, welches er liebte, das klang eher nach der Rei, wie er sie ganz zu Anfang kennenge-lernt hatte.

„Das ist noch nicht bewiesen. Solange ich die Aufzeichnungen des EntryPlugs nicht ausgewer-tet habe, will ich keine Unterstellungen oder Beschuldigungen hören.“

„Ich kann Ihnen möglicherweise bei der Klärung der Frage behilflich sein. Benutzen Sie den Plug bei einem simulierten Synchrontest mit mir, dann kann ich auf die Daten direkt zugreifen.“

„Rei...“ setzte Shinji an. Ihm gefiel die Idee, Rei-chan mit den im Plug abgelegten Erinnerungen und Eindrücken zu konfrontieren, überhaupt nicht.

Ritsuko schüttelte den Kopf.
„Dazu muß ich keinen Test laufen lassen, die MAGI sind ebensogut imstande, die Daten aus-zuwerten. Ich weiß, du willst helfen.“

„Ja.“

„Dann sollten wir es erstes weitere Gespräche in den Gang verlagern und Hikari etwas Ruhe lassen, vielleicht ist das alles, was sie braucht.“
Noch einmal sah sie sich im Raum um.
„Wo ist eigentlich Asuka?“

„Sie hatte kein Interesse daran, sich über Hikaris Zustand zu informieren.“ erklärte Rei und ein Hauch von Bitterkeit schwang in ihren Worten mit.

*** NGE ***


Ritsuko saß schon bald darauf in ihrem Büro an ihrem Computer und begann mit der Auswer-tung der Daten des EntryPlugs von EVA-03.
Auf dem Feldbett, welches Akagi erst kürzlich in ihrem Büro aufgestellt hatte, lag Misato aus-gestreckt, eine Hand gegen ihren Schädel gepreßt.

„Du solltest wirklich nach Hause gehen, Misato.“

„Das kann ich nicht. Erst muß ich wissen, ob Asuka für Hikaris Zustand verantwortlich ist. Ich will nicht noch mal den gleichen Fehler machen wie bei Shinji.“

„Hm... gut, aber wenn du schon schmerzerfüllt stöhnen mußt, dann bitte etwas leiser.“

Maya stellte einen Becher neben ihr ab.
„Sempai, Ihr Kaffee.“

„Danke, Maya... Hyuga hat mir erzählt, daß Kommandant Ikari dich aus der Zentrale geworfen hat?“

„Das... ist korrekt.“

„Warum?“

„Ich habe Kritik an der Entscheidung geübt, EVA-03 als zu vernichtendes Ziel zu deklarieren, bevor ein Blaues Muster festgestellt werden konnte.“

„Ikari hat vorher...?“ ächzte Misato.

„Ja, Major. Obwohl wir Lebenszeichen aus dem Plug erhielten. Ich bin mir sicher, daß die Pilo-tin zu diesem Zeitpunkt noch in Ordnung war.“

„Dann sehen wir uns doch mal die Aufzeichnungen an.“ murmelte Ritsuko. „Startvorbereitungen... Herstellung der Synchronisation... ah, hier ist ein Bruch, da hat der En-gel die Kontrolle übernommen... aber die Synchronisation bestand immer noch... und hier... die Kontrolle des Engels war gar nicht so umfassend... das Mädchen hat gekämpft...“
Ritsuko lehnte sich zurück.
„Der Engel ist für ihren Zustand nicht verantwortlich. Hikari hat bis zum letzten Augenblick gegen ihn gekämpft. Und... mein Gott...“

„Sempai?“

„Ritsuko, was hast du gefunden?“

„Nachdem EVA-00 und EVA-01 Einheit-03 bewegungsunfähig gemacht hatten, hat sich der Engel aus den Systemen des EVAs zurückgezogen. EVA-03 war frei, als Asuka...“
Sie preßte die zur Faust geballte Hand gegen ihre Lippen.

Keine der drei Frauen sagte ein Wort.
Ihnen allen war klar, was Ritsukos Entdeckung bedeutete - ebensogut hätte Asuka die Ge-wehrmündung an den Kopf des Fourth Children halten und abdrücken können...

„Ich muß ihre Familie verständigen...“ sagte Ritsuko schließlich. „Sie wollen garantiert wissen, was mit Hikari ist...“
Sie hämmerte die Faust auf die Tischplatte.
„Ich habe sie ausgewählt. Ich habe ihr gesagt, daß nichts passieren kann...“

„Ritsuko, damit konnte doch niemand rechnen.“

„Ich hätte es in Erwägung ziehen müssen. Und ob wirklich niemand...“
Ruckartig stand sie auf.
„Ich bin bald zurück. Sonst... Maya, fahr den Major nach Hause, sie weiß, was sie wissen wollte.“

*** NGE ***


Gendo Ikari blickte auf, als die Tür seines Büros einfach aufgestoßen wurde und Ritsuko Aka-gi hereingestürmt kam. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, da sie keine Rücksicht auf ihren ver-letzten Knöchel nahm.
Ikari war das egal. Die Tatsache, daß sie einfach unaufgefordert sein Büro betrat, erweckte sei-nen Zorn. Wäre sie nur eine Minute eher gekommen, wäre sie Zeuge geworden, wie er sich ei-ne weitere Dosis der Droge verabreicht hatte, welche ADAM ruhigstellen sollte.
„Ritsuko, das ist ein schlechter Augenblick.“ knurrte er warnend.

„Das ist mir egal, Gendo.“
Ritsuko hatte den großen Schreibtisch erreicht und stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte auf.
„Wußtest du, was passieren würde? Hattest du mit einem Angriff auf den EVA gerechnet?“

„Nein.“
Akagi glaubte doch wohl nicht allen Ernstes, daß er ihr die Wahrheit sagen würde?
Innerlich lachte er laut. Wie würde sie erst reagieren, wenn sie erfuhr, was er in der Zwischen-zeit in die Wege geleitet hatte?
Ikari schob eine Aktenmappe über den Tisch.
„Der Bericht ans Komitee. Ich habe ihn gerade abgeschickt.“

Ritsuko zog die Mappe zu sich, schlug sie auf.
Sie wurde blaß.
Das konnte doch nicht Gendos Ernst sein...
„Das... du hast ihnen gesagt, es war kein Engel?“

„Ja. Die MAGI haben die ganze Zeit über nur ein Oranges Muster erkannt.“

„Aber... und du stellst es als Versagen des Piloten dar...“

„Wäre sie fähig gewesen, hätte sie den EVA unter Kontrolle behalten, anstatt ihm zu erlauben, in einem Amoklauf die Testanlage zu zerstören.“

„Es war ein Engel. Ich habe selbst gesehen, wie...“
Sie verstummte, lachte plötzlich.
„Das also erzählst du dem Komitee... ´es gab keine Gefahr, die EVAs sind sicher, nein, ein Engel könnte sie nie übernehmen´... und das Mädchen wird al Sündenbock abgestempelt.“

„Du hast sie ausgesucht.“

„Und jetzt bin auch noch ich es!“
Sie wich von dem Schreibtisch zurück.

„Hikari Horaki wird heute noch in das Städtische Krankenhaus verlegt.“

„Aber hier kann man sie viel besser behandeln...“

„Durch ihr Versagen sind alle Abmachungen hinfällig geworden, sie wurde bereits aus dem Register der Piloten entfernt.“

„Hinfällig? Ich habe diese Abmachungen mit ihr getroffen... ich hatte ihr versprochen...“

„Was? Eine Haushaltshilfe? - Unnötig, den Unterlagen nach hat sie zwei Schwestern, die kön-nen ruhig putzen, waschen und kochen. Und die Operation für eine gewisse Mari Suzuhara... ich habe dem nie zugestimmt. Wenn du an diesen Abmachungen festhalten willst, nur zu. Aber NERV wird die Ausgaben nicht tragen.“

„Gendo, das kannst du nicht machen! Das Mädchen war NERV-Angehörige, und wenn nur für zwei Wochen.“

„Ich habe sie auf keiner Liste.“

„Aber sie... du hast ihren Namen gelöscht!“

„Ritsuko, du bist dabei, eine Grenze zu überschreiten. Du nimmst dir mehr heraus, als dir zu-träglich ist...“

„Ich... verstehe...“
Wütend knallte sie die Akte auf die Tischplatte.
„Kann ich heute noch meine Kündigung einreichen, oder reicht es, wenn sie morgen auf dei-nem Tisch liegt?!“

„Ritsuko, Ritsuko... langsam solltest du es wissen: Niemand verläßt NERV. Sicher, du kannst gehen, in Maya Ibuki hast du eine fähige Nachfolgerin ausgebildet... allerding weißt du zuviel über die Operation. Und zuviel Wissen kann ungesund sein. Für dich... und jene, die dir na-hestehen, denk darüber nach.“

„Du... Bastard!“

Ikari lächelte knapp.

*** NGE ***


Ritsuko begleitete die Überführung Hikaris ins Städtische Krankenhaus.
Der Zustand des Mädchens war unverändert.

Im Krankenhaus warteten bereits Hikaris Familie und ihr Freund.
In knappen Worten gab Ritsuko die Fassung der Geschichte wieder, wie sie in Gendo Ikaris Bericht gestanden hatte - Hikari war als Pilotin ausgewählt und unter Geheimhaltung ausgebil-det worden. Während der ersten Aktivierung war EVA-03 Amok gelaufen und hatte von den anderen EVAs gestoppt werden müssen, dabei war die Pilotin zu Schaden gekommen.
Danach fühlte sie sich leer und ausgebrannt.
Gendo hatte sie in der Hand, wenn sie nicht tat, was er wollte, würden andere dafür büßen. Und alles was sie im Gegenzug gegen ihn in der Hand hatte, war eine alte Aufzeichnung ohne Ton, wie ihre Mutter ein Kind erwürgte...

Auf irgendeinem Flur des Krankenhauses brach sie schließlich zusammen, ließ sich auf einen Plastikstuhl fallen und gab ihren Tränen freien Lauf, bis keine mehr kamen.

Dann, irgendwann später, raffte sie sich wieder auf, ging zum nächsten Waschraum und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, wischte sich anschließend das zerlaufende Make-up mit ei-nem Papierhandtuch ab.
Langsam ging sie zurück auf jene Station, auf der Hikari lag.

Nur Hikaris Freund und ihre ältere Schwester waren noch anwesend.

Ritsuko stand eine ganze Weile an der Beobachtungsscheibe im Flur.
Sie hatte etwas versprochen...
Ihre Mutter hatte vor ihrem Tod durch den Verkauf von Patenten ihrer Entwicklungen ein klei-nes Vermögen gemacht, welches in Grundstücke investiert worden war. Wenn sie da Vermö-gen jetzt freisetzte...
Akagi nickte in Gedanken. Das Geld würde ausreichen, um Hikaris Behandlung zu tragen. Und wenn sie einige Kredite aufnahm, konnte sie auch die versprochene Operation bezahlen...

*** NGE ***


Weder Shinji noch Rei schliefen in dieser Nacht besonders gut. Beide hingen ihren eigenen Ge-danken nach.

Shinji war sich sicher, daß der Engel sich bereits von EVA-03 zu lösen begonnen hatte, als Asuka mit dem Gewehr aufgetaucht war... andererseits hatte er keine Belege dafür, außer sei-nem Gefühl.

Auch Rei lag wach, im Gegensatz zu all den letzten Nächten lag jeder von ihnen auf einer Hälf-te des Bettes, ohne daß es zu einem körperlichen Kontakt kam.
Doktor Akagi hatte sie davon in Kenntnis gesetzt, daß Hikari verlegt worden war. Und sie hat-te ihr mitgeteilt, daß ihre Vermutung richtig gewesen war.
Der Doktor hatte sie davor warnen wollen, wozu Soryu fähig war...
Soryu hatte Hikari verletzt...

Shinji drehte sich Rei zu, wollte sie in den Arm nehmen, spürte, wie sie sich verkrampfte, drehte sich nach dem kurzen Moment des Zögerns wieder zurück.

In der Dunkelheit begannen zwei rote Augen vor Wut zu glühen...
Soryu hatte Hikari verletzt.
Sie hatte ihre Freundin verletzt.
Sie hatte einen anderen Piloten verletzt...
Und wenn sie dazu fähig war, dann war sie auch imstande, ihrem Shin-chan etwas anzutun...

*** NGE ***


Der ganze Jahrgang, alle drei Klassen, war im Rahmen der Klassenfahrt in verschiedene Rich-tungen aufgebrochen. Doch eine Handvoll Schüler, insgesamt neun, war zurückgeblieben, Unter ihnen die drei Piloten und Toji Suzuhara, welcher seine Teilnahme an der Klassenfahrt nach Okinawa im letzten Moment abgesagt hatte.
Für diese neun fand sogar Unterricht statt - der alte Lehrer der 3-A hatte sich bereiterklärt, sie mit mehreren Dokumentarfilmen über den Second Impact zu beschäftigen.

Shinji und Rei hatten den Tag schweigsam begonnen, während des Frühstücks hatten sie kaum mehr als zwei, drei Worte miteinander gewechselt, ebenso während der Fahrt mit der Straßen-bahn.
Beiden steckten die Ereignisse des gestrigen Tages noch nur zu gut in den Knochen.

Toji erwartete sie bereits, seinem Gesicht war anzusehen, daß auch er nicht allzuviel Schlaf in dieser Nacht gefunden hatte.
„Was ist geschehen?“ fragte er nur.

„Ahm, Toji... es... das...“ stammelte Shinji. Wie sollte er seinem Freund die ganze Geschichte nur erklären? Und außerdem hatte NERV Geheimhaltung über die Angelegenheit verhängt.

„Suzuhara-kun, Hikari wurde als EVA-Pilotin ausgewählt. Während des Aktivierungstests wurde Einheit-03 von einem Engel übernommen und lief in der Folge Amok. Wir haben un bemüht, Hikari zu retten, sind aber gescheitert.“

Toji starrte Rei mit aufgerissenen Augen an, schien einige Zeit zu brauchen, um die Informa-tionen zu verarbeiten.
„Ein Engel... uns wurde gesagt, es wäre ein Unfall gewesen... daß Hikari die Kontrolle verlo-ren hat...“

„Was?“ fragte Shinji. „Das... das stimmt nicht... es war nicht ihre Schuld...“

„Ihre Familie ist völlig fertig... und ich bin es auch... wenn diese Doktor Akagi nicht verspro-chen hätte, sich um die Kostenfrage zu kümmern, hätte man Hikari heute nach Hause ge-schickt... könnt ihr euch das vorstellen? Diese verfluchten Engel...“
Toji setzte sich auf die Kante eines Pultes.
„Ich wollte das nur wissen... sonst wäre ich gar nicht gekommen. ´Habe jetzt ja noch jeman-den, den ich im Krankenhaus besuchen muß... Hikari reagiert überhaupt nicht... sie sitzt nur da... wie eine Puppe...“
Tränen liefen über seine Wangen.
„Das... ah... habt ihr es dem Engel wenigstens richtig gegeben?“

„Allerdings“, warf Asuka ein, die gerade den Klassenraum betreten und Tojis letzte Worte ge-hört hatte. Sie warf sich in Positur. „Ich, Asuka Soryu Langley, habe den Engel erledigt, weil diese beiden Nichtskönner dazu nicht fähig waren.“
Sie grinste breit, präsentierte glänzend weiße Zähne.
Das tat gut... wenn sie ihre Leistungen nicht hervorhob, tat es ja sonst niemand.
Und Misato, diese männerausspannende Glucke, hatte für sie nur eine weitere Standpauke übriggehabt... dann war die Klassensprecherin halt durch ihren Schuß zu Schaden gekommen, na und? Schließlich hatte die Vernichtung des Engels Vorrang gehabt!

„Der Engel war bereits besiegt. Hikari hatte gerade die Kontrolle über den EVA zurückerlangt, als du den Kopf von EVA-03 weggeschossen hast.“ erklärte Rei kühl die Tatsachen.

Auf Asukas Stirn schwoll eine Zornesader an.
Jetzt wollte First ihr auch noch den Sieg streitig machen!
„Wer´s glaubt! Diese Anfängerin wäre doch nie im Leben mit einem Engel fertig geworden.“

Tojis Kopf ruckte herum.
„Stimmt das? War Hikari in Ordnung bis...“

Rei nickte.
„Die Aufzeichnungen des Plugs belegen es.“

Toji holte tief Luft.
„Asuka, du verfluchte Schlampe!“
Er ballte die Fäuste.

Asuka grinste noch breiter, sah ihn herausfordernd an.
„Na, komm doch, Loverboy, wenn du dich traust... Oh, ich vergaß, du schlägst ja keine Mäd-chen. Hast wohl Angst, wir könnten zurückschlagen, was? Ja, es gibt halt Dinge, die getan werden müssen...“

Toji zitterte. Seine Lippen bebten. Immer noch hatte er die Hände zu Fäusten geballt.

„Suzuhara-kun wird seine Vorsätze heute nicht brechen, Soryu.“
Mit dieser Information auf den Lippen trat Rei zwischen die beiden.

„Uh, Rei-chan...“
Shinji fand das nicht gut, nein, er fand es überhaupt nicht gut.
Rei-chan befand sich komplett in Asukas Reichweite... und wozu die Rothaarige fähig war, wußten sie inzwischen zur Genüge.

„Soryu, Hikari war eine von uns. Während des Kampfes war unsere Kommunikation lahmge-legt, ich gehe daher davon aus, daß dir die Umstände nicht bekannt waren. Aber Hikari ver-dient unseren Respekt und unsere Hilfe.“

„Hilfe? Respekt? Ha! Das ist mir doch völlig egal. So etwas hat hier doch auch niemand für mich übrig!“

„Vielleicht... uh... wenn du dich anders verhalten würdest...“ wagte Shinji einzuwerfen.

„Hast du ´was gesagt, du Niete? Hattest den Engel quasi in den Fingern und konntest nichts tun, weil du vor Angst gelähmt warst. Ohne mich würdest ihr immer noch dort draußen hok-ken! Ihr verdankt mir, daß der Engel besiegt wurde!“

„Soryu...“

„Und daß sie eine von uns war... da lache ich doch nur drüber! Sie war genauso eine Niete wie ihr beide!“

Rei fixierte sie stumm. Nein, weitere Worte würden nichts bringen...

„Geh. Zur. Seite. Ayanami.“ knurrte Toji.

„Nein, Suzuhara-kun.“

„Wenn er sich mit mir schlagen will, nur zu. Dann sieht er seine Freundin nur um so eher wie-der.“
Lachend hob Asuka die Fäuste.

„Ich sagte bereits, Soryu, Suzuhara-kun wird heute nicht gegen seine Prinzipien verstoßen.“

„Ach, willst du mir vielleicht eine kleben? Versuch´s doch!“
Asuka wartete keine weitere Entgegnung ab, sondern schlug zu...

Rei hatte den Schlag bereits im Ansatz kommen sehen und wich zur Seite aus, ließ auch den nächsten Hieb an sich vorbeisausen, duckte sich unter einem Tritt hinweg.
Den nächsten Angriff parierte sie mit einem Unterarmblock, reagierte schnell genug, um jeden Schlag abzuwehren.
Sie hatte keine Kenntnis von Nahkampftechniken, doch sie verfügte über eine Geschwindigkeit und Reaktionsschnelligkeit, welche nahe am menschlichen Maximum lagen. Und sobald sie da-von Gebrauch machte, schalteten auch ihrer Wahrnehmung und ihr Denken quasi in den näch-sten Gang, so daß Asukas Bewegungen ihr fast wie in Zeitlupe erschienen.

„Argh! Wehr dich doch endlich, Wondergirl!“ zischte Asuka, darauf hoffend, daß Rei eine Lücke in ihrer Deckung öffnete, sobald sie zum Gegenangriff überging.
First war schnell, das mußte sie ihr lassen, doch ihre Bewegungen zeugten nicht davon, daß sie Nahkampftraining erhalten hatte, daß sie bisher jedem Angriff hatte ausweichen oder ihn hatte abblocken können, war reines Glück!

Rei war versucht, der Aufforderung nachzukommen.
Dann allerdings erinnerte sie sich an die Anweisung des Kommandanten, ihre Kräfte niemals gegen einen anderen Menschen einzusetzen.
Sie durfte nicht zurückschlagen...
Doch was für ein Mensch tat anderen dergleichen an... was für ein Mensch war Soryu, daß sie kein Bedauern, keine Reue für ihr Tun zu kennen schien...
Sie durfte ihre Kräfte nicht gegen Menschen einsetzen...
Wenn Soryus Kräfte nicht bald erlahmten, würde sie früher oder später einen Treffer landen und Soryu nahm keine Rücksicht, schien dieses Konzept gar nicht zu erkennen...
Sie durfte ihre Kräfte nicht benutzen, es war ein Befehl des Kommandanten... nicht gegen ei-nen anderen Menschen...

„Ich versohl´ dir den Hintern, First!“

Und wenn dieser Mensch anderen Menschen Schaden zufügen wollte? Menschen waren dazu imstande, großes Leid über ihresgleichen zu bringen... sollte sie dann auch tatenlo danebenstehen?
Sie durfte nicht... es war ihr nicht gestattet...
Und wenn Shin-chan Soryus Opfer gewesen wäre?
Hatte Soryu irgendetwas getan, um sich als Mensch zu qualifizieren? Im negativen Sinne, ja... sie hatte Leid über andere gebracht, hatte sie zu ihrem Vergnügen gequält... egal, worin der Grund für Soryus Verhalten lag, dazu hatte sie kein Recht...
Gut und Böse, zwei gegensätzliche Konzepte, mit denen Rei sich bisher kaum beschäftigt hat-te. Was war gut, was böse?

„Komm, First, ich verpasse dir die Abreibung deines Lebens... na, wer wird dann Klein-Shinji beschützen?!“

Jemand, der anderen wissentlich und willentlich Leid zufügte, konnte nur böse sein...
Sollte der Kommandant wirklich von ihr verlangen wollen, sie dürfte ihre Kräfte nicht gegen solche Menschen einsetzen? Sollte er ihr etwas derartiges wirklich befehlen?
Dann war ein solcher Befehl selbst böse... dann konnte sie einem solchen Befehl nicht folgen...
Wieder schoß Soryus Faust auf sie zu, dieses mal direkt auf ihr Gesicht...
Auszuweichen war kein Problem, aber Rei hatte genug...
Und sie packte Soryus Unterarm oberhalb des Handgelenkes, nutzte ihren eigenen Schwung, der hinter dem Schlag steckte, schleuderte Soryu durch die Luft, versetzte ihr zugleich einen Schlag mit dem Handrücken ins Gesicht...

*** NGE ***


Eben noch hatten die beiden Mädchen sich wie im Zeitraffer bewegt, hatte Asuka versucht, Reis Verteidigung zu durchbrechen, hatte versucht, sie mit Worten aus der Reserve zu locken, da hatte Rei unvermittelt zugegriffen und Asuka fortgeschleudert, daß diese glaubte, es würde sie auseinanderreißen.

Asuka flog quer durch den Raum, krachte frontal gegen die Wand, stürzte in einer Staubwolke zu Boden.
Lange Risse liefen durch den Putz, welcher langsam bröckelte, plötzlich einen Ganzkörperab-druck Asukas aufwies.

Wie ein Blitz schoß Rei durch den Raum, war über Asuka, kaum daß diese den Boden berührt hatte, packte sie mit einer Hand an der Kehle, riß sie nach oben, stemmte sie in die Luft.

Asukas Gesicht war blutüberströmt, sie hatte eine breite Platzwunde an der Stirn und blutete aus der Nase, ein dünner Blutfaden sickerte zudem aus dem linken Mundwinkel. Instinktiv ver-suchte sie, den Griff um ihre Kehle zu lösen, trat mit den Füßen, doch Rei gab nicht nach, drückte sie mit einer Hand gegen die Wand und schob sie an dieser langsam in die Höhe.

„Soryu“, begann Rei ruhig. „War dir bekannt, daß Klassensprecherin Horaki einen verwitweten Vater und zwei Schwestern hat, um die sie sich kümmert? War dir bekannt, daß sie eine her-vorragende Köchin ist, deren Traum es ist, später ein Restaurant zu eröffnen? War dir bekannt, daß sie eine gute Freundin ist, die versucht, mit Rat in allen Lebenslagen zu helfen, wenn man sie darum bittet? War dir bekannt, daß sie ihre Aufgaben als Klassensprecherin gewissenhaft erledigte? Verlangt so etwas in deinen Augen keinen Respekt? Oder kannst du alles nur zer-stören?“

Asukas Antwort war eine Reihe gurgelnder Laute. Ihr Gesicht war mittlerweile bläulich ange-laufen, verzweifelt versuchte sie, auf den Zehenspitzen Halt zu finden, während sie Millimeter um Millimeter nach oben preßte.

Rei spürte eine Hand auf ihrer Schulter.
Jemand wollte sie aufhalten...
Unwillig wischte sie den Störenfried zur Seite.

Es krachte in ihrem Rücken.

Sie blickte wieder in Soryus Gesicht, funkelte sie mit ihren roten Augen an.
Soryus Blut lief über ihre Hand...
Blut... rotes Blut...
Sie hatte menschliches Blut vergossen...
Blut...
Entsetzt öffnete sie ihren Griff, stolperte rückwärts.

Asuka rutschte an der Wand nach unten, kroch in die nächste Ecke, rollte sich dort zusammen.

Rei starrte auf ihre Hand.
Blut... an ihren Fingern klebte Blut...
Langsam drehte sie sich um die eigene Achse.
Shin-chan... wo war er... er mußte ihr helfen...
Blut... fremdes Blut... sie mußte es abwaschen...
Shin-chan...
Dann sah sie ihn, er lag in den Trümmern eines zusammengebrochenen Pultes, wurde gerade von Suzuhara-kun nach oben gezogen, starrte sie furchterfüllt an, hielt eine Hand gegen den Rücken gepreßt.
Was hatte er... lag es an dem Blut an ihren Händen...
Sie erinnerte sich an die Berührung einer Hand an ihrer Schulter... er war es gewesen, der sie hatte zurückhalten wollen... und sie hatte ihn fortgestoßen... hatte ihn verletzt...
Was hatte sie nur getan!
Sie hatte ihm wehgetan!
Sie war nicht besser als Soryu!
„Shinji...“ flüsterte sie, streckte die Hand nach ihm aus.

Er wich vor ihr zurück...

An ihrer Hand klebte immer noch Soryus Blut...
Ihre Lippen begannen zu beben.
Wie alle sie anstarrten...

„Monster...“ flüsterte eine Schülerin aus der Parallelklasse.

„Sie kann kein Mensch sein...“ - „Diese roten Augen...“ - „Monster, ich sag´s doch...“

Rei zitterte.
Die Blicke, welche die anderen Schüler ihr zuwarfen, waren voller Furcht und Argwohn. Und ihre Worte trafen etwas tief in ihr.
Wieder blickte Rei auf ihre Hände.
Sie hatte einen anderen Menschen verletzt... schlimmer noch, einen Moment lang hatte sie Soryu töten wollen, hatte gleiches mit gleichem vergelten wollen...
Dann rannte sie aus dem Klassenraum...

*** NGE ***


Shinji zitterte am ganzen Leib, selbst jetzt noch, nachdem mehrere Stunden vergangen waren.
Auch er hatte die Klasse verlassen, gleich nachdem Asuka von der Schulkrankenschwester in Obhut genommen worden war.
Rei hatte ihm Angst gemacht... sicher, er hatte gewußt, daß sie stark war, obwohl man es ihr nicht ansah, doch er hätte nie damit gerechnet, daß sie so stark war... daß sie Menschen einfach durch die Luft schleudern konnte... und als sie ihn zur Seite gewischt hatte, da hatte er ein Glü-hen in ihren Augen gesehen...

Er hatte nicht den Mut gehabt, in die Wohnung zurückzukehren, war stattdessen zuerst ziellos durch die Stadt gelaufen und schließlich in die Geofront hinabgefahren, war dann in dieser um-hergeirrt.

Und dann war er auf ein Feld gestoßen, auf dem Melonen wuchsen, große reife Früchte. Die wahre Überraschung war aber derjenige gewesen, der die Melonen anbaute: Ryoji Kaji.

Jetzt saß Shinji neben Kaji-san auf einem Holzklotz. Kaji trug eine Gärtnerschürze, vor ihm steckte neben einer Gießkanne ein Spaten in der Erde. Stumm reichte er Shinji eine flache Me-tallflasche.

„Trink einen Schluck, dann hört das Zittern auf.“

Shinji nahm die Flasche entgegen, schraubte den Verschluß ab und nahm einen tiefen Schluck. Es war Schnaps! Der Alkohol brannte ihm in der Kehle, brachte ihn zum Husten.

„Na, nicht so viel!“
Kaji nahm ihm die Flasche aus der Hand und verstaute sie wieder in der Tasche.
„Das hier ist mein kleines Reich, der Ort, an den ich mich zurückziehen kann. Hier habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, Dinge wachsen zu lassen...“

„Ah... ja...“
Wieder hustete Shinji.

„Das bleibt aber unser Geheimnis, ja?“

„Gut.“

„Vielleicht muß ich mal überraschend weg, dann könntest du dich vielleicht um die Melonen kümmern, ein paar sind schon reif... Ah... Naja, so Shinji, was ist los?“

„Ich... ah... Rei...“

„Hm. Ich habe schon davon gehört. Asukas Stirn mußte mit elf Stichen genäht werden und sie mußte im Anschluß zum Zahnarzt.“

„Sie... sie macht mir Angst...“

„Rei?“

„Ja...“

„Katsuragi wollte ja zuerst nicht glauben, daß Rei das getan hat.“

„Ich... ich habe es... gesehen... mit einer Hand...“

„Ui. Das Mädchen ist wirklich stark.“

„Ja...“

„Hm, vielleicht verstehst du jetzt, was ich damals meinte mit Geheimnissen und dunklen Sei-ten.“

„Ahm... wie... wie ist das möglich?“

„Rei Ayanami wurde körperlich verbessert... tut mir leid, ich habe keine bessere Umschreibung auf Lager. Dein Vater hat dafür gesorgt, daß sie schneller und stärker ist als der Durchschnitts-mensch.“

„Mein Vater...?“

„Ja. Er wollte den perfekten Piloten schaffen... und wahrscheinlich ist Rei deshalb immer so kontrolliert, weil sie sonst jemanden mit Leichtigkeit töten könnte.“

„Uh...“

„Macht dir das Angst? Daß sie dir bei einer leidenschaftlichen Umarmung das Kreuz brechen könnte?“

„Ich... ah... Rei-chan würde nie...“

„Gut. So schätze ich sie nämlich auch ein. Laut Leutnant Ishiren hat sie dich aber trotzdem verletzt.“

„Das war keine Absicht.“

„Klar, die meisten Dinge dieser Art geschehen aus Unachtsamkeit, so sind wir Menschen eben. Wir handeln erst und denken dann.“

„Bekommt Rei jetzt Schwierigkeiten?“

„Ich weiß es nicht. Was willst du jetzt machen? Immer noch ängstlich?“

„Ich... nein... aber es hatte mich ziemlich... uh... erschrocken...“

„Angst ist nichts, dessen man sich schämen muß, solange man sich ihr nicht unterwirft, im Ge-genteil, sie schärft unsere Sinne.“

„Dann... ich sollte vielleicht... zu ihr gehen...“

„Mach das. Warte, ich gebe dir eine Melone mit. - Welche Frau kann schon auf ihren Freund sauer sein, wenn er ihr eine Melone mitbringt?!“

„Ahm...“

*** NGE ***


Rei hatte ihre Hände gewaschen - nein, geschrubbt -, bis sie ganz rot waren und schmerzten.
Soryus Blut war nicht mehr auf ihrer Haut zu sehen, aber in gewisser Weise war es immer noch da. Und genauso spürte sie immer noch Shin-chans furchtsamen Blick... er hatte Angst gehabt, daß sie mit ihm dasselbe tun konnte... ebenso vermeinte sie immer noch das Getuschel der an-deren Schüler zu hören.
Kein Mensch...
Ein Monster...
Kein Mensch...
Sie saß am Küchentisch und starrte auf ihre Hände, Hände, die fähig waren zu verletzen, Hän-de, die beinahe getötet hätten...

Die Wohnungstür wurde geöffnet und geschlossen...

Noch bevor sie seine Stimme hörte, wußte Rei, daß es nur Shinji sein konnte.

„Rei-chan...?“

Schritte durchquerten den Schlafraum, kamen in die Küche...

Shinji betrat die Küche.

Rei saß am Tisch, wandte ihm den Rücken zu.

„Rei-chan...“
Er legte die mitgebrachte Melone auf die Spüle, beugte sich dann über Rei.

Sie stand auf, wich ihm aus, trat einen Schritt in den Schlafraum.
„Shinji, vielleicht wäre es besser, wenn du gehst. Ich habe dich heute verletzt. Es könnte mir wieder passieren.“

Shinji zuckte heftig zusammen. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein, Rei-chan, das würdest du nie.“
Damit überwand er die Distanz zwischen ihnen und nahm sie in die Arme.
„Das würdest du nie.“

Zögernd erwiderte sie die Umarmung ganz vorsichtig.

„Ich bin nicht aus Porzellan“, flüsterte er, verzog im nächsten Moment das Gesicht.

Rei ließ sofort los, wollte wieder etwas Distanz zwischen sich und ihn bringen, doch er hielt sie fest.

„Ich bin in Ordnung. Nur ein paar blaue Flecken... geprellter Rücken... wirklich, du hast mir nicht wehgetan.“

Sie ließ die Arme baumeln, hing plötzlich kraftlos in seinen Armen.

„Rei-chan!“

„Shin-chan, ich bin zu kräftig, ich könnte...“

„Ich weiß, uhm, warum du so bist, wie... uh... mein Vater hat dich... uhm... wie soll ich... ver-bessert?!“

„Ich bin ein Monster...“

„Nein. Du bist Rei. Rei Ayanami. Meine Rei-chan.“
Langsam wurde sie zu schwer für ihn. Also steuerte er das Bett an, ließ sie darauffallen.

Rei streckte Arme und Beine von sich, tat ansonsten nichts, um den Fall aufzuhalten.
„Ich wollte dich nicht verletzen... ich hätte meiner Wut nicht nachgeben dürfen...“

„Du hast mich nicht verletzt... der Tisch war es, der unter mir zusammenbrach.“
Sein Versuch sie aufzuheitern schlug fehl, sie reagierte nicht.
„Rei-chan, ich selbst war wütend... Toji war wütend... du hast Asuka in ihre Schranken ver-wiesen.“

„Ich hätte sie töten können!“

„Aber du hast es nicht... ahm... Meine Rei-chan würde niemanden töten.“

„So siehst du mich?“

„Anders kann ich dich nicht sehen.“

Sie schloß die Augen.
„Shin-chan, ich... mir ist alles egal... außer dir...“

„Sag das nicht, bitte... uh...“

„Ich wollte dich nicht verletzen. Ich... Mach mit mir, was du willst...“

„Argh...“
Er sah auf sie, wie sie auf dem Bett lag, die Augen geschlossen, mit den Gliedmaßen ein X bildend. So verletzlich... so paradoxerweise wehrlos...
Er rutschte zum Fußende, kroch von dort aus über sie, bis sein Gesicht über dem ihren hing, streichelte dann ihre Wange.
Dann hob er ihren Oberkörper an, nahm sie wieder in die Arme, drückte sie fest an sich.
„Ich will dich nur halten und beschützen, Rei-chan...“
Ihr Gesicht ruhte an seiner Wange und plötzlich spürte er Feuchtigkeit, als sie zu weinen be-gann.
„Laß es raus, laß alles raus...“ flüsterte er denselben Rat, welchen Kaji-san ihm gegeben hatte...

*** NGE ***


Schimpfend verließ Asuka das Behandlungszimmer.
Große Pflaster zierten ihre Stirn und die rechte Wange, ein weiterer Verband klebte über der Nase, so daß sie recht nasal sprach.
„Diese verfluchte Hure! Hat mir eine Krone ausgeschlagen!“

Misato nahm das Gezeter mit Gleichgültigkeit hin.

„Ich hoffe, sie wird bestraft! Man sollte ihr den EVA wegnehmen, wer weiß, wozu sie sonst noch in der Lage ist!“

Misato sah sie finster an.
„Komm mal mit.“

„Wohin? Ich will nach Hause und mich hinlegen! Dieses rotäugige Dreckstück...“

„Komm. Mit. Keine. Widerrede.“
Misato führte Asuka auf jene Station, auf der Hikari lag, war nicht sonderlich überrascht, Ritsuko an der Beobachtungsscheibe zu finden. Die beiden Frauen begrüßten einander mit ei-nem Nicken.
„Sieh da rein. Das Mädchen auf dem Bett, erkennst du es?“

„Natürlich, das ist Klassensprecherin Horaki.“

„Ja, genau. Du bist für ihren Zustand verantwortlich.“

„Ach was. Die hat auch früher schon gestarrt wie ein toter Fisch.“
Asuka kicherte mit verzerrtem Gesicht.

„Das ist nicht lustig.“ zischte Ritsuko.

„Asuka, sie befand sich in EVA-03. Sie war in voller Synchronisation mit der Einheit, als du ihr den Kopf weggeblasen hast. Ist dir überhaupt in den Sinn gekommen...“

„Hör auf mich rundzumachen! Du bist nicht meine Mutter! Es ist mir völlig egal, was mit ihr ist, kapiert das keine von euch?“

„Doch, jetzt verstehen wir es. Alles, was dir wichtig ist, ist Asuka Soryu Langley, bist du selbst. Und ich bin nicht deine Mutter, da hast du völlig recht... glücklicherweise... denn sonst könnte ich dir nicht sagen, was ich dir zu sagen habe: Ich will dich nicht mehr in meiner Woh-nung. Ich habe kein Interesse mehr daran, mit dir unter einem Dach zu leben. Ich muß völlig verrückt oder betrunken oder beides gewesen sein, als ich deiner Bitte, bei mir zu wohnen, nachgekommen bin. Himmel, ich hätte mehr auf Shinji hören sollen...“

„Ja, ja, Super-Shinji, der Unfehlbare! Weißt du, bis wo der mir steht?“

„Das ist zur Abwechslung mir völlig egal!“ schrie Misato. „Du bist heute abend aus meiner Wohnung verschwunden, der Quartiermeister hat bereits eine Unterkunft im Hauptquartier für dich, wo es dir an nichts mangeln wird.“

„Du wirfst mich wirklich raus?“

„Ja, das tue ich.“

„Aber... aber ich bin es doch, die verprügelt wurde... First ist gemeingefährlich, sie...“

„Hör auf. Sei einfach still. Ich fahre dich jetzt zu meiner Wohnung, du holst dir deine Sachen und dann bringe ich dich noch zum Hauptquartier. Danach sind wir geschiedene Leute.“

Asuka knurrte.
„Gut, wie ihr wollt. Ich wußte von Anfang an, daß ihr alle gegen mich seid... Bemühe dich nicht, Misato, ich schaffe das auch allein, ich brauche deine Hilfe nicht, ich brauche nieman-den!“
Damit stapfte sie davon.

„Asuka...“ setzte Misato an.

Ritsuko legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Nicht. Sie hat ihren Weg gewählt.“

„Ja...“

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt