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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 41 - 21 Tage - Shinji Ikari

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Der Sturz in die Dunkelheit schien bereits eine Ewigkeit zu dauern.

Shinji konnte seinen Körper nicht mehr spüren, auch seine Sinne übermittelten keine Eindrük-ke mehr. Es gab nur die Schwärze, weder den Geschmack des LCL, noch das harte Plastikma-terial des Pilotensitzes. Alles schien sich aufgelöst zu haben.
Dann hatte Shinji das Gefühl, daß sein Fall sich verlangsamte, daß die Dunkelheit an Sub-stanz zu gewinnen schien, die ihn abzubremsen begann. Es war, als wäre er auf einer Schicht Watte gelandet, die immer konzentrierter wurde.

Hatte der Engel EVA-01 vernichtet?
War dies die Schwärze des Todes?
Oder hatte der EVA ihn verschlungen, um ihn nie wieder freizulassen?
War es seiner Mutter vielleicht genauso ergangen?

Fragen über Fragen - und er hatte keine Antworten...

Und wenn der EVA sein Bewußtsein absorbiert und sich mit ihm verbunden hatte, was ge-schah dann in der wirklichen Welt? Kämpfte Einheit-01 immer noch mit dem Engel?

Jetzt war er völlig zum Stillstand gekommen, obwohl er unter sich keinen Widerstand spüren konnte.
Und wie sollte er das auch, wenn er nicht einmal seinen Körper mehr wahrnehmen konnte, wenn er vielleicht auf sein Bewußtsein reduziert worden war...
Wie ein Gespenst...

Da wurde es hell. Die Dunkelheit wich...

*** NGE ***


Shinji blickte an sich herab. Er hatte seinen Körper wieder! Nur trug er anstelle seiner All-tagssachen seine PlugSuit.

Wo war er?

Eine Wiese... Bänke... Hecken...
Spielgeräte. Ein Karussell. Eine Rutsche.
Ein Sandkasten...
Ein Spielplatz...

Der Ort kam ihm seltsam bekannt vor.

Kinder liefen zwischen den Geräten herum, ein Mädchen rutschte die Rutsche hinab, sprang lachend auf. Mehrere Jungen spielten fangen. Und abseits von ihnen, im Sandkasten, hockte ein vielleicht vierjähriger Junge und baute eine Sandburg.

Shinji erstarrte.
Dieser Junge...
- Das war er selbst...
Er konnte gar nicht anders, als von seinem Standort aus sein jüngeres Ich zu beobachten.
Die Kinder ignorierten ihn, für sie schien er gar nicht zu existieren - und vielleicht stimmte das auch...

Der vierjährige Shinji zeigte kein Interesse an seiner Umwelt, schien nur den Sand formen zu wollen. Unter seinen kleinen Fingern entstanden Gebäude mit Türmchen, die er vorsichtig weiter bearbeitete, dann mit dem Zeigefinger einen Graben darum herum zog.
Schließlich sah er mit stolzem Lächeln auf, als er sein Werk vollendet hatte.
- Nur um im nächsten Moment mitanzusehen, wie zwei rote Schuhe mitten in der Sandburg landeten und sie einstampften.
Der kleine Shinji sah auf.

Die roten Schuhe gehörten einem ebenfalls vielleicht vierjährigen Mädchen in einem roten Kleid, ihr ebenfalls hellrotes Haar wurde von einer dunkelroten Schleife gehalten. Da Mäd-chen grinste ihn frech an, ehe es weiterlief.

Der kleine Shinji senkte den Kopf, begann den Sand wieder zusammenzuschieben, um sich er-neut ans Werk zu machen.

Shinji blinzelte.
Das Mädchen - das war doch Asuka!
Wenn die Szene aus seinen Erinnerungen stammte, wieso kam sie dann darin vor?
Während er sich den Kopf darüber zermarterte, erkannte er, daß dieses Geschehen sich wirk-lich so abgespielt hatte... er hatte die Burg immer wieder neuaufgebaut, nur um zusehen zu müssen, wie das rothaarige Mädchen sie immer wieder zerstört hatte. Und sie hatte dabei ge-lacht...
Shinji setzte sich in Bewegung, ging langsam über den Spielplatz auf sein jüngeres Abbild zu.
Die anderen Kinder ignorierten ihn immer noch, sahen den seltsam gekleideten Fremden in ihrer Mitte nicht.
Shinji ging vor sich selbst in die Hocke.
„Kann ich dir helfen?“ fragte er mit freundlichem Lächeln.

Der andere Shinji reagierte nicht, formte bereits wieder den Sand.

„Ich würde dir gerne helfen“, wiederholte Shinji, wieder ohne eine Antwort zu bekommen.

Zögernd streckte er die Hand aus.
Seine Finger glitten durch sein Abbild hindurch.
Es war nicht real, nur eine Erinnerung...
Shinji schluckte.

Inzwischen hatte der vierjährige Shinji seine Burg bereits fast wieder aufgebaut.

Shinji sah sich um, sah das rothaarige Mädchen, welches Asuka so sehr ähnelte, wieder heranlaufen. Er stand auf, breitete die Arme aus wie eine Sperre. Sie sollte die Sandburg nicht noch einmal zerstören!
Doch ebenso wie er für den kleinen Shinji nicht existierte, gab es ihn auch für die kleine Asuka nicht. Die Rothaarige lief mitten durch ihn hindurch, zertrampelte lachend die Sandburg, ehe sie wieder zu den anderen Kindern rannte.
Mit tiefem Bedauern blickte Shinji auf die Überreste der Burg. Der andere Shinji war jedoch schon dabei, den Sand wieder zusammenzuschieben...
Der Kreislauf würde vielleicht ewig so weitergehen...

Aber, wenn er hier war, wenn sein vierjähriges Gegenstück sich auf dem Spielplatz aufgehal-ten hatte, dann mußte sie auch hier sein... seine Mutter!

Aufgeregt sah Shinji sich um.

Auf einer Bank in der Nähe saßen zwei Frauen und unterhielten sich angeregt, Papiere und Unterlagen auf den Knien, die Kinder hatten sie längst vergessen. Und eine der beiden war seine Mutter!
Shinji lief los, rannte. Im Lauf breitete er wieder die Arme aus, doch dieses mal um seine Mutter zu umarmen.
„Mutter! Mutter, ich bin es!“

Keine der beiden Frauen sah auf, keine wandte den Kopf.

Und Shinji lief durch sie und die Bank hindurch, stand plötzlich in einer brusthohen Hecke, welche jedoch kaum Substanz hatte. Es war, als würde er durch Nebel waten.
Enttäuscht drehte er sich um, ging langsam zurück, bleib neben seiner Mutter stehen.
„Mutter? Mutter, ich bin´s, Shinji. Hörst du mich? Bitte, sieh mich doch an...“
Doch Yui Ikari nahm ihn nicht wahr.

Bei den Unterlagen auf ihren Knien handelte es sich um komplizierte Gleichungen, dazwi-schen Diagramme. Und eine grobe Skizze eines EVAs...

„Doktor Soryu... Kyoko, dieses Projekt wird alles in den Schatten stellen, was die Wissen-schaft bisher erreicht hat. Bedenken Sie doch, die EVAs wären imstande, an Orte zu gehen, an denen Menschen nicht überleben könnten, sie würden uns den Weg ebnen können... die Tiefsee, andere Planeten... alles wäre plötzlich in Reichweite. Doktor Akagi steuert das PRO-PHET-Interface und ihre Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz bei. Und ich möchte auch Sie im Team haben.“

„Ich weiß nicht, Yui. Als Asuka nach dem Impact geboren wurde, kam mir das wie ein Wun-der vor, ich will ihr eigentlich mehr Zeit widmen.“

„Ich verstehe Sie, aber Sie wissen auch um den vordringlicheren Grund, weshalb das Projekt-E begonnen wurde.“

„Um Soldaten für den Kampf gegen weitere Engel zu schaffen, ja. Es ist kaum zu glauben, wie gut es Ihrem Mann gelungen ist, die Wahrheit über den Impact vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Aber was macht Sie so sicher, daß noch mehr dieser Wesen erscheinen werden? Die Bezeichnung ´Engel´ ist übrigens höchst verwirrend.“

„Gendo hat diese Begriffe geprägt. Er hatte die Katastrophe vorhergesehen... es gibt uralte Prophezeiungen, welche den Impact vorhergesagt hatten. Alle anderen Ereignisse sind so ge-kommen, wie beschrieben...“

„So etwas kann man auch provozieren. Aber Sie haben mein Wort, Yui, daß ich es mir überle-gen werde.“

„Wir brauchen Sie, Kyoko, ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Genetik...“

„Sie schmeicheln mir, Yui. - Ach, ist es nicht schön, wie unsere Kinder miteinander spielen... - Asuka! Hör sofort auf, Shinjis Sandburg zu zertrampeln, das ist nicht nett!“

„Aber er ist soooo langweilig, Mama“, rief das Mädchen.

„Das ist noch lange kein Grund, so etwas zu tun! Hilf ihm lieber!“

Die Szene begann zu verblassen.
Die spielenden Kinder, die Spielgeräte, die Hecken und Bänke und der Rasen verschwanden, wurden von der Dunkelheit verschluckt.
Zurück bleib nur eine Person, die in einem Lichtkreis stand...

„Mutter?“ flüsterte Shinji.

„Du bist groß geworden, mein Sohn...“

*** NGE ***


Diese Stimme...

Halbvergessene Erinnerungen stiegen in Shinji wieder auf an die Stimme seiner Mutter, wenn sie ihm abends Schlaflieder vorgesungen hatte... aber auch an Streitgespräche zwischen ihr und seinem Vater, die gedämpft des Nachts durch die Wand an sein Ohr gedrungen waren.

„Mutter... kannst du mich sehen? Hörst du mich?“

„Ja.“
Yui Ikari lächelte ihn an, breitete die Arme aus.

Wieder lief er los, ließ sich in ihre Arme fallen.
„Du hast mir so gefehlt...“

Sie drückte ihn an sich, strich ihm übers Haar.
„Mein kleiner Shinji... mein armer Junge... wieviel Zeit doch verstrichen ist...“

Shinji wollte seine Mutter gar nicht mehr loslassen, wollte sich in einem fort aufs Neue ver-gewissern, daß sie echt war, daß sie Substanz in all der Dunkelheit besaß.

Und wenn das nur eine Täuschung war?
Der EVA hatte ihm früher schon Trugbilder gezeigt, um ihn dazu zu bringen, seinen Geist mit ihm zu vereinen. Als er im Schatten des Engels Leriel gefangen gewesen war, hatte EVA-01 versucht, ihn mit Bildern von Rei-chan zu ködern, was, wenn er jetzt wieder nur auf seine Er-innerungen zurückgriff und ihm das vorgaukelte, was er sehen wollte?

Erschrocken löste Shinji sich aus den Armen seiner Mutter, trat einen Schritt zurück.
„Bist du wirklich?“
Er musterte sie. Ihre Gesichtszüge besaßen eine erschreckende Ähnlichkeit mit denen Rei-chans... war dies das Werk des EVA? Besaß seine Mutter Reis Gesicht, weil dies die Person war, welche er mehr liebte als alle anderen?

Yui nickte.
„Ich bin wirklich - sofern man hier von Wirklichkeit sprechen kann.“

„Wo sind wir?“

„All dies ist EVA. Wir befinden uns im Herzen von EVA-01.“

„Ein dunkler Ort...“

„Ja. Ich habe seit zehn Jahren hier auf dich gewartet, um dich endlich wiederzusehen, mein Sohn.“

„Solange... dann... uh... bist du seit damals seine Gefangene...“

„EVA-01 hat mich damals absorbiert... so wie er dich zu absorbieren versucht. Allerdings verhindert dies meine Anwesenheit. Solange ich... solange meine Seele Teil von Einheit-01 ist, kann sie keine weiteren Seelen verschlingen.“

„Dann hast du mir die ganzen Male geholfen... als EVA-01 im Inneren des Kugelengels war... und damals, als Rei-chan Probleme mit EVA-02 hatte, als wir gegen den Zwillingsengel kämpften...“

„Ich habe oft versucht, mich dir bemerkbar zu machen, aber ich war zu schwach. Das hat sich jetzt geändert.“

„Ahm... Wie?“

„EVA-01 hat das S2-Organ des Engels absorbiert, es gibt uns beiden, ihm und mir, Kraft.“

„Dann haben wir gewonnen?“

„Ja. Der Engel der Macht wurde besiegt. Ich wünschte nur, es wäre nicht nötig gewesen.“

„Warum? Sie greifen uns doch an...“

„Es gibt da etwas, das du vergessen hast, Shinji. Du mußt dich erinnern.“

„Was? Woran soll ich mich erinnern?“

„An das, was früher war... wenn die Zeit reif ist, wirst du wissen, was du tun mußt.“

„Ich... ah... Mutter, warum siehst du Rei-chan so ähnlich?“

„Deine Freundin?“

„Ahm... ja...“

„Sie ist in deinem Herzen. Du mußt sie sehr lieben.“

„Ich... uhm... das tue ich.“

In der Dunkelheit erschien ein weiterer heller Flecken, in ihm stand Rei Ayanami, gekleidet in ihre Schuluniform.
„Ich bin in deinem Herzen.“ flüsterte sie.

Yui verließ ´ihren´ Lichtkreis, wanderte um Reis Kreis herum.
„Das sind deine Erinnerungen an sie. All deine Liebe, all deine Erwartungen... und deine Zukunft... Ein kluges Mädchen, dir vom Wesen her nicht unähnlich... eine Seelenverwand-te...“

„Ahm... aber warum ähnelt ihr euch so... uh... äußerlich?“

„Tun wir das? Vielleicht ist es das, was du sehen möchtest? Vielleicht soll Rei mich in deinem Herzen ersetzen...“

„Nein, Mutter, das stimmt nicht... ihr... ah... ihr beide seid in meinem Herzen... und... uh...“

„Es ist das Werk deines Vaters, Shinji. Er schuf diesen Körper, formte ihn nach seinen Wün-schen und Sehnsüchten, gab ihm mein Gesicht...“

„Vater? Du sprichst davon, wie er Rei-chans körperliche Eigenschaften... uh... verbessert hat... ihre Stärke und Konstitution, nicht wahr?“

„So hat der Mann namens Kaji es dir erzählt, oder?“

Ein weiterer Lichtkreis erschien, in ihm stand Ryoji Kaji.

„Er ist sehr weise. Und sehr risikobereit... trotzdem hätte er wohl für dich einen besseren Va-ter abgegeben, als Gendo jemals dazu imstande gewesen wäre... und die Frau, Misato...“

Noch ein Lichtkreis entstand in der Dunkelheit. Misato erschien.

„Sie hat Schwächen, große und kleine, doch ihr Herz sitzt am rechten Fleck. Bei ihr bist du gut aufgehoben, ein guter Ersatz für mich.“

„Mutter, wie redest du denn? Wenn ich kann, dann hole ich dich hier heraus!“

„Das wird nicht möglich sein, mein Kleiner. Was der EVA einmal hat, das gibt er nicht frei. Nur dich hat er nur teilweise assimilieren können. Dein Körper wurde Teil de EVAs, doch dein Geist ist nicht an ihn gebunden.“

„Ahm... mein Körper?“

„Ja. EVA-01 hat ihn aufgelöst.“

„Ich habe keinen Körper mehr?“ fragte Shinji panisch und blickte an sich herab. „Aber, hier...“

„Das ist nur eine Repräsentation. Die PlugSuit stellt die Grenzen dar, welche du dir selbst gesetzt hast, damit dein Geist nicht verweht.“

„Dann bin ich auch ein Gefangener.“

„Nicht ganz. Draußen ist man bereits dabei, Vorbereitungen zu deiner Rettung zu treffen.“

„Woher... uh... woher weißt du das?“

„Ich bin ein Teil von EVA-01, vergiß das nicht. Allerdings wird er dich nicht gehenlassen wollen.“

„Wie...“
Shinji runzelte die Stirn.
„Hörst du das auch? Musik...“
Eine geisterhafte Melodie hallte leise durch die Dunkelheit.

„Eine Geige. Sie versucht, dich zu erreichen...“
Yui blieb vor Reis Abbild stehen.
„Bemerkenswert. Obwohl Gendo alles getan hat, um sie sich gefügig zu machen, konntest du die Pforten ihres Herzens aufstoßen.“

„Rei-chan... ja...“

„Was auch geschehen wird, ich weiß jetzt, daß du in guten Händen sein wirst, kleiner Shinji.“

„Mutter, ich will dich nicht wieder verlieren.“

„Und ich will nicht, daß du auch ein Gefangener des EVAs wirst. Wer sonst soll denn Gendo stoppen?“

„Vater? Wie... wie meinst du das?“

„Der Mann, den du deinen Vater nennst, Shinji, ist kein guter Mensch.“

„Ah... das weiß ich schon seit langem.“ sagte Shinji voller Bitterkeit.

Über ihnen bildete sich eine Sphäre, welche eine weitere seiner Erinnerungen zeigte:
Kurz nach dem Tod seiner Mutter... Das Haus seiner Pflegeeltern, die ihn mit vorgetäuschter Freundlichkeit begrüßten, während sein Vater sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, aus dem Wagen zu steigen...

„Ich habe in meinem Leben sicher auch Fehler gemacht, doch Gendo war der schlimmste.“ flüsterte Yui. „Wir lernten uns auf einem Genetiker-Symposium kennen, er vertrat einige fas-zinierende Ideen, wie man den Menschen durch die Mittel der Wissenschaft verbessern und zu einem höheren Wesen machen könnte. Natürlich lagen die nötigen Mittel noch weit jenseits des Möglichen, weshalb er von vielen verlacht wurde. Ich fand ihn damals sehr sympathisch... wie sehr man sich doch täuschen kann. Er war ein sehr guter Schauspieler. Nach nur drei Monaten heirateten wir - gegen den Willen meiner Eltern. Er nahm sogar meinen Namen an, was mir ungemein schmeichelte. Doch danach ließ er seine Maske mehr und mehr fallen. Seine Theorien waren viel weitreichender und... erschreckender... als ich geglaubt hatte... und der Second Impact gab ihm auch noch Recht. Für ihn erschuf ich die Grundlagen der EVAs und rekrutierte andere Wissenschaftler für das Projekt-E... Projekt EVANGELION. Doch pri-vat drifteten wir immer weiter auseinander. Eines Tages suchte ich den Rat eines alten Freun-des, meine Mentors an der Universität. Er gab sich alle Mühe, mir Trost und Mut zuzuspre-chen, so daß ich immer wieder zu Gendo zurückkehrte, es wieder versuchte, doch dann kam eine zum anderen und... nun ja, manche würden wohl sagen, ich hätte einen weiteren Fehler begangen, doch ohne diesen Fehler würde es dich nicht geben...“

Shinji blinzelte.
Hatte seine Mutter ihm wirklich gerade zu verstehen gegeben, daß Gendo Ikari nicht sein leiblicher Vater war? Daß sie ihn mit einem anderen Mann betrogen hatte?“
„Er... er ist nicht mein Vater?“

„Nein, Shinji. Ich würde es dir nicht sagen, wenn ich nicht wüßte, daß dies für dich keine schlechte Nachricht darstellt. Gendo ist nicht dein leiblicher Vater. Dieser Mann ist in seinem Herzen so kalt, daß er gar nicht imstande ist, Leben hervorzubringen.“

„Uh, wer...“

„Bitte, Shinji, das möchte ich dir nicht sagen. Er weiß es selbst nicht.“

„Aber ich muß es doch wissen!“

„Du kennst ihn bereits. Und in gewisser Weise wacht er bereits über dich und die anderen Pi-loten.“ Yui lachte leise auf. „Nein, dieser Kaji ist es nicht, der wäre doch etwas zu jung gewe-sen.“

„Ahm, Mutter...“

„Mein kleiner Shinji... erschrickt es dich, die Wahrheit zu kennen?“

„Nein. Ich fühle mich... besser... Mutter, gibt es wirklich keine Möglichkeit, dich hier heraus-zuholen? Und wenn ich mit dir die Plätze tausche?“

„Selbst wenn das ginge, würde ich es nicht zulassen. Ich bin und bleibe ein Teil von EVA-01, daran läßt sich nichts ändern. Nur die Vernichtung des EVAs würde mich auch befreien.“

„Dann nehme ich ihn eigenhändig auseinander!“

„Aber das würde mich auch nicht zurückholen, Shinji. Bitte, finde dich damit ab. Solange du den EVA steuerst - und ich habe dafür gesorgt, daß er nur dich noch al Piloten akzeptiert – werde ich in deiner Nähe sein und dir helfen können. Das Mädchen namens Rei wird die Lük-ke in deinem Herzen füllen, daran habe ich keinen Zweifel.“

„Ja... Rei-chan... aber warum kann ich nicht euch beide haben? Wir könnten wie eine Familie sein... Du, mein wahrer Vater, ich...“

Sie sah ihren Sohn traurig an.
„Es ist schwer, ich weiß. Ich werde dich auch nur ungern wieder gehenlassen... Ah, sie begin-nen. EVA-01 hat gerade genetische Schablonen übermittelt bekommen, nach denen sie deinen Körper rekonstruieren wollen.“

„Wie... wie geht das?“

„Oh, das ist recht einfach. Wenn du ein paar Jahre Zeit hättest, könnte ich es dir erklären. Aber jetzt beginnt uns die Zeit wegzulaufen, dabei gibt es noch einige Dinge zu tun.“

„Mutter, ich will dich nicht alleinlassen!“

„Ich bin nicht allein. Ich habe meine Erinnerungen - und die deinen. Und wenn ich weiß, daß du glücklich bist, dann habe ich alles, was ich hier benötige. Außerdem wirst du dort draußen noch gebraucht, nicht nur von Rei... Sieh mal, dort...“

Wieder entstand ein Lichtfleck, nur zeigte dieser zwei Personen.

„Toji und Hikari...“

Die Klassensprecherin saß wie eine Statue auf einem Stuhl und blickte ins Leere, während Toji vorsichtig und voller Zärtlichkeit ihr Haar kämmte.

„Das Mädchen ist eine Gefangene, ähnlich wie ich. Ihr Geist ist im Herzen von Einheit-03 gefangen.“

„Hat er sie auch absorbiert?“

„Nein, bei EVA-03 hat die Künstliche Intelligenz endlich ihren Zweck erfüllt und verhindert, daß der EVA sie verschlingen konnte. Aber die kritischen Verletzungen...“

Die Sphäre über ihnen zeigte jetzt EVA-03, der kopflos auf dem Boden lag.

„... die der EVA erlitten hat, haben dies verursacht.“

Die Brust des EVAs wurde durchsichtig, unter der Panzerung konnte Shinji ein langsam pul-sierendes Herz erkennen.

„Du kannst sie aus dieser Lage befreien.“

„Wie?“

„Bringe sie in die Nähe des EVAs und zerstöre dann sein Herz... das müßte funktionieren.“

„Kann ich das nicht auch mit EVA-01 tun?“

„Noch einmal, Shinji - ich bin eins mit dem EVA, egal was du tust, es wird sich auf ihn und mich auswirken.“

„Ja, Mutter.“

„Ich weiß, es fällt dir nicht leicht, das zu akzeptieren. Ich konnte das Unmögliche auch immer nur schwer akzeptieren.“

„Ich werde tun, was du gesagt hast.“

„Guter Junge. Jetzt gibt es noch eins zu tun - wir müssen EVA-01 dazu bringen, daß er dich gehen läßt.“

„Wie... wie können wir das?“

„Du mußt dich mit der Künstlichen Intelligenz in Verbindung setzen.“

„Ahm...“

„Sie war Naoko Akagis Beitrag zu dem Projekt, zusammen mit dem Steuerinterface. Wir hat-ten den Hunger des EVA nach einer Seele schon recht früh erkannt und glaubten, ihn auf die-se Art zufriedenstellen zu können... mit einer künstlichen Seele, einer Künstlichen Intelligenz, die auf einer digitalisierten realen Persönlichkeit beruhte. Akagi suchte die ideale Persönlich-keit, was sie fand, war ein Sterbender, ein Mann, der beim Impact schwer verletzt worden war. In einer risikoreichen Operation sollte ihm das von Akagi entwickelte PROPHET-Inter-face eingesetzt werden. Für den Fall eines Fehlschlages digitalisierte Doktor Naoko Akagi die Persönlichkeit des Patienten. Er war ein Kämpfer und Stratege, jemand, der über eine sehr starke Seele verfügte, um es mal mit Gendos Worten auszudrücken, loyal und gewissenhaft. Wir ahnten jedoch nicht, daß die lange Zeit im Krankenhaus, während der sein Körper nach und nach versagt hatte, ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Wir wußten nicht, daß er in seinen eigenen Erinnerungen gefangen war... sonst hätte ich nie an dem Experiment teilgenommen... und ich hätte auch niemals zugelassen, daß du es mitansehen mußtest. Bist du bereit?“

„Ich... uh... ja.“

Die Umgebung veränderte sich...

*** NGE ***


Dunkelheit wich Licht.

Sie standen an einem verwüsteten Strandabschnitt. Der Strang war mit Seetang, Bruchstücken von Brettern und rostigen Metallteilen übersät. Der Himmel über ihnen war dunkel und das Meer tobte.

„Komm hierher.“ rief Yui Shinji von einer Anhöhe aus zu.

„Ja, Mutter.“
Er gesellte sich zu ihr.

„Dort!“
Sie deutete nach vorn, zum Wasser hin.

Shinji konnte eine scheinbar endlose Betonmauer erkennen, die den Strand zu einer Seite hin begrenzte, sich dabei seltsam wand und gar keiner geraden Linie zu folgen schien, schlimmer noch, die ihre Position zu verändern schien.

„Und dort...“

Am Horizont erschien eine gewaltige Flutwelle.

„Wir müssen hier weg!“ rief Shinji.

„Nein, es sind auch nur Erinnerungen.“

Die Flutwelle trug einen Körper mit sich, Shinji konnte erkennen, daß es sich um EVA-01 handelte - oder besser, ein kleineres Abbild des EVAs von seiner Größe.
Wuchtig wurde der EVA gegen die Mauer geschleudert, rutschte mit verrenktem Körper daran herab, blieb leblos an ihrem Fuß liegen, während sich um ihn herum eine rote Pfütze bildete.
Das Wasser stieg, näherte sich dem liegenden EVA immer weiter, umspülte ihn schließlich, trug ihn wieder fort.
Kurz darauf erschien wieder die riesenhafte Welle, trug den kleinen EVA wieder heran, schmetterte ihn wieder gegen die Mauer, wo er erneut herabrutschte.

„Wie furchtbar...“

„Und so wiederholt es sich wieder und wieder. Es ist seine letzte konkrete Erinnerung und er ist darin gefangen.“

„Warum zeigst du mir das? Ich konnte bereits bei meiner eigenen Erinnerung nichts tun.“

„Dies ist aber nicht deine Erinnerung. Erinnerungen sind starr, doch das hier ist dynamisch, jedenfalls für ihn.“

„Und wie...“

„Du bist nur teilweise von EVA-01 assimiliert worden, dein Geist jedoch ist noch völlig frei. Und hier ist dein Wille Gesetz.“

„Ich... uh... wenn ich es will, dann wird er also nicht gegen die Mauer geschleudert?“

„Ja. Sieh es dir selbst an.“

Tatsächlich...
Die Welle stand still in der Luft. Und auf ihrer Krone trug sie den EVA.

„Vielleicht solltest du sie noch etwas näherkommenlassen.“

„Uhm...“
Er konzentrierte sich, stellte sich vor, wie die Welle den Strang erreichte und dort einfach in sich zusammenfiel.

Und so geschah es. Der menschengroße EVA klatschte einfach in den Sand.

„Ich... ah... vielleicht sollte ich mit ihm reden?“

„Gute Idee, Shinji.“

Shinji stieg von der Erhöhung und lief zu dem Wesen in Purpur und Grün hinüber, während Yui ihm langsam folgte.

„Uh, hallo... Kannst du mich verstehen?“

„Ich... höre...“ stieß der EVA mit grollender Stimme hervor. „Die Flutwelle... das ist das En-de der Welt...“

„Nein... uhm... die Welt hat es überstanden und... uh... ich brauche deine Hilfe...“

„Ich soll dir helfen? Ich kann nicht einmal mir selbst helfen, die Welle...“

„Sie existiert nur in deinen Erinnerungen. Ich habe... ahm... ich habe sie aufgehalten.“

„Du? Ich kenne dich... Ikari, Shinji... Third Children, Pilot von EVA-01... EVA-01, das bin ich... oder nur ein Teil...“

„Wir können uns gegenseitig helfen. Du mußt dafür sorgen, daß ich den EVA wieder verlas-sen kann.“

„Das ist deine Aufgabe“, erklärte Yui, die Shinji inzwischen erreicht hatte.

„Aufgabe... ich bin Soldat, ich erfülle meine Aufgaben.“

„Es ist deine Pflicht. Du kämpfst für die Unschuldigen.“

„Unschuldige müssen beschützt werden.“

„Genau. Und mein Sohn ist unschuldig.“

Die Augen des EVAs glühten auf.
„Ich helfe.“
Ächzend und grollend kam er auf die Beine, wandte sich der Mauer zu.
„Folgt mir!“
Mit kräftigen Schlägen begann er die Mauer zu bearbeiten.
Bald zeigten sich erste Risse im Beton, dann erste Dellen und Löcher.

Yui Ikari schien zu lauschen.
„Wir müssen uns beeilen! Man versucht auch von der anderen Seite aus, ihn zu retten.“

„Ich erinnere mich.“ knirschte der EVA, während er einen großen Betonbrocken zur Seite wuchtete. „Wir haben zusammen gekämpft, Third Children. Wir sind Waffenbrüder.“

„Uh... ähm... das... äh... klingt... uh... könnte so stimmen.“

„Wo ich herkomme, läßt man die seinen nicht im Stich. Rufe mich und ich werde an deiner Seite stehen!“

Das Loch in der Mauer wurde mit jedem Schlag des EVAs größer. Zugleich spürte Shinji ei-nen starken Sog, der von dem Loch ausging.

„Das ist der Weg, Shinji!“ rief Yui. „Geh, mein Sohn! Sie wartet auf der anderen Seite!“

„Mutter, ich...“
Shinji stemmte sich gegen den Sog, der ihn in das Loch ziehen wollte. Obwohl ihre Worte, daß es unmöglich für sie war, den EVA wieder zu verlassen, noch in seinen Ohren klangen, streck-te er die Hand nach ihr aus.
„Komm mit mir!“

Stumm schüttelte sie den Kopf.

„Aber... ich kann dich doch nicht hier zurücklassen!“

„Wenigstens bin ich nicht allein“, flüsterte sie gegen die Tränen ankämpfend, welche sich in ihren Augen sammelten.
„Wir werden uns nicht wiedersehen, doch ich werde immer über dich wachen, mein Sohn.“

„Mutter...“

Ein Schrei hallte über den Strand.
„Shinji!“

Er sah zum bewölkten Himmel.
„Rei?“

Der EVA packte ihn, stieß ihn auf das Loch in der Mauer zu.
„GEH!“

Der Sog packte ihn, riß ihn fort.

Wieder umgab ihn Dunkelheit.

Mutter...

Rei...
Rei-chan...

Er spürte ihre Gegenwart, ihre Nähe...

Rei-chan...

Ihre Gedanken waren wie ein Leuchtfeuer, ihre Liebe wie ein Sirenenruf, dem er folgen mußte...
14. Zwischenspiel:

Tag 21

Tabris schlug die Augen auf.
Sein Kopf schmerzte, sein Körper - oder vielmehr der Körper, den er sich von seinem wahren Besitzer ausgeliehen hatte - fühlte sich schwach an.
Er hatte ja nicht geahnt, wie wenig belastbar die Körper der Lilims waren, sonst hätte er sich nicht in künstlichen Tiefschlaf versenkt, als er Leriel verließ. Er hätte wissen müssen, daß der Körper nach all den Tagen ohne Nahrungszufuhr am Rande des Zusammenbruches gestanden hatte, schließlich hatte er versprochen, ihn unversehrt zurückzugeben.

Wo war er?

Er suchte in den Erinnerungen Kaworu Nagisas. Diese waren recht beschränkt, Kaworu hatte in den letzten Jahren den NERV-Stützpunkt kaum verlassen. Ein Privatlehrer hatte für seine Bildung gesorgt, ansonsten war seine Zeit mit Tests und Synchrontraining ausgefüllt gewesen. Über die Welt außerhalb des Stützpunktes hatte er nur durch etwas erfahren, da die Lilims Fernsehen nannten...

Interessant... soviel Wissen...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt