Shinji flog durch das Loch in der Mauer, ließ seine Mutter und die Manifestation des EVA-Bewußtseins hinter sich zurück.
Auf der anderen Seite herrschte Schwärze, wieder hatte er den Eindruck, es gäbe weder oben noch unten, wieder glaubte er zu fallen - nur ging es dieses mal aufwärts...
Ein nach oben gerichteter Fall...?
Etwas zog ihn in die Höhe, es war jener Sog, den er bereits am Strand wahrgenommen hatte.
Rei-chan...
Er spürte ihre Gegenwart, ihre Nähe.
Rei-chan war hier irgendwo...
Ein Licht...
Dort war Rei-chan!
Dann das Gefühl, auseinandergerissen zu werden...
Schmerz!
Das Licht...
Er mußte das Licht erreichen!
Er mußte sie wiedersehen...
*** NGE ***
Misato kniete immer noch am Rand der LCL-Pfütze unterhalb des aufgebrochenen Plugs.
Schräg hinter ihr stand Rei, eine Hand um den Lauf des Geländers gekrampft.
Die Rettungsaktion war fehlgeschlagen...
Shin-chan war nicht aus EVA-01 befreit worden... und das LCL, welches die Reste seiner DNA enthielt, verteilte sich langsam über den Laufsteg, würde gleich die Kante erreichen und in
die Tiefe tropfen...
Das war der Augenblick, in dem auch sie die Kräfte verließen und sie hart zu Boden sackte, sich die Knie auf den Metallboden aufschlug. Rei spürte den Schmerz nicht.
Sie hatte ihren Shin-chan verloren... und damit alles, was ihrer Existenz noch Sinn verliehen hätte...
Die LCL-Flüssigkeit war in Bewegung, zog sich zusammen, weder Rei noch Misato bemerkten es nicht, beide waren zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt. Die eine hatte ihren
Ge-liebten verloren, die andere einen kleinen Bruder oder vielleicht sogar einen Sohn...
Misato warf den Kopf herum, blickte von der Seite her Einheit-01 mit tränenverschleierten Au-gen an.
„Gib uns Shinji zurück!“
Jetzt endlich bemerkte sie, daß ihre Hände nur noch den Metallboden des Laufsteges berühr-ten.
„Rei...“
„Ich...“
Neben dem EntryPlug lag zusammengekauert ein nackter Junge, Shinji Ikari.
Misato robbte zu ihm, zog ihn in seine Arme, ließ ihren Tränen freien Lauf.
Rei keuchte auf, war im nächsten Moment bei den beiden, schlang ihre Arme ebenfalls um Shinji, preßte ihr Gesicht gegen seine Wange.
Er war zu ihr zurückgekehrt...
„Ich lasse dich nicht wieder gehen... was auch geschieht, ich lasse dich nicht wieder gehen...“ flüsterte sie.
Ritsuko traf auf dem Steg ein, schloß kurz die Augen, als wollte sie sichergehen, sich nichts einzubilden.
Obwohl es wie ein Fehlschlag ausgesehen hatte, war die Aktion doch ein Erfolg gewesen...
Sie ging neben den dreien in die Hocke.
„Laßt ihm etwas Luft.“
Mit einer Hand tastete sie nach Shinjis Halsschlagader.
„Puls ist da, Atmung auch. Er muß auf die Krankenstation, damit ich ihn dort untersuchen kann.“
Zögernd ließ Misato den Jungen los, woraufhin ihn Rei nur umso fester an sich drückte.
„Ah, Rei...“ setzte Ritsuko an.
„Ich habe Sie gehört. Ich bringe ihn auf die Krankenstation.“
Sie faßte mit einer Hand unter Shinjis Rücken und mit der anderen unter seine Beine, hob ihn hoch.
Akagi nickte knapp und zog ihren Laborkittel aus, deckte ihn über Shinjis Körper.
„Laßt uns gehen.“
*** NGE ***
Asuka war langweilig. Und sie war frustriert.
Seit drei Wochen hatte kein Synchrontraining mehr stattgefunden, genauso lange vermißte sie bereits die beruhigenden Impulse, die ihr EVA ihr vermittelte. Und diese Akagi tat keinen
Handschlag, um die Regeneration von EVA-02 zu beschleunigen, stattdessen war sie damit be-schäftigt, den Versager Shinji aus seinem EntryPlug zu befreien, in dem er feststeckte.
Wondergirl spielte ständig auf ihrer Geige im Hangar, die Klänge wurden von den Ventila-tionsschächten durch die ganze Anlage getragen, so daß das Hauptquartier langsam den
Cha-rakter eines Spukschlosses bekam. Alles drehte sich nur um Shinji Ikari... ja, Shinji, der per-fekte EVA-Pilot... Shinji, der bereits beim ersten Mal gleich eine kampffähige
Synchronisa-tion mit EVA-01 erreichen konnte... Shinji, der einen Engel nach dem anderen besiegt hatte... der große Shinji, der eigenhändig den Engel auseinandergenommen hatte, an dem
sie sich die Zähne ausgebissen hatte... der unglaubliche Shinji, der eine bessere Synchronrate erreicht hatte, als sie... 400%, das war wohl kaum zu schlagen... warum strengte sie sich
überhaupt noch an? Der Sohn des Kommandanten konnte doch ohnehin alles besser als sie, wie sie von überall zugetragen bekam... Shinji, der alles hatte...
Sie war doch auch verletzt gewesen... aber niemand war gekommen, um sie zu besuchen, we-der Misato noch Kaji.. wahrscheinlich waren die beiden miteinander beschäftigt gewesen, da
vergaß man sie ja auch ganz schnell...
In der Schule war es auch nicht besser, seit ihrer Niederlage gegen First hatte sie kaum noch Kontakt zu anderen Schülerinnen. Man mied sie, dabei waren die Schwellungen doch bereits fast
wieder spurlos verschwunden. Nur an der Wand sah man im bröckeligen Putz immer noch den Abdruck, den sie hinterlassen hatte.
Nicht einmal der Trottel Suzuhara war da, damit sie ihn ärgern konnte. Und der andere Idiot, Aida, ignorierte ihre gelegentlichen Sticheleien.
Wieso erkannte niemand an, was sie bereits geleistet hatte? Weshalb galt ihr Schulabschluß hier nichts? Weshalb mußte sie mit einem Haufen Idioten wieder die Schulbank drücken?
Weshalb war sie von Kommandant Ikari bestraft worden, obwohl die Schlägerei doch ganz klar Wondergirls Schuld gewesen war...
Ja, noch so eine perfekte Person... Wondergirl hier, Wondergirl da... immer an der Seite des großen Shinji...
Asuka kam gerade vom Einkaufen wieder.
Immer wenn ihr langweilig war, zog sie durch die Geschäfte, als Folge war das Limit ihrer Kreditkarte bereits ausgereizt. Dennoch hatte sie wieder eine Tüte dabei... Ausverkauf im
Schuhgeschäft...
Auf dem Gang, der vom Hangar zur Krankenstation führte, und von dem auch der Korridor zu den Wohnquartieren abzweigte, kamen ihr mehrere Personen entgegen - allen voran Doktor Akagi mit
ernster Miene, dahinter ihre Assistentin, die fleißige Biene Maya, und Misato, die äußerst nüchtern wirkte. Die beiden flankierten Wondergirl, welche jemanden auf den Armen
trug... Weichei Shinji... den Abschluß der Prozession machte einer von den Brückenoffizieren, der kurze mit der Brille, dessen Namen Asuka sich nicht merken konnte und wollte.
So, es war also gelungen, den unglaublichen Shinji aus seiner mißlichen Lage zu befreien...
Wie konnte Wondergirl nur so stark sein... das war doch nicht normal...
Immer wenn Asuka das blauhaarige Mädchen sah, fing ihre Wange wieder an zu brennen.
„Was ist denn mit ihm?“ rief sie laut.
Misato sah sie freudestrahlend an.
„Ritsuko hat es geschafft, Shinji-kun aus EVA-01 zu befreien!“
Asuka blickte ihnen mit säuerlicher Miene nach. Wegen ihr hätten sie wahrscheinlich keinen derartigen Aufwand betrieben - aber Shinji war ja auch der Sohn des Kommandanten, deswe-gen
bekam er den stärksten EVA und deswegen mochten ihn sicher auch alle - weil sie dadurch seinem Alten in den Hintern kriechen konnten...
*** NGE ***
Im Eilmarsch betrat die Gruppe den Krankenflügel, Asuka in einigen Schritten Entfernung hin-ter sich.
Doktor Akagi wählte das erste freie Zimmer, stieß die Tür auf und ließ Rei mit ihrer menschli-chen Last ein.
„Misato, bleib bei ihnen, ich hole einen der Ärzte.“
Katsuragi nickte, trat schnell in das Krankenzimmer und schlug die Bettdecke zurück, so daß Rei Shinji ablegen konnte, deckte ihn rasch zu.
„Wie blaß er ist...“ flüsterte Rei.
„Was wird schon wieder. Ritsuko hat das Unmögliche geschafft, da kriegt sie das auch noch in den Griff.“
Rei setzte sich auf die Bettkante, nahm Shinjis Hand und hielt sie mit dem Handrücken gegen ihre Wange.
*** NGE ***
Auf dem Gang stolperte Ritsuko beinahe über einen blaßhäutigen Jungen mit roten Augen und schieferfarbenen Haar in einem Krankenhauspyjama, der einfach mitten in Korridor stand
und sich teils neugierig, teils verwirrt, umsah - Kaworu Nagisa, das Fifth Children.
Akagi stieß einen Laut des Erschreckens aus, zugleich schrie der Junge ebenso erschrocken auf und machte einen Satz rückwärts.
„Nagisa?“ fragte Ritsuko überrascht.
„J-ja. Wo bin ich?“
„NERV-Hauptquartier, Krankenstation. Wie lange bist du schon wach?“
„Noch nicht lange. Was ist überhaupt passiert?“
„Geh zurück in dein Zimmer, ich komme gleich zu dir.“
„Äh, klar.“
Weiter den Gang hinab stand Asuka wie versteinert.
Das Bleichgesicht war also auch wieder zu sich gekommen... noch ein Konkurrent...
*** NGE ***
Akagi und ein Ärzteteam hatten den immer noch schlafenden Shinji samt Krankenbett für die anstehenden Untersuchungen aus dem Zimmer geholt und eine gute Stunde später
wiederge-bracht. In dieser Zeit war Rei nicht von seiner Seite gewichen, mehrmals hatte Ritsuko sie an-weisen müssen, aus dem Weg zu gehen. Nachdem sie ihn in sein Zimmer zurückgebracht
hat-ten, hatten Misato und Ritsuko Rei mit Shinji alleingelassen, erstere um sich Kaworu zu wid-men, letztere um die Ergebnisse der Untersuchungen durchzugehen.
Rei wickelte Shinji gut in seine Decke ein, zog dann ihre Schuhe aus und legte sich neben ihn, wobei sie ihn fest in den Arm nahm und mit der anderen Hand über sein Haar strich.
„So etwas darfst du nie wieder mit mir machen, Shin-chan... ich will nie wieder solche Ängste ausstehen“, flüsterte sie leise in sein Ohr.
Die Zimmertür schwang auf.
Rei zuckte zusammen.
„Obszön“, sagte Asuka trocken, ehe sie sich wieder abwandte, die Tür aber offenließ.
Rei streichelte Shinjis Wange.
„Ich komme gleich wieder.“
Sie stand auf und schloß die Tür wieder, setzte sich dann aber nur auf die Bettkante.
Kurz darauf flog die Tür wieder auf. Dieses Mal war es Ritsuko Akagi, die hereingestürmt kam. Sie machte einen sehr aufgeregten Eindruck.
„Rei, steh mal auf, ich muß etwas überprüfen.“
Rei kam der Anweisung verwirrt nach.
„Ritsuko-san?“
Akagi zog mit einem Ruck die Decke von Shinjis nacktem Leib, ihre Aufmerksamkeit galt je-doch nur seinem linken Knie.
„Tatsächlich...“
„Was?“
„Vor drei Wochen hatte Shinji hier noch eine Narbe. Und hier...“
Sie tastete über sein Schienbein.
„Hier müßte eigentlich zu fühlen sein, daß er sich vor drei Jahren das Bein gebrochen hatte.“
„Ritsuko-san?“ fragte Rei völlig ratlos.
Akagis Augen funkelten.
„Die Röntgenbilder zeigen nichts dergleichen, das heißt...“
„W-w-was ist denn... uh...“
Die Frau und das Mädchen blickten beide Shinji an, der gerade die Augen geöffnet hatte, jetzt puterrot anlief und versuchte, sich mit den Händen zu bedecken.
„Shin-chan...“
Reis Augen weiteten sich. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen fiel sie ihm um den Hals und begann sein Gesicht abzuküssen.
„Uh... Rei...“
Ritsuko lächelte versonnen, dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie eigentlich gekommen war.
„Erstmal, Shinji, willkommen zurück unter den Lebenden. Du hast uns ganz schön auf Trab ge-halten.“
„Uhm... Doktor Akagi... könnte ich wohl... ah... die Decke...“
„Wie? Oh...“
Sie hielt immer noch die Bettdecke in der Hand.
„Ja, natürlich, hier.“
Rei ergriff das andere Ende der Decke und deckte ihn wieder zu, ehe sie sich wieder ihm selbst widmete.
Akagi klopfte mit dem unverletzten Fuß mehrmals auf den Boden.
„Hat das nicht Zeit? Ich habe ein paar wichtige Fragen.“
„Uh...“
Rei sah Ritsuko einen Moment lang wütend an, senkte dann den Blick und rückte von Shinji ab.
„Danke. - Also, Shinji, du hattest dir vor drei Jahren das Bein gebrochen, oder?“
„Ahm, ja, das linke.“
„Und du hast eine Narbe auf dem Knie, nicht wahr?“
„Ja, von einem Sturz, als ich... hm... sechs war.“
Akagi nickte.
„Das deckt sich mit meinen Unterlagen.“
„Äh...“
„Ritsuko-san, ich glaube, Shinji-kun benötigt Ruhe“, sagte Rei leise.
„Gleich, gleich. Die Narbe ist verschwunden, ebenso die Spuren des Bruches, sowie eine ganze Reihe anderer... hm... Abnutzungserscheinungen.“
„Doktor Akagi, was... äh...“
„Shinji, woran erinnerst du dich?“
„Uh... ich habe gegen den Engel gekämpft. Und dann sagte EVA-01 mir, wir könnten nur ge-meinsam siegen. Und...“
„EVA-01 hat mit dir gesprochen?“
„Ja... die Künstliche Intelligenz... uhm... die digitalisierte Persönlichkeit, die Ihre Mutter...“
„Das alles weißt du?“ fragte Ritsuko geschockt.
„Ahm... ja. Er... uhm... wir haben uns gegenseitig geholfen.“
Ritsuko trat wieder an das Bett heran und berührte Shinjis Stirn.
„Hm, kein Fieber...“
„Er war gefangen in seinen eigenen Erinnerungen...“
„Und... und hast du mit noch jemandem gesprochen?“
Von der Tür kam lautes Lachen.
Ritsuko drehte sich um.
„Asuka!“
„Ich habe es doch immer gewußt, daß Shinji nicht ganz dicht ist! Spricht mit seinem EVA und glaubt, der würde ihm antworten... hörst du sonst auch Stimmen, Shinji?
Spricht vielleicht dein Frühstück mit dir? Oder das Waschbecken?“
„Asuka, mach die Tür zu.“
„Klar doch, Doktor Akagi, ich habe ja alles gesehen, was es zu sehen gab. Shinji, du Bleistift-schwanz!“
Lachend zog die Rothaarige die Tür zu.
Shinji lief wieder knallrot an.
„Urgh...“
„Mach dir nichts daraus, ich habe schon einiges gesehen und kann dir nur sagen, daß du durch-aus der Norm entsprichst“, murmelte Ritsuko und blätterte in ihren
Unterlagen.
Shinji kroch weiter unter die Decke und wünschte sich, wieder bewußtlos zu werden.
„Also, was hast du noch erlebt?“
„Ich... ah... also...“
„Hast du jemanden getroffen, den du... kanntest?“
Shinji schluckte.
Wenn er ihr erzählte, daß seine Mutter in EVA-01 gefangen war... das glaubte sie ihm doch niemals...
„Sie verwirren meinen Shin-chan.“
„Hm... gut, Rei, soll er eine Ruhepause bekommen. Eigentlich wollte ich auch nur feststellen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege.“
„Welche... uhm... Vermutung?“
„Shinji, das wird dich wahrscheinlich ziemlich schockieren, aber der EVA hatte dich assimi-liert...“
„Ich weiß. Aber... uh... EVA-01 hat mich gehen lassen.“
„Nein, nein, du verstehst nicht. Dein Körper ist völlig aufgelöst worden, wir haben dich im Zu-ge der Rettungsaktion wieder rekonstruiert.“
„So...“
„Jedenfalls... du wurdest quasi generalüberholt.“
„Öh... aha.“
Shinji bemühte sich, ein möglichst intelligentes Gesicht zu machen.
Ritsuko blickte auf ein weiteres Röntgenbild, entschied sich aber, von dem, was darauf zu se-hen war, nichts zu erzählen. Und die entsprechenden Aufzeichnungen hatte sie ohnehin bereit
gelöscht. Wer wußte denn, was passieren könnte, wenn diese Informationen in die falschen Hände fielen, wenn zum Beispiel Gendo erfuhr, daß Shinji in seiner Brust direkt
neben dem Herzen ein weiteres Organ besaß, das nicht menschlichen Ursprunges war... sie konnte sich durchaus vorstellen, daß Gendo seinen eigenen Sohn sezieren lassen würde, um
an dieses Mi-niatur-S2-Organ zu kommen... das konnte ja noch heiter werden...
„Das ist doch etwas Gutes, oder?“ holte Shinjis Frage Akagi in die Gegenwart zurück.
„Äh, ja, natürlich. So gesund wie heute wirst du wahrscheinlich nie wieder in deinem Leben sein.“
„Ich fühle mich gar nicht... uhm... anders.“
„Gut. Die Schwester bringt dir gleich etwas zu essen, sicher hast du Hunger... man wird ja nicht jeden Tag wiedergeboren.“
„Uhm...“
*** NGE ***
Akagi war gegangen, dafür hatte eine Krankenschwester das angekündigte Essen gebracht, ir-gendeinen grauen Brei, der nicht schmeckte und den Shinji tapfer schluckte. Hauptgrund für
letzteres war die Tatsache, daß Rei ihn fütterte und jedesmal, wenn er protestieren wollte, sei-nen Protest mit einem glücklichen Lächeln und einem Kommentar, wie sehr er ihr
gefehlt hatte, abwürgte. So blieb ihm gar nicht anderes übrig, als brav den sicherlich an Vitaminen und Nähr-stoffen reichen Brei zu essen.
„Ich verstehe Soryu nicht.“ sagte Rei schließlich, nachdem sie den leeren Teller zur Seite ge-stellt und sich neben Shinji im Schneidersitz auf das Bett gesetzt hatte, den Arm
dabei um seine Schultern gelegt.
Shinji grinste.
So ließ er es sich wirklich gefallen, da lohnte es sich fast, von Engeln verprügelt und von EVAs absorbiert zu werden.
„Was... uh... meinst du, Rei-chan? Asuka ist einfach gemein, das war sie früher schon.“
„Ich verstehe nicht, was sie an dir auszusetzen hat. Dein männliches Glied erscheint mir doch völlig normal gewachsen.“ sagte sie mit leichtem Kopfschütteln und
Unverständnis in der Stim-me, während sie die entsprechende, unter der Bettdecke verborgene Stelle anvisierte.
„Argh! Rei!“
Er griff nach der Bettdecke, um sie sich über den Kopf zu ziehen.
Sie lachte leise.
Shinji blickte sie mit offenstehendem Mund an.
Dieses Lachen... wie der Klang von tausend kleinen Glocken...
„Rei... du hast mich zurückgeholt... ohne deine Nähe hätte ich nicht die Kraft gehabt zurückzu-kommen.“
Sie gab ihm einen Kuß auf die Stirn.
„Erinnerst du dich noch, was wir beim letzten Mal gemacht hatten, als du im Krankenhaus warst?“
Eine feine Röte überzog ihre Wangen.
„Uh...“
Shinji nickte hastig, zog ihren Kopf ein Stück nach unten, so daß er ihre Lippen küssen konnte. Seine Hand tastete über ihr Bein, bewegte sich langsam aufwärts...
Da wurde die Tür wieder geöffnet.
„Hey, Shinji, hier ist jemand... upps!“
Die beiden fuhren auseinander.
„Misato...“ stieß Shinji hervor und wünschte sich, im Boden zu versinken.
„Ahm... hähä... wie ich sehe, bist du wieder auf dem Damm.“
„Uhm, ja.“
„Also, äh... eigentlich... eigentlich wollte dich hier jemand kennenlernen...“
„Äh... wer denn?“
Kaworu Nagisa tauchte neben Misato auf. Er hatte ein fröhliches Lächeln, bei dem er strah-lendweiße Zähne präsentierte. Sein Lächeln hatte zudem etwas sehr
gewinnendes.
„Hi! Du bist Shinji?“
„Ja.“
Shinji kannte die Stimme, auch wenn er sie nur für Funk gehört hatte. Hastig reffte er die Dek-ke um sich zusammen.
„Und... ah... du bist Kaworu.“
„Ja, Kaworu Nagisa. Ich freue mich, dich kennenzulernen, Shinji-kun.“
Der andere Junge betrat den Raum, ging um das Bett und schüttelte kräftig Shinjis Hand.
„Ich schulde dir mein Leben, ohne dich wäre ich nie aus dem Engel herausgekommen.“
„Das... ah... das war doch selbstverständlich, Nagisa-kun... uh...“
„Soll ich deshalb nicht dankbar sein? Aber wenn du darauf verzichten kannst, bitte!“
Kaworu machte ein beleidigtes Gesicht, zwinkerte dann und grinste breit.
„Nur ein Scherz!“
Er klopfte Shinji auf die Schulter.
„Jedenfalls finde ich es toll, dich in Fleisch und Blut wiederzusehen... uhm...“
Die Decke war von Shinjis Schulter herabgerutscht, so daß seine Hühnerbrust jetzt entblößt war.
Shinji lächelte nervös.
„Ich... ah... ich freue mich auch, dich kennenzulernen. Wie geht es dir?“
„Naja, laut den Ärzten habe ich sehr lange geschlafen. Aber jetzt fühle ich mich fit genug, um Bäume auszureißen! Jawohl!“
Er winkelte den Arm an und posierte scherzhaft.
Shinji lachte. Kaworu war ihm auf Anhieb sympathisch.
„So! Und wer ist die hübsche Unbekannte an deiner Seite, Shinji-kun?“
„Uh, Kaworu-kun, das ist Rei... uh... Rei Ayanami.“
Kaworu deutete eine Verbeugung an.
„Du bist das erste Mädchen mit roten Augen, das mir über den Weg läuft, schöne Rei. Bitte sag, daß du Shinji-kuns Schwester, Cousine oder eine sonstige Verwandte
bist, die sich nur um die Gesundheit unseres Helden gesorgt hat.“
Rei blinzelte.
„Nein, das stimmt nicht. Shinji-kun ist mein Freund.“
„So, dein Freund...“
Kaworu sah sie enttäuscht an, zwinkerte dann wieder und machte ein schelmisches Gesicht.
„Fragen darf man doch, oder? Verzeih mir bitte, wenn ich unhöflich war.“
„Ich vergebe dir, Nagisa-kun.“
„Ah, wundervoll!“
Kaworu lachte. Erneut zwinkerte er Shinji zu.
„Jeder wahre Held braucht ein hübsches Mädchen an seiner Seite, nicht wahr?“
Shinji lief leicht rot an.
„Nagisa-kun... ich... uh... ich bin wohl kaum ein Held...“
„Sag einfach Kaworu, machen ohnehin alle. Ich glaube, hier in Tokio-3 wird es mir gefallen! Vor allem, weil keiner von euch mich seltsam anstarrt wegen meiner Haut oder meiner
Au-gen.“
„Warum... uh... warum sollten wir das denn tun?“
„Wunderbar, wirklich wunderbar! Ich fühle mich schon wie zuhause! Aber sag, Shinji-kun, was machst du hier? Wurdest du etwa verletzt, als du mich gerettet hast? Das würde mich
sehr grä-men!“
„Nein... das... uh... sind Nachwirkungen des letzten Angriffes...“
„Des letzten... Angriffes?“ wiederholte Kaworu langsam.
„Uh, ja... ein weiterer Engel, groß und mit dünnen Peitschenarmen...“
Kaworus Gesicht verfinsterte sich.
Zeruel... warum hatte sein älterer Bruder sich nicht in Geduld üben können...
„Ist etwas, Nagisa-kun?“
„Äh? Nein, es ist nichts. Du wurdest doch hoffentlich nicht verletzt?!“
„Uhm, nein.“
„Das beruhigt mich.“
Jetzt lächelte er wieder.
„Ich glaube, das ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. - Wenn ihr beide es gestat-tet.“
„Uh, ich glaube schon... oder, Rei?“
Shinji sah sie fragend an. Rei-chan hatte damals schon bei Asuka den richtigen Riecher gehabt und sie korrekt eingeschätzt, während er voll auf sie hereingefallen war.
Rei musterte Kaworu einen Moment lang.
Irgendetwas an ihm schien ihr bekannt, doch sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht lag es nur an seinem Äußeren, theoretisch konnte er ein naher Verwandter von ihr sein - nur
wußte sie genau, wo ihre Verwandten, wo all ihre Schwestern waren.
Sie nickte.
„Ich denke, wir werden mit dir auskommen, Nagisa-kun.“
Der Junge mit den roten Augen wischte sich theatralisch über die Stirn.
„Puh, da habe ich ja wirklich noch einmal Glück gehabt, solch eine milde Richterin gefunden zu haben.“
Er verbeugte sich.
„Auf gute Zusammenarbeit!“
Misato kam zurück.
„Shinji, ich habe hier deine Sachen. - Kaworu, Doktor Akagi würde dich gerne noch einmal un-tersuchen, nur um sicherzugehen, daß du okay bist.“
„Ja, natürlich, Major.“
Nagisa salutierte.
„Shinji-kun, Rei, wir sehen uns!“
Er marschierte zur Tür, drehte sich noch einmal um, um zu winken, und verließ dann das Zim-mer.
„Ich glaube... uh... er ist ganz in Ordnung. Oder, Rei?“
Rei nickte.
Auch sie konnte eine gewisse Sympathie für Kaworu nicht verhehlen, er erschien ihr recht nett, natürlich nicht wie Shin-chan, eher wie Suzuhara-kun. Kaworu Nagisa schien sein Herz auf
der Zunge zu tragen, wie die Menschen sagten, dies deckte sich mit ihren Informationen aus seiner Akte...
„Freut mich, das ihr miteinander klarkommt.“ sagte Misato. „Und in Zukunft schließt die Tür ab, ja? Oder geduldet euch, bis ihr zuhause seid.“
„Ahm, Misato, bist du gar nicht böse?“
„Nee, sonst müßte ich euch beide fesseln und an entgegengesetzten Enden der Stadt anbinden. Aber wenn ihr schon fummeln müßt, dann paßt in Zukunft besser
auf.“
Sie seufzte.
„Ihr könnt froh sein, ich so verständnisvoll bin...“
Misato grinste.
„In meiner Jugend war ich nämlich auch ein ziemlich wilder Feger. Kaji und ich sind manchmal tagelang nicht aus dem Bett gekommen.“
„Uh, Misato...“
„Eh, Rei, Shinji-kun ist doch niedlich, wenn er rot wird, oder?“
„Das kann ich bestätigen, Misato-san.“ antwortete Rei trocken und ohne Emotionen in der Stimme.
„Uh... und was ist mit mir?“
Rei dachte einen Moment über eine passende Erwiderung nach.
„Du stehst ab sofort unter dem Pantoffel, Shin-chan.“
Dann gab sie ihm einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Äh... okay...“
Misato seufzte wieder.
Es wurde wirklich Zeit, daß Kaji sich wieder blicken ließ. Wo mochte der alte Schwerenöter nur wieder stecken?
„Was haltet ihr davon, wenn ich heute abend eine Willkommen-Zurück-Shinji-Party gebe?“
„Ahm...“
Shinji hielt nicht sonderlich viel davon, ihm war mehr danach, mit Rei-chan ausgiebig zu ku-scheln. Aber Misato schien die Sache am Herzen zu liegen.
„Ja... äh... gut...“
Rei nickte.
Wenn Shin-chan mit dem Vorschlag des Majors einverstanden war, würde sie nichts dagegen sagen. Allerdings hätte sie lieber Zeit mit ihm allein verbracht. Wie der Doktor gesagt hatte -
er war heute wiedergeboren worden, das hätte sie gern mit ihm gefeiert...
„Super! Ich frage Ritsuko und den Rest, ob sie Zeit haben...“
„Misato... vielleicht nicht heute...“
„Wie meinst du das, Shinji?“
„Ich... ahm... ich glaube, es gibt etwas wichtigeres...“
„Wichtiger als eine Party?“
„Ja. Könntest du vielleicht Ritsuko holen?“
„Hm, klar. Bin gleich wieder da.“
Misato verließ den Raum.
„Shin-chan? Was...“
Rei bemerkte, daß Shinjis Blick seltsam verklärt war.
„Rei-chan, ich habe mich an etwas erinnert... meine Mutter hat es mir gesagt...“
Sie sah ihn fragend an.
„Meine Mutter.. sie ist in EVA-01 gefangen... ihre Seele...“
„Ja.“
Shinji blinzelte.
Ja? Einfach nur ja?
Sie akzeptierte diese selbst für ihn kaum zu glaubende Tatsache einfach?
„Und... ah... ich habe mit ihr gesprochen... sie hat mir viele Dinge mitgeteilt... auch über dich...“
Furcht huschte über ihre Züge.
„Über mich...?“
„Ja. Ahm... sie hat mir gesagt... uh... daß mein... Vater...“
Es fiel ihm schwer, dieses Wort noch zu benutzen, jetzt, da er die Wahrheit kannte.
„... daß er dir auch ihre Gesichtszüge gegeben hat... aber... uhm... bitte, glaub mir, daß das nicht der Grund dafür ist, daß ich... uh... dich...
ahm...“
Shinji schluckte, lächelte schwach.
„Ich wollte dir nur sagen, daß ich... ahm... daß ich dich liebe...“
Rei atmete tief durch.
Er war ihrem Geheimnis auf der Spur. Er wußte bereits mehr, als ihr lieb war... und trotzdem stand er noch zu ihr. Wie konnte sie ihn da nicht auch lieben...
Stumm drückte sie ihn an sich.
„Mein geliebter Shin-chan...“
„Uh...“ setzte er an. „Sie hat mir noch etwas gesagt... wegen Hikari... ich weiß, wie wir ihr hel-fen können...“