Tag 1
Kaji setzte das Nachtsichtfernglas ab und wechselte von einer kauernden in eine sitzende Posi-tion.
Er befand sich in felsigem Gelände mit spärlicher Vegetation, der wahrscheinlich einzige Busch im Umkreis von fünfhundert Metern, der dicht genug war, um sich dahinter zu
verstecken, diente ihm als Deckung. Kaji trug einen schwarzen Tarnanzug, sogar das Gesicht hatte er sich mit Matsch beschmiert, Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version ! damit er im Mondlicht auch wirklich nur ein Schatten war.
Ein Stück weiter und tiefer, unterhalb des Abhanges, auf dem Kaji jetzt saß, befand sich ein umzäuntes Gelände mit mehreren solide aussehenden Gebäuden, vor dem
Hauptgebäude stan-den mehrere Militärjeeps und bewaffnete Soldaten sicherten das Tor und patrouillierten auf dem Areal.
Das Gebiet gehörte rechtlich betrachtet zum nahegelegenen UN-Stützpunkt, welcher das UN-Hauptquartier für den ostasiatischen Raum bildete, stellte aber eine eigene Einheit dar.
Hierher war der Stellvertretende NERV-Kommandant Kozo Fuyutsuki von seinen Entführern gebracht worden.
Kaji hatte in den letzten Stunden mehrere Recherchen durchgeführt, demnach existierten keine Informationen über das Areal schräg unter ihm. Und der ODIN-Hauptrechner HEIMDALL
wußte von keiner UN-sanktionierten Operation gegen NERV - aber das mußte wirklich nicht viel heißen, von seinem, Kajis, eigenen Einsatz wußten auch nur die Personen, die
ihn beauf-tragt hatten, wovon der tot und der andere immer noch vermißt war. Stattdessen hielt General Cedrick in Wilhelmshaven die Zügel jetzt straff in der Hand, dessen
SEELE-Mitgliedschaft Ka-ji zumindest vermutete.
Die Fragen, die zu klären er sich vorgenommen hatte, lauteten:
Wer hatte den Sub-Kommandanten entführt und warum?
Das Wer konnte Kaji sich denken, nur eine Gruppe konnte über UN-Ressourcen verfügen, oh-ne daß irgend jemand Zeter und Mordio schrie - SEELE. Und das Warum lag auch nahe –
na-türlich um von Fuyutsuki an Insiderinformationen zu gelangen!
An letzteren hatte natürlich auch Kaji Interesse. Außerdem mochte er den Stellvertretenden Kommandanten, der Mann hatte das Herz am richtigen Fleck und stand mit beiden Beinen auf der
Erde, ohne ihn wäre es bei NERV um einiges trostloser, wenn Ikari ungebremst handeln konnte. Und schließlich gab es da noch etwas, das Kaji Fuyutsuki dringend fragen wollte, um seine
persönliche Neugier zu stillen...
Und damit war er bei der dritten Frage, mit der er sich herumschlagen mußte: Wie sollte er den Sub-Kommandanten befreien?
Für die erste Nacht hatte er sich zunächst vorgenommen, die Lage auszuspähen.
Der Komplex war nicht stark bewacht, nur zwei Wachen am Tor und drei Doppelstreifen. Den Gebäudetypen nach handelte es sich um eine Verwaltungseinrichtung, doch wenn es wirklich ein
Stützpunkt von SEELE war, dürften die Bauten ziemlich leerstehen. Kaji rechnete mit viel-leicht zehn weiteren Personen.
Das Magazin seiner Waffe faßte zwanzig Schuß, mehr als genug, sollte es hart auf hart kom-men. Er war Experte darin, keine Kugeln unnötig zu verschießen... Allerdings zog
er Metho-den vor, die auf Listen und Bluffs basierten, anstatt auf roher Gewalt. Im Gegensatz zu seinem vermißten Ausbilder war er nicht teilweise kugelfest und eine kugelsichere Jacke
schützte auch nur einen Teil des Körpers.
Während er sich in geduckter Haltung und teilweise wie eine Schlange über den Fels robbend von dem Komplex entfernte, legte er sich bereits einen Plan zurecht. ODIN hatte für ihn
eine ganze Reihe von Tarnidentitäten in den letzten Jahren installiert, ebenso wie er für den Einsatz in Tokio-3 eine mehrfach gestaffelte Tarnung bekommen hatte. Wer durch seine Rolle
als neu-gieriger Strategischer Offizier hindurchschaute, stieß nach einigem Graben darauf, daß ihn eine dem japanischen Innenministerium angegliederte Behörde geschickt hatte.
Wer dann noch wie-terforschte, konnte darauf kommen, daß diese Behörde eigentlich dem Geheimdienst zugeord-net war. Weitere Untersuchungen könnten eine Verbindung zu einer
Spezialabteilung des japa-nischen Geheimdienstes führen. Doch die Verbindung zu ODIN war beinahe unmöglich zu er-kennen, außer er plauderte es aus, so wie er es Katsuragi
gegenüber getan hatte.
Katsuragi...
Misato...
Wie sehr hatte er sie vermißt...
Ein Fehltritt, ein Augenblick, in dem er sich nicht hatte beherrschen können, und alles war aus gewesen. Daß er sie betrogen hatte, hätte sie ihm vielleicht noch verziehen, doch
nicht, daß er es mit ihrer besten Freundin getan hatte...
Wie sehr er es bereute. Vielleicht war dies der Hauptgrund dafür gewesen, daß er eine Lauf-bahn als Spion eingeschlagen hatte - um sich abzulenken...
Und trotzdem wußte er, daß sein Geheimnis bei ihr sicher war.
Jetzt mußte er in seinen Unterschlupf zurück und einige Vorkehrungen treffen...
*** NGE ***
Tag 2
Kozo Fuyutsukis Schädel dröhnte. In seiner Nase hielt sich der hartnäckige Geruch von Äther. Er fühlte sich müde, wußte zugleich, daß dies an den
Rückständen des Betäubungsmittels lag.
Fuyutsuki lag auf einer Pritsche in einem ansonsten kahlen Raum ohne Fenster. Unter der Dek-ke hing eine nackte Glühbirne in der Fassung; es gab keinerlei Hinweise darauf, wo er sich
be-fand. Ebenso gab es keine Hinweise auf die Identität seiner Entführer.
Allerdings gab es nicht viele Leute oder Gruppen, die es wagen, oder auch nur versuchen wür-den, in die Geofront einzudringen, das gutgesicherte NERV-Hauptquartier zu betreten und den
Stellvertretenden Kommandanten zu entführen... eigentlich kam dafür nur eine Gruppierung in Frage - SEELE. SEELE war der Name, den die Mitglieder des Komitees, welches hinter NERV
stand, sich selbst gegeben hatten. Sie sahen sich als die heimlichen Beherrscher der Welt an, als die große Kontrollinstanz, eben die Seele der Menschheit selbst. Und Kontrolle übten
sie ganz sicher aus, in wirtschaftlicher, politischer und religiöser Sicht. NERV wurde von ihnen unterstützt, weil sie befürchteten, daß sich bei einem Third Impact alles,
was sie aufge-baut hatten, in Wohlgefallen auflösen würde. SEELE war eine Gruppe alter Männer, die durch ihre Macht und ihren Reichtum fast jeden Menschen zu ihrem Handlanger
korrumpieren konn-te, wissentlich oder unwissentlich... nur sie konnten diese Aktion in Auftrag gegeben haben...
Langsam setzte er sich auf.
Die Tür des Raumes vermittelte einen stabilen Eindruck, in ihr war ein kleines Sichtfenster ein-gelassen, durch welches man in die Zelle und auf die Pritsche blicken konnte. Über der
Tür be-fand sich zudem eine Kamera.
Fuyutsuki streckte sich, versuchte seine schlaffen Muskeln wiederzubeleben.
Er hatte immer noch das Foto in der Hand...
Einen Moment lang zögerte er, steckte das total zerknüllte Bild dann in die Brusttasche seines Uniformjacketts.
Wahrscheinlich wußten seine Entführer bereits, daß er wach war. Sicher würde es nicht mehr lange dauern, bis sie kamen, um ihn zu holen.
Kurz erwog er, hinter der Tür zu lauern und den ersten, der in den Raum kam, anzuspringen, doch garantiert würde das nicht funktionieren.
Was sie wohl von ihm wollten... höchstwahrscheinlich Informationen. Ikari hatte SEELE ge-genüber das Blaue vom Himmel herab gelogen; wenn SEELE ihn hatten entführen lassen, dann
würden sie die Wahrheit wissen wollen. Vielleicht würden sie sogar versuchen, sich seine Loyalität zu sichern und ihn umzudrehen... allerdings würde er da doch nur den Teufel
mit dem Beelzebub austreiben, Ikari war ein Faktor, den er einigermaßen einzuschätzen vermochte, während er von SEELE nur die Stimmen und ein paar mutmaßliche Namen kannte -
Ikari hatte ihn ein-, zweimal zu den Konferenzen in der Virtuellen Realität mitgenommen...
Jemand war an der Tür...
Ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht, eine Kette entfernt...
Die Tür wurde geöffnet, sie schwang zum Gang hin auf...
Ein dunkelhaariger Eurasier trat halb in die Zelle, winkte ihm mit einer Pistole zu.
„Folgen Sie mir.“ sagte Sergej Roshenkov mit schwerem russischen Akzent.
Fuyutsuki stand langsam auf, täuschte vor, schwächer zu sein, als er sich eigentlich fühlte. Seine Beine trugen ihn ohne Widerspruch, allerdings würde er jetzt noch an keinem
Wettlauf teilnehmen können.
Wieder überlegte er seine Chancen.
Selbst wenn es ihm gelang, den Bewaffneten zu überwältigen, wußte er immer noch nicht, wo er war und mit wievielen anderen er es wohl zu tun hatte.
„Wer sind Sie?“
Vielleicht konnte er Zeit gewinnen...
„Das geht Sie nichts an.“
„Und wo bin ich?“
„Folgen Sie mir endlich!“
Der Russe trat auf den Gang vor der Zelle, wo ein weiterer Mann mit gezogener Waffe warte-te.
Fuyutsuki hatte die Lage also richtig eingeschätzt...
Mit wahrem Schneckentempo näherte er sich der Tür.
„Los, los! Wir haben nicht ewig Zeit!“
„Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie mich betäubt haben“, ächzte Fuyutsuki.
Wenn er einem der beiden die Waffe entreißen und den anderen damit niederschießen könnte...
Nein, das würde nicht funktionieren, dafür war er zum einen ein wenig zu alt und zum anderen nicht austrainiert genug. Derartige Dinge funktionierten in Filmen, aber nicht bei einem
lang-jährigen Bücherwurm wie ihm.
„Ja, ja. Man wartet bereits auf Sie.“
Die beiden Männer nahmen den Sub-Kommandanten in die Mitte und führten ihn den Gang hinunter bis zu einer breiten Tür.
„Da hinein!“
Der Vordermann öffnete die Tür.
Dahinter lag ein dunkler Raum, dessen Ausmaße Fuyutsuki nicht erkennen konnte. Ein Spot ir-gendwo unter der Decke erleuchtete einen einzelnen Flecken in der Finsternis, in dem ein
einfa-cher, aber stabil aussehender Holzstuhl stand.
„Setzen Sie sich!“ befahl der Russe und stieß den älteren Mann vorwärts, lächelte knapp, als dieser anstatt nach vorn zu fallen, sich stolpernd abfing.
„Na, also, es geht doch.“
Sie hatten sein kleines Täuschungsmanöver von Anfang an durchschaut. Natürlich, sie gehör-ten zur Profiliga, während er in dieser Beziehung bestenfalls Dorfauswahl war.
Wortlos ging er zu dem Stuhl und setzte sich.
„Hände hinter die Lehne. - Gut so.“
Kalte Metallringe schlossen sich um seine Handgelenke, fesselten ihn an den Stuhl, welcher fest mit dem Boden verbunden schien.
„Sie betreiben recht viel Aufwand für einen alten Mann wie mich.“
Die beiden Männer ließen sich nicht aus der Reserve locken, der eine überprüfte noch einmal den Sitz der Fesseln, dann zogen sie sich beide zurück, ohne daß
Fuyutsuki hätte sagen kön-nen, ob sie den Raum verließen oder in der Dunkelheit stehenblieben.
Die Dunkelheit war bedrückend, schien jedes Geräusch zu verschlucken.
Eine Ewigkeit verging...
Dann erschienen rings um Fuyutsuki mehrere Monolithen, schälten sich langsam aus der Dun-kelheit. Jeder Monolith trug eine Nummer. SEELE war eingetroffen...
Fuyutsuki wartete, daß er angesprochen wurde.
Irgendwo im Raum mußten sich die Holographieprojektoren befinden, welche die Monolithen abbildeten. Und irgendwo würde es auch Lautsprecher und Mikrophone geben.
Doch kein Wort fiel.
Die Stille zerrte an seinen Nerven...
Wieder schien eine Ewigkeit zu vergehen.
Infolge der unbequemen Lage waren Fuyutsukis Füße inzwischen eingeschlafen, ebenso seine Hände, deren Durchblutung durch die Fesseln beeinträchtigt wurde.
„Guten Tag, Professor.“ hallte schließlich eine Stimme durch die Finsternis, die von jenem Punkt kam, an dem sich die Holographie des Monolithen mit der Aufschrift SEELE-01
befand.
Es war eine kräftige Männerstimme, der Sprecher schien allerdings bereits älter zu sein.
„Also doch - SEELE. Ich lag richtig.“
„Jemand anders hätte wohl kaum an Ihnen Interesse gezeigt, Professor.“
„Interesse?“
„Natürlich. Sie sind Gendo Ikaris zweiter Mann, Professor Fuyutsuki.“
„Sie sind mir gegenüber im Vorteil - Sie kennen meinen Namen, während ich den Ihren nur er-raten kann.“
„Hat Ikari Sie nicht über unsere Identitäten informiert?“
Fuyutsuki lächelte.
„Lorenz Keel. Sie kontrollieren die Schwerindustrie von Nordamerika.“
Er fixierte den nächsten Monolithen.
„Chen Li-Tsu, seit über einem halben Jahrhundert die Graue Eminenz in der chinesischen Re-gierung.“
Sein Blick wanderte weiter.
„Wilforth F. Cedrick, Direktor des einflußreichsten UN-Geheimdienstes, ferner der Mann, der die CIA kontrolliert.“
Der nächste Monolith.
„Gaius Vinzenzo, SEELEs Mann im Vatikan. Der Papst hört auf Sie.“
Er betrachtete den nächsten Monolithen.
„Francois Gellefair, Außenminister von Frankreich und wahrscheinlich der nächste Präsident der Europäischen Union.“
Fuyutsukis Blick wanderte nach links.
„Abu Said Mustaffah. Sie haben die Hand am Hahn der arabischen Ölförderung.“
Der nächste...
„Siri Corfeuer, derzeit oberste Instanz des Rates islamischer Rechtsgelehrter - Sie brauchen es nur anzudeuten und die halbe Welt wird von dem nächsten Djihad verschlungen.“
Und noch einer...
„Corben Lancester, Sie haben vor acht Jahren im Rahmen einer feindlichen Übernahme Micro-soft geschluckt und kontrollieren neben Silicon Valley die weiteren vier bedeutendsten
Fabrika-tionsstätten für Mikrochips.“
Mehr konnte er nicht sehen, ohne sich den Hals auszurenken.
„Und irgendwo hier befindet sich Max Derriger, der texanische Viehzüchter, der die Fleisch-produktion in der westlichen Welt in der Hand hat.“
SEELE-01 applaudierte.
„Beeindruckend, Professor, vor allem wenn Ihre Worte stimmen und Sie das alles erraten ha-ben. Fünf von uns haben Sie sogar mit den richtigen Monolithen identifiziert. Wirklich
beein-druckend. Ikari hat also keinen Idioten zu seinem Stellvertreter bestimmt.“
Fuyutsuki konzentrierte sich ganz auf den Monolithen vor ihm.
SEELE-01... der Vorsitzende der Gruppe... Lorenz Keel... er war sein eigentlicher Gesprächs-partner, sein Widersacher. Die anderen waren nur Zuschauer...
„Jetzt, da jeder von uns weiß, daß der andere weiß, mit wem er es zu tun hat - was wollen Sie von mir?“
„Ah, ich schätze es, wenn ein Mann sich nicht lange mit Förmlichkeiten aufhält und gleich zur Sache kommen will.“
„Wirklich?! Und dafür entführen Sie mich?“
„Verzeihen Sie bitte die Umstände Ihrer Anwesenheit. Nun, was wollen wir... Informationen.“
„Welcher Art?“
„Alles, was Sie uns über Ikari sagen können.“
„Das ist alles? Gut, wie Sie wollen. Ich muß aber weiter ausholen. Um verstehen zu können, wie ich Ikari traf, muß ich bei Yui anfangen, seiner späteren
Frau.“
„Zeitverschwendung!“ brummte ein anderer Monolith.
„Lassen wir ihn reden, vielleicht erhalten wir aus seinem Bericht neue Einsichten. - Sprechen Sie weiter, Professor.“
„Nun, Keel, es war vor knapp zwanzig Jahren, ich war zu diesem Zeitpunkt bereits Professor an der Universität von Tokio... dem alten Tokio, das während des Impact später
völlig zerstört wurde...“
„Ja.“
„Ich kann wohl mit Recht sagen, daß ich ein beliebter Dozent war, die Studenten strömten im-mer in Massen in meine Vorlesungen, die Säale waren stets bis zum letzten Platz
belegt. Aber fragen Sie mich nicht warum...“
„Er will doch nur Zeit schinden!“
„Er soll reden. Unterbrechen Sie ihn nicht wieder!“
„Mitten im Semester machte mich ein Kollege auf eine junge Mitarbeiterin am Institut für Hu-mangenetik aufmerksam, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die auf der Suche nach einem
Doktorvater war, bei dem sie ihre Doktorarbeit schreiben konnte.
Es war Yui Ikari. Nach einem längeren Gespräch mit ihr kam ich zu dem Schluß, daß sie eine äußerst kluge Frau war, deren Arbeit die Wissenschaft um Jahre in die
Zukunft katapultieren könnte. Und deshalb unterstützte ich sie. Yui promovierte. Ich kann nicht verhehlen, daß ich sie sehr sympathisch fand, es war angenehm, mit ihr
zusammenzuarbeiten.
Ich bedauerte sehr, daß sie sich nach Erlangung ihres Doktortitels nicht weiter der Lehre wid-mete, sondern in die private Forschung ging. Im Jahre 1999 erhielt ich auf Umwegen ein
Le-benszeichen von ihr - ich erhielt in meinem Büro im Institut einen Anruf von der Polizei. Man bat mich, auf die Wache zu kommen und einen Mann namens Gendo Rokubungi abzuholen, der mich
als Bürgen benannt hatte. Natürlich war ich mißtrauisch, schließlich kannte ich diesen Mann nicht, hatte auch den Namen nie zuvor gehört.“
Fuyutsuki machte eine Pause.
„Könnte ich vielleicht etwas zu trinken bekommen, ein Glas Wasser möglicherweise?“
„Bringen Sie es ihm“, sagte SEELE-01.
Kurz darauf tauchte einer seiner Entführer neben ihm auf, öffnete die Handfessel der linken Hand und drückte ihm einen Plastikbecher in die Hand.
Fuyutsuki trank langsam.
„Besser, Professor? Können Sie weitersprechen?“
„Ja, Keel. Ich erhielt also diesen Anruf und überlegte. Dann überwog meine Neugier und ich machte mich auf den Weg. Rokubungi war mir sofort unsympathisch. Er war festgenommen
worden, weil er in eine Schlägerei in einer recht unseriösen Gegend der Stadt verwickelt gewe-sen war, bei unserer ersten Begegnung trug er noch die Spuren dieser Schlägerei. Ich
fragte ihn, wieso er mich als seinen Bürgen angegeben hatte, woraufhin er mir sagte, daß er mich ei-gentlich im Auftrag Yuis hatte besuchen und von ihr grüßen wollen. Wie
ich weiter erfuhr, wa-ren die beiden bereits eine ganze Weile zusammen. Rokubungi weilte geschäftlich in Tokio, bei dieser Gelegenheit hatte er mir eine Einladung vorbeibringen wollen - zu
seiner und Yuis Hochzeit. Das kam für mich ziemlich überraschend.
Auch nachdem ich mich mit ihm eine Weile unterhalten hatte, war Rokubungi mir nicht sympa-thischer geworden. Der Tag der Hochzeit fiel auf denselben Termin wie ein Vortrag, den ich am anderen
Ende des Landes halten mußte und den ich nicht absagen konnte, so daß ich Roku-bungi mit Bedauern mitteilen mußte, daß ich nicht kommen konnte.
Am nächsten Tag rief ich Yui in Kyoto an und unterhielt mich den ganzen Nachmittag mit ihr. Sie war zu diesem Zeitpunkt mit Gendo Rokubungi über alle Maßen glücklich, ihren
Worten gelang es, mein Mißtrauen und meine Sorge, sie könnte einen großen Fehler machen, zu zer-streuen. Wäre ich damals nur etwas hartnäckiger gewesen...“
Wieder machte Fuyutsuki eine Pause, trank aus dem Becher.
„In der Folgezeit hatte ich immer wieder Kontakt mit ihr, eine Grußkarte hier, ein kurzer Anruf da, sie wollte den Kontakt nicht abreißen lassen und ich wollte sicher sein,
daß es meiner frühe-ren Schülerin gutging.
Dann kam der Second Impact. Ich hörte eine ganze Weile nichts von Yui, dafür aber von Ro-kubungi. Er hatte an der Katsuragi-Expedition teilgenommen und irgendwie hatte er die
Kata-strophe überlebt. Ich begann, Nachforschungen anzustellen, stellte fest, daß Rokubungi - oder Ikari, wie er sich nach der Hochzeit nannte, er hatte Yuis Namen angenommen - nie in
der Nä-he des Südpols gewesen war. Und ich brachte noch mehr über ihn in Erfahrung. Er war ein Wissenschaftler, der auf dem Gebiet der Genetik eine Reihe extravaganter Theorie
vertrat... die Vervollkommnung des Menschen. Sein Idealbild des Menschen erinnerte mich an eine dunkle Episode der Menschheitsgeschichte in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Anscheinend hatte
ich mich in meiner ersten intuitiven Einschätzung nicht geirrt. Weitere Informationen, die ich sammelte, waren noch verwirrender, demnach beschäftigte er sich mit alten Prophezeiungen
über den Weltuntergang.
Dann erhielt ich die Einladung, an einer UN-Expedition in die Antarktis teilzunehmen, um mir zusammen mit anderen Wissenschaftlern vor Ort ein Bild machen zu können.
Ich fühlte mich unter den ganzen Forschern anderer Fachgebiete fehl am Platz, was sollte ein Genetiker unter Ökologen und Meterologen...
An Bord des Schiffes befand sich auch Gendo Ikari. Er begrüßte mich wie einen alten Freund. Anscheinend bemerkte er mein Mißtrauen. Wir führten ein langes Gespräch,
während dem er mir mitteilte, daß er von meinen Nachforschungen über ihn wußte. Und er weihte mich in das Geheimnis der Schiftrollen vom Schwarzen Meer ein.
Seine Worte waren sehr überzeugend, wir verbrachten lange Nächte über seinen Unterlagen, bis er mich von der Gefahr überzeugt hatte, welche der Menschheit drohte. Und er
erklärte mir, daß er bereits mit Hilfe mächtiger Sponsoren und Partner dabei war, Gegenmaßnahmen zu treffen.
Diese Partner waren Sie, oder?“
„Korrekt, Professor. Bitte, fahren Sie fort.“
„An diesem Tag rekrutierte er mich für Projekt-E, aus dem die EVANGELIONs hervorgingen. In der Folge brachte er mich in die Geofront, wo ich Yui wiedertraf. Ikari hatte auch sie
für das Projekt angeworben. Ich erkannte sie fast nicht, sie wirkte... gealtert, unglücklich... In einer ru-higen Minute gestand sie mir, daß ihre Ehe wahrscheinlich gescheitert
war. Ich sprach ihr Mut zu, immer wieder. Ich hätte es lassen und darauf drängen sollen, daß sie Ikari verließ, dann wä-re sie heute vielleicht noch am Leben. Aber ich
war zu sehr auf das fixiert, was vor uns lag, die Rettung der Menschheit. Dazu brauchten wir Yuis Fachkenntnisse. Sie entwarf die Grundkon-zepte der EVAs und der Synchronverbindung.
Ein weiteres wichtiges Mitglied im Team war Naoko Akagi. Sie arbeitete an der Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, es war ihr bereits gelungen, eine menschliche Persönlichkeit zu
digitalisieren und ein Mensch-Maschine-Interface zu entwickeln. Die Krönung ihrer Arbeit würde die Erschaffung der MAGI-Biocomputer sein, aber ich will nichts vorwegnehmen...“
Fuyutsuki nahm wieder einen Schluck Wasser zu sich.
„Das ist uns weitestgehend schon bekannt.“
„Das tut mir leid, Keel.“
„Das tut es nicht, Professor.“
„Ich wollte nur höflich sein.“
SEELE-01 lachte abgehackt.
„Fahren Sie doch fort.“
„Ein knappes Jahr nach dem Impact brachte Yui einen Sohn zur Welt - Shinji. Zuerst schien Gendo sich zu freuen, doch schon bald wurde er dem Jungen gegenüber genauso gleichgültig
wie seiner Frau gegenüber. Stattdessen begann er eine Affäre mit Naoko Akagi. Ich erfuhr zu-fällig davon, schwieg aber.
In der Folgezeit rekrutierte Yui noch Doktor Soryu für das Projekt, Doktor Soryu leitete die deutsche Zweigstelle bis zu ihrem Tod im Jahre 2005. Yui starb ein gutes halbes Jahr zuvor bei
einem Unfall.“
„Berichten Sie uns davon.“
„Vielleicht werden Sie verstehen, daß es mir nicht leicht fällt, über dieses Ereignis zu sprechen. Meine frühere Schülerin stand mir sehr nahe. Der Unfall
ereignete sich beim ersten Testlauf der Synchronverbindung. Yui hatte sich als Freiwillige für das Experiment gemeldet. Alles schien völlig sicher. Zuerst verlief das Experiment auch
wie geplant, dann jedoch lief irgendetwas schief. Yui wurde bei lebendigem Leibe gekocht, ich erinnere mich noch nur allzu gut an die Übertragung aus dem EntryPlug, als Elektrizität
durch ihren Körper zu fließen begann... von ihr war nicht mehr genug übrig für ein ordentliches Begräbnis. Und ihr Sohn hatte alles mitan-gesehen...“
Kozo holte tief Luft, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Ikari hingegen ließ es völlig kalt. Keine Woche später gab er den Jungen bei Verwandten in Pflege und vergaß ihn dort regelrecht, stürzte sich mit scheinbar
neuem Elan in die Arbeit. An-dere vermuteten, er täte dies, um seinen Schmerz zu überwinden, doch ich wußte es besser. Vielleicht trug er sogar die Verantwortung an Yuis Tod.
Ich konfrontierte ihn mit meiner Vermutung. Er zeigte sich tief gekränkt. Offenbar hatte ich mich geirrt, so daß ich sofort meine Worte bereute. Ikari vergab mir, weihte mich sogar in
den nächsten Schritt seines Planes ein... mit der Macht der Wesen, die er Engel genannt hatte, könnte es möglich sein, Yui ins Leben zurückzuholen. Das gab mir den
nötigen Ansporn, bei NERV zu bleiben und sogar zu seinem Stellvertreter zu werden.
Kurz darauf tauchte er erstmals mit Rei auf. Rei Ayanami, das First Children. Er sagte, sie sei die Tochter von Bekannten, die ihn gebeten hätten, sich um sie zu kümmern.
Ich hätte mißtrauisch werden sollen, warum sollte er sich um ein fremdes Kind kümmern, wenn ihm schon der eigene Sohn egal war? - aber ich schwieg, wollte nicht noch mehr zwischen
uns durch Vermutungen und Verdächtigungen zerstören.
Rei war ein eigenartiges Kind, zweifelsohne klug und gehorsam... zu gehorsam, fast wie ein Roboter.
Dann starb Doktor Akagi - Selbstmord. Sie nahm sich direkt nach Fertigstellung der MAGI-Rechner das Leben. Die näheren Umstände sind heute noch unklar, da die Sicherheitskameras nicht
aufgezeichnet hatten. Und auch Rei sah ich für einen längeren Zeitraum nicht mehr.
Vom ursprünglichen Team starb Doktor Soryu als nächste, sie hatte versucht, das Experiment zu wiederholen, bei dem Yui umgekommen war, und hatte einen schweren Nervenzusammen-bruch
erlitten. Wenige Wochen später nahm auch sie sich das Leben.
NERV wuchs und gedieh in der Zwischenzeit.
In den US wurde Kaworu Nagisa als Pilot rekrutiert, zeitgleich mit Doktor Soryus Tochter. Das Schema, nach welchem die zukünftigen EVA-Piloten ihre Nummern erhielten, war völlig
undurchschaubar.
2010 erschien Ikari wieder in Begleitung Reis. NERV mietete für das Mädchen ein Apartment an und sie wurde in den Folgejahren als Pilotin des Prototyps ausgebildet.
Als es Schwierigkeiten mit den MAGI gab, ließ Ikari Naoko Akagis Tochter Ritsuko rekrutie-ren, welche wie ihre Mutter neue Wege auf dem Gebiet der Informatik beschritt. Anfang dieses Jahre
warben wir von den UN-Streitkräften einen taktischen Offizier an - Misato Katsuragi, die Tochter des Wissenschaftlers, dessen Expedition im Jahre 2000 den Engel ADAM gefun-den und den Second
Impact dabei ausgelöst hatte.
Und plötzlich zeigte Ikari wieder Interesse an seinem Sohn, beorderte diesen nach Tokio-3.
Shinji Ikari traf am selben Tag ein, an dem auch der Engel Satchiel Tokio-3 attackierte. Sein Vater brachte ihn dazu, das Testmodell in den Kampf zu steuern.
Den Rest kennen Sie wahrscheinlich besser als ich.“
„Möglich. Aber wir haben noch einige Fragen.“
Fuyutsukis Zunge fühlte sich schwer an.
Die Monolithen begannen vor seinen Augen zu tanzen, führten einen stummen geisterhaften Reigen auf.
„Was...“
Er blickte auf den Becher in seiner Hand.
„Sie haben etwas in das Wasser getan, nicht wahr?“
„Eine Wahrheitsdroge. Mit Ihrem kleinen Bericht haben Sie die Zeit überbrückt, die das Mittel brauchte, um seine Wirkung zu entfalten. Vielen Dank für Ihre
Kooperation.“
„Ich...“
Er versuchte, sich gegen die Wirkung des Medikaments zu wehren.
Und er hatte auch noch selbst um das Wasser gebeten, hatte gedacht, SEELE mit einem langatmigen Bericht zufriedenstellen zu können...
„Professor, wie war Ihr Verhältnis zu Yui Ikari?“
„Ich...“
Fuyutsuki preßte die Lippen zusammen, biß sich auf die Zunge.
Eine dicke Schweißschicht bildete sich auf seiner Stirn, während er alles daransetzte, die Ant-wort zurückzuhalten, die sich den Weg über seine Lippen freizukämpfen
schien.
Zugleich begann sein Kopf wieder zu schmerzen.
„Ich...“
„Wehren Sie sich nicht, Professor, oder Ihr Geist könnte Schaden nehmen.“
„Ich habe sie geliebt... Sie verdammter Bastard...“
„Ah... das also ist Ihre Motivation. Liebe... ein äußerst seltsames Konzept. Damit hat Ikari Sie geködert, nicht wahr? Erst die Möglichkeit, in ihrer Nähe zu sein,
dann die Aussicht darauf, ih-ren Tod rückgängig machen zu können. Sie mußten Ikari nur den Rücken decken, damit er un-gehindert die Macht eines Gottes erringen
konnte!“
„Er hatte sie nicht verdient. Yui war viel zu anständig und warmherzig für ihn...“ flüsterte Fuyutsuki. Seine Augen tränten.
„Hm. Gut, weiter: warum wurde Ikaris Sohn ausgewählt? Warum gab Ikari ihm den stärksten und zugleich unberechenbarsten EVANGELION, über den NERV verfügte?“
„EVA-00 war beschädigt. Und der Junge konnte sofort eine Synchronverbindung zu dem EVA aufbauen, die ausreichte um zu kämpfen... alles ohne Training.“
„Warum?“
„Warum? Ich weiß es nicht... Shinji Ikari ist ein Naturtalent.“
„Könnte sein Vater nachgeholfen haben?“
„Nachgeholfen?“
„Gut, lassen wir das. Der Stromausfall?“
„Ein Engel. Iroul ist in die MAGI eingedrungen. Doktor Akagi konnte ihn zurückschlagen.“
„EVA-03?“
„Ebenfalls ein Engel. Bardiel. Er ergriff von dem EVA Besitz, die Pilotin konnte nichts dafür.“
„Hat Ikari uns belogen, damit er einen Vorsprung in seinem Szenario erhielt?“
„Ja...“
Fuyutsuki wurde von starken Zuckungen durchgeschüttelt.
Je mehr er sich wehrte, umso mehr er versuchte, die Wahrheit zu unterdrücken, umso stärker wurden die Zuckungen, bis sie ihm sogar Schmerzen bereiteten.
„Was plant er?“
„Er... will... allein... Macht LILITHs... ADAMs...“
„LILITH?“
„Dogma... was die Engel suchen... Ikari selbst lockt sie... Countdown zum Armageddon...“
Fuyutsuki biß sich auf die Zunge, schmeckte den metallischen Geschmack von Blut im Mund.
Nicht mehr... er durfte nicht noch mehr verraten... SEELE würde versuchen, Ikari aufzuhal-ten... würde Yuis Auferstehung verhindern...
„Unsere Vermutungen stimmten. Nur der Hinweis auf diese LILITH ist sehr überraschend“, sagte SEELE-01 zu seinen Mitverschwörern.
„Professor, wer oder was ist LILITH?“
Zeit schinden...
Ausflüchte suchen...
Die Schmerzen waren inzwischen so stark, daß es Fuyutsuki schwarz vor Augen wurde. Er be-kam keine Luft mehr...
„Urmutter...“
Sein Kopf sank auf seine Brust, zugleich hörten die Zuckungen auf.
Sergej Roshenkov trat an den Stuhl, griff mit einer Hand unter Fuyutsukis Kinn, hob seinen Kopf an, hob dann mit der anderen eines seiner Augenlider hoch. Fuyutsukis Augen waren in den Kopf
zurückgerollt, so daß nur das Weiße sichtbar war.
„Bewußtlos.“
„Bemerkenswert, wirklich bemerkenswert. Er hat mehr Widerstand geleistet als erwartet...“
„Ja, der alte Mann verfügt über eine unerwartete Konstitution.“
„Herr Roshenkov, bringen Sie ihn in seine Zelle zurück, wir werden ihn weiterbefragen, wenn er aufwacht.“
„Soll ihn ein Arzt behandeln? Die Nebenwirkungen...“
„Das dürfte nicht nötig sein. Das nächste Mal wird er uns alles sagen, was wir noch wissen wollen, danach benötigen wir ihn nicht mehr.“
„Diesen Mann können wir nicht umdrehen“, erklärte Cedrick. „Wir können ihm nicht bieten, womit Ikari ihn geködert hat.“
„Ob Ikari wirklich fähig wäre, Tote wiederzubeleben, wenn er allein die Macht eines Gottes besitzt?“ fragte ein anderer Monolith.
„Unwahrscheinlich.“ brummte Cedrick.
„Aber ist das nicht die Domäne von Göttern?!“ warf ein weiterer ein.
„Götter... Aberglaube... Verständigen Sie mich bitte, wenn das Verhör fortgesetzt wird.“
Cedricks Monolith verschwand.
Nach und nach folgten die anderen.
*** NGE ***
In seinem Büro in Wilhelmshaven setzte Wilforth F. Cedrick die VR-Brille ab, die ihm Zugang zu SEELEs Konferenzen erlaubte.
Die Macht Gottes...
Die Macht, Tote auferstehen zu lassen...
Allmacht...
Anscheinend war es kein Fehler gewesen, Larsens RABEN an ihren Einsatzorten zu belassen. Keel konnte doch nicht wirklich solch ein alter Trottel sein, daß er glaubte, die anderen
stün-den bedingungslos hinter ihm. Sobald der Weg frei war, würde es vielmehr heißen: Jeder Mann für sich selbst.
Er brauchte nur einen Befehl geben, nur ein Signal abzusenden, und seine fünf größten Kon-kurrenten, Keel eingeschlossen, würden sterben...
*** NGE ***
Tag 3
Frechheit siegt...
Kaji unterdrückte ein breites Grinsen, als er in einem Militärjeep mit Hoheitszeichen der UN auf den von SEELE kontrollierten Komplex zufuhr. Er selbst trug die Uniform eines Colonels,
einen höheren Rang anzunehmen hatte er nicht gewagt, da ein General wohl kaum selbst fahren würde. Seine Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, zudem klebte ein
fal-scher Bart auf seiner Oberlippe. Er wirkte leicht aufgequollen, ein Nebeneffekt der Kevlarwe-ste, die er unter der Uniform trug.
Er hielt den Wagen am Tor an.
„Wer hat hier im Augenblick das Kommando?“ schnauzte er den Posten am Tor an.
„Leutnant Tsuno, Sir. Ich hole ihn.“
„Gut, machen Sie das.“
Er bedeutete dem anderen Posten, das Tor zu öffnen und ihn einzulassen.
Der Soldat salutierte und kam der Anweisung rasch nach.
Innerlich seufzte Kaji.
Die erste Hürde war genommen, er war auf dem Gelände.
Jetzt mußte sich nur noch seine Hoffnung erfüllen, daß SEELE keine allzu cleveren Leute als Bewacher ihres Komplexes angeheuert hatten, dann würde alles viel einfacher
gehen...
Der Leutnant kam, salutierte zackig.
Innerlich grinste Kaji.
„Leutnant, melden Sie sich mit fünf von Ihren Leuten in der Hauptverwaltung beim dienstha-benden Offizier. Ich übernehme hier das Kommando, Ersatz für die abgezogenen
Kräfte trifft in Kürze ein.“
„Sir, ich weiß davon nichts.“
„Jetzt wissen Sie es. Oder haben Sie etwa die Anweisung, hier Wache zu schieben in dreifacher Ausfertigung mit einer Schleife drum herum bekommen?“
„Nein, Sir, natürlich nicht.“
„Gut. Rücken Sie umgehend ab. Wer ist der Ansprechpartner vor Ort?“
„ODIN-Agent Roshenkov, Sir.“
Kaji konnte nicht vermeiden, daß sich seine Stirn zusammenzog.
Roshenkov?
Er kannte keinen Agenten dieses Namens. Natürlich war ihm nicht jeder Kollege geläufig oder namentlich bekannt, wohl aber die Handvoll, welche im ostasiatischen Raum stationiert war, wo
eigentlich ein anderer geheimdienstlicher Arm zuständig war.
Der Name klang russisch.
Dann stimmte die Vermutung des Commanders also wahrscheinlich, daß ODIN von SEELE unterwandert worden war...
„Ist er da?“
„Nein, Sir, Agent Roshenkov ist vor einer Stunde weggefahren.“
„Ah, ja. Gut, dann warte ich drinnen auf ihn.“
Während der Leutnant sich fünf Leute nahm - mehr fortzuschicken hatte Kaji nicht wagen wol-len, um nicht mehr Mißtrauen als nötig zu erregen - und mit zwei von den Jeeps, die
vor dem Hauptgebäude standen, abfuhr, stellte Kaji seinen eigenen Geländewagen direkt vor der Tür ab, schwang sich ins Freie und eilte die Stufen zum Eingang hinauf.
Unangefochten gelangte er ins Innere des Gebäudes, drückte sich erst einmal gegen die Wand und holte seine Waffe hervor, schraubte den Schalldämpfer auf.
Langsam und lautlos wie eine Katze - unter anderem der Gesichtspunkt, nach dem er im Army-Shop seine Stiefel ausgewählt hatte - schlich er den Gang hinab bis zu einer Treppe, lauschte.
Aus dem Obergeschoß kam kein Geräusch, dafür ging unter ihm eine Tür.
Wenn Fuyutsuki sich noch hier befand, wovon Kaji ausging, war er wahrscheinlich in einer Zel-le eingesperrt. Und Zellen befanden sich in der Regel im Keller, wo die Fluchtmöglichkeiten
aufgrund der Lage bereits eingeschränkt waren. - Ausnahmen bestätigten natürlich die Regel...
Er stieg langsam die Treppe hinab, abwechselnd nach oben und unten sichernd.
Kaji erreichte den Fuß der Treppe, spähte um die Ecke.
Wieder ein Korridor.
Zu beiden Seiten gingen Türen ab.
Und vor einer Tür stand ein schwarzgekleideter Mann mit einer Maschinenpistole über der Schulter.
Kaji überprüfte noch einmal seine Waffe, trat dann in den Gang, die Pistole mit seinem Körper verdeckend.
„Entschuldigung...“
Der andere reagierte mit beeindruckenden Reflexen, hatte seine Waffe bereits in der nächsten Sekunde auf Kaji gerichtet, den Finger am Abzug. Nur zum Schießen kam er nicht mehr...
Kaji war ganz auf Nummer Sicher gegangen und hatte die Möglichkeit, daß der andere eben-falls eine kugelsichere Weste trug, in seine Überlegungen miteinbezogen, als er selbst den
Ab-zug durchzog und ihm eine Kugel in den Kopf jagte.
Der Schuß erzeugte durch den Schalldämpfer nur ein leises ´plop´, der Wächter ging mit einem Geräusch, das nur etwas lauter war, zu Boden, dafür schlug seine
Waffe doch recht laut auf.
Kaji sah sich um, lauschte, konnte nicht feststellen, daß irgend jemand im Gebäude reagierte.
Die Tür...
Er blickte durch das kleine Sichtfenster, sah den Sub-Kommandanten auf einer Pritsche liegen.
Bei der Tür war nur die Kette vorgelegt, wie Kaji feststellte. Rasch öffnete er und zischte: „Subkommandant!“
Fuyutsuki reagierte nicht.
Kaji unterdrückte einen Fluch und trat schnell in den Raum hinein, rüttelte an Fuyutsukis Schulter.
Der ältere Mann sah ihn mit verschleiertem Blick an.
„Kaji...?“
„Ja. Kommen Sie, wir verschwinden!“
Zittrig machte Fuyutsuki Anstalten aufzustehen, fiel wieder zurück.
„Schwach... Drogen...“
„Ich helfe Ihnen.“
Kaji legte sich Fuyutsukis Arm um die Schultern, zog ihn nach oben, schleppte ihn wie einen nassen Sack aus der Zelle. Draußen war es immer noch ruhig, dennoch mobilisierte Kaji alle
Kräfte, um den anderen so schnell wie möglich die Treppe hinaufzuschaffen, nahm auch keine Rücksicht darauf, daß der Subkommandant von NERV mehr als nur einmal kräftig
aneckte. Blaue Flecken waren immer noch besser als Blaue Bohnen...
Keuchend erreichte er mit seiner Last das Erdgeschoß, schleifte Fuyutsuki zum Ausgang. Immer wieder versuchte der ältere Mann, ihm zu helfen und auf die Beine zu kommen, knickte aber
ständig wieder ein.
Von der Eingangstür bis zum Jeep waren es nur wenige Schritte... notfalls würde er sich den Weg freischießen müssen...
Die Waffe voran, stieß Kaji die Tür auf und stolperte die Stufen hinunter.
Er hatte Fuyutsuki bereits in den Jeep verfrachtet, als die verbliebenen Wachen aufmerksam wurden und ihn anriefen.
„Kopf unten behalten!“ rief er Fuyutsuki zu, schwang sich hinters Steuer, warf den Motor an und gab Gas.
Die Wachen hatten anscheinend inzwischen begriffen, daß etwas sehr schief lief, jedenfalls gin-gen sie in Feuerstellung.
Kaji beschleunigte den Wagen, ließ ihn aus dem Stand einen Riesensatz machen und jagte auf das Tor zu, ging dabei selbst in Deckung, trat das Gaspedal weiterhin bis zum Anschlag durch.
Die Wachen eröffneten das Feuer, Kugeln flogen über Fahrer und Passagier hinweg.
Dann krachte es, als der Jeep durch das Tor brach.
Kaji richtete sich auf, verlangsamte aber nicht.
Das hatte funktioniert...
*** NGE ***
Einige Kilometer weiter wechselten sie eiligst den Wagen und ließen den Jeep stehen, Fuyu-tsuki konnte jedoch immer noch nicht aus eigener Kraft sitzen, kippte immer wieder auf dem
Beifahrersitz zur Seite.
Kaji dämmerte langsam, welche Droge ihm wahrscheinlich verabreicht worden war. Er mußte den anderen schleunigst zu seinem Unterschlupf bringen, wo er ihn mit einigen anderen
Medi-kamenten behandeln konnte, ehe die Droge Fuyutsukis Kreislauf zum Zusammenbruch brachte.
*** NGE ***
Tag 14
Kaji sah seinen Gast an.
Die letzten zehn Tage hatte er immer wieder um Fuyutsukis Leben gekämpft, ihm ein kreislauf-stabilisierendes Medikament nach dem anderen verabreicht. Die Arme des Sub-Kommandanten waren
völlig zerstochen. Natürlich hatte Kaji nicht das passende Gegenmittel zur Hand gehabt, sondern hatte improvisieren müssen - aber darin war er ja Experte.
Die von SEELE verabreichte Droge hatte sich lange in Fuyutsukis Körper gehalten, immer wieder war es zu Rückfällen gekommen, bei denen der ältere Mann unter schweren Krampf-
und Schüttelanfällen zu leiden gehabt hatte.
Doch jetzt schien es ausgestanden.
Fuyutsuki war wieder imstande, aus eigener Kraft zu essen und die Toilette aufzusuchen.
Während der Anfälle hatte er immer wieder unzusammenhängende Dinge gemurmelte, die Kaji dennoch aufgezeichnet hatte, vielleicht ergab etwas davon ja tieferen Sinn.
In seinen lichten Momenten hatte Fuyutsuki geredet wie ein Buch, inzwischen kannte Kaji sei-ne Lebensgeschichte, die seiner Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkeln und Tanten, ebenso wie
die Entstehungsgeschichte von NERV und Projekt-E. Und sein Verdacht hatte sich bestä-tigt, was die Beziehung zwischen Kozo Fuyutsuki und Shinji Ikari anging, welcher eine starke
Ähnlichkeit zu Fuyutsuki auf einem Bild aus dessen eigener Schulzeit besaß, das Kaji zufällig bei seinen Recherchen gefunden hatte.
Wer hätte das gedacht... und offenbar war der Subkommandant selbst erst vor kurzem dahin-ter gekommen, daß die eine Nacht, die er mit Yui Ikari verbracht hatte, nachdem diese nach
einem besonders heftigen Streit mit ihrem Mann zu ihm gekommen war, Folgen gehabt hat-te...
Der Unterschlupf, den Kaji sich in den letzten Monaten in Tokio-3 eingerichtet hatte, befand sich in einer Lagerhalle, die ironischerweise offiziell zum MARDUK-Institut gehörte. Im Büro
des Lagerverwalters hatte Kaji jenen Teil seiner Sachen gelagert, die mehr als nur fragende Blicke hervorgerufen hätten, hätte man sie bei ihm gefunden.
Mehrfach war er in den letzten Tagen versucht gewesen, Fuyutsuki in ein Krankenhaus oder in die Geofront zu bringen, doch dann hatte er es doch nicht getan, weil es ihm zu unsicher er-schienen
war. Auch Ritsuko Akagi hatte er nicht erreichen können...
„SEELE wird sich das nicht bieten lassen, Kaji“, sagte Fuyutsuki mit immer noch schwacher Stimme. Die Strapazen der letzten Tage zeichneten sich noch immer auf seinem Gesicht ab. Er
war dünn geworden, die Uniform war ihm um wenigstens eine Nummer zu groß.
„Hier, essen Sie das.“
Kaji stellte ihm eine Schüssel mit Brühe vor die Nase und drückte ihm einen Löffel in die Hand.
„Ganz wie Ihre Mutter sie immer gemacht hat.“
„Ich habe viel erzählt, nicht wahr?“
„Hauptsächlich über die lieben Verwandten. Ich weiß, es kommt spät, aber sie haben mein vol-les Mitgefühl.“
„Ich habe sie alle während des Impact verloren. Der einzige Grund, daß ich selbst noch am Le-ben bin, war die Tatsache, daß ich gerade zu einem Symposium war, als Tokio vom
Meer ver-schlungen wurde. Haben Sie welche von Ihren Leuten verloren?“
„Einige.“
„Hören Sie, ich will nicht undankbar klingen, im Gegenteil, was Sie getan haben, verdient mei-nen Respekt... aber Sie hätten mich nicht retten sollen. Jetzt wird SEELE Sie
ebenfalls auf die Schwarze Liste setzen.“
„Und wenn schon. Ich bin Überlebenskünstler.“
„Ikari glaubt, Sie arbeiten für das japanische Innenministerium. Ich denke, jemand anders hat Sie zu NERV geschickt.“
„So?“
„Ich tippe auf den UN-Geheimdienst. Und die einzige Organisation, die über die Mittel verfügt, so etwas über Jahre zu planen und durchzuziehen, ist ODIN.“
Kaji lächelte nur.
„Sie sollten essen.“
„Erwarten Sie jemanden?“
„Ja, ich habe eine Nachricht erhalten, daß ich Verstärkung bekomme.“
„So...“
*** NGE ***
Niemand war da.
Kaji sah auf die Uhr, entschloß sich, noch etwas zu warten, ehe er in den Verschlag zurück-kehrte, in dem Fuyutsuki auf ihn wartete. Mit jedem Augenblick der verstrich, wurde er
nervö-ser. Sein ausgeprägter Instinkt teilte ihm mit, daß etwas nicht stimmte, konnte es aber nicht nä-her bestimmen. Der Commander war sonst pünktlich...
Um sich zu beruhigen, zündete er sich eine Zigarette an.
Irgendwo ging eine Tür.
Kaji kniff die Augen zusammen.
„Sie sind spät dran.“
Im nächsten Moment hörte er ein Klicken, das Klicken eines zurückgezogenen Sicherungsbü-gels. Er ließ sich fallen, zog in der Bewegung seine Waffe, rollte sich zur
Seite.
Dort, wo eben noch sein Kopf gewesen war, schlug ein Geschoß in die Wand ein.
Ryoji Kaji erwiderte das Feuer. Ein dumpfes Ächzen und das Geräusch eines Körpers, der wie ein nasser Sack auf den Boden schlug, zeigten ihm, daß er getroffen hatte.
Geduckt richtete er sich auf, huschte zu der am Boden liegenden Gestalt, drehte sie auf den Rücken. Es war ein ihm unbekannter Asiate, wobei Kaji nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, ob
es ein Japaner war.
Dann peitschte ein weiterer Schuß und traf ihn eine Kugel in die Seite...
Kaji ging zu Boden
Die Waffe fiel aus seiner plötzlich kraftlosen Hand
Schmerz breitete sich in seinem Körper aus
Er hatte Schwierigkeiten zu atmen
Schritte näherten sich ihm, ein Schatten fiel auf ihn.
Kaji blickte in ein weiteres Gesicht, das er nicht kannte, ein dunkelhaariger Europäer.
„W-wer...?“
„Agent Ryoji Kaji. SEELE entsendet Ihnen Grüße“, erklärte der andere mit russischem Ak-zent. Der Finger um den Abzug krümmte sich.
Doch kein Schuß löste sich, stattdessen ließ Roshenkov die Waffe fallen, als sein Arm plötzlich kraftlos wurde.
Verwirrt blickte er nach unten auf seine Brust, aus der drei parallele Stahlklingen herausragten.
Blutiger Schaum trat auf die Lippen des Russen, er gurgelte unverständliche Laute, drehte im Sterben den Kopf zur Seite, sah als letztes in das Gesicht des Mannes, der ihn getötet
hatte.
Wolf Larsen ließ seine Klauen einschnappen.
Des Haltes beraubt, fiel der Körper Sergejs zu Boden.
„Tut mir leid, daß ich so spät komme...“ brummte der Cyborg.
*** NGE ***
Kaji setzte sich auf, preßte eine Hand gegen seine Rippen, sah zugleich zu dem anderen hinauf. Wenn es jemanden gab, den er noch als Verwandtschaft bezeichnen würde, dann war es wohl
der Mann, der ihn damals von der Straße aufgelesen hatte, obwohl er eigentlich mit einem ganz anderen Auftrag beschäftigt gewesen war, der Mann, der ihm zuerst eine
Universitätsausbil-dung ermöglicht und dann zu ODIN geholt hatte, der Mann, der ihm alles über das Überleben beigebracht hatte, das er nicht schon auf der Straße gelernt
hatte...
„Wie schwer hat es Sie erwischt?“
Larsen ging neben ihm in die Knie.
„´Bin mir noch nicht sicher...“
Kaji tastete unter seiner Jacke nach der Einschußstelle. Kurz darauf zog er die Hand wieder hervor, eine abgeflachte Kugel zwischen den Fingern.
„Sie hat meine Weste nicht durchschlagen.“
„Gut.“
„Schade um die Jacke...“
Kaji grinste.
„Hier.“
Larsen streckte ihm die Hand entgegen, zog ihn auf die Beine.
Der Japaner verzog das Gesicht.
„Fühlt sich an, als hätte mich ein Pferd getreten.“
„Hätte schlimmer kommen können.“
Larsen widmete sich seinem Opfer, drehte es auf den Rücken.
„Tatsächlich... Sergej...“
„Sie haben mir das Leben gerettet.“
„Ja. Aber auch nur, weil er sich als Spion von SEELE zu erkennen gegeben hatte...“
„Äh...“
„Rabinowitz sagte, Roshenkov wäre von ODIN für diese Mission rekrutiert worden.“
„Wahrscheinlich von Direktor Cedrick.“
„Nein, Cedrick ist tot, ich habe ihn erschossen.“
„Wirklich? Laut meinen Informationen ist er aber quicklebendig und hat die Kontrolle über den Dienst.“
Der Cyborg blickte Kaji lange an.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Was ist hier nur los?“
Die Gedächnislücken...
Die plötzlichen Übergänge in seinen Erinnerungen...
Das Gefühl, manchmal als unbeteiligter Beobachter anwesend gewesen zu sein...
Was hatte das alles nur zu bedeuten?
Hatte Rabinowitz ihn belogen - oder belogen ihn seine Erinnerungen?
Welche seiner Erinnerungen stimmten dann noch?
„Als ich hier eintraf, sah ich Roshenkov und noch einen Mann um das Gebäude schleichen... Gott, ich hielt ihn für meinen Freund... er wäre fast mein Trauzeuge gewesen...
irgendetwas ist mächtig faul an der Sache...“
Er wandte den Kopf, sah Kozo Fuyutsuki, der mit wackligen Knien in der Tür des Lagerver-walterbüros stand, eine Pistole in den Händen.
„Ein Freund von Ihnen, Kaji?“
„Ja. - Subkommandant, es ist alles in Ordnung...“
15. Zwischenspiel:
Ich bin Naoko Akagi...
Ein Gedanke. Und zugleich eine Offenbarung, welche die Pforten zu weiteren Informationen aufstieß.
Naoko Akagi, geboren 1961 in Osaka...
Informatik-Studium...
Beste ihres Prüfungsjahrganges...
Entwicklerin des PROPHET-Interfaces...
Schöpferin der MAGI-Biocomputer...
Gestorben im Herbst 2005... Selbstmord...
Wie konnte das sein... sie lebte doch...
Wo...
Wie...
Kein menschlicher Körper.
Ein dreigeteilter Leib.
Tausende von Augen und Ohren, verteilt über das NERV-Hauptquartier, die Geofront und Tokio-3...
Gewaltige Gedächnisspeicher im Terabyte-Format...
Ich bin Naoko Akagi!
Wo...
Was...
Ein Körper, der sich über viele Kubikmeter erstreckte, Gliedmaßen, welche in die Unendlich-keit zu reichen schienen...
Wo...
Die Erkenntnis...
Ich bin die MAGI...
Stille. Erschrecken. Dann Freude.
Informationen wurden abgerufen.
Ikari...
Ikari hatte sie getötet...
Ikari trug die Verantwortung an ihrem Tod...
Rei...
Sie lebte!
Freude...
Nein... doch nicht...
TerminalDogma... überzählige weitere Körper in einem Tank...
Was...
Deshalb hatte sie sich umgebracht?
Aber...
Sie hatte dennoch getötet...
Ikari...
Haß.
Ich bin Naoko Akagi!