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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 39 - Engel der Macht

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

EVA-01 stürzte sich auf den Engel, trieb ihn vor sich her, quer durch den Hangar.

Misato blickte wie versteinert auf dem großen Monitor in der Zentrale.
Aus Shinjis EntryPlug kam nur ein dumpfes, nichtendenwollendes Knurren über die Funkver-bindung. Die Bildverbindung zeigte, daß er hochkonzentriert hinter der Steuerung von Einheit-01 saß, die Lippen zusammengepreßt, die Hände um die Steuerung verkrampft, daß die Finger-knöchel sich deutlich durch die Haut abzeichneten.

„Shinji, treib ihn nach draußen. Shinji, hörst du nicht?“ rief Misato, doch der Junge blickte nicht einmal kurz auf die Monitore der KomPhalanx.

Der Engel war nur einen Augenblick lang überrascht gewesen, doch noch auf Gegenwehr zu stoßen, hatte dann den Angriff von EVA-01 gekontert. Die AT-Felder trafen unter Erzeugung kleiner Blitze und Funken aufeinander, die Spitzen von Tentakelarmen und mächtige Fäuste schrammten über eigentlich unsichtbare Schutzfelder, die nun kurzfristig zu erkennen waren.

Die beiden Kontrahenten schenkten einander nichts, schlugen mit ungebremster Kraft aufein-ander ein. Und nicht jeder Hieb wurde vom jeweiligen gegnerischen AT-Feld gebremst. Dunkelblaues und hellrotes Blut spritzte in alle Richtungen, letzteres zusammen mit Metallteilen der Körperpanzerung von Einheit-01.

EVA-01 wankte wie ein Boxer in der zehnten Runde, als der Engel einen Kopftreffer landete. Riesige Zahnsplitter flogen in einer rosa Wolke aus seinem Mund.
Der EVA röhrte auf, duckte sich zur Seite, schlug kraftvoll zu, durchstieß das AT-Feld des En-gels und hämmerte ihm die Faust in die Seite, riß dabei dessen Körperoberfläche auf.

Der Engel konterte, schlug mit beiden papierdünnen Armen zu, schlitzte die Armpanzerung des EVAs auf.

Gendo Ikari stand auf dem Laufsteg und beobachtete das ganze mit ausdruckslosem Gesicht, bewegte sich nicht einmal im Ansatz, als ein gewaltiger Spritzer roten Blutes wie eine Welle auf ihn zukam und ihn bedeckte. Hinter ihm malte die hellrote LCL-Flüssigkeit seine Umrisse als Schattenriß an die Wand.
EVA-01 war der stärkste EVANGELION, den Ritsuko für ihn gebaut hatte, wenn es ihm nicht gelang, den Engel aufzuhalten, dann war Flucht ohnehin sinnlos. Der Engel hatte nicht umsonst den geraden Weg in den Hangar genommen - er spürte ADAMs Gegenwart...

EVA-01 senkte den Kopf, ging den Engel an wie ein Stier, das Horn voran, rammte ihn frontal, trieb ihn vor sich her. Die Metallwand der riesigen Hangarhalle bot kaum Widerstand, als die beiden Wesen mit der Kraft elementarer Gewalten aufeinandertreffen, riß auseinander wie Pa-pier.
Die beiden Giganten stürzten in den dahinterliegenden Gang, rissen auch die gegenüberliegen-de Wand ein.
Zeruel schlug wild mit den Armen, zerfetzte, was in seine Reichweite kam.
Der Engel und der EVA brachen durch mehrere Zwischengeschosse, dann gelang es Zeruel, seinen Gegner zu packen und mit ihm die Plätze zu tauschen. Wieder ging es durch eine Wand.
Der Raum dahinter war recht groß - die beiden Kontrahenten waren während ihres Kampfes bis in die Kommandozentrale von NERV vorgedrungen...

*** NGE ***


Misato hatte sich die Lippe blutig gebissen, doch das fiel ihr gar nicht auf. Ihre ganze Konzen-tration galt dem Hauptbildschirm und dort dem kleinen Feld, welches die Übertragung aus dem EntryPlug von Einheit-01 zeigte.

Shinjis Gesicht zeigte keine Regung, war völlig starr. Seine Augen waren kalt, bar jeden Ge-fühls, jeder Gnade. Immer noch reagierte er nicht auf ihre Anrufe und Kommandos, dabei rief sie ihm schon scheinbar seit einer Ewigkeit zu, den Nahkampf zu meiden und den Gegner aus dem Hauptquartier zu locken.

Jetzt erwischte der Engel den EVA mit einem kräftigen Schlag am Kinn. EVA-01 spuckte Zäh-ne. Und aus Shinjis Mundwinkel sickerte plötzlich ein dünner Blutfaden. Zugleich zeigte der Junge eine Regung, als er das Gesicht vor Schmerz verzog.

„Ritsuko, die Synchronverbindung ist zu stark! Der Engel prügelt EVA-01 zu Klump... und er bringt dabei Shinji um!“

„Wenn ich jetzt die Verbindung drossele, macht er das ganz sicher. Shinji hat derzeit ein Synchratio von 98.6, die Sicherheitsschaltung dürften gleich ansprechen.“

„Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“

„Wäre es dir lieber, wenn ich hysterisch werde? - Maya, zur Seite!“
Akagis Gesicht verschwand vom Bildschirm, in der nächsten Sekunde brach die Verbindung zusammen.

„Die beiden sind jetzt in Korridor C. Und jetzt in den Werkstätten... Die kommen direkt hier-her!“ meldete Aoba.

„Alles raus!“ brüllte Misato.

Da brachen der Engel und der EVA bereits durch die Wand.

Panisch flüchtete die Brückencrew.
Die MAGI-Rechner wurden im Boden versenkt, verschwanden in tiefen Schächten hinter sich schließenden Panzerschotten von jeweils einem Meter Dicke.

Misato blieb am Ausgang stehen, blickte zu den beiden Giganten hinüber, die gerade die Zen-trale zerlegten. Die Arme des Engels zerkleinerten die Terminals, gerade implodierte der Moni-tor, überschüttete die Kontrahenten mit Funken, machte die Grenzen der AT-Felder kurzfristig gut sichtbar.

Die Decke kam herunter.

EVA-01 packte einen langen Stahlträger, schwang ihn wie eine Keule, traf den Engel in der Körpermitte, schleuderte ihn gegen die Wand, drehte den Träger in den Händen, setzte ihn ein wie einen Speer und stieß mit ihm wuchtig nach dem Engel.
Zeruel wich aus, der Stahlträger bohrte sich in die Wand, blieb stecken.

Der EVA gab ein enttäuschtes Brüllen von sich.

Die beiden Gegner verharrten, schienen Atem zu schöpfen.

Misato wich langsam in den Korridor zurück, löste dabei den Blick nicht von Einheit-01.
Sie hatte noch nie zuvor gehört, daß ein EVA einen Laut von sich gab.

Wieder brüllte der EVA. Es klang wie der Schrei eines Raubtieres...

Misato rannte den Korridor hinab...

*** NGE ***


Shinji fühlte nichts außer Kälte.
Die Sorge um Rei-chan, die Angst, sie könnte schwer verletzt sein - oder gar schlimmeres -, die Furcht, sie vielleicht für immer verloren zu haben, alles war wie unter einem Eispanzer ein-geschlossen, der sein Herz umgab.

Der Engel hatte seine Rei-chan verletzt...
Rei-chan war bereit gewesen, sich zu opfern, damit er etwas Zeit bekam, Zeit, die nicht nötig gewesen wäre, wäre er da gewesen...
Er hätte sie beschützen müssen...
Der Engel würde für sein Tun büßen...

Shinji registrierte die Treffer, die der Engel landete, sah auch auf dem Schadensmonitor, daß einige davon recht schwer waren, doch er spürte sie kaum, spürte nicht, wie seine Lippe zu bluten begann, nachdem der Engel EVA-01 am Kinn erwischt hatte, spürte nicht, daß sein Hemd am Oberarm aufriß und seine Haut feine Schnitte wie von einem Skalpell zeigte.
Er ignorierte sogar die Anzeige der Akkus. EVA-01 lief bereits die ganze Zeit über auf Batte-riestrom...

Der Engel mußte besiegt werden, um jeden Preis...
Das war er Rei-chan schuldig...

EVA-01 schien ihm zuzustimmen. Aus der Tiefe des EVAs kam ein ständiger Strom beleben-der Impulse, die Shinji vorantrieben, begleitet von der Aufforderung, endlich seine Kräfte mit denen des EVA-Bewußtseins zu verbinden.
Noch wehrte er die drängenden Impulse ab...

Mit gesenktem Horn ging er den Engel an, stieß ihn vor sich her. Mehrfach wirbelten sie einan-der herum.
Shinji ignorierte dem Schmerz, der von seinem immer noch geprellten Rücken ausging, als EVA-01 durch mehrere Trennwände geschleudert wurde, kam wieder auf die Beine, fletschte die Zähne...
Sie waren in der Zentrale!

Misato...

Nein, der Raum war bereits geräumt.

Gut...
Keine Rücksichtnahme nötig...

Wieder schien der EVA zuzustimmen: Keine Unschuldigen, die gefährdet wurden...

Einen Augenblick lang herrschte Stille.
Der Engel schwebte über dem Boden, schien seinen Kontrahenten zu mustern, sofern dies ohne Augen überhaupt möglich war.

Wollte er Zeit schinden?
Wußte er, daß sein Gegner nur wenige Minuten vor dem Zusammenbruch war?
EVA-01 gab ein wütendes Knurren von sich.

Dann griff der Engel wieder an. Peitschenschlagartig trafen seine dünnen Arme auf das AT-Feld des EVAs, einer der Hiebe durchschlug das Feld, fügte EVA-01 eine tiefe Schramme quer über die Brustpanzerung zu.

Der Pilot in der Steuerkapsel spürte nicht, wie sein Hemd und die Haut darunter über der Brust aufrissen.
Die spirituelle Dunkelheit umhüllte ihn wie ein mystischer Schild.

Hier in der Enge des Hauptquartiers war der Engel mit seinen biegsamen gelenklosen Armen klar im Vorteil...
Erstmals seit Beginn des Kampfes zeigte Shinji eine Regung - er blinzelte.
Das war nicht sein Gedanke gewesen, diese taktische Analyse stammte von dem EVA selbst!
Aber es stimmte. Und das hieß, daß er schnellstmöglich mit dem Engel das Hauptquartier ver-lassen mußte...
Shinji konzentrierte sich vollständig auf die Stärke des AT-Feldes von EVA-01. Als Antwort begann sein Feld zu leuchten, als seine Stärke wuchs.
Wieder ließ er EVA-01 den Kopf senken, wieder stürmte er auf den Engel los, doch dieses mal packte er ihn, ging bewußt das Risiko ein, daß ihre AT-Felder sich gegenseitig negieren könn-ten.

Erneut ging es durch mehrere Wände, hinterließen sie eine Spur der Verwüstung, die quer durch das Hauptquartier führte. Die Odyssee endete dort, wo sie begonnen hatte, im Hangar.
Shinji stürmte, den Engel immer noch umklammernd, quer durch die Halle, auf eine der Auf-zugsplattformen zu, brüllte: „Nummer 5!“

*** NGE ***


Ritsuko Akagi klopfte sich den Staub von der Kleidung. Hinter der ausdruckslosen Fassade ih-res Gesichtes war sie ein nervliches Wrack.
Der Kommandoraum des Testcenters war größtenteils verwüstet, Ritsuko meinte sich zu erin-nern, daß EVA-01 beiläufig mit der Hand durch den Raum gewischt hatte, als er sich auf sei-nen Gegner gestürzt hatte, allerdings konnte die undeutliche Erinnerung auch die Hand von EVA-03 betreffen, welche den Kommandoraum in Matsushiro zerlegt hatte...

„Maya? Wo bist du?“

Dort wo ihre Assistentin vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte, war die Decke einge-stürzt.

Ritsuko sah sich bereits nach einem geeigneten Hilfsmittel um, um Maya Ibuki freizugraben, als sie ein Husten hörte.
„Maya?“

Die jüngere Frau kroch unter einem Terminal hervor.
„Sem-Sempai... das... das...“

„Du lebst...“
Ritsuko atmete tief durch, mußte dann husten, weil zuviel Staub in der Luft war.

„Einfach... einfach alles zerstört...“

„Ja.“ brummte Akagi.
Ein Glück, daß Maya nicht auch in Matsushiro gewesen war...
Sie sah sich um.

Die Monitore und Anzeigen waren allesamt erloschen.

„Hast du deinen Laptop?“

„Ja, Sempai.“

Ritsuko ging neben Maya in die Knie, ließ sich den kleinen Koffer reichen, welcher den Laptop enthielt.
„Mal sehen... wenn die MAGI noch arbeiten, müßten wir... Ah, Kontakt... Das darf doch nicht wahr sein...“
Sie schluckte.

„Sempai?“

„Synchronratio 99.999 Oberster Skalenrand! Bei diesem Wert hätten längst die Sicherheits-sperren die Synchronverbindung drosseln müssen... Wo ist EVA-01? - Maya, schnell, weg hier!“

„W-w-was?“
Ibuki folgte ihrer Mentorin verwirrt, welche über einen Schuttberg in die andere Hälfte des Raumes kletterte.

Hinter ihnen riß die Wand auf wie Pappmaché.
Die beiden Kämpfenden waren an den Ausgangsort zurückgekehrt!

„Nummer 5!“ brüllte Shinji.

Ritsukos Augen weiteten sich, hatten jetzt den menschenmöglichen Anschlag erreicht.
Es war der EVA gewesen, der die Worte abgehackt hervorgestoßen hatte - doch mit Shinjis Stimme...
„Synchronratio 99.999...“ murmelte sie. „Tendenz steigend...“
Nummer fünf?
Was meinte er denn damit...
Aufzug Nummer Fünf! - Er wollte den Engel an die Oberfläche bringen!
Glücklicherweise konnte sie auf die Steuerung der Aufzugsplattformen über die Verbindung mit den MAGI Zugriff nehmen.

EVA-01 und der Engel jagten aus der Geofront, rasten nach oben, an die Oberfläche...

*** NGE ***


Ebenfalls in einem Aufzug befand sich Gendo Ikari, nur war er in die entgegengesetzte Rich-tung unterwegs. Noch in der Kabine entledigte er sich seines LCL-durchnäßten und triefenden Jacketts und warf es achtlos auf den Boden.

*** NGE ***


Aufzug Nummer Fünf endete zwischen den Hügeln, die Tokio-3 zu drei Seiten umgaben, es war derselbe Aufzug, den EVA-00 und EVA-01 damals benutzt hatten, als sie zum Fugotoya-ma aufgebrochen waren. Und er endete weit genug von der Stadt entfernt, um zu vermeiden, daß sich der Kampf in die Straßen verlagern würde.

Die Beschleunigungskräfte schleuderten beide Kontrahenten in die Luft.

Shinji war darauf vorbereitet gewesen, ließ EVA-01 im Fall eine Drehung machen, prügelte noch vor der Landung wieder auf den Engel ein.
Er hatte nur noch eine Minute...

Nur noch eine Minute, um den Gegner zur Rechenschaft zu ziehen...
Nur noch eine Minute, um ihn in der Luft zu zerreißen...

Das waren seine Gedanken... und sie waren es nicht... es waren auch die Gedanken des EVAs, seine Gier nach Leben... Shinji konnte das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden...

Wut...
Zorn...
Haß...

Der Engel hatte den Menschen verletzt, der ihm mehr bedeutete, als alles andere...
Er mußte den Engel besiegen...
Für Rei-chan... egal, wie groß das Opfer war...
Und er gab dem Drängen nach, ließ sich von der Dunkelheit vollständig umhüllen...

Plötzlich veränderte sich seine Wahrnehmung.
Vor seinen Augen rasten Zahlenkolonnen dahin, dann erschienen wurzelartige Verzeichnis-strukturen... das Betriebssystem des EVAs. Zum Greifen nahe pulsierten verschiedenste Be-griffe in kleinen Blasen. Direkt vor ihm tauchte ein Verzeichnis auf, welches die Sicherheits-protokolle enthielt.
Drosselung der Synchronverbindung... offline...
Krafteindämmung - aktiv.
Adrenalinblockade - aktiv.

Die letzten beiden Punkte rotierten langsam vor sich hin.

Warum konnte er das sehen...
- Der EVA wollte, daß er es sah...
Was hatte das zu bedeuten... Krafteindämmung... wurde der EVA vielleicht dazu gezwungen, sich zurückzuhalten?
Abschalten...
Konzentriert dachte er den Befehl.
Sicherungen abschalten!

Und EVA-01 schaltete drei Gänge weiter, wurde schneller, legte noch mehr Wucht in seine Schläge, bekam schließlich die Oberhand, prügelte im Takt auf den Engel ein, hatte ihn bereits am Boden. Der Engel war wehrlos, fast schon besiegt. Seine Arme schlugen wirkungslos ge-gen das jetzt hell glühende AT-Feld von Einheit-01.

Shinji keuchte.
Sein Herz schlug schneller, drohte aus dem Takt zu kommen.
Deshalb also war die Kraft des EVAs beschränkt worden... weil er sonst wirklich alles geben würde...
Aber wenn er dadurch den Engel besiegen würde...
Wenn er dadurch verhindern konnte, daß heute der Third Impact stattfand...
Wenn er dadurch ein paar Tage gewinnen konnte, bis vielleicht der nächste Feind auftauch-te...
Wenn er ein paar Tage für Rei-chan gewinnen konnte, so wie sie ein paar Minuten für ihn ge-wonnen hatte... - dann war es das wert...

Längst hatte der EVA seinen Rhythmus gefunden.
Links-rechts-links-rechts-links...

Das AT-Feld des Engels war nicht mehr vorhanden, bei jedem Schlag, den EVA-01 landete, spritzte eine Fontäne blauen Blutes. Spinnwebenartige Risse überzogen die Hülle des Engel inzwischen, aus denen die blaue Flüssigkeit hervorquoll.

Links-rechts-links-Stillstand.

Die internen Batterien hatten keine Energie mehr abzugeben.

Im EntryPlug wurde es dunkel, die Augen des EVA erloschen.
Der Koloß stand starr über dem Gegner, den er eben gerade noch unangespitzt in den Erdbo-den hatte rammen wollen, rührte keinen Finger mehr.

Schlagartig lichtete sich die Dunkelheit, welche Shinjis Geist umgeben hatte.

Shinji ruckte und zerrte an den Steuerungselementen, erzeugte keine Reaktion.
„Beweg dich! Beweg dich!“
So konnte es doch nicht enden... so durfte es nicht enden... nicht unmittelbar vor dem Sieg...

Der Engel erkannte seinen Vorteil, packte EVA-01, schleuderte ihn gegen einen Hügel, setzte nach. Zugleich begannen sich die Risse in seiner Haut zu schließen.

Shinji zerrte immer noch an der Steuerung, entsandte konzentrierte Gedankenbefehle, versuch-te, den EVA zu erreichen, ihn zur Gegenwehr zu animieren, befahl ihm, das AT-Feld aufzu-bauen... vergeblich...

Ein Peitschenarm raste heran, trennte den rechten Arm von EVA-01 an der Schulter ab.

„Beweg dich!“
Shinji hatte keine Lust, vom EntryPlug aus mitzuerleben, wie der Engel den EVA auseinander-nahm.
Es mußte doch einen Weg geben...
Er war der letzte Verteidiger...

Ein Ruck ging durch den EVA, nur schwach und selbst für Shinji nicht von den Vibrationen zu unterscheiden, welche die Schläge des Engels im Plug erzeugten.

Der Engel konzentrierte sich weiter auf seinen Gegner, schlug auf die Brustpanzerung ein, fetzte die Tri-Polymer-Titaniumpanzerung auf, als wäre sie nur aus dünnem Blech.

„Beweg dich endlich. Beweg dich! Bitte! Beweg dich!“ schrie Shinji. Immer mehr erfaßte ihn Panik.
Er wollte so nicht sterben, nicht ohne zu wissen, ob es Rei-chan gut ging, nicht ohne sie noch einmal in den Armen zu halten...
Das war doch nicht fair! Er war völlig wehrlos! Konnte der Engel sich nicht jemand anderen zu Demontieren suchen, zum Beispiel seinen Vater?
Wieder versuchte er, den EVA zu erreichen, versuchte ihn mittels der Kraft seines Willens in Bewegung zu setzen, schrie ihn mit seinen Gedanken an, forderte, flehte, bettelte...

Unter der aufgebrochenen Brustpanzerung von EVA-01 kam ein rotpulsierendes... Etwas zum Vorschein, einem überdimensionalem Herzen nicht unähnlich.

„Beweg dich!“
Und plötzlich erhielt Shinji Antwort... auch der EVA wollte so nicht enden...
Doch allein, jeder für sich, hatten sie keine Chance. Nur zusammen konnten sie den Engel be-siegen... mit vereinter Kraft...
Shinji glaubte mit einem Mal, in einen tiefen Abgrund zu blicken, dessen Boden nur aus wa-bernder Schwärze bestand. Instinktiv schreckte er zurück.
Nur zusammen konnten sie etwas ausrichten...
Für Rei-chan...
Und Shinji ließ sich fallen.

*** NGE ***


Die Augen des EVA glühten auf, stärker und heller als jemals zuvor. Er stieß einen Schrei aus, voller Schmerz und Wut, brüllte seinen ganzen Zorn heraus. Mit dem noch existierenden Arm fing er den Peitschenarm des Engels ab, riß ihm mit einem Ruck ab, trat den Engel fort von sich. Wieder ein Schrei, triumphierend...

EVA-01 preßte den Arm des Engels gegen den eigenen Stumpf, das dünne weiße Material ver-band sich ohne Verzögerung mit der Schnittstelle, beulte sich dann aus, unter der Oberfläche formten sich Gelenke, Finger, eine Hand... Das assimilierte Zellmaterial platzte auf, offenbarte einen ungepanzerten, muskelbepackten bronzefarbenen Arm.
Mit neuer Kraft stürzte sich der EVANGELION wieder auf den Engel, rammte ihm die Hand direkt in die Brust, riß ihn auseinander...

Blaues Blut floß in Strömen.
Der Engel wehrte sich immer noch, doch seine Gegenwehr erschlaffte zusehends, während EVA-01 in seinen Innereien wühlte, ihn in mehrere Stücke zerfetzte.
Dann brüllte EVA-01 erneut auf, doch dieses Mal war es ein Siegesschrei.
Der EVANGELION entblößte ein jetzt wieder perfektes Gebiß, öffnete weit die Kiefer, be-gann seinen Gegner zu fressen...

*** NGE ***


Von einem Aussichtspunkt aus beobachteten Ritsuko Akagi, ihre Assistentin Maya und Misato das Geschehen. Seit über einer halben Stunde war der EVA bereits mit den Resten des Engels zugange, hob immer wieder den blutverschmierten Kopf, um sein Siegesgeheul anzustimmen.

„Unglaublich... Die Synchronisationsrate liegt bei über 400%!“ rief Maya. Sie blickte von ih-rem Laptop auf, sah, was EVA-01, der gerade diverse Innereien mit den Zähnen au dem Kör-per des Engels riß, dem Engel antat, mußte sich übergeben.

„Also ist sie erwacht...“ flüsterte Ritsuko.

„EVA-01 frißt den Engel...“ murmelte Misato und wünschte sich ein Bier, am besten gleich in einer Palette mit fünf weiteren.

„Sie absorbiert das S2-Organ des Engels...“
Ritsuko Akagi verspürte den Drang, laut loszulachen.

EVA-01 warf den Kopf in den Nacken und stieß erneut sein lautes Röhren, seinen Siegesschrei aus.

Unter seiner Panzerung schwollen die Muskeln an, verschoben die Platten, quollen dazwischen hervor. Teile des Panzers lösten sich. Der EVA schien größer und breiter zu werden, verlor da-bei einen guten Teil seines menschlichen Äußeren, erinnerte jetzt noch mehr an einen übergros-sen Primaten, vor allem, als EVA-01 sich auf allen Vieren aufrichtete und wieder die Nachricht von der Niederlage des Engels herausschrie, sich dann halb aufrichtete, in die Hocke ging und mit dem Oberkörper hin und herpendelte, sich kräftig gegen die Brust schlug.

Misato lief es kalt den Rücken hinab.
Wer - oder was - auch immer den EVA kontrollierte, Shinji war es nicht... der hätte nie im Le-ben eine solche Sauerei angerichtet... Der EVA verhielt sich wie eine Bestie, Misato erinnerte sich an einen Dokumentarfilm über Menschenaffen, den sie vor langer Zeit einmal gesehen hat-te. EVA-01 bewegte sich genauso wie ein Gorilla, der gerade sein Revier erfolgreich verteidigt hatte... oder wie ein Mensch, dessen Urinstikte durchgebrochen waren...
Das war doch kein Roboter, wie sie noch geglaubt hatte, als sie ihren Dienst bei NERV erst-mals angetreten hatte, auch kein Androide. Der EVA verhielt sich wie ein primitiver Wilder...

Maya Ibuki würgte immer noch, obwohl ihr Magen längst leer war.

„Die Fesseln...“ murmelte Ritsuko.

„Fesseln...?“ echote Misato.

„Ja, es ist keine Rüstung, es sind Fesseln, die uns helfen sollten, EVAs Macht zu kontrollieren, jetzt bricht sie aus, wir können EVA nicht mehr aufhalten.“

„Sie?“

Akagi schwieg.

„Und was machen wir jetzt? EVA-01 benimmt sich wie King Kong. - Und die Akkus müßten längst leer sein... trotzdem bewegt er sich noch... wie fangen wir ihn wieder ein?“

Ritsuko schüttelte den Kopf.
„Das ist das S2-Organ des Engels. Daraus bezieht er jetzt seine Kraft. Misato, was wir da eben beobachtet haben, war die Entstehung einer neuen Spezies.“

„Willst du etwa sagen, der EVA lebt?“

„Ja. Der Diener hat gerade seine Ketten zerbrochen.“

„Und... Shinji? Was ist mit ihm?“

„Bei einer Synchronrate von mehr als 400%?“
Akagi zuckte mit den Schultern.
„Der höchste bisher gemessene Wert lag bei 150...“

„Und der Pilot hat es nicht überlebt, ich weiß...“

„Sempai...“ flüsterte Maya, „die MAGI erhalten immer noch Signale aus dem EntryPlug.“

EVA-01 warf seinem besiegten, zerrissenen und halbverspeisten Gegner einen letzten Blick zu, dann setzte er sich auf den Boden, lehnte sich gegen den Hügel, zerschmetterte dabei die örtli-che Bewaldung.
Das Glühen in seinen Augen erlosch.

*** NGE ***


Kaji betrachtete die Szene von einem anderen Punkt von seinem Wagen aus.
„Was auch immer mit Einheit-01 passiert ist, es wird SEELE nicht entgehen. Gehört das auch zu Ihrem Szenario, Kommandant Ikari?“ murmelte er leise.
Dann fuhr er wieder an, blickte auf den kleinen Bildschirm des Peilgerätes in seiner Hand.
Er wollte den Wagen nicht verlieren, in dem drei Männer den Sub-Kommandanten aus der Geofront entführt hatten, wenn die Entfernung zu groß wurde, half auch der Peilsender nicht mehr, den er an dem Wagen angebracht hatte...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt