Während Ritsuko rasch Hikari untersuchte, bereiteten Misato und Kaji alles vor, um die Spu-ren ihrer Anwesenheit zu verwischen - von einem höhergelegenen Steg ließen sie an einer
Art Angel einen Behälter mit einem von Kaji in aller Eile mit den Mitteln des an die Gen-Schmiede angeschlossenen Labors hergestellten Sprengsatzes in die aufgebrochene Brustpartie des EVA
hinab.
„Al Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !les klar, Ritsuko, wir haben eine halbe Stunde.“ rief Kaji, während er die Leitern hinabklet-terte. „Dann wird es hier laut, bunt und komisch!“
„Gut.“
Akagi stellte ihre Uhr entsprechend.
„Dann beeilen wir uns, daß wir hier ´rauskommen!“
Im Laufschritt ging es aus der Halle, Toji nahm die immer noch geschwächte Hikari huckepack und trug sie - immerhin hatte sie ihre Beine seit mehreren Wochen nicht benutzt und die im
Krankenhaus verabreichte Physiotherapie hatte nur dafür gesorgt, daß ihre Muskulatur nicht völlig verkümmerte. Shinji und Kaji schleppten den zusammengeklappten
Rollstuhl.
Die Route aus dem TerminalDogma heraus unterschied sich von dem Weg hinein, jetzt benutz-ten sie mehrere Treppen anstelle des Aufzuges, stiegen schließlich eine lange Metalltreppe hin-auf,
die sich um einen gewaltigen Schacht herumwand.
Ritsuko öffnete mehrere Sicherheitsschotten mit ihrem Code.
Schließlich erreichten sie abgekämpft die Hauptebene des CentralDogma.
Wie abgesprochen übernahmen Misato, Kaji und Rei es erneut, nach vorn zu sichern, während Ritsuko Maya das verabredete Signal schickte, daß sie wieder im CentralDogma waren.
Von der halben Stunde waren noch zehn Minuten übrig, als die Gruppe wieder bei den Wagen ankam, dieses mal fanden Hikari und Toji auf dem Rücksitz von Misatos Wagen Platz, mit Rei auf
dem Beifahrersitz, während Shinji und Ritsuko den Wagen der Wissenschaftlerin benutz-ten, den Rollstuhl auf der Rückbank.
Kaji blieb im Hauptquartier zurück, um auf Fuyutsuki zu warten.
Zehn Minuten später schob Toji gerade Hikari in ihrem Rollstuhl wieder in die Eingangshalle des Krankenhauses. Offiziell durfte das Mädchen erst in ein paar Minuten zu sich kommen,
da-mit der Plan nicht von dieser Seite her aufflog.
Ritsuko blickte auf die Uhr, zählte leise die letzten Sekunden mit.
„Jetzt...“
*** NGE ***
In der Gen-Schmiede explodierte der zurückgelassene Sprengsatz. Gleichzeitig begannen die Sicherheitskameras wieder mit der Aufzeichnung.
Alarmsirenen heulten auf, automatische Löschvorrichtungen traten in Aktion, deckten den Bo-den der Halle mit sauerstoffbindendem Schaum ab. Die Ventilation begann, umgekehrt zu ar-beiten und
die Luft aus dem Raum abzusaugen, zugleich erwogen die MAGI, die Halle mit Ba-kelit zu fluten, kamen aber einstimmig zu dem Ergebnis, daß dies nicht nötig war.
Und die Präsenz in den MAGI lachte leise über die Schläue ihrer Tochter, schüttelte dann den imaginären Kopf, als sie einige von Ritsuko fahrlässig hinterlassene
Spuren im System entdeck-te und diese löschte.
*** NGE ***
Vierzig Sekunden nach der Explosion des Sprengsatzes klingelte Ritsukos Handy.
Sie wartete einen Moment, ließ es zweimal klingeln, hob dann ab.
Es war Maya, die voller Aufregung von einem Zwischenfall in der Gen-Schmiede sprach.
Ritsuko versprach, sofort zu kommen, lächelte dabei.
Maya spielte ihre Rolle wirklich gut...
Akagi nickte Misato und den Kindern zu.
„Ich fahre jetzt zurück... da hat doch anscheinend etwas mit meinem Experiment zur beschleu-nigten Regeneration nicht geklappt, sowas aber auch... und das mir...“
Lachend schüttelte sie den Kopf.
„Tst, tst, ich hätte mehr von dir erwartet...“ meinte Misato, schüttelte ebenfalls den Kopf und grinste breit, wurde dann aber schlagartig ernst. „Jetzt muß nur
noch Kommandant Ikari die Geschichte glauben.“
„Wenn ich mich bei dem Timing nicht grob verschätzt habe, kann er höchstens etwas vermu-ten. Misato, ich schätze, heute nacht werde ich sehr gut schlafen
können...“
Sie startete ihren Wagen und fuhr los.
Misato blickte ihre beiden Schützlinge an.
„So, Shinji, Rei, Zeit für den letzten Vorhang - lasset uns Zeugen einer wundersamen Auferste-hung werden!“
*** NGE ***
Es wurde an diesem Abend recht spät, erst kurz nach Mitternacht trafen Misato, Shinji und Rei in Misatos Apartment ein, alle drei müde und erschöpft, aber zufrieden.
Toji und Hikari hatten ihre Rollen perfekt gespielt, Hikari wußte zwar immer noch nicht alles, was passiert war, hatte sich aber mit einigen kurzen Antworten und dem Versprechen, in den
nächsten Tagen mehr zu erfahren, zufriedengegeben.
Die drei waren gerade rechtzeitig auf der Station angekommen, auf der Hikaris Zimmer lag, um Zeugen zu werden, wie Toji mit tränenüberströmten Gesicht und mit den Armen wedelnd au
ihrem Zimmer gestürmt kam, um laut zu rufen, daß Hikari wach sei. Daraufhin waren die Ärzte und Krankenschwestern in das Zimmer gestürmt, die das Mädchen eigentlich
schon ab-geschrieben und nur deshalb nicht zum Sterben nach Hause geschickt hatten, weil Ritsuko die Rechnungen für Hikaris Aufenthalt und Behandlung bezahlt hatte.
Kurz darauf waren auch ihr Vater und ihre beiden Schwestern eingetroffen, was zu einigen rührenden Wiedersehensszenen geführt hatte.
„Shinji, du kannst stolz auf dich sein. Ohne deine Idee...“ hatte Misato ihm zugeflüstert.
Shinji hatte darauf verzichtet, ihr zu erklären, woher er sein Wissen bezogen hatte, Doktor Akagi hatte Misato das ganze gegenüber als Shinjis Idee verkauft und die beiden hatten e
Ma-ya, Makoto und Shigeru wiederum als Theorie Akagis nähergebracht. Und da keiner der letzte-ren drei Kommandant Ikari sonderlich mochte, auch weil ihnen bekannt war, wie übel dieser
dem Fourth Children mitgespielt hatte, hatten sie eingewilligt, kleine Beiträge zum Gelingen des Unternehmens zu leisten.
Schließlich hatten die drei sich abgesetzt, nachdem von Seiten der Ärzte verkündet worden war, daß Hikari völlig in Ordnung war. Natürlich würde es einige
Zeit dauern, bis sie wieder vollständig genesen war und sich von den Strapazen erholt hatte, aber es bestanden keine Be-denken, sie noch viel länger in der Klinik zu behalten.
In der Wohnung angekommen, riß Misato erst einmal den Kühlschrank auf und türmte ein Du-tzend Bierdosen auf dem Küchentisch auf.
„Jetzt wird gefeiert!“
Doch von ihren Mitbewohnern äußerte niemand Interesse daran, mit ihr zu trinken, so daß sie die meisten Dosen schließlich wieder zurückstellte.
Das Telefon klingelte.
Misato eilte in den Korridor und nahm ab.
„Ja?“
Sie deckte die Sprechmuschel mit der Hand ab.
„Es ist Ritsuko...“
Dann schaltete sie den integrierten Lautsprecher ein, so daß die beiden anderen mithören konn-ten.
„Ritsuko, was gibt es denn?“
„Misato, stell dir vor, hier ist zur Zeit die Hölle los, während wir mit Hikari im Stadtpark wa-ren, hat es in meinem Labor eine Explosion gegeben.“
„Nein! Was ist passiert? Hat es Verletzte gegeben, soll ich kommen?“
„Keine Verletzten. Anscheinend hat es eine Reaktion gegeben, mit der keiner rechnen konnte. Kommandant Ikari ist am Rotieren, wollte dich nur vorwarnen, wenn du morgen zum Dienst
kommst.“
„Danke, Ritsuko, bist ein Schatz. Hör mal, ich habe auch Neuigkeiten, sehr gute sogar...“
„Laß hören!“
„Hikari ist zu sich gekommen!“
„Was?“
„Ja, kurz nachdem du uns im Foyer des Krankenhauses verlassen hattest.“
„Das ist ja... ob es da einen Zusammenhang gibt...“
„Du meinst, der Rums in deinem Labor hat sie aufgeweckt? Also, das glaube ich nicht.“
„Ha! Wunderbare Neuigkeit, jedenfalls. Ach ja, Kaji hat sich auch wieder sehenlassen.“
„Echt? Sag ihm, ich will morgen mit ihm sprechen.“
„Jetzt ist er erst einmal seine Beete inspizieren. Typisch Mann, kaum gibt es Ärger, läuft er weg.“
„Ja, ja, unser Kaji...“
„Ich muß Schluß machen, Maya und ich machen jetzt eine Bestandsaufnahme der Schäden.“
„Okay, bis morgen!“
Misato legte auf, prustete dann vor Lachen los.
„Ich habe keine Ahnung, wie Ritsuko das durchhält...“
Das Gespräch hatte alle notwendigen Informationen offengelegt - wenn Kommandant Ikari mitgehört hatte, wovon Misato beinahe schon ausging, dann hatten sie ihn hoffentlich kräftig
in die Irre geführt. Ritsuko wußte jetzt offiziell von Hikaris Genesung und indirekt hatten sie ein-ander Alibis für den fraglichen Zeitraum gegeben... jetzt durfte sich nur keine
der Wachen, mit denen Misato am Abend gesprochen hatte, um sie abzulenken, damit die anderen vorbeikamen, gegenüber Ikari äußern, daß sie Misato im Hauptquartier gesehen
hatten... allerdings ließ der Kommandant sich nicht dazu herab, mit einfachen Wachposten zu sprechen... Hochmut kam eben vor dem Fall.
Shinji gähnte ausgiebig hinter vorgehaltener Hand, blickte dabei Rei von der Seite an.
„Misato, ich bin müde, ich glaube, ich gehe schlafen.“
„Ist in Ordnung. Ich rufe morgen in der Schule an, daß du nicht kommst, war schließlich ein anstrengender Tag... oder für dich eher anstrengende drei Wochen... - Rei, wie
sieht es aus, möchtest du auch noch einen freien Schultag? Nach drei Wochen kommt es auf einen weiteren Tag auch nicht mehr an.“
„Danke, Misato-san.“
„Keine Ursache, schlaft euch richtig aus.“
Die beiden verschwanden in ihrem Zimmer.
Misato öffnete die erste Dose, seufzte.
Die beiden noch einmal zu ermahnen, gewisse Dinge zu unterlassen, hätte wahrscheinlich auch nichts gebracht...
*** NGE ***
Müde stieg Shinji aus Hemd und Hose, legte beides ordentlich zusammen und schlüpfte dann unter die Decke.
Rei legte Bluse und Rock ab und gesellte sich dann zu ihm, kuschelte sich an ihn und genoß seine Umarmung.
„Shin-chan...“
„Hm?“
„Versprich mir, daß du so etwas nie wieder machst...“
„Was?“ murmelte er.
„Dich von einem EVA absorbieren zu lassen.“
„Uh... versprochen... Und du... du läufst nie wieder mit einer N2-Mine durch die Gegend, um sie Engeln in diverse Körperöffnungen zu stopfen...“
„Diverse... ich verstehe... ein Wortspiel... ich... Du hast mein Wort.“
Sie küßte ihn sanft auf die Lippen.
Shinji schloß die Augen.
„Du hast mich zurückgerufen...“ nuschelte er.
Wieder küßte sie ihn, dieses mal auf den Mundwinkel, dann auf das Kinn, arbeitete sich lang-sam seinen Hals entlang zu seiner Brust. Ihre schmalen Hände glitten über seine
Seiten, zupften am Bund seiner Unterhose.
Shinji gab einen leisen Schnarchlaut von sich.
Rei sah auf, brach ihr Vorhaben ab, rutschte wieder ein Stück nach oben und in seine Arme.
Sie hatten Zeit... sie hatten alle Zeit der Welt... jedenfalls solange diese existierte...
*** NGE ***
„Also, sowas... Ich wüßte zu gerne, was schiefgelaufen ist!“ erklärte Ritsuko mit ernstem Ge-sicht, während sie sich von einem der obersten Stege einen
Überblick machte.
Ihre Show galt ihren Untergebenen, jener Handvoll Wissenschaftler, die unter ihrem Komman-do in der Gen-Schmiede tätig waren.
Neben Akagi schüttelte Maya vehement den Kopf.
„Vielleicht eine Überlastung... aber soviel Energie haben wir dem Kern von EVA-03 doch gar nicht zugeführt...“
Sie seufzte.
Ritsuko stieß ihre Assistentin an - nicht übertreiben!
Gendo Ikari betrat die Gen-Schmiede.
„Also, Doktor Akagi, was ist vorgefallen?“
Ritsuko versenkte sich in ihren Unterlagen, sollte Gendo doch denken, daß es ihm gelungen war, sie einzuschüchtern...
„Ich habe in den letzten Tagen dem Kern von EVA-03 Energie zugeführt, um die Regeneration der Einheit zu beschleunigen - um den Ersatzkopf montieren zu können, muß der
Halsstutzen vollständig intakt sein. Allerdings habe ich das Projekt über der Bergung Ihres Sohnes etwas vergessen...“
„Das hätte nicht passieren dürfen!“
„Sie haben gesagt, daß EVA-01 Vorrang hat“, sagte Ritsuko leise, um ihm nicht den Eindruck zu geben, sie wolle seine Autorität untergraben. „Außerdem haben wir
noch EVA-04, der Kern der Einheit hat zwar leichte Schäden, aber das bekommen wir hin. Mit den Resten von EVA-03 stehen uns auch ausreichend Einzelteile zur Verfügung.“
Mayas Gesicht nahm eine grünliche Farbe an.
Sempai Akagi wollte doch nicht wirklich aus den zwei Kadavern einen funktionsfähigen EVANGELION zusammenbasteln...
Ikari gab ein unwilliges Brummen von sich.
„Was ist mit den anderen EVAs?“
„Wie Ihnen sicher bekannt sein dürfte, hatte die Bergungsoperation Erfolg...“
„Ich weiß. Sie werden EVA-01 umgehend auf Eis legen, frieren Sie die Einheit ein.“
Ritsuko verschluckte ihren Protest.
Von Ikaris Warte aus machte es wahrscheinlich sogar Sinn, die wohl mächtigste Einheit ein-zufrieren, damit diese nicht wieder von selbst aktiv wurde.
„Ich gebe gleich die entsprechenden Anweisungen.“
„Und was ist mit EVA-00 und -02?“
„Einheit-02 ist vollkommen wiederhergestellt, ich wollte heute erste Rekalibrierungstests mit dem Second Children durchführen, um zu überprüfen, ob...“
„Solche profanen Einzelheiten interessieren mich nicht.“
„Ahm... EVA-00 benötigt noch einige Tage im Regenerationsbecken, die Schäden waren doch etwas massiver als bei Einheit-02, aber wir konnten die Reservearme anpassen und montieren.
Ausgiebige Synchrontests sind für nächste Woche angesetzt.“
„Gut. Und die Piloten?“
Ritsuko wartete wieder einen kurzen Moment mit der Antwort.
Garantiert wußte Gendo ebensoviel wie sie selbst, was den Zustand der Piloten anging, wenn nicht noch mehr, schließlich war er doch der Kontrollfanatiker. Umso seltsamer erschien e
ihr, daß er nicht jede und auch wirklich die kleinste Information von ihr herausverlangte...
„Shinji geht es den Umständen entsprechend, er hat aber keine Schäden davongetragen...“
„Ohne EVA-01 ist das Third Children irrelevant. Die anderen Piloten haben Vorrang.“
„Er war vor seiner Assimilierung der beste Pilot des Teams.“
„Deshalb wird er auch als Reserve weitergeführt und nicht heimgeschickt.“
„Ja... Rei ist einsatzbereit, Asuka ebenfalls... jedoch habe ich gewisse Zweifel beim Second Children...“
„Welcher Art?“
„Sie erscheint mir instabil, vielleicht sollte ein Spezialist sie sich einmal ansehen und...“
„NERV ist nicht dafür da, irgendwelchen minderjährigen Gören mit Starallüren Händchen zu halten. Solange sie ihren EVA steuern kann, ist es mir egal, ob sie geistig
stabil oder halbver-rückt ist. Nur darauf kommt es an.“
„Ja... Sir.“
„Und außerdem haben wir mit dem Fifth Children einen weiteren Reservepiloten. Sollte das Second Children ausfallen, wird Nagisa ihren Platz übernehmen.“
Ritsuko nickte nur.
*** NGE ***
Kaji erwartete Kozo Fuyutsuki in der Cafeteria.
„Und? Wie ist es gelaufen?“
„Ich lebe noch, wie Sie sehen. Aber Ikari war alles andere als erfreut darüber, daß SEELE über seine Pläne Bescheid weiß. Anscheinend geht er jedoch davon aus,
daß Keel und Konsorten bereits das meiste ohnehin vermutet hatten und nur Gewißheit bekommen haben.“
„Sie sind nicht umsonst Spießruten gelaufen“, murmelte Kaji. „Ikari hat nicht zufällig eine Be-merkung über seine weiteren Pläne fallengelassen?!“
„Leider nicht.“
„Hm... na gut, dann muß ich halt ohne Anhaltspunkte weitermachen.“
„Warum tun Sie das, Kaji? Warum riskieren Sie Ihr Leben, um zu erfahren, was Ikari plant?“
„Mein Job.“
„Das glaube ich Ihnen nicht.“
„Meine Berufung? Ich bin schon immer blindlings dorthin losgelaufen, wohin selbst die Mutig-sten nicht zu gehen wagten.“
Kaji grinste.
„Sie und ich, wir haben beide den Impact überlebt. Und zumindest ich habe kein Interesse da-ran, daß sich eine solche Katastrophe wiederholt. Solange Ikari mit NERV die Engel
bekämpft, soll es mir recht sein, ich hänge am Leben. Aber irgendwann wird die Zeit kommen, zu der wir den Teufel in die Hölle zurückschicken müssen, damit er uns nicht
hier auf Erden einheizt.“
„Sie wissen, weshalb ich an der Sache beteiligt bin.“
„Ja. Und nachdem, was Ritsuko Akagi gestern geschafft hat, habe ich kaum Zweifel, daß es ihr auch gelingen wird, Yui Ikari aus dem EVA zu befreien.“
„Das hoffe ich...“
„Werden Sie es dem Jungen sagen? Ich meine...“
Fuyutsuki senkte den Blick.
„Was? Daß mir die Ähnlichkeit nicht schon früher aufgefallen ist? Daß ich all sein Leid hätte vereiteln können... vereiteln müssen? Ich weiß
nicht. Wenn Yui in seinen Augen nur halb so perfekt ist wie in den meinen, würde ihn die Wahrheit schwer treffen.“
„Shinji hat kaum noch etwas zu verlieren... aber dafür sehr viel zu gewinnen...“
„Major Kaji, woher nehmen Sie nur diese Weisheit?“
„Ach, die habe ich von meinem Lehrer.“
„Der Mann mit den Stahlklauen?“
„Genau. Ich überlege schon die ganze Zeit, wie man sein Dilemma lösen kann. Es muß übel sein, wenn man den eigenen Erinnerungen nicht trauen kann...“
*** NGE ***
Misato blickte in das Zimmer ihrer Mitbewohner, ehe sie zum Dienst ging.
Die beiden lagen engumschlungen unter der Decke.
Sie wirkten so friedlich und zufrieden, daß Misato unwillkürlich lächeln mußte...
Als sich die Zimmertür wieder geschlossen hatte, öffnete Rei ein Auge. Sie lauschte.
Die Wohnungstür ging, der Major hatte das Apartment verlassen... sie und Shinji waren al-lein...
„Shin-chan“, flüsterte sie in sein Ohr, strich dann mit den Lippen über den Rand der Ohrmuschel. „Shin-chan, aufwachen...“
„Hm? Rei-chan... wie spät ist es denn...?“
„Spät genug, um einiges nachzuholen...“
*** NGE ***
„Asuka, es genügt, wir brechen ab und machen erst einmal Mittag.“ sagte Ritsuko in das Mi-krophons ihres Headsets.
„Wieso, ich bin noch nicht erschöpft!“ kam die Antwort.
Ritsuko schaltete die Sprechverbindung kurz ab, wandte sich Maya zu.
„Was denkst du?“
„Ich bin unsicher, Sempai. Asukas Synchronratio liegt mittlerweile deutlich unter der 50,0-Marke. Und trotz der Tatsache, daß wir den halben Tag schon hier sind, hat sich der Abstieg
nur verlangsamt, aber nicht eingependelt.“
„Ja, das denke ich auch. Sie befindet sich auf einer ziemlichen Talfahrt.“
„Sempai, ich glaube, es hat begonnen, als Shinji sie überholt hat.“
„Ja, das könnte passen. Nur war es da noch nicht so offensichtlich, weil zeitweilige Einbrüche keine Seltenheit darstellen.“
Maya rief ein Diagramm auf dem Bildschirm ihres Terminals auf.
„Und nachdem Rei sie in der Schule verprügelt hat, ging es steil nach unten mit der Synchratio. Und noch ein weiterer Einbruch, als sie endgültig von Rei überholt
wurde.“
„Ihr Selbstbewußtsein ist stark angeschlagen, dazu kommt noch ihre ohnehin fragile Verfassung.“
„Was wollen Sie jetzt tun, Sempai?“
„Ich weiß es nicht. Wenn ich Asuka einfach ersetze, rastet sie wahrscheinlich völlig aus und taugt nicht einmal mehr als Reservepilot... Hm...“
Ritsuko schaltete die Sprechverbindung wieder ein.
„Wir machen eine Pause. Asuka, versuche einfach, nicht so sehr an deine Synchronrate zu den-ken, sondern konzentriere dich allein auf die Verbindung zu EVA-02.“
„Und wie soll ich das, ohne an die Synch zu denken?“ brummte die Rothaarige.
„Es ist nicht wichtig, ob andere Piloten besser sind als du, das kommt immer wieder vor.“
„Mir nicht.“
Asuka kniff die Augen zusammen, wollte anscheinend noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders.
Akagi würde sie ohnehin nicht verstehen. - Sie war die beste, sie mußte die beste sein...
*** NGE ***
Shinji war gerade dabei, das Bett abzuziehen, während Rei im Bad unter der Dusche stand.
Woher nahm er nur diese Selbstbeherrschung... oder war es mehr die möglicherweise altmo-dische Vorstellung, ihre Jungfräulichkeit bis zur Hochzeitsnacht bewahren zu wollen...
Heiraten... der Mann, den er immer für seinen Vater gehalten hatte, würde das nie erlauben, nicht wenn es um Rei ging...
Shinji seufzte.
Womit hat ein Verlierer wie er nur jemanden wie Rei verdient? Vielleicht hatte er in einem früheren Leben irgendeine Glanzleistung vollbracht, für die er jetzt belohnt wurde...
vielleicht war es aber alles auch nur ein einziger großer Zufall...
Rei-chan...
Ihre weiche Haut, ihre zärtliche Berührung...
Er mußte lächeln.
Dann raffte er das Bettzeug zusammen und trug es ins Bad, wo der Wäschekorb stand. Sicher war unter der Dusche auch Platz für zwei. Selbst wenn sie beide noch nicht für eine... wie
hatte Rei-chan es bezeichnet... körperliche Vereinigung bereit waren, wollte er doch jeden Augen-blick nutzen, den sie gemeinsam hatten...
*** NGE ***
In den nächsten Tagen fand eine Reihe von Entwicklungen statt, die sich teilweise bereits in Bewegung befunden hatten, teilweise aber auch nur am Horizont für den Kundigen erkennt-lich
gewesen waren.
*** NGE ***
Asukas Synchronratio fiel weiter, bald schon erschien die 50,0-Marke unerreichbar, die 30,0-Marke dafür umso näher. Sollte sie unter diese Grenze fallen, würde sie nicht mehr
fähig sein, EVA-02 in einem Kampf zu steuern, selbst einfache Bewegungen würden nahezu unmöglich werden. In diesem Fall - und darin stimmten Ritsuko und Misato ausnahmsweise mit
dem Kommandanten überein - würde Kaworu sie als Piloten von EVA-02 ersetzen.
Asuka blieb dies natürlich nicht verborgen, auch wenn Doktor Akagi bereits ihre Synchronwer-te dezenterweise nicht mehr am Schwarzen Brett im Kontrollraum des Testcenters aushing. Allerding
reagierte sie auf alle gutgemeinten Ratschläge Akagis bockig und voller Trotz - was wußte diese falsche Blondine denn schon von der Steuerung eines EVAs? Dafür benötigte man
Fingerspitzengefühl und Talent. Und Talent, das hatte sie doch reichlich, schließlich war sie Asuka Soryu Langley!
Doch auch dies hielt den weiteren Verfall ihrer Synchratio nicht auf.
Das ganze hatte doch damals angefangen, als Weichei-Shinji gemeint hatte, sie aus dem Vulkan retten zu müssen, dabei hätte sie garantiert es auch selbst geschafft, aus der
mißlichen Lage herauszukommen! - Das redete sie sich jedenfalls ein.
Ihre Entschlossenheit, es allen, die sie bereits aufgaben, so richtig zu zeigen, drückte sich in im-mer längeren und intensiveren Synchrontrainingssitzungen aus. Asuka wollte einfach
nicht auf-geben - und sie konnte es auch nicht. Aber je mehr sie versuchte, mit EVA-02 in Kontakt zu treten, um so mehr entfernte sie sich von ihm, was ihrem ohnehin schon angeschlagenen
Selbst-bewußtsein weiteren Schaden zufügte, ebenso wie die Tatsache, daß Shinjis Synchratio sich bei den Trockentests über die MAGI bei 98,4 eingependelt hatte und die von
Wondergirl nur knapp darunter lag, danach folgte Kaworu mit stolzen 74,1.
Was sie ganz dringend brauchte, war ein Sieg...
Um sich abzureagieren, hatte Asuka in ihrer Unterkunft eine Dartscheibe aufgehangen und da-rauf das Bild aus dem Tokio-3-Herald, welches Weichei-Shinji und Wondergirl zeigte, be-festigt. Das Bild
wies inzwischen starke Beschädigungen auf, die Augen der beiden Personen darauf waren überhaupt nicht mehr zu erkennen und um die Gesichter war es nur wenig besser bestellt...
*** NGE ***
Misato war mittlerweile wieder stolze Besitzerin einer sauberen, aufgeräumten und blitzblank geputzten Wohnung. Wenn sogar der Teppich den Eindruck vermittelte, daß man sich darin
spiegeln konnte, dann war dies unter Garantie Shinjis Werk. Sogar ihr Auto funkelte wie neu, wenn Shinji in seiner Putzwut, nachdem er sein Fahrrad gereinigt hatte, nicht innehalten konn-te.
Im Stillen fragte sie sich, wo er die ganze Energie nur hernahm, schließlich dürfte ihn doch wohl nachts Rei in Anspruch nehmen...
Abends war Misato häufig nicht anwesend, sondern ließ sich von Kaji zum Essen ausführen, lud ihn auch ab und an ein, oder fuhr einfach mit ihm ins Blaue. Kaji schien ihr viel
erwachse-ner als zu ihrer gemeinsamen Zeit auf der Uni, allerdings schien er zuweilen sich ernsthafte Mühe zu geben, diesen Eindruck zu zerstreuen, indem er anderen Frauen hinterhersah oder
ein jungenhaftes Verhalten an den Tag legte, daß sie fast schon versucht war, ihn nach draußen zum Spielen zu schicken...
Aber generell konnte sie sich nicht beklagen, nach Fürsprache des Sub-Kommandanten hatte der ältere Ikari sogar akzeptiert, daß Rei bei ihr wohnte, ohne an die Decke zu gehen, al
er sie zu sich zitiert hatte. Er schien vielmehr stark darauf bedacht gewesen zu sein, seine linke Hand außer Sicht unter der Tischplatte zu halten.
Asuka tat ihr ein wenig leid, aber sie wußte, daß das Mädchen sich einen Gutteil seiner Lage durch sein Verhalten selbst zuzuschreiben hatte. Schließlich hatten sie
versucht, mit Asuka Freundschaft zu schließen, wenn diese allerdings der Ansicht war, keine Freunde zu benötigen, würde zumindest Misato sich ihr nicht aufdringen.
*** NGE ***
Kaworu Nagisa machte sich in ausgedehnten Streifzügen erst mit dem Hauptquartier und dann mit der Geofront vertraut, dabei blieb es nicht aus, daß er Asuka über den Weg lief, die
- wie in letzter Zeit viel zu oft - mit einem Gesichtsausdruck durch die Gegend lief, der zwischen roter Zorneswut und abgrundtiefer Verzweiflung schwankte.
Kaworu saß auf einem Laufsteg im Hangar und ließ die Beine baumeln, wobei er die EVAs betrachtete.
Lilim-Werke mit dem Aussehen von Lilims, geschaffen von Lilim-Hand... die Menschen streb-ten nach der Sphäre der Schöpfung, wollten sich auch die letzten Geheimnisse untertan ma-chen...
glücklicherweise lag die Sphäre der Seelen außer ihrer Reichweite, sie waren bei weitem noch nicht reif genug, auch dieses Rätsel anzutasten... vielleicht in weiteren
zehntau-send Jahren, so sie so lange überlebten...
Tabris konnte LILITHs Gegenwart spüren, tief unter ihm. Die Urmutter war nahe und doch unerreichbar. Der Lilim-Körper, der ihn verbarg, war aus eigener Kraft nicht imstande, bis in ihr
Gefängnis vorzustoßen, zuviele Barrieren, Tore und Wachen befanden sich zwischen der Mutter und ihm, selbst wenn er seine wahre Herkunft offenbarte und sein AT-Feld außerhalb de
Körpers entstehen ließ, würden sie ihn aufhalten können. Sein ausgeliehener Körper war zu verletzlich, als daß er sich Illusionen machte, ohne Hilfe sich einen Weg
bahnen zu können.
Er würde also entweder die Hilfe anderer Lilims in Anspruch nehmen, oder einen der EVAN-GELIONs unter Kontrolle bringen müssen, um mit diesem in das sogenannte TerminalDogma
vorzustoßen und seine Mutter zu befreien.
Ersteres würde sich schwierig gestalten, er wußte einfach nicht, wem er vielleicht vertrauen konnte. Wenn Leriel Erfolg gehabt hatte, dann wußte der Lilim namens Shinji Ikari um
die Ge-schichte des uralten Krieges zwischen LILITH und ADAM, zwischen den Verkörperungen des Weiblichen und des Männlichen, zwischen Geburt, Wachsen und Schöpfung und Krieg, Tod
und Vernichtung. Doch Shinji-kun schien sich dieses Wissens nicht zu erinnern...
Tabris verspürte mit dem Lilim Shinji eine seltsame Vertrautheit, ebenso mit dem weiblichen Lilim Rei Ayanami, so als hätten sie etwas gemeinsam, das er nicht näher erkennen
konnte.
Zwischen den beiden existierte ein Band, um welches ein Teil von ihm sie beneidete, mit seinen Engelssinnen konnte er es manchmal erkennen, wenn sie nahe genug beieinander standen, e
glänzte in Gold und Silber und voller Kraft. Es war das Band der Liebe, deren Schutzpatron er zu Zeiten der ersten Kultur auf Erden gewesen war...
Die Lilim hielten LILITH gefangen, die auch ihre Mutter gewesen war, ohne LILITH hätte es kein Leben auf der Planetenkugel gegeben, welche von ihren Bewohnern Erde genannt wurde. Wenn er
sich ihnen offenbarte, lief er Gefahr, ebenfalls gefangengenommen zu werden, etwas daß er um jeden Preis vermeiden mußte. Vielleicht hatten seine verbleibenden Brüder, Arael und
Armisael, mehr Erfolg, wenn sie dem Plan folgend mit den anderen EVA-Piloten Kontakt aufnahmen...
Kaworu sah Asuka näherpoltern, die Gleichaltrige stampfte über die Stege mit einem Marsch-schritt, der all ihrer Wut Ausdruck verlieh.
Das Mädchen war Tabris unheimlich. Asuka Soryu Langley verschloß ihre Seele vollkommen, sie war einer der wenigen Lilim, welche imstande waren, das Feld ihrer Seele nach außen zu
projizieren und als Barriere zwischen sich und anderen zu errichten. Ein weiterer Lilim, der da-zu fähig war, war der Kommandeur von NERV.
Tabris bedauerte beide. Durch den Schild des Feldes ihrer Seelen waren sie nicht mehr imstan-de zu sehen, wie wunderschön die Schöpfung war... die Lilim nannten das Feld der Seelen auch
das AT-Feld... Absolute Terror Field... was war nur so schrecklich daran, sein Herz auch ande-ren zu öffnen? Die Lilim waren nicht geschaffen worden, allein zu existieren, sonst hätte
die Schöpfung sie wohl kaum mit zwei Geschlechtern und begrenzter Lebensspanne ausgestattet...
„Warum machst du so ein wütendes Gesicht?“ fragte er Asuka freundlich und neugierig zu-gleich von seinem höhergelegenen Steg.
Sie zuckte zusammen, verlangsamte ihre Schritte, sah nach oben.
„Das geht dich nichts an!“
Kaworu sprang auf die Füße, setzte sich ebenfalls in Bewegung, um mit ihr Schritt zu halten.
„Na komm, wir sind doch Kollegen; wenn du etwas auf dem Herzen hast...“
Asuka bleib stehen, sah ihn wütend an.
„Laß mich in Ruhe! Ich kenne dich kaum, du bist doch nur auf meinen EVA scharf!“
„Nein, bin ich nicht. Doc Ritsuko meint, sie könnte meinen vielleicht wieder hinkriegen. Und daß wir uns kaum kennen - nun, das ließe sich ändern, komm doch mit mir in
die Cafeteria und trink mit mir eine Brause!“
Tabris war süchtig nach Süßem... dort wo er herkam, gab es keinen Zucker, eigentlich gab es dort überhaupt keine Nahrung, sondern nur Energie, weshalb er jede Mahlzeit auf
Neue ge-noß, egal wie einfach und eigentlich geschmacklos sie war.
Asuka schnaubte.
„Als ob ich mich mit dir Bleichgesicht irgendwo blicken ließe!“
Kaworu machte ein Gesicht, als hätte ihn diese Bemerkung tief getroffen.
„Asuka Soryu Langley, ich kann spüren, daß dein Herz verletzt wurde, nicht einmal, sondern mehrfach. So etwas sollte niemand erleben müssen, nicht einmal. Wenn ich dir
helfen kann...“
„Such dir lieber eine andere Anmache. Ich falle auf sowas nicht mehr ´rein.“
Sie stampfe davon, bleib an der Tür noch einmal stehen.
„Und was weißt du schon von meinem Herzen! Häng dich doch an Weichei und Wondergirl, die stehen sicher auf so ein Gelaber!“
Asuka verließ den Hangar.
Kaworu seufzte.
Sie konnte er wahrscheinlich von der Liste potentieller Verbündeter streichen.
Irgendwo in der Nähe konnte Tabris auch ADAM spüren, der Urvater war ebenfalls nahe. Natürlich, LILITHs Nähe zog ihn an, sie hatte ihn einmal abgewiesen und bei ihrer zweiten
Be-gegnung besiegt, dies verzieh er nicht. ADAM würde erst Ruhe geben, wenn LILITH vor ihm im Staube lag und um Gnade flehte, in einem Staub, der aus all dem bestand, was sie geschaf-fen
hatte. Tabris, der das Erbe beider in sich trug, konnte beide bis zu einem gewissen Punkt verstehen, doch seine Loyalität lag bei der Mutter, die ihn in die Welt gesetzt hatte.
Im Gegensatz zu LILITH konnte er ADAM aber nur diffus spüren, mehr wie ein Phantom oder einen kalten Lufthauch, ohne bestimmen zu können, wie weit er genau entfernt war und in wel-cher
Richtung er sich befand. Daraus schloß er, daß ADAM sich ebenfalls in einem Lilim ver-barg, wahrscheinlich aber auf andere Art als er es tat. Und wahrscheinlich konnte ADAM ihn im
Gegenzug nicht spüren, sonst hätte er ihn längst gestellt und mit ziemlicher Sicherheit ver-nichtet...
*** NGE ***
Resignierend blickte Kaji auf das Go-Brett, das zwischen ihm und dem Stellvertretenden Kom-mandanten stand.
„Sie spielen zu gut für mich, Fuyutsuki-Sensei.“
Er verbeugte sich, zeigte so seine Niederlage an.
„Aber Sie haben sich bereits verbessert, Major.“
Seit guten zwei Wochen trafen sie sich fast jeden Nachmittag in der Kantine im hintersten Win-kel, um ein wenig Go zu spielen und sich leise zu unterhalten. Inzwischen konnten sie das Brett auch
stehenlassen, ohne daß jemand Steine verschob oder es gar einräumte.
Gerade war eine Partie zu Ende gegangen, die sich über vier Tage hingezogen hatte - und Fu-yutsuki hatte nicht einmal sein ganzes Können ausgespielt.
„Ist Ikari immer noch wütend auf Sie?“
„Ja, er denkt wohl, ich hätte mich besser unter Kontrolle behalten und schweigen müssen... daß ich noch lebe, ist für ihn anscheinend ein Zeichen großer
Schwäche. Aber er redet ohnehin kaum noch mit irgendjemandem, sitzt nur in diesem riesigen Büro, wälzt seine Unterlagen und starrt auf die Überwachungsmonitore...“
„Nun ja, solange er uns hier nicht abhören kann...“
Kaji klopfte wie geistesabwesend auf die Aktentasche, die auf dem Stuhl neben ihm stand.
Und selbst wenn Ikari jeden Raum im Hauptquartier verwanzt hatte, würde der WhiteNoise-Generator in der Tasche die Übertragung stören...
„Haben Sie immer noch das Melonenfeld draußen in der Geofront?“
„Weiß das denn jetzt schon jeder hier? - Ja, ich kümmere mich immer noch um mein Gärt-chen.“
„´Ist wahrscheinlich eine gute Ablenkung... ich habe mich früher noch auf dem Laufenden ge-halten, was in meinem alten Fachgebiet so neues geschah, aber irgendwann habe ich den
An-schluß verloren.“
„Hm... ich wüßte wirklich zu gerne, was in Ikaris Kopf vor sich geht.“
„Da sind Sie nicht allein. Was macht Ihr Freund, irgendwelche Fortschritte?“
„Nein, er hat zwar eine Idee, aber ich weiß nicht, ob ich ihm dabei helfen sollte...“
„Wenn ich etwas tun kann... ich muß mich doch revanchieren für das, was Sie für mich getan haben.“
*** NGE ***
Misatos Badewanne war fast bis zum Rand mit warmem Wasser gefüllt, auf dem üppige Bade-schaumkronen schwammen. Und sie bot Platz für zwei, wenn diese die Knie anzogen...
Zwei Köpfe schauten aus dem Schaum, der eine von blauen, der anderen von dunkelbraunen Haaren bedeckt, beide hatten Badeschaum im Haar. Leises Lachen hallte durch den Raum, drang auch durch
die verschlossene Tür, vor der ein äußerst deprimierter Pinguin stand, ein Handtuch über die Schulter geworfen und eine langstielige Bürste unter der Flosse.
Shinji hob eine Handvoll Schaum an, blies hinein.
Eine Flocke Badeschaum flog durch die Luft, landete auf Reis Nase.
Sie kicherte, rutschte dann wenig herum, kurz darauf erschien ein helles Bein neben Shinji aus der Schaumschicht.
„Würdest du es wohl waschen, Shin-chan?“
Breit grinsend angelte er nach dem Seiflappen.
„Aber immer.“
Draußen ließ PenPen den Kopf hängen und trottete zurück in seinen Kühlschrank. Das konnte noch dauern, bis das Bad frei war...
*** NGE ***
Nach einer Woche war Hikari erstmals wieder zur Schule gekommen, sie saß noch im Roll-stuhl, den Toji pflichtbewußt durch die Gegend schob; die Ärzte hatten ihr geraten, vorerst
immer nur einige wenige Schritte zu tun und deren Anzahl langsam von Tag zu Tag zu erhö-hen, worüber Toji mit Adleraugen wachte. Mittlerweile waren ihre Beine wieder kräftig genug,
um sie einmal quer durch das Klassenzimmer zu tragen ohne einzuknicken, doch es erschöpfte sie ganz schön.
Die Klasse war auch um einen Schüler angewachsen, auf dem Platz neben Shinji saß Kaworu Nagisa und grinste in die Welt. Nur wenn er Asukas abweisendem Blick begegnete, sanken sei-ne
Mundwinkel nach unten und stahl sich für einen Moment Traurigkeit in seine Augen.
Mit den anderen Schülern kam er allerdings dank seiner freundlichen Art bestens aus.
Am Tag darauf baute Asuka sich vor Shinjis Pult auf, funkelte ihn böse an und warf ihm mit den Worten „Da, du Berühmtheit!“ einen Packen Zeitungsausschnitte auf den
Tisch.
Verwundert sah Shinji sie durch, es war eine mehrteilige Reportage Meiko Tanagawas, die während der letzten Wochen im Tokio-3-Herald erschienen war - und sie handelte von ihm.
„Äh...“
„Mit so einer Antwort habe ich gerechnet“, sagte Asuka schnippisch und rauschte davon.
Während der Unterrichtsstunde las er sich heimlich im Schatten des aufgeklappten Laptops die Artikel durch. Es war beängstigend, was diese Reporterin teils richtig recherchiert, teil
aber auch frei zusammengeschrieben hatte...
In der nächsten längeren Pause kam die ganze Truppe erstmals seit längerer Zeit wieder voll-zählig auf dem Dach der Schule zusammen. Hikari ließ sich von Toji an der
Hand die Treppe hinaufführen, lächelte dabei scherzhaft-huldvoll, ließ sich dann aber mit einem leisen Ächzen im Schneidersitz auf den Boden sinken. Kurz darauf ließen
sich auch die anderen auf dem Boden nieder, holten ihre Essensschachteln heraus und begannen untereinander Teile ihrer jeweiligen Mittagessen zu tauschen.
„Guckt mal, da ist der Neue“, sagte Kensuke plötzlich, der Rei gerade etwas Gemüse abzu-schwatzen versuchte.
„Hm?“
Shinji drehte den Kopf.
Im Treppenaufgang stand Kaworu und lächelte schüchtern.
„Oh, Nagisa-kun. - Komm doch ´rüber. - Äh, wenn ihr nichts dagegen habt...“
„Nein, nichts.“
Toji rutschte zur Seite, so daß zwischen ihm und Shinji eine Lücke entstand, nutzte zugleich die Gelegenheit, näher an Hikari heranzurutschen, welche die Augen niederschlug und
ihm still zulächelte.
„Klar, kein Problem“, schmatzte Kensuke.
Rei nickte nur.
„Danke, danke!“
Kaworu ließ sich rasch zwischen Shinji und Toji nieder, grinste breit.
„Hallo, ich bin Kaworu!“
„Du bist doch auch ein EVA-Pilot, erzähl mal!“ sagte Kensuke.
„Oh, ich...“
„Für Nagisa-kun besteht dieselbe Geheimhaltungspflicht wie für Shinji und mich.“ kam es ruhig von Rei.
„Ach, Mensch, Ayanami...“
Kaworu seufzte.
„Die werte Rei hat recht - aber es gibt auch nichts, das ich erzählen könnte, ich habe nicht ein-mal einen EVA.“
„Stimmt es, daß du von einem Engel gefressen worden bist?“
„Ahm... naja... Gefressen ist vielleicht das falsche Wort.“ murmelte Kaworu.
„Das... uhm... das ist keine angenehme... ahm... Erinnerung“, sagte Shinji rasch.
„Ihr seid wirklich langweilig. Okay, Ikari, dann erzähl du doch mal ´was vom letzten Angriff, der Engel ist doch bis in die Geofront vorgedrungen, nicht?!“
„Ja, das stimmt... uh... wir haben gegen ihn gekämpft und... naja... gewonnen... sonst wären wir nicht hier.“
„Ach so, wenn das so einfach ist, warum bin ich dann nicht auch ein EVA-Pilot?“
„NERV hat derzeit mehr Piloten als EVAs, Aida-kun.“ erklärte Rei.
„Und? Dann käme es auf einen mehr auch nicht an...“
Die anderen gaben ein kollektives Seufzen von sich. Nur Kaworu blickte verwirrt in die Runde.
„Uhm, Nagisa-kun, hast du nichts zum Essen dabei?“
„Nein...“
„Dann... du kannst von mir etwas abhaben.“
„Danke, Shinji-kun, aber das ist nicht nötig, ich habe keinen Hunger.“
„Kumpel, nach dem Vormittag mußt du doch ein Loch im Bauch haben. Hier.“
Toji hielt ihm seine Schachtel unter die Nase.
Schweigend bot ihm auch Rei etwas an.
Kaworu zierte sich noch eine Weile, nahm dann hier ein bißchen und dort ein wenig, bedankte sich jedesmal.
„So, Ikari, wenn du schon nichts über die EVAs erzählen willst, dann sag uns doch wenigstens, was für ein Zeug dir Asuka vorhin auf den Tisch geknallt hat.“
„Oh, Kensuke, das... ahm...“
Shinji zog die Zeitungsartikel aus der Hosentasche, strich sie glatt und reichte sie Kensuke.
„Hey, das sind ja die Artikel von Meiko Tanagawa! Die Frau schreibt einfach spitze, nicht wahr, Ikari? Ich habe sie auch alle ausgeschnitten!“
„Uhm, sie hat eine blühende Phantasie...“
„Warte, warte, hier, das ist doch interessant - bist du wirklich bei Pflegeeltern auf dem Land aufgewachsen?“
„Uh, ja...“
„Und hier: ´Von seinem Vater im Stich gelassen, findet der junge Shinji Ikari Trost in den Ar-men seiner Kollegin Rei Ayanami.´ - Toji, was sagst du dazu?“
Suzuhara grinste.
„Mega-Playboy-Action!“
„Toji!“ lachte Hikari. „Wie gemein!“
„Oder hier - sag mal, Ikari, stimmt es, daß du schon einmal verhaftet wurdest?“
„Ahm, das war ein Mißverständnis...“
„Ja, das steht hier auch, man glaubte, du würdest zu einer Gruppe Fahrraddiebe gehören, die die Gegend unsicher gemacht haben.“
„Ja, aber... uhm... es stimmt leider nicht alles... ich wurde niemals von einer Spezialeinheit aus-gebildet, um meinen EVA steuern zu können...“
Toji begann zu lachen.
„Mir fällt es auch schwer, mir dich in einem Kampfanzug vorzustellen, Shinji!“
„Ich glaube, das würde dir nicht stehen“, bemerkte Kaworu.
„Als nächstes will sie etwas über Asuka schreiben, über Ayanami hat sie wohl nicht so viel ge-funden oder alles schon in der Serie über dich verbraucht, Ikari. Aber du
tust mir echt leid... warum hast du denn nie gesagt, daß du dabei warst, als deine Mutter gestorben ist? Nachdem meine Mama das gelesen hatte, hat sie gesagt: ´Der arme Junge! Und ich
war so unfreundlich zu ihm!´ Übrigens, ich soll dich demnächst ruhig mal zum Essen einladen.“
„Ah... das ist sehr freundlich von deiner Mutter, Kensuke... uh... der Tod meiner Mutter liegt schon so lange zurück und...“
Shinji senkte den Kopf.
Plötzlich spürte er, wie Rei einen Arm um seine Schultern legte und ihn kräftig drückte.
Er lächelte.
Es tat gut, solche Freunde zu haben...
16. Zwischenspiel:
Gendo Ikari saß in seinem riesigen Büro hinter seinem riesigen Schreibtisch.
Vor ihm auf dem Tisch lagen auf einem Stapel unbeachteter Unterlagen ein weißer Handschuh und eine Spritze.
Ikari hockte zusammengekrümmt in seinem Sessel und starrte auf seine linke Hand.
Und seine linke Hand starrte zurück.
Sie war seltsam angeschwollen und aufgequollen, mitten in der Handfläche befand sich ein einzelnes rotes Auge, welches mehr Ähnlichkeit mit dem einer Echse als dem eines Menschen
hatte.
Das Auge starrte Ikari an ohne zu blinzeln.
Mit der anderen Hand hielt er das Handgelenk umklammert, der Ärmel war bis zur Ellenbogenbeuge hochgekrempelt.
Gendo Ikari glaubte zu spüren, wie ADAM unter der Haut sich ausdehnte, meinte ein schwaches Pulsieren zu spüren.
Endlich wirkte das Medikament.
Schläfrig schloß sich das Auge, wurde von einer dünnen wimpernlosen Hautmembran verborgen.
Ikaris Atem ging keuchend.
Mittlerweile war die fünffache Dosis der Droge notwendig, um ADAM ruhigzustellen, doch sobald er erwachte, begann er sich weiter in ihm vorzufressen.
Vielleicht hatte er doch vorschnell gehandelt, als er sich den Engel einpflanzen ließ...
Doch die Zweifel verflogen schnell wieder.
Drei Engel noch und sein Name würde ´Gott´ lauten...