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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 44 - Bei Nacht und Nebel

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Die Zeit bis Akagi eintraf, nutzte Shinji, um sich anzuziehen. Misato hatte ihm den Packen sei-ner Ersatzsachen gebracht, welchen er seit neuestem in seinem Spind im Umkleideraum aufbe-wahrte.
Rei verließ den Raum nicht, machte auch keine Anstalten, den Blick abzuwenden.
Es störte ihn nicht, wahrscheinlich wußte sie ohnehin schon besser als er selbst, wie er aussah, schon aufgrund der menschlichen Ana Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
tomie, die es doch sehr schwer machte, ohne Zuhilfenah-me eines Spiegels zum Beispiel die rückwärtigen Körperpartien in Augenschein zu nehmen...

Langsam wich Reis Euphorie über Shinjis Rückkehr, zugleich verblaßte der Drang, ihn festzu-halten, damit er sich nicht plötzlich wieder in eine LCL-Pfütze verwandelte oder von einem tollwütigen EVA assimiliert wurde. Logische Überlegungen traten wieder in den Vordergrund.
Gab es einen Grund, ihr überschwänglich emotionales Verhalten zu bedauern? - Nein...
Mit einem wohligen Schaudern erinnerte sie sich an seine Berührung, bevor der Major herein-geplatzt war, als seine Fingerspitzen über die Innenseite ihres Oberschenkels gefahren waren. Ihr war gewesen, als wären zahllose feine Blitze übergesprungen. Der einzige Fehler, den sie gemacht hatte, war zu vergessen, die Tür abzuschließen. Vielleicht hätte sie andernfalls auch ihre letzten Hemmungen vergessen und die körperliche Einheit mit ihrem Shin-chan ange-strebt... körperlich kompatibel waren sie ja, daran bestand für sie kein Zweifel...
Sie verdrängte diese Gedanken. Andere Dinge waren jetzt wichtiger...
„Shin-chan, wie glaubst du, kann Hikari geholfen werden?“

„Ich... ahm... meine Mutter hat mir gesagt, daß Hikari wahrscheinlich in EVA-03 gefangen ist, weil die Synchronverbindung noch bestand, als Asuka... uh...“

„Ich verstehe.“

„Aber wie soll ich daß Doktor Akagi erklären? Sie wird mir kaum glauben, daß ich mit meiner Mutter... ahm...“

„Versuche es. Ritsuko-san wird dir wenigstens zuhören.“

„Uhm, gut.“

Akagi kam, um den Hals trug sie ein Stethoskop.
„So, Shinji, ich will dich noch mal kurz abhören. - Was gibt es denn so dringendes?“

„Uhm, also, Doktor Akagi...“

„Shinji-kun glaubt, einen Weg zu kennen, wie man Hikari helfen kann.“

Ritsuko blickte die beiden fragend an.
„Und? - Shinji, mach mal deine Brust frei.“

„Ja... uh... Also, das ist so... bei der Unterbrechung der Synchronisation wurde Hikaris Seele in EVA-03 gefangen. Wir müssen den Kern von Einheit-03 zerstören, um sie zu befreien...“

„Aha...“ murmelte Ritsuko, während sie erst sein Herz abhörte, dann einen Punkt, der etwas weiter in der Mitte von Shinjis Brust lag. Seine Worte nahm sie nicht ganz wahr, konzentrierte sich ganz auf das pulsierende Bubbern, welches durch das Stethoskop an ihr Ohr drang.
Ein ruhendes S2-Organ in der Brust eines Menschen... die Rekonstruktion von Shinjis Körper wies einige unerwartete Nebenerscheinungen auf... sie war fast versucht, seine gegenwärtige Konstitution mit der Reis zu vergleichen. Während Shinji sich äußerlich nicht verändert hatte, sah man von den verschwundenen Narben und dergleichen ab, wie zum Beispiel daß sein Haar und seine Haut heller und etwas ausgebleicht wirkten, sah es mit seinem Innenleben ganz an-ders aus. Seine Organe schienen effizienter zu arbeiten, die Muskeln schienen kompakter zu sein, die Knochen stabiler. In gewisser Weise war der Junge ein medizinisches Wunder - und trotzdem bereute sie es nicht, die aktuellsten Unterlagen vernichtet und Maya zum Stillschwei-gen verpflichtet zu haben
Moment... was hatte er da gerade gesagt?
Hikaris Seele säße in EVA-03 fest? Stützte er diese Vermutung nur auf seine eigenen Erleb-nisse, oder gab es tiefergehende Gründe?
„Könntest du das bitte wiederholen?“

„Uh, ja. Also, Hikaris Seele wurde in EVA-03 gefangen, im Kern. Wenn der Kern zerstört wird, müßte sie das befreien... uh... allerdings müßte ihr Körper in der Nähe sein, damit ein... ah... aufnahmebereites Gefäß zur Verfügung steht... uh...“

Akagi blinzelte.
Etwas ähnliches hatte sie bereits selbst überlegt, doch ohne empirische Beweise konnte sie schlecht den EVA zerlegen und seines Kerns berauben, bei dem eigentlich nur ein neue Kopf-teil angepaßt und kalibriert werden mußte - und wenn Maya nicht immer grün anlaufen würde, wenn sie das Thema zur Sprache brachte, hätte sie ihre Assistentin längst mit diesem Projekt beginnen lassen.
„Woher... woher weißt du das?“

Shinji senkte den Blick.
„Ich... uhm... das... also... das werden Sie mir wohl nicht glauben... ahm...“

Rei nahm seine Hand, drückte sie, um ihm Mut zu machen.

„Ich kann es zumindest versuchen. Also?“

„Hm... also... uhm... das ist so... ich habe meine Mutter getroffen, als ich in EVA-01 gefangen war... und sie... ahm... sie hat es mir gesagt...“

„Deine... Mutter?“
Ritsuko blickte Shinji aus geweiteten Augen an.
Also doch... die Überlegungen, die sie selbst geführt hatte... die Hinweise, die aus den Auf-zeichnungen ihrer Mutter hervorgingen... war nicht Shinjis Gegenwart schon ein Bewei für die Existenz der menschlichen Seele? Die vielen Arbeitsstunden, welche sie in die Umprogrammie-rung der Künstlichen Intelligenz gesteckt hatte, damit diese wie ursprünglich geplant als Puffer zwischen dem Seelenhunger des EVAs und dem Piloten fungierte... das PROPHET-Interface, das ihre eigene Mutter entwickelt hatte, die Verbindung von Mensch und Maschine...

„Uh... ja... ihre Seele ist ebenfalls in EVA-01 gefangen...“
Shinji hob den Blick, sah Ritsuko an.
„Sie müssen mir glauben, Doktor Akagi, ich sage die Wahrheit.“

„Die Seele deiner Mutter hat wirklich mit dir Kontakt aufgenommen?“

„Ja.“

Akagi atmete tief durch.
„Ich glaube dir.“

Shinji blickte sie überrascht an.
„Wirklich?“

„Deine Aussage deckt sich mit meinen eigenen Überlegungen - die EVAs sind seelenlose Ge-schöpfe, welche den Menschen nur imitieren... doch irgendwo bei ihrer Entwicklung wurde der Grundstein dafür gelegt, daß sie imstande sind, Seelen in sich aufzunehmen. Darauf basiert das AT-Feld, es ist nichts anderes als eine Manifestation des menschlichen Willens und der Stärke der Seele, welche den EVA kontrolliert. Die Künstliche Intelligenz, die wir in der Grundpro-grammierung der EVAs installierten, sollte dafür sorgen, daß die Verbindung Mensch-EVA nicht permanent werden konnte, allerdings erwies sie sich bei den ersten beiden Einheiten als zu schwach, was letztendlich zum Tod der Testpiloten führte.“

Shinji nickte stumm.

„Erst im letzten Jahr gelang es mir, die Daten soweit zu verändern, daß die KI ihre Aufgabe er-füllen konnte, bei EVA-00 nur provisorisch, bei den Neubauten 03 und 04 aber im beabsichtig-ten Umfang. Ich wußte nur nicht, daß die gefangenen Seelen in der Lage sind zu kommunizie-ren.“

„Uhm...das... das lag wohl an der Stärke der Verbindung.“

„Hm... was hat sie dir noch gesagt?“

„Ahm...“
Shinji blickte Rei an.
Seine Wünsche und Hoffnungen... und seine Zukunft...
Wie recht seine Mutter damit gehabt hatte, Rei-chan verkörperte all dies für ihn...
„Nur... uh... persönliche Dinge...“
Zum Beispiel über seinen Vater...

„Ah ja. Und sie sagte, der Kern von EVA-03 müsse zerstört werden, wenn Hikaris Körper in der Nähe ist?!“

„Ja, genau. Dann könnte ihre... uhm... Seele wieder in den Körper zurückfinden.“

„Das ist alles? Einfach so?“

„Mehr hat sie mir nicht gesagt.“

Ritsuko schüttelte den Kopf.
„Das klingt alles so einfach... Seelenwanderung für Anfänger... Wahrscheinlich ist es nur für mich so schwer zu verstehen, die Wissenschaft kennt die menschliche Seele al Faktor oder mathematische Größe nicht. Dein Vater könnte sicher etwas damit anfangen... vielleicht weiß er es sogar selbst bereits...“

„Mein... ah... Vater... darf nichts davon erfahren. Bitte, sagen Sie es ihm nicht.“

„Einverstanden.“

„Rei-chan?“

Rei zögerte zu antworten.
Er verlangte von ihr, den Kommandanten zu hintergehen, ihm vielleicht wesentliche Informa-tionen vorzuenthalten... andererseits hatte dieses Wissen nichts mit der Mission und dem Kampf gegen die Engel zu tun. Und außerdem hatte der Kommandant in ihren Augen viel an Bedeutung verloren.
„Gut. Wann befreien wir Hikari?“
Sie sah Shin-chan und Ritsuko-san an.

„So früh wie möglich - am besten heute nacht“, entschied Akagi. „Aber das können wir drei nicht allein machen. Wir müssen Hikari aus dem Städtischen Krankenhaus holen und hierher ins Hauptquartier bringen, in die Gen-Schmiede im TerminalDogma. Das ist absolutes Sperrge-biet. Ich kann die MAGI dazu bringen, die Überwachungssysteme zeitweilig abzuschalten. Aber irgend jemand muß aufpassen und uns notfalls warnen. Wir werden nicht umhinkommen, Misato einzuweihen. Maya kann Schmiere stehen, Hyuga und Aoba erscheinen mir auch ver-trauenswürdig... wißt ihr eigentlich, was wir im Begriff sind zu tun?!“

„Verstoß gegen die Paragraphen 5, 6, 7 und 9a bis f der NERV-Charta.“ erwiderte Rei.

„9f auch? Hm. - Stimmt. Wenn wir erwischt werden, ist Degradierung und unehrenhafte Ent-lassung noch das mindeste. Wahrscheinlich werden wir gleich an die Wand gestellt.“

„Das... uh... das ist doch nicht wirklich...“

„Naja, Shinji, zumindest möglich ist es. Ich wollte nur das Risiko ansprechen - seid ihr immer noch dabei?“

Shinji schluckte, nickte dann.

„Hikari ist eine von uns“, sagte Rei nur.

„Gut, dann spreche ich mit Misato.“

„Ich werde mitkommen, Ritsuko-san. Ich möchte auch dabei sein, wenn Sie oder Misato-san Hikari aus dem Krankenhaus abholen.“

„Einverstanden, Rei. Wir müssen das ohnehin noch ein wenig besser durchplanen. Hm, wenn nur Kaji hier wäre, der hätte sicher längst einen völlig verrückten und verwegenen Plan, der zu aller Überraschung reibungslos klappen würde.“

„Was ist mit Kaji-san?“ fragte Shinji überrascht.

„Das möchtest nicht nur du wissen. Er ist seit drei Wochen verschwunden, ebenso wie der Subkommandant.“

„Oh...“

„Ja, wie vom Erdboden verschluckt. Zuerst hatten wir noch befürchtet, sie könnten während des letzten Angriffes verschüttet worden sein, aber die Aufräumtrupp haben sie nicht gefun-den.“

„Hoffentlich ist Kaji-san in Ordnung - und der Subkommandant auch.“

„Ich rede jetzt erst einmal mit Misato.“

*** NGE ***


Mit der Abenddämmerung hielten zwei Wagen in der Tiefgarage der Bunkeranlage, welche auch das Städtische Krankenhaus beherbergte - Misatos blauer Sportwagen und ein VW-Bully in olivgrün mit dem NERV-Logo auf den Türen. Aus ersterem stiegen Shinji und Rei, während Misato im Wagen wartete, aus dem anderen kletterte Ritsuko Akagi, während Maya am Steuer sitzen blieb.

Kurz blickten die Beteiligten des Unternehmens sich noch einmal an, vergewisserten sich ein-ander, daß sie immer noch am Plan festhalten wollten, dann betraten die Wissenschaftlerin und die beiden EVA-Piloten den unterirdischen Klinikkomplex.

Rei spürte eine stetig wachsende Beklommenheit, wenn sie an das vor ihnen liegende dachte, nicht wegen der Gefahr, daß man sie erwischen und bestrafen konnte, sondern weil Shin-chan ihr Geheimnis vollständig enthüllen könnte, wenn sie in das TerminalDogma eindrangen. Deswegen hatte sie mit Ritsuko-san sprechen wollen, diese hatte ihr versichert, die Gruppe über eine Route zu den Gen-Schmieden zu führen, welche einen weiten Bogen um die Räume mit dem Klontank und den DummyPlug machte. Trotzdem kam Rei nicht umhin, sich zu fra-gen, wie Shinji wohl reagieren würde, wenn er erfuhr, daß der Kommandant sie im wahrsten Sinne des Wortes geschaffen - und nicht verändert, wie er immer noch glaubte, - hatte... ob seine Liebe stark genug war, auch diese Wahrheit zu verkraften, oder ob er sich von ihr abwen-den würde... sie wußte nur, daß sie ohne ihn nicht mehr leben konnte...
Leben... ein völlig neues Konzept... bisher hatte sie immer nur an Existenz gedacht. Existenz und existieren... doch leben... das war etwas ganz anderes. Und sie wollte ihr Leben mit ihm teilen...

Die Dreiergruppe marschierte den Korridor entlang, Akagi mit entschlossenem Gesicht vorne-weg, Rei völlig emotionslos und Shinji leicht unsicher.

Shinjis Blick huschte unstet hin und her, blieb an jedem, der ihnen über den Weg lief, kurz haf-ten.
Seltsam... seit seiner Rückkehr aus EVA-01 fragte er sich bei jedem Mann, der ihnen begeg-nete, ob dieser vielleicht sein leiblicher Vater war... wie hatte seine Mutter es doch ausdrückt - jemand, der bereits über ihn und die anderen Piloten wachte... sein Vater mußte also zu NERV gehören... vielleicht jemand vom Sicherheitsdienst? Oder ein Angehöriger des Kom-mandostabes? Er mußte unbedingt mit Kaji-san sprechen, sobald dieser sich wieder blicken ließ, sicher würde dieser ihm helfen, die Wahrheit herauszufinden... wer es wohl sein moch-te... und hoffentlich war Kaji-san in Ordnung, warum er wohl verschwunden war?
Shinji hatte, kurz bevor sie aufgebrochen waren, Kaji-sans Melonenbeet aufgesucht und festge-stellt, daß die Pflanzen wohl regelmäßig gegossen worden waren - er war also dort gewesen...
Shinjis Blick blieb jetzt an Rei haften.
Rei-chan... ihr Licht hatte ihn zurückgeführt... die Leidenschaft, welche er nach seinem Auf-wachen in ihren Augen gesehen zu haben glaubte, war inzwischen wieder verschwunden, war einem warmen Leuchten gewichen, das aufglomm, wenn sich ihre Blicke trafen... was wohl geschehen wäre, wenn Misato nicht dazwischengekommen wäre?
Kaum zu glauben, daß dies dasselbe Mädchen war, das er am Tag seiner Ankunft in Tokio-3 erstmals getroffen hatte... wie sehr sie sich doch verändert hatte...
Und im Stillen gestand er sich ein, daß er sich wohl auch verändert hatte. Früher hätte er nie an so einem Unternehmen teilgenommen, schließlich würden sie eine ganze Menge wagen, wenn sie in die Kelleranlagen des Hauptquartiers eindrangen... Rei-chan hatte ihn verändert, für sie wollte er mutig sein, für sie kämpfte er. Und für ihre Zukunft, eine hoffentlich gemeinsame Zu-kunft... seltsame Gedanken... Zukunft... er war doch erst vierzehn, und trotzdem schien er jetzt schon zu wissen, daß er mit ihr den Rest seine Lebens verbringen wollte...

Die drei erreichten die Station, auf der Hikari lag.

Wieder übernahm Ritsuko die Führung.
Hikari, das Mädchen, das sie als Pilotin ausgewählt und rekrutiert hatte... dem sie Verspre-chungen im Namen von NERV gemacht hatte, zu denen sie zwar legitimiert gewesen war und die Gendo doch nicht hatte einhalten wollen... das Mädchen, welches das ganze Risiko getra-gen hatte und vom Schicksal schwer getroffen worden war, dessen Zustand sie, Ritsuko Akagi, zum Teil mitzuverantworten hatte.
Zorn kochte in ihr hoch, sobald sie an Gendos kalte Worte dachte. Wie leicht es ihm gefallen war, alle Schuld an den Vorfällen in Matsushiro Hikari zuzuschieben, wie ein feudaler Richter, der das Urteil über einen Unschuldigen verhängt, dessen Schicksal ihn nicht im mindesten inte-ressiert. In Ritsukos Augen gab es nur eine einzige gute Sache, die Gendo Ikari in seinem gan-zen Leben geschafft hatte, und das war sein Sohn, Shinji... die Anfänge des Klonprojektes gin-gen ja noch auf Yui Ikaris Konto, die damit Piloten für die EVAs hatte schaffen wollen, damit keine Menschen sich der Gefahr der dauerhaften Synchronisation aussetzten, weswegen Ritsu-ko nicht bereit war, Gendo auch noch Reis Existenz zuzuschreiben.
Wer hätte gedacht, daß aus der bloßen unkritischen Befehlsempfängerin, die nur Gendo gegen-über loyal gewesen war, solch eine Persönlichkeit werden würde... Shinji konnte sich glücklich schätzen, Reis Herz gewonnen zu haben - und das schien er auch zu wissen. Die beiden er-gänzten sich gut, dazu kam noch die permanente Synchronverbindung zwischen ihnen, die wahrscheinlich auch ihren Teil zur Rettung des Jungen aus Einheit-01 beigetragen hatte. Und Gendo selbst schien noch gar nicht richtig verstanden zu haben, daß seine frühere Marionette ihre Fäden gekappt hatte und jetzt auf eigenen Beinen stand.
Der Gedanke erfüllte Ritsuko mit Genugtuung. Gendo glaubte, er hätte alles in die richtigen Bahnen geleitet, alles zu seinem Wohlgefallen manipuliert, so daß er sich nur noch zurückleh-nen und abwarten brauchte, vielleicht hier und dort noch einmal einen kurzen Anstoß liefern mußte, ansonsten aber nur zuzusehen brauchte, wie alles so kam, wie er e sich vorstellte. Dabei gab es längst Abweichungen von seinem Szenario - die schwerwiegendste wahrschein-lich die Beziehung zwischen seinem Sohn und Rei. Die beiden würde er niemal auseinander bringen können. Und wenn seine Pläne wie ein Kartenhaus zusammenfielen, dann würde sie da sein und lachen, über ihn lachen und ihn zur Rechenschaft ziehen für den Tod ihrer Mutter... aber zuerst mußte sie noch in Erfahrung bringen, was Reis Vorgängerin zu ihrer Mutter gesagt hatte, das sie zu einer solchen Wahnsinnstat getrieben hatte... bisher hatte sie das Thema nicht angesprochen, weil sie sich Reis Loyalitäten noch nicht ganz sicher gewesen war, doch die Tat-sache, daß Rei das Unternehmen unterstützte, das zur Befreiung ihrer Freundin Hikari führen sollte, sprach für sich selbst!

Sie gelangten an der Tür zu Hikaris Zimmer an.
Durch das Beobachtungsfenster konnten sie sehen, daß nur Toji Suzuhara bei ihr war und ihre Hand hielt, sie mit müden Augen anblickte und auf sie einredete.

Der Anblick versetzte Rei einen Stich mitten ins Herz.
Was, wenn ihr Shin-chan nicht aus EVA-01 zurückgekehrt wäre, wenn nur sein Körper, nicht aber sein Geist und seine Seele aus dem EntryPlug hätten geborgen werden können... dann würde sie jetzt an seinem Bett sitzen, so wie Suzuhara-kun an Hikaris... Suzuhara war ein gu-ter Freund, sicherlich zerriß es ihm das Herz, nicht nur seine Schwester immer hier im Kran-kenhaus zu besuchen, sondern auch noch seine Freundin.
Sie selbst, Rei, war wohl keine so gute Freundin, sonst hätte sie wohl mehr Zeit damit ver-bracht, über Hikaris Wohlergehen nachdenken, als darüber, sich mit Shin-chan zu vereinen...
Bevor sie Gefühle gekannt hatte und bevor ihr Gewissen erwacht war, da war alles soviel leich-ter gewesen. Die Worte des Kommandanten waren Gesetz, waren ihre Gebote gewesen. Manchmal ertappte sie sich immer noch dabei, diese Zeit zurückzuwünschen, in der sie nur exi-stiert, aber nicht gelebt hatte. Aber dann wurde ihr jedesmal aufs Neue klar, daß dies eine kalte Zeit gewesen war, eine Zeit ohne Liebe. Sie mußte nur ihren Shin-chan ansehen, um zu wissen, daß sie sich niemals ernsthaft diesen Zustand zurückwünschen würde.

„Ihr müßt nicht mit hineinkommen...“ setzte Akagi an, doch die beiden schüttelten völlig syn-chron die Köpfe und verneinten ihren Vorschlag.

Zu dritt betraten sie das Krankenzimmer.

Toji sah auf.
„Sieh nur Hikari, wir haben Besuch. Shinji, Ayanami und Doktor Akagi...“

Das Mädchen mit den Sommersprossen reagierte nicht, blickte immer noch nur starr gerade-aus. Ihr Blick war furchteinflößend leer. Hikari war sehr blaß und abgemagert, ihre Wangen eingefallen. Die Sommersprossen waren kaum noch zu erkennen, dafür waren ihre Zöpfe tadel-los.

Toji schüttelte den Kopf.
„Sie reagiert auf gar nichts...“

Shinji sah betreten zu Boden.
„Hallo, Toji.“

„Hallo, Shinji, schön, dich mal wieder zu sehen.“

„Tut mir leid...“

„Das sollte kein Vorwurf sein. Ich habe euch beide seit dem letzten Angriff nicht mehr gese-hen, sicher hattet ihr anderes zu tun... etwa selbst Verletzungen auszukurieren.“

„Das ist korrekt, Suzuhara-kun. Beim letzten Angriff wurden alle drei EVAs mehr oder weni-ger schwer beschädigt. Shinji-kun wurde erst heute aus der Krankenstation entlassen.“

„Oh, Mann. Naja, gut, euch gesund wiederzusehen. Seit Hikari sich hier befindet... in diesem Zustand... denke ich viel darüber nach, was alles passieren kann.“

„Deswegen sind wir ja hier, Toji...“ platzte es aus Shinji heraus. „Wir wissen, was zu tun ist!“

„Was?“
Toji starrte ihn an.
Langsam breitete sich Hoffnung auf seinen müden Zügen aus.
„Ihr könnt...“
Er sah Doktor Akagi an.

Diese nickte.
„Aber dazu müssen wir sie ins NERV-Hauptquartier bringen.“

„Kann ich mitkommen?“

„Uh, Toji...“

„Suzuhara-kun, es wird vielleicht gefährlich werden.“

„Warum?“

„Weil wir außerhalb der Vorschriften operieren.“

„Hä?“

„Toji, was Rei meint ist... uh... naja... wir haben keine Genehmigung von meinem... Vater... und wenn man uns erwischt, dann... uhm... wird es ziemlichen Ärger geben...“

„Das ist mir egal. Vielleicht kam ich auch helfen?! Bitte...“

Wieder wechselten die beiden Piloten und Ritsuko einen Blick, kamen ohne Worte zu einer Übereinkunft.

Ritsuko nickte.
„Gut, hör zu: Was immer du im Hauptquartier sehen solltest, du darfst nichts davon weitersa-gen, um deinerselbst und auch um Hikaris Willen nicht, verstanden?“

„Klar. Ich werde alles sofort wieder vergessen.“

Akagi gab ein abgehacktes Lachen von sich.
„Wenn das so einfach wäre... noch etwas: Wenn Major Katsuragi oder ich sagen „Lauf!“, dann läufst du. Wenn eine von uns sagt „Kopf runter!“, dann wirfst du dich flach auf den Boden. Was immer wir dir auch befehlen, du wirst es tun, egal wie widersinnig es dir erscheinen mag, selbst wenn es bedeutet, uns andere vielleicht in großer Gefahr im Stich zu lassen.“

„Aber...“

„Kein ´aber´. Das sind die Bedingungen, andernfalls bin ich nicht bereit, diese zusätzliche Ver-antwortung zu tragen.“

„Ja, ist ja gut. Ich befolge jede Ihrer Anweisungen.“

„Okay. Dann hole jetzt für Hikari einen Rollstuhl und sage dem Personal, du möchtest mit ihr einen kurzen Ausflug in die Grünanlage an der Oberfläche machen. Sollten sie Fragen stellen - ich habe es dir erlaubt.“

„Ja, Doktor Akagi.“

Toji eilte hinaus.

Ritsuko seufzte.
„Hoffentlich geht das gut.“

„Warum... uh... warum haben Sie es Toji erlaubt, wenn Sie so denken?“

„Weil er mich mit diesem leidenden Dackelblick angesehen hat, deswegen. Ich bin ja auch nicht aus Stein. Und etwas zusätzliche Muskelkraft kann auch nicht schaden. - So, mal sehen, wo Hikaris Sachen sind, schließlich müssen wir sie reisetauglich machen. - Shinji dreh dich um.“

„Ja, Ma´am.“

„Guter Junge.“

*** NGE ***


Toji kehrte mit einem Rollstuhl aus Krankenhausbeständen zurück und half Ritsuko, Hikari hineinzusetzen. Das Mädchen war nur noch Haut und Knochen.
Akagi murmelte etwas davon, daß es höchste Zeit war.

Dann schoben sie den Rollstuhl über die Gänge und schließlich durchs Foyer, wo Ritsuko und Shinji die Schwestern ablenkten.
Auf dem Parkplatz wartete Maya bereits und öffnete die rückwärtigen Türen des Bullies, der mit einer ausklappbaren Rampe ausgestattet war. Sie schoben den Rollstuhl in Wageninnere, Shinji und Toji kletterten ebenfalls in den Laderaum, um Hikari festzuhalten, während Rei wie-der bei Misato in den Wagen sprang und Ritsuko ins Führerhaus des VW stieg.

Phase 1 des Planes war abgeschlossen. Jetzt begann Phase 2...

Ohne Aufsehen zu erregen fuhren die beiden Wagen durch die Tunnel unter der Stadt, welche die Bunkeranlagen miteinander verbanden, benutzten dann eine der spiralförmigen Rampen, die in die Geofront führten, deren Untergrund ebenfalls von Tunneln durchzogen war.

Ritsuko benutzte ihr Handy, um sich mit Makoto Hyuga in Verbindung zu setzen, der in der Garage des Hauptquartiers wartete und grünes Licht für die Einfahrt gab. Kurz darauf holte sie sich auch die Bestätigung von Shigeru Aoba, daß Kommandant Ikari in seinem Büro war.

Als die Wagen in der Garage zum Halten kamen und Hyuga die Türen des Bullies öffnete, blickte Ritsuko noch einmal in die Runde.
„Ab hier wird es ernst. Wer aussteigen will, hat jetzt die letzte Gelegenheit.“

Die Sicherheitskameras in der Tiefgarage waren bereits im Standby-Mode, Ritsuko hatte auch bereits dafür gesorgt, daß Hikari von den Sensoren nicht als Eindringling registriert werden würde, machte jetzt auf Mayas Laptop ein paar Eingaben, um auch Toji Besucherstatus zu ver-leihen. Solange er in ihrer oder Misatos Nähe blieb, würde es keine Probleme geben. Dann gab sie den Computer an Maya zurück und schaltete ihren Palmtop ein, über den sie einzelne Syste-me im Hauptquartier steuern konnte.

„Also?“

Niemand sagte etwas, stattdessen machten Shinji und Toji daran, Hikari in ihrem Rollstuhl aus-zuladen, wobei ihnen Makoto und Misato und Rei halfen.

„Danke, Hyuga-kun“, lächelte Misato.

„Für Sie immer, Major.“

„Gehen Sie jetzt wieder auf Ihren Posten, benachrichtigen Sie mich, falls etwas unerwartetes geschieht.“

„Natürlich.“

Ritsuko wandte sich an Maya.
„Du weißt, was du zu tun hast.“

„Ja, Sempai. Sollte Makoto Alarm schlagen, starte ich das von Ihnen vorbereitete Programm, das bei den MAGI einen Fehlalarm auslöst.“

„Gut.“

„Ach ja, Doktor Akagi, Aoba läßt ausrichten, daß ihre Bestellung im Lagerraum neben dem Aufzug auf Sie wartet“, sagte Hyuga, ehe er die Parkgarage verließ.

„Bestens... Also, auf zu Phase 3!“

*** NGE ***


Auf einem weitläufigen Zick-Zack-Kurs durch die Gänge und Ebenen, über Rampen und ver-einzelte Aufzüge stieß die kleine Gruppe immer tiefer ins Herz des Hauptquartier vor, ihr Ziel war einer der Aufzüge, die ins TerminalDogma fuhren.

Rei und Misato übernahmen die Führung, erstere kannte die Korridore wie kaum jemand an-ders und setzte ihre hohe Laufgeschwindigkeit ein, um Seitenkorridore und Parallelgänge aus-zukundschaften, während Misato an kritischen Wegkreuzungen dort postierte Wachen ablenk-te, indem sie vorgab, sich verlaufen zu haben und nach dem Weg fragte - der schlechte Orien-tierungssinn des Majors war bereits legendär.

Doktor Akagi hatte dafür gesorgt, daß die Sicherheitskameras auf ihrem Weg nur Standbilder zeigten, mit der Fernsteuerung auf ihrem Palmtop manipulierte sie die Geräte entsprechend.

Unangefochten erreichten sie die unterste Ebene des CentralDogma, wo Ritsuko sie zu dem von ihr anvisierten Aufzug führte.

Und dort liefen sie in zwei Männer hinein, die sich von der anderen Seite her demselben Auf-zug näherten - Kaji und Subkommandant Fuyutsuki!

„Kaji!“ rief Misato.

„Hi, Katsuragi. Na, das ist aber ein Auflauf hier...“

Fuyutsuki musterte die kleine Gruppe um den Doktor und den Major, sein Blick blieb an Shinji hängen.
Yuis Sohn...
Ihr gemeinsamer Sohn...
Wenn er das nur eher gewußt hätte...
Vierzehn Jahre... vierzehn verlorene Jahre...
Er biß sich auf die Zunge.
Sollte er es ihm sagen? Sollte er es ihm sagen, ihm sagen, daß seine Mutter Ehebruch began-gen hatte, und damit vielleicht alle Illusionen, die der Junge über seine Mutter gehabt hatte, zerstören?
Nein...
Er schluckte.
„Shinji, ich bin froh, daß du wieder in Ordnung bist. Mir wurde von Major Kaji zugetragen, daß es einen üblen Zwischenfall mit EVA-01 gegeben hatte.“

„Uh... Danke, Sir.“

Fuyutsuki nickte.
„Doktor Akagi, Major Katsuragi, in ihrer Gesellschaft befinden sich zwei Zivilisten, ferner scheint es Ihre Absicht, Ihre Gruppe ins TerminalDogma zu führen, bitte erklären Sie das.“

Hinter seinem Rücken machte Kaji Gesten, die wohl bedeuten sollten, daß er nicht wußte, was sein Begleiter bezweckte.
Warum hatte Katsuragi auch nur gerade jetzt hier auftauchen müssen? Der Subkommandant hatte ihm eine Führung durch das TerminalDogma versprochen... und dafür hatte er sogar den Commander in seinem Versteck zurückgelassen, der erstens keine Legitimierung besaß, das Hauptquartier zu betreten und zweitens ohnehin schon seit Tagen in dumpfes Brüten ver-sunken war...

Ritsuko trat vor.
„Subkommandant Fuyutsuki, das Mädchen ist Hikari Horaki, das Fourth Children. Sie befindet sich durch die Schuld von NERV in diesem Zustand. Ich kann ihr helfen, doch dazu muß ich mit ihr ins TerminalDogma. Sie können uns aufhalten, Alarm schlagen oder uns passieren las-sen. Was werden Sie tun, Professor?“
Ihr Blick bohrte sich in Fuyutsukis Augen.

Misatos Hand näherte sich langsam ihrer Waffe im Schulterhalfter...

Fuyutsuki hielt Akagis Blick stand.
„Ich denke... ich werde in Ikaris Büro gehen und ihn ein wenig beschäftigen.“
Er lächelte.
„Viel Glück, Doktor.“

„Danke, Professor.“

Kozo nickte knapp.
„Tja, Kaji, dann wird wohl nichts aus unserem Vorhaben.“

„Ich schließe mich den anderen an. Subkommandant, fühlen Sie sich wirklich imstande, Kom-mandant Ikari gegenüberzutreten?“

„Mehr als mich erschießen kann er auch nicht, weil ich SEELE gegenüber alles ausgeplaudert habe. Aber ich denke, er braucht mich noch.“

„Trotzdem... wenn Sie das tun, dann sind wir quitt.“

„Sie sind sehr großzügig, Major Kaji.“
Damit wandte Fuyutsuki sich ab.

Shinji blickte ihm hinterher.
Wie hatte seine Mutter es doch ausgedrückt... jemand, der über ihn und die anderen wachte... sollte der Stellvertretende Kommandant vielleicht... unwahrscheinlich, der war doch viel zu alt...

„Kaji, was habt ihr beiden die letzten drei Wochen angestellt?“ fragte Misato.

Kaji grinste.
„Wir waren Angeln.“

„Äh...“

Er zwinkerte.
„Ist eine lange Geschichte... - Will eigentlich niemand den Aufzug rufen? Ritsuko?“

„Augenblick...“
Akagi verschwand in einem Nebenraum, kam mit einem länglichen Gegenstand zurück.

Misato zog automatisch den Kopf ein.
„Nicht das Ding wieder!“

„Wieso?“
Ritsuko betrachtete den Prototypen des Positronengewehrs verwirrt.
„Jetzt ist es doch wirklich gesichert.“

„Was willst du mit dem Teil?“

„Glaubst du vielleicht, wir schaffen es in einer Nacht, den Panzer von EVA-03 mit herkömmli-chen Mitteln aufzubrechen? Da unten fehlen mir einige der Werkzeuge, die ich hier oben habe, zum Beispiel der große Laserschneider. Und wenn ich den abbaue und nach unten bringe, schöpft garantiert jemand Verdacht.“

„Okay... du bist hier die Wissenschaftlerin.“

„Genau!“
Sie rief den Aufzug, öffnete die Türen mit ihrem persönlichen Code.
„Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr!“

*** NGE ***


„Sag mal, Shinji, ich habe gehört, du warst drei Wochen außer Gefecht?“

„Ja, Kaji-san.“

„Meine armen Pflanzen... Naja, kann man nichts dran ändern, Hauptsache, du bist wieder in Ordnung.“

„Uh, tut mir leid...“

Misato gab ein Brummen von sich.
„Ich habe deine dummen Melonen gegossen, Kaji.“

„Du, Katsuragi?“

„Klar. Oder dachtest du, du könntest mitten in der Geofront einen Acker anlegen, ohne daß es jemand bemerkt? Wenn ich dein Feld nicht für verbotenes Gelände erklärt hätte, wäre es längst geplündert worden.“

„Ah! Danke, Katsuragi-chan!“

„Kannst mich ja zum Essen einladen.“

„Ihr könnt nachher weiterflirten“, brummte Ritsuko. „Wir sind da.“

Die Türen der Aufzugskabine öffneten sich.

*** NGE ***


Irgendwie hatte Shinji ja mehr erwartet als den breiten und hohen Korridor, der sich zu beiden Seiten erstreckte. Der Korridor war groß genug, daß ein EVA ihn hätte passieren können. An einem Ende des Ganges befand sich ein mächtiges Tor, während das andere Ende eine Sack-gasse zu sein schien.

Ritsuko führte die Gruppe quer über den Korridor zu einer Tür, an der sie erneut ihren persön-lichen Sicherheitscode eingeben mußte, dahinter lag ein weiterer Gang, dieser allerdings hatte normale Proportionen.
„Schnell! Beeilung!“

Im Laufschritt ging es den Korridor hinunter.

Reis Blick wurde von einer Tür zur Rechten wie magisch angezogen - dahinter befand sich der Zugang zu den Laboren, die unter anderem den Klontank mit ihren Schwestern beherbergten.
Ihr Herz klopfte schneller, beruhigte sich erst, als sie die Tür passiert hatten.

Akagi öffnete eine weitere Tür.
„Wir nehmen den Weg durch den Friedhof.“

„Friedhof?“ echote Shinji und fröstelte automatisch. „Hier unten gibt es einen Friedhof?“
Das entsprach schon eher dem, was er eigentlich hier erwartet hatte. Gekreuzigte Engel und modrige Grüfte...
Seine Kehle wurde trocken.

Schon betraten sie eine gewaltige Halle, die in ihren Ausmaßen jener, in welcher sich der ge-kreuzigte Engel befand, in nichts nachstand.
Durch die Halle führte ein hell erleuchteter Weg. Zu beiden Seiten des Weges befanden sich LCL-Bassins, in welchen riesige Skelette schwammen.

„Mann... Heilige...“ flüsterte Toji. „Sind das Dinosaurierknochen?“

„Nein, das sind Fehlschläge des Projektes E - die Reste von mißlungenen EVANGELIONs.“ erklärte Ritsuko. Obwohl sie nicht sonderlich laut sprach, hallte ihre Stimme von den Wänden wieder.

Die Knochen dümpelten im LCL vor sich hin, manche Skelette waren vollständig, aber seltsam verwachsen, bei anderen fehlten Körperteile oder einzelne Knochen. Es gab EVA-Skelette oh-ne Arme oder Beine, dann solche ohne Brustkorb, bei anderen wiederum war die Wirbelsäule verwachsen und starr oder schief und krumm, bei einem EVA wuchs ein dritter Arm aus der Brust, ein anderer hatte ein zweites Paar Schultern und einen zweiten Kopf.
Je tiefer sie in die Halle vordrangen, um so stärker wurden die Entstellungen, um so monströ-ser wirkten die EVAs. Weitere Gerippe hingen an mächtigen Fleischerhaken von der Decke.

War da nicht eben ein leises Platschen zu hören gewesen?
Hatte sich nicht eben eines der Skelette bewegt?
Ging nicht ein kalter Lufthauch durch die Halle, klirrten nicht die Ketten, an denen die Fleischerhaken von der Decke baumelten, leise?
Hatten nicht eben die Augen eines EVA-Totenschädels aufgeglüht?

Sie beeilten sich, diesen Ort hinter sich zu lassen, auch Ritsuko legte ein gesteigertes Tempo vor. Selbst sie konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, aus zahllosen leeren Augenhöhlen angestarrt zu werden...

*** NGE ***


Wieder passierten sie einen breiten Korridor, gelangten dann in eine weitere große Halle voller LCL-Becken, nur war diese hell erleuchtet und ähnelte in gewisser Weise dem EVA-Hangar im CentralDogma. Laufstege verliefen kreuz und quer auf mehreren Ebenen durch die Halle.
Nur zwei Becken waren belegt, das eine enthielt die Reste von EVA-04, der oberhalb der Tail-le zerrissen worden war, das andere den kopflosen EVA-03.

„Die Gen-Schmiede!“ verkündete Ritsuko Akagi. „Geburtsstätte der EVAs!“

Shinji sah sich mit großen Augen um, stellte sich vor, wie EVA-00 und EVA-01 aus den Bas-sins stiegen und sich aufrichteten, während auf dem obersten Laufsteg Gendo Ikari stand und da alles durch seine dunkle Brille betrachtete... Shinji weigerte sich inzwischen, von diesem Mann als seinem Vater zu denken, nicht nachdem er die Wahrheit erfahren hatte...

„Ritsuko, was ist zu tun?“ rief Misato.

„Moment...“
Akagi trat zu einem Kontrollpult, aktivierte es, bewegte einige Regler und drückte ein paar Knöpfe. Als Ergebnis geriet einer der Stege in Bewegung, rollte langsam mit leisem Summen über das Bassin mit EVA-03, blieb auf Höhe der Gürtellinie stehen.
„Bringt Hikari auf die Brücke, möglichst in die Mitte!“

„Klar. Los, Jungs!“

Kaji, Shinji und Toji brachten den Rollstuhl auf den Steg, schoben ihn dann hinauf, Rei beglei-tete sie.

Misato hingegen folgte Ritsuko auf einen höhergelegenen Steg, der sich über der Brust von EVA-03 befand.
„Hikari ist in Position. Und jetzt?“

Ritsuko entsicherte das Positronengewehr, legte es mit dem Lauf auf das Gelände des Stegs.
„Jetzt brenne ich EVA-03 ein Loch in die Brust.“

„Du willst doch nicht wirklich...“

„Ich sagte doch schon, ich habe nicht anderes, um die Panzerung aufzusprengen. Weißt du ei-gentlich, was diese Tri-Polymer-Titaniumummantelung aushält?“

„Aber... Ich denke, das hier ist deine Bastelstube!“

„Ja, aber eigentlich war nicht geplant, daß hier EVAs zerstört werden. Die Panzerungselemen-te werden bereits nach Maß angefertigt geliefert; Schneidgeräte haben wir oben im Hangar für Reparaturen.“

„Und du willst wirklich selbst schießen?“

„Ja, ich habe ihn gebaut, also werde ich ihn auch zerstören! Ohne AT-Feld sollte das kein Pro-blem sein...“
Sie legte an.

„Du kannst doch gar nicht damit umgehen...“

„So schwer dürfte das nicht sein, das Ziel ist ja groß genug. Außerdem habe ich das Teil mit-entwickelt.“

„Laß mich wenigstens...“

Widerwillig ließ Ritsuko sich von Misato Hilfestellung geben, nahm dann die Brustplatte ins Visier.
„Achtung, da unten!“
Sie drückte ab.
Der Rückschlag riß ihr fast die Waffe aus den Händen.

Fauchend jagte eine hochkomprimierte Positronenladung aus dem Gewehrlauf, hinterließ eine feurige Spur, schlug krachend in die Brustplatte ein.
Dampf stieg auf.

„Shinji, Kaji, bei euch alles in Ordnung?“

„Alles klar, Katsuragi!“ rief Kaji, blieb aber auf dem Boden knien.

Toji stand schützend vor Hikari, während Shinji Rei mit sich nach unten gezogen hatte, als die Positronenladung durch die Luft gezischt war.

„Okay, schauen wir mal...“ murmelte Ritsuko und betrachtete die Einschlagstelle durch das Zielfernrohr.

Das Material der Panzerung wies einen tiefen Krater auf, die Titaniumstahllegierung war ge-schmolzen und warf Blasen.

„Noch ein Treffer und ich bin durch...“

Die Kälte in ihrer Stimme ließ Misato einen Schauder den Rücken hinablaufen.
Ritsuko war bereit, ihre eigene Schöpfung zu vernichten, obwohl sie den EVA mit den verfüg-baren Ersatzteilen wahrscheinlich wieder einsatzfähig hätte machen können. Und alles wegen einer verrückten Theorie, derzufolge die Seele des Mädchens im Kern des EVAs gefangen war... ihr Blick war so entschlossen...

„Dann wollen wir mal...“ flüsterte sie.

Wieder jagte eine Positronenladung aus dem Gewehrlauf, schlug krachend in die Panzerung ein, durchschlug sie dieses Mal.
Der Kern lag frei...

Wieder legte Ritsuko an.
„Bereitmachen!“

Misato blickte nach unten.

Die einzige Person, die von dem Geschehen unbeeindruckt blieb, war Hikari...

„Bereit...“ rief Shinji.

„Bereit!“ sagte Rei gedämpft, die mit dem Gesicht von Shinji an dessen Brust gedrückt wurde.

Kaji zeigte ihr den nach oben ausgestreckten Daumen.

„Äh... bereit...“ sagte Toji, der vor Hikaris Rollstuhl kniete und ihre Hände umklammert hielt.

„Los, Ritsuko!“

Akagi kniff die Augen zusammen.

Der Kern des EVAs gab in schwaches Leuchten von sich, das in langgezogenen Intervallen pulsierte.

Ritsuko zögerte.
Das war ihr Werk...
Sie hatte dieses Wesen geschaffen... konnte sie es wirklich zerstören?
Unter alles nur aufgrund der Worte eines Jungen, die ebenso gut einem schlechten Traum entsprungen sein konnten...
Dann dachte sie an das Mädchen im Rollstuhl und an Hikaris leeren Blick.
Ein wenig Hoffnung...
Akagi drückte ab... der Rückschlag schmetterte ihr das Gewehr gegen die Schulter.

Der Kern explodierte, brach auf wie ein Hühnerei...
Eine Lichtsäule schoß fauchend in Richtung der Hallendecke...

„Mein Gott...“ stieß Misato hervor.

Die Lichtsäule stand immer noch, erhielt beständig neue Nahrung aus dem Kern.
Das Fauchen war ohrenbetäubend.

„Mein Gott...“ wiederholte Misato.
Sie hatte derartiges schon einmal gesehen... vor fünfzehn Jahren am Südpol... nur war die dor-tige Lichtsäule viel mächtiger gewesen, hatte den ganzen Kontinent verschlungen...
Was hatten sie getan...
Misatos Hand verkrampfte sich um das Geländer. sie wartete darauf, daß die Lichtsäule sich ausdehnte, die ganze Halle verschlang, dann das Hauptquartier, die Stadt, das ganze Land...

Doch der Weltuntergang blieb aus...

Toji starrte wie gebannt auf die Lichtsäule.
In ihr schienen sich Gesichter zu formen, die sich schreiend wieder auflösten...
Er sah Flammen, die ganze Städte verschlangen, erblickte brennende menschliche Gestalten...
Angst stahl sich in sein Herz.
Und dann spürte er, daß Hikaris Hände sich bewegten, zu zittern begannen.
Er riß den Blick von dem Licht los, zwang sich, den Kopf zu drehen und in Hikaris Augen zu sehen.

Hikari blinzelte...

Toji holte keuchend Atem.

Immer noch fauchte das Licht aus dem Inneren des EVAs.

„Was... was ist das...“ stieß Shinji hervor, hielt Rei dabei fest an sich gepreßt.

„Lebenskraft, reine Energie“, flüsterte Rei.

Das Fauchen wurde leiser, zugleich begann die Lichtsäule zu schrumpfen, in sich zusammenzu-fallen.

„Hikari...“ flüsterte Toji, hob zögernd die Hand, berührte ihre Wange mit den Fingerspitzen.

Wieder blinzelte sie. Ein verwirrter Ausdruck trat in ihre Augen.
Hikari bewegte die Lippen, produzierte undeutliche Laute.

Tojis Augen füllten sich mit Tränen.
„Hey, Hikari-chan...“

„To... To... Toji... wo...“

„Sie spricht! Hikari spricht mit mir!“
Mit zitternden Knien kam er auf die Beine.
„Hikari?“

„Was... ist... passiert...“

Toji riß sie in seine Arme.

„Es hat funktioniert... es hat tatsächlich funktioniert...“ stieß Shinji hervor.

„Ja, hattet ihr denn Zweifel?“ fragte Kaji. „War doch Ritsukos Idee, oder?“

„Uh...“

„Toji, was ist... wo bin ich?“ flüsterte Hikari.

Suzuharas Antwort bestand aus unzusammenhängenden Wortfetzen, die von Schluchzern un-terbrochen wurden.

„Es hat geklappt!“ rief Shinji zum Laufsteg hinauf, zog beim Aufstehen Rei mit sich in die Hö-he, riß sie von den Beinen und wirbelte sie lachend durch die Luft.

„Shinji!“ rief sie erschrocken.
Er schien um einiges stärker als damals nach dem Jahrgangsabschlußtanz...

Misato blickte nach unten.
Das Licht aus dem Kern des EVAs war jetzt völlig erloschen, der Kern war nur noch eine zer-brochene verkohlte Sphäre, umgeben von wieder verhärtendem Titaniumstahl.
„Ritsuko... es hat funktioniert...“ sagte sie tonlos, immer noch überwältigt von dem Gesehenen.

Akagi stand am Geländer und lachte.
„Daß aus all dem noch etwas Gutes erwächst...“
Ihre Entscheidung war richtig gewesen!

„Ahm, Ritsuko, geht es dir gut?“

„Es ging mir nie besser! Fang!“
Sie warf Misato das Gewehr zu, die es umständlich auffing und erst einmal sicherte.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt