Mit einem Aufseufzer schloß Shinji seine Tasche.
Endlich war der Unterricht vorbei, in gewisser Weise bestätigte sich mit jedem Tag aufs Neue der Verdacht, daß der alte Lehrer seinen Endlosvortrag auch ohne Zuhörer fortgesetzt
hätte, war die Klasse 3-A doch inzwischen auf sieben Schüler geschrumpft.
Mit breitem Grinsen im Gesicht tauchte Kaworu neben Shinjis Pult auf.
„Hey, Shinji-kun, Ayanami, wollen wir noch ´was zusammen unternehmen?“
„Uhm, was schwebt dir denn vor, Nagisa-kun?“
„Och, naja, einfach nur ein wenig durch die Gegend schlendern und die Sonne genießen... an-geblich war früher um diese Zeit Herbst... die Tage werden kürzer und ich komme
außer zur Schule doch gar nicht aus dem Hauptquartier heraus.“
„Ja, Nagisa-kun... hm... Rei, was meinst du?“
„Einverstanden.“
„Wunderbar.“
Kaworu deutete eine Verbeugung an und ließ den beiden anderen den Vortritt.
Sie verließen den Klassenraum.
„Sagt mal, glaubt der alte Sensei wirklich an die Version vom Impact, die er uns ständig vorbetet?“
„Uh... gute Frage, Nagisa-kun... hm, wahrscheinlich schon.“
„Manchmal würde ich gerne einfach aufspringen und ihn über seinen Irrtum aufklären. Vielleicht wechselt er dann mal das Thema.“
„Er glaubt an das, was er uns erzählt. Wahrscheinlich hat er nichts anderes.“ sagte Rei leise.
„Uhm... also...“
In ihr Gespräch vertieft, erreichten sie den Eingangsbereich des Schulgebäudes. Daß dort je-mand bereits im Schatten auf sie wartete, sahen sie nicht.
*** NGE ***
Asuka kniff die Augen zusammen und lauschte.
Ja, die Stimmen waren unverkennbar - Wondergirl, Weichei und Grinsebacke... ihre drei Kon-kurrenten. Wahrscheinlich unterhielten sie sich gerade über den Erfolg ihrer Verschwörung
ge-gen sie, Asuka Soryu Langley. Wahrscheinlich amüsierten sie sich königlich darüber, daß sie aus dem Team geflogen war und EVA-02 nicht mehr steuern durfte.
Aber das Lachen würde ihnen schon noch vergehen... schon bald...
Asukas Augen funkelten. Sie fletschte die Zähne zu einem wölfischen Grinsen.
Wessen Idee es wohl gewesen war?
Eigentlich konnten sie ja nur die MAGI-Rechner so manipuliert haben, daß ihr Synchronwert niedriger angezeigt wurde, als er wirklich war... wahrscheinlich besaß sie immer noch ihre
al-te Form, doch diese drei Neider, die sie nicht gemocht hatten, hatten gemogelt, um sie schlecht dastehen zu lassen... so konnte es doch nur sein, so und nicht anders...
Ob es Weichei-Shinjis Einfall gewesen war? - Wohl eher nicht, Shinji war doch viel zu blöd und zu ängstlich für so etwas... der fürchtete sich doch wahrscheinlich auch vor
seinem eige-nen Schatten...
Oder Grinsebacke-Kaworu? Ihn konnte sie am schwierigsten einschätzen, doch wer sich im-mer nett und freundlich gab, konnte doch nur ein Schweinehund sein, der seine Kameraden
rücksichtslos verriet...
Oder vielleicht Wondergirl? First hatte sie vom ersten Augenblick nicht leiden können, ob-wohl sie, Asuka Soryu Langley, dieser bedauernswerten Kreatur sogar die Hand in Freund-schaft
entgegengestreckt hatte... und sie kannte sich gut genug mit Computern aus, um die MAGI zu beeinflussen, ganz sicher... natürlich, deshalb trieb sie sich so häufig in der Nähe der
ollen Akagi herum...
Na warte, Wondergirl...
Nicht mit ihr, nicht mit Asuka Soryu Langley.
Asuka Soryu Langley. Asuka Soryu Langley, Asuka Soryu Langley...
Die ständige Wiederholung ihres Namens war alles, was ihren Verstand noch zusammenhielt, alles was sie davon abhielt, einfach zu Boden zu fallen und dort sabbernd liegenzubleiben.
- Dies und der kalte Stahl des Messers in ihrer Hand...
Die drei kamen näher...
NERV hatte drei EVA und vier Piloten... und die drei hatten dafür gesorgt, daß sie auf die Re-servebank verbannt wurde. Drei EVAs, vier Piloten. Die Rechnung war einfach - vier waren
ei-ner zuviel. Und Asuka beabsichtigte, die Rechnung wieder auszugleichen. Wenn man sie als Pi-lotin wieder benötigte, würde man sie auch nicht bestrafen, sondern ihr die Zeit geben,
ihre Un-schuld zu beweisen, nachzuweisen, daß sie das Opfer eines schändlichen Komplotts geworden war...
Ja... und alles, was dazu nötig war, war ein Kopf...
*** NGE ***
Rei, Shinji und Kaworu bogen um die Ecke des Korridors.
Shinji lachte über einen von Kaworus Scherzen.
Plötzlich erhaschte er einen Blick auf die in den Schatten lauernde Asuka, sah direkt in ihre weit aufgerissenen Augen, aus denen ihn der Wahnsinn zurückanstarrte.
Mit einem lauten langgezogenen Schrei, der nur noch wenig menschliches an sich hatte, stürzte Asuka sich auf die Gruppe, schwang dabei ihr langes Messer.
Ihr Ziel war Rei Ayanami!
Diese stand nur da und blinzelte, war trotz ihrer nahezu übermenschlichen Reflexe von dem Hinterhalt völlig überrascht worden.
„Rei!“ brüllte Shinji und stieß seine Freundin zur Seite, versuchte noch, der heransausenden Klinge auszuweichen, doch da spürte er schon einen brennenden Schmerz in
den Eingeweiden.
Einen langen, sehr langen Moment blickte er wieder in Asukas Gesicht, diesesmal stand sie di-rekt vor ihm.
Einen Sekundenbruchteil lang huschten Verwirrung, Bedauern und Reue über ihre Züge, ver-schwanden aber wieder hinter unbändigem Zorn und reinem Irrsinn.
Shinjis Knie wurden weich.
In seinen Ohren rauschte es.
Er spürte Nässe auf seinem Bauch.
Wie in Zeitlupe sah er an sich herab, starrte auf das Messer, welches mit beinahe der Hälfte der Klinge in seinem Bauch steckte, starrte auf den rasch wachsenden Blutfleck auf seinem
Hemd.
„Agh... agh...“
Shinji sackte zu Boden, da Asuka den Messergriff nicht losließ, wurde die Klinge durch die Be-wegung aus der Wunde gezogen. Immer mehr Blut floß aus der Wunde, bildete blitzschnell
ei-ne Lache unter Shinji, der zusammengekrümmt auf dem Boden lag.
„Nein!“ brüllte Rei.
In Shinjis Ohren klang der Ausruf furchtbar dumpf und in die Länge gezogen.
Asuka zuckte heftig zusammen, etwas streifte ihren Kopf an der Schläfe, fraß in nur für Shinji wahrnehmbarer Geschwindigkeit einen Graben in die Oberfläche ihre
Schädels, drang neben dem Auge ein und durch die linke Augenhöhle wieder aus, um sich dann in die gegenüberlie-gende Wand zu bohren.
Noch mehr Blut spritzte gegen die Wand.
Das Messer entfiel ihrem erschlaffenden Griff.
Asuka fiel zu Boden, blieb dort liegen, einer Puppe nicht unähnlich, deren Fäden gekappt wor-den waren.
Ihr Gesicht erschien trotz des Blutes seltsam friedlich, so als wäre ihr ein sehr wichtiger Wunsch erfüllt worden...
Rei achtete nicht auf Asuka, nahm nur am Rande wahr, daß diese augenscheinlich keine Gefahr mehr darstellte. Sie rutschte neben Shinji auf die Knie und bettete seinen Kopf in ihren
Schoß, sah Kaworu hilfesuchend an.
Kaworu stand wie versteinert, starrte auf die rote Flüssigkeit auf dem Boden, auf Shinjis Sa-chen...
Und dann konnte er es hören, einen schwachen Herzschlag, ein schwaches Pulsieren.
Er riß die Augen auf, starrte konzentriert auf Shinjis Brust.
Shinji preßte die Hände gegen die Wunde und atmete stoßweise.
Es tat so weh...
Rei schrie um Hilfe, tatsächlich eilten ein paar Lehrer und auch einige Schüler, die noch im Ge-bäude gewesen waren, herbei. Jemand rief einen Krankenwagen, ein anderer
verständigte NERV.
Shinji blickte nach oben in Reis Gesicht.
Rei-chan weinte... ihre Tränen fielen auf seine Wangen... warum weinte sie? Doch nicht etwa seinetwegen? Was hatte er denn getan?
Das Denken viel ihm schwer, ebenso das Atmen.
Die Schmerzen legten sich über alles wie ein dicker schwarzer Schleier.
Dieses Mal würde ihm niemand helfen, EVA-01 - und damit seine Mutter - war zu weit fort. Wenn er sich im EntryPlug befunden und EVA-01 aktiv gewesen wäre, dann hätte...
Er besaß nicht mehr die Kraft, den Gedanken zu Ende zu führen.
Rei-chan sollte nicht weinen, nicht um ihn. Er liebte sie viel zu sehr, als daß er dies gutheißen konnte.
Mit verebbender Kraft brachte er ein Lächeln zustande.
„Nicht... weinen... Rei-chan...“ flüsterte er, schmeckte etwas metallisches im Mund.
Kaworu drängte die Leute, die sich um sie eingefunden hatten, zur Seite, ging neben den bei-den anderen Piloten in die Knie, berührte Shinjis Brust mit beiden Händen.
Ja, dort befand sich die Quelle des Herzschlages... eine ruhende Quelle der Macht... wie kam der Lilim nur dazu? Diese Quelle war es, welche es den Engeln ermöglichte, die Existenzebe-ne der
Lilim zu betreten, ohne sie mußten sie zurückkehren in ihre eigene Welt. Und nach der Begegnung mit ADAM am Tage des Unterganges der Ersten Zivilisation waren nur noch we-nige von
ihnen überhaupt imstande, in mühevoller, jahrewährender Arbeit die nötigen Ener-gien zu sammeln, um im Diesseits einen Kern zu formen. Die Lilim nannten den Kern da
S2-Organ...
Aber dies klärte noch immer nicht, wieso Shinji ein ruhendes S2-Organ besaß...
Es war nur schwach, ruhte, doch wäre es aktiv, konnte es Shinji-kuns Verletzung heilen!
Tabris´ Gedanken rasten.
Möglicherweise war er imstande, das S2-Organ in der Brust des Lilim zu aktivieren, doch da-bei würde er auf alle Fälle seine Tarnung verraten. Und damit wäre auch seine
Mission ge-scheitert, die anderen Lilim würden es registrieren, wenn er seine Kräfte einsetzte - und sie würden ihn jagen. Der Körper, den er benutzte, besaß kein
S2-Organ, seine Selbstheilungs-kräfte waren beschränkt; sein Wille wäre nicht ewig imstande, das Feld seiner Seele als schü-tzende Hülle um den Lilim-Körper
aufrechtzuerhalten...
Shinji-kun zu helfen, würde bedeuten, seine Mission zu verraten! Dann wäre nur noch Armi-sael, sein um wenige Herzschläge der Ewigkeit älterer Zwillingsbruder, übrig, um
der Ur-Mutter LILITH Rettung zu bringen. Und doch...
Der Lilim war sein Freund, durch ihn hatte er das Konzept der Freundschaft erst begriffen, welches für Kaworu Nagisa, dessen Leib er sich ausgeliehen hatte, nur eine Theorie gewesen war.
Tabris mußte sich entscheiden zwischen seiner Mission und dem Leben des Freundes...
Reis Blick war von Tränen verschleiert.
Beruhigend strich sie durch Shinjis Haar, während dieser immer noch Hände gegen den Leib preßte und vor Schmerzen aufstöhnte.
Einer der Lehrer hatte seine Jacke ausgezogen und diese zwischen Shinjis Hände und die Wun-de geschoben.
„Shinji, stirb nicht, bitte, du darfst nicht sterben.“ flüsterte Rei.
Wo blieb nur der Krankenwagen...
Warum standen alle nur untätig um sie herum? Warum tat denn niemand etwas? Ihr Shin-chan war am Verbluten!
Jemand drehte Asuka auf den Rücken, verkündete, daß sie noch lebte.
Ihr Gesicht war allerdings kein sonderlich schöner Anblick, neben der linken Augenhöhle fehlte ein Teil des Schädelknochens, wo die Kugel in ihren Schädel eingeschlagen war.
Graue Ge-hirnmasse war jedoch keine zu sehen, dafür war ihr Gesicht blutüberströmt.
Asuka war ohne Bewußtsein - und vielleicht war das auch besser so...
Rei war Asuka völlig egal, sie nahm nicht einmal wahr, was um sie herum passierte, ihre ganze Wahrnehmung der Realität war auf sie selbst und Shinji zusammengeschrumpft, den sie in
ihren Armen hielt.
„Nicht sterben. Du mußt durchhalten.“
„Ist das... ein Befehl?“ wisperte Shinji.
„Shin-chan, Hilfe ist unterwegs... sie bekommen dich wieder hin, ganz sicher...“
„Ich... glaube... nicht... Rei-chan... versprich mir... ah... versprich mir, daß du nicht aufgibst... was auch geschieht... es hängt jetzt von dir ab...“
Wovon sprach er nur?
Wie sollte sie nicht aufgeben? Wenn sie ihn verlor, verlor sie doch damit alles, was ihr etwas bedeutete...
Und warum hing es von ihr ab?
Seine Stirn war heiß, sicher hatte er Fieber... sprach er bereits im Delirium?
„Shin-chan, sprich nicht, du mußt deine Kräfte schonen.“
„Nein... ich... ich erinnere mich... die Erste Zivilisation... die Engel haben sie beschützt... und ADAM... ein Feuersturm... alle tot... zahllose Leben... soviele Leben... LILITH hat
ihn ge-bannt... am Südpol... mit der... Lanze... der Longinuslanze... Vater treibt... falsches Spiel... der Engel hat es mir gesagt... ADAM... Zerstörer...“
Seine Stimme wurde leiser, verlor an Kraft.
Kaworus Kopf ruckte hoch.
Shinji-kun erinnerte sich! Leriel hatte Erfolg gehabt mit seinem Kontaktaufnahmeversuch!
Doch noch immer zögerte er, wog die Konsequenzen ab.
Ein Lilim mit einem aktiven S2-Organ besaß eine Macht, welche der eines Engels ähnelte - natürlich in gewisser Proportionalität zu seiner Größe und der
Größe des S2-Organs. Ein stärker ausgeprägtes S2-Organ war fähig, viel schneller Energien zu sammeln und abzuge-ben, als das schwache Fragment in Shinji-kuns Brust.
Und immer noch stellte sich ihm die Frage, woher der Lilim das S2-Organ hatte - und wie es überhaupt in seiner Brust funktionieren konnte...
Tabris schloß die Augen, traf seine Entscheidung.
Als er seine Augen wieder öffnete, glühten sie in einem tiefen Rot. Zugleich baute sich um ihn eine Aura der Macht auf.
„Es sei!“
Und ein unsichtbarer Chor begann in den Köpfen der Umstehenden mit anschwellender Lautstärke ´Freude Schöner Götterfunken´ zu singen...
Seine Sinne wurden schlagartig sensibler, nahmen mehr wahr als nur die Informationen, welche die herkömmlichen Lilim-Sinne übermittelten.
Einen Wimpernschlag später kannte er die Antwort auf seine Frage, wußte er um die Lösung des Geheimnisses, welches Shinji und das S2-Fragment in seiner Brust umgaben:
Shinji-kun trug das Erbe der Engel in sich!
Warum war er nicht eher darauf gekommen...
Der Lilim war in Wirklichkeit ein Nephilim, ein Wesen halb Mensch, halb Engel. - Deshalb war sein Körper in der Lage, ein S2-Organ in sich zu tragen!
Und deshalb hatte er geglaubt, eine gewisse Ähnlichkeit an ihm zu erkennen!
Kurz musterte er Rei Ayanami, stellte mit Befriedigung fest, daß auch sie zum Teil ein Mitglied seiner Art war, folgerte weiter.
Sogar der Körper, den er benutzte, gehörte einem Nephilim. Der wahre Kaworu Nagisa war ein entfernter Verwandter der Engel. Deshalb war es ihm so leicht gefallen, diesen Körper zu
übernehmen.
Suzuhara-kun... Aida-kun... Horaki-san... die Schüler der 3-A - sie alle waren keine hundert-prozentigen Menschen. Jeder von ihnen trug die ruhenden Veranlagungen in sich, das Erbe der
Engel. Jeder von ihnen war fähig, ein S2-Organ in sich zu tragen und zu nutzen.
Nephilim... Kinder der Engel...
Woher kamen sie? Woher stammte diese Macht?
Hatte sich vielleicht nach Jahrmillionen der Evolution wieder ein Funke Göttlichkeit auf Er-den manifestiert?
Aber weshalb traten sie dann so konzentriert auf?
Fragen, die zu neuen Fragen führten... unbefriedigende Antworten, welche keinen Schluß-strich ermöglichten...
„Nagisa-kun... das ist... schön...“ flüsterte Shinji.
Er konnte die strahlende goldene Aura wahrnehmen, welche Tabris umgab, ein warmes Licht, das ihn sanft zu berühren schien. Aus dem Rücken des anderen schienen filigrane Flügel zu
wachsen, fedrige Schwingen aus substanzgewordenen Licht.
Genau so hatte er sich immer einen wahren Engel vorgestellt. Genau so sah er Rei-chan in sei-nen Träumen...
Jetzt hatte er wahrhaftig alles gesehen...
Rei starrte Kaworu an.
„Tu ihm nichts...“
In ihr regte sich etwas, eine Kraft, die den anderen zurückhalten wollte, die verhindern wollte, daß er ihrem Shin-chan weiter schadete. Doch sie war zu schwach, erzeugte nur einen
kaum spürbaren Windhauch anstatt des Stoßes, der Kaworu hätte zurückschleudern sollen.
Die Leute um sie herum hatten mit dem Einsetzen der Musik in ihren Köpfen die Orientierung verloren, irrten schwankend umher.
Tabris lächelte.
„Ich will Shinji-kun nicht schaden. Ich will ihm helfen.“
Rei schluckte.
Sie sah die Flügel nicht, nahm auch nicht die warme Ausstrahlung wahr.
Sie wußte nur, daß Nagisa-kun ein Engel war, einer ihrer Feinde.
Doch was sollte sie tun? Wenn sie ihn angriff, mußte sie dazu Shin-chan zurücklassen, der in der Zwischenzeit vielleicht starb... allein und einsam, ohne jemanden, der ihn
festhielt...
Und wenn sie dem Engel vertraute, töte dieser vielleicht sie beide
Hikaris Worte fielen ihr wieder ein - sie sollte versuchen, mit dem nächsten Engel zu reden. Und ein Engel hockte direkt vor ihr, legte gerade eine leuchtende Hand auf Shin-chans Brust.
„Was tust du da?“ flüsterte sie voller Angst um ihren Geliebten.
„Shinji-kun ist imstande, sich selbst zu heilen... er besitzt die erforderliche Macht. Ich helfe sei-nem Körper nur, sich daran zu erinnern.“
Tabris flößte Shinji einen Teil seiner eigenen Kraft ein, ließ sie direkt auf das S2-Organ ein-strömen.
Erwache!
Er spürte, wie das schwache Pulsieren etwas stärker wurde, etwas schneller.
Erwache!
Der zweite Herzschlag in Shinji-kuns Brust wurde kräftiger, wurde zu einem stetigen Pochen.
Erwache!
Shinji spürte, wie Hitze sich in seiner Brust ausbreitete. Seine Brust schien sich auszudehnen, schien aufzureißen.
Er stieß ein unterdrücktes Keuchen aus.
Die Hitze überlagerte die Schmerzen.
In seiner Brust begann etwas zu pulsieren, er glaubte, einen weiteren Herzschlag wahrzuneh-men, der mit jedem Pochen eine neue Welle von Hitze durch seinen Leib pumpte.
Seine Verletzung...
Er konnte sie kaum noch wahrnehmen!
Sie schloß sich!
Tabris seufzte auf.
Die Aktion hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er gedacht hatte. Sein Körper würde viel Ruhe und Nahrungszufuhr benötigen, um wieder voll einsatzfähig zu sein.
Er zog sich wieder tief in das Bewußtsein Kaworus zurück, verbarg seine Identität und seine Anwesenheit wieder vor der Wahrnehmung der Lilim.
Shinji nahm zögernd eine Hand von der Wunde.
Die Haut seines Bauches war makellos, sah man von dem Blut ab, welches eben noch aus der Wunde gequollen war. Der einzige andere Beleg dafür, daß Asuka wirklich auf ihn eingesto-chen
hatte, war sein zerschlitztes Hemd.
Nagisa-kun hatte ihn gerettet...
„Ah... Rei... sieh nur...“
Reis Blick klebte auf der Stelle, aus der eben noch Shinjis Lebenssaft in Unmengen ausgetreten war.
„Shin-chan...“
„Rei-chan, ich bin in Ordnung... ich habe keine Schmerzen mehr... die Verletzung ist ver-heilt...“
Er setzte sich auf, umarmte sie spontan, hörte, wie sie schluchzte.
„Uhm... Warum weinst du jetzt noch?“
„Ich weine aus Freude, Shin-chan.“
„Ahm...“
Auch die Schüler und Lehrer hatten die Orientierung wiedergefunden, standen jetzt verwirrt in den Gängen, im Foyer und vor dem Gebäude und schienen sich zu fragen, was denn
passiert war.
Shinji sah Kaworu an.
„Du bist einer von ihnen - ein Engel, nicht wahr?“
„Ja.“ antwortete Nagisa lächelnd. „Ich kann meine Herkunft schlecht verleugnen, Shinji-kun.“
„Warum... warum die Maskerade? Warum hast du versucht, unser Vertrauen zu erringen?“
„Um euch kennenzulernen, um zu erfahren, wer und was ihr seid, ob es noch Hoffnung gibt.“
„Hoffnung?“
Sirenen näherten sich dem Schulgebäude, zugleich ging ein Hubschrauber auf dem Innenhof nieder - NERV war eingetroffen.
„Ah... Nagisa-kun, du solltest besser verschwinden...“
„Wenn ihr mich nicht verratet, werden sie mich nicht erkennen.“
Kaworu sah die beiden ernst an, verschwunden war sein ansonsten permanentes Lächeln.
„Ich bin nicht euer Feind.“
„Nicht?“
„Nein. Sonst hätte ich dir kaum geholfen.“
„Nagisa-kun, haben wir dein Wort, daß du nichts tun wirst, daß andere gefährden könnte... und vor allem, daß du dich vom TerminalDogma fernhältst?“
fragte Rei mit demselben Ernst.
Der andere zögerte.
LILITH war im TerminalDogma... Ayanami verlangte von ihm, keine Schritte zu ihrer Befrei-ung zu unternehmen... allerdings konnte er immer noch versuchen, sie zu überzeugen!
„Ja. Ihr habt mein Wort. Ihr habt das Wort von Tabris.“
Er streckte die Hand aus.
Shinji ergriff sie, dann legte Rei die ihre darauf.
Der Pakt war besiegelt...
*** NGE ***
NERV-Einsatzgruppen in tarnfarbenen Kampfanzügen riegelten das Schulgelände ab.
Dann trafen Ritsuko Akagi und Misato Katsuragi vor Ort ein, letztere ebenfalls in eine Tarn-kombination gekleidet.
Die Zivilisten, welche sich immer noch nicht erklären konnten, was denn vorgefallen war, igno-rierten sie - effektiv war in ihren Erinnerungen eine Lücke für die Dauer der Zeit, in
welcher sie sich in Tabris´ Präsenz befunden hatten; der Mensch war einfach nicht geschaffen, dem Himm-lischen Auge in Auge gegenüberzustehen - sollten sich die Ärzte
näher mit ihnen befassen.
Eine Gruppe von fünf Soldaten und zwei Medizinern folgte Akagi und Katsuragi ins Gebäude, ihnen folgte Kaori Ishiren mit gezogener Handfeuerwaffe.
„Was ist hier passiert?“ rief Misato entsetzt, als sie Asuka am Boden liegen sah, sowie die große Blutlache, in der Shinji und Rei hockten.
„Shinji-kun, bist du...“
„Ahm, Misato, ich bin in Ordnung.“
„Rei, dann du?“
„Nein, Misato-san. Meine körperliche Integrität ist nicht beeinträchtigt.“
„Aber woher...“
Ishiren richtete ihre Pistole auf Kaworu.
Aus der Entfernung hatte sie das Leuchten gesehen, welches ihn zeitweilig umgeben hatte. Und auch wenn sie sich darauf keinen Reim machen konnte, so stufte sie ihn doch als Bedrohung ein.
Dann sah sie, daß Rei, ihre Schutzbefohlene, schwach den Kopf schüttelte und ihr zu verstehen gab, daß sie die Waffe senken sollte.
Zögernd kam sie der Anweisung nach.
Während Misato bei Shinji und Rei blieb, widmete Ritsuko sich Asuka, für welche bereits eine Trage geholt wurde.
„Atmung flach, aber vorhanden. Puls ist ebenfalls schwach. Blutverlust normal für eine Kopf-verletzung. Eine Schußverletzung. Keine weiteren sichtbaren Verletzungen. Ist das Ihr
Werk, Leutnant?“
„Ja, Sir.“ antwortete Ishiren. „Als ich sah, daß das Second Children die anderen mit dem Mes-ser“, sie deutete auf die blutige Klinge neben Asuka, „angriff,
konnte ich nicht tatenlos zuse-hen. Augenscheinlich habe ich noch rechtzeitig gehandelt.“
„Hm...“
„Aber woher kommt dann das viele Blut?“ fragte Misato. „Shinji? Rei? Kaworu? Ist von euch wirklich keiner verletzt?“
„Uh... nein... wir sind in Ordnung.“
„Misato, laß es gut sein“, flüsterte Akagi eindringlich, den Blick auf Shinji Hemd gerichtet. „Wir reden später darüber. Jetzt bringen wir sie erst einmal
alle ins Hauptquartier auf die Kran-kenstation.“
„Aber...“
Ritsuko schüttelte den Kopf.
Sie glaubte zu wissen, weshalb die MAGI kurzfristig die Existenz eines Blauen Musters festge-stellt hatten - es mußte mit dem S2-Fragment in Shinjis Brust zu tun haben. Das würde auch
erklären, wo das ganze Blut herkam, ohne daß der Junge eine Wunde aufwies... weil es keine Wunde mehr gab!
Möglicherweise hatten die MAGI das Tätigwerden des S2-Organs angemessen und mit den Signalen verwechselt, die von einem Engel ausgingen, in diesem Fall würde sie die Sensoren
entsprechend neukonfigurieren müssen.
„Und das Blaue Muster, das die MAGI gemeldet haben?“
„Misato, siehst du hier irgendwo einen Engel - so etwa wenigstens zwanzig Meter groß und dabei, die Stadt zu zerlegen?“
„Nein.“
„Dann sind wir uns ja einig. Es war ein Fehlalarm...“
Akagi nahm mit Misato Augenkontakt auf, versuchte ihr Zeichen zu geben, nicht weiter nach-zuhaken. Und glücklicherweise verstand Misato.
*** NGE ***
Mit dem Hubschrauber ging es durch den Zentralen Schacht zurück ins Hauptquartier.
Der Schacht lag seit den Aktionen Zeruels offen, ein Einpassen neuer maßgefertigter Schotten würde viel Zeit und Aufwand in Anspruch nehmen, sowie Erdarbeiten in größerem
Umfang er-fordern.
Asuka wurde auf die Krankenstation in den dortigen Sicherheitsbereich gebracht, nach Ritsu-kos Erkenntnissen lag sie im Koma, doch Akagi wollte ganz sicher gehen, daß sie ihnen nicht wieder
etwas vortäuschte und vielleicht jemanden angriff, sobald man ihr den Rücken zuwand-te. Asukas Zustand war stabil, sie hatte allerdings durch den Treffer ein Auge verloren.
Nachdem Ritsuko sich um die Versorgung und Unterbringung Asukas gekümmert hatte, wand-te sie sich Shinji zu und hörte ganz zielgerichtet seine Brust ab, nahm mit einem schwachen Nicken
das zweite Klopfen zur Kenntnis, welches wie ein Echo seines Herzschlages klang. Ritsuko stellte sich so, daß sie der Überwachungskamera in der Ecke den Rücken zukehrte.
„Asuka ist mit dem Messer auf euch losgegangen, nicht wahr?“
„Uhm... ja...“
„Und sie hat...“
Ritsuko deutete auf Shinjis Bauch, übte mit dem Zeigefinger kurz Druck auf die Haut aus.
Nicht einmal eine Narbe...
„Richtig?“
Shinji schluckte.
„Ja.“
Ritsuko nickte wieder.
In Momenten wie diesem liebte sie die ärztliche Schweigepflicht über alle Maßen.
„Ich weiß, was passiert ist“, sagte sie nur.
„Sie wissen es?“
„Einen Moment, ja?“
Ritsuko zog ihre Fernsteuerung aus der Tasche und deaktivierte die Überwachungsgeräte, einschließlich der Abhörvorrichtungen, von denen Gendo wahrscheinlich glaubte,
daß sie nichts von ihnen wußte.
Dann holte sie Misato in den Untersuchungsraum, welche draußen mit Kaworu und Rei gewar-tet hatte.
„Wir können ungestört sprechen.“
„Erzählst du mir endlich, was du herausgefunden hast?“ murmelte Misato und sah Ritsuko fin-ster an.
„Sofort. Zunächst einmal - das Blut stammte von Shinji.“
„Was? - Mein armer Kleiner! Wo hat Asuka dich... das ganze Blut...“
Misato starrte Shinji voller Entsetzen an.
„Ich... uh...“
„Die Erklärung ist so einfach wie überraschend. Als wir Shinjis Körper rekonstruierten, bekam er dabei nicht nur eine Art von Generalüberholung. Er bekam auch ein
Fragment des S2-Or-gans mit, welches EVA-01 verschlungen hatte. Dieses Fragment befindet sich in seiner Brust. Und ich denke, daß es wie ein eigenständiges S2-Organ
funktioniert.“
„Was?“
Misato blinzelte heftig.
„Shinji...“
„Uhm... Misato... es stimmt... Doktor Akagi hat recht. Asuka hat mich mit dem Messer... uh... äh...“
„Genau. Und das mußte das bis dahin ruhende S2-Organ auf den Plan gerufen haben. Es ist er-wacht und hat die Verletzung geheilt.“
„Äh... ja... so war es.“
Daß Nagisa-kun es gewesen war, der das S2-Fragment aktiviert hatte, mußte er ja keinem sa-gen... das hätte den Freund doch nur in Schwierigkeiten gebracht.
Kaworu Nagisa war ein Engel... aber anscheinend einer von den Guten. Und nur Rei-chan und er selbst schienen zu wissen, was wirklich geschehen war. Das Risiko, das sie eingingen, indem sie
Nagisa... Tabris... vertrauten, lag auf der Hand. Andererseits war da die plötzlich wieder aufgetauchte Erinnerung an das, was ihm der Kugelengel über die Vergangenheit berichtet
hat-te. Und nachdem, was er gesehen hatte, handelte es sich bei dem gekreuzigten Giganten mit der Maske im TerminalDogma in Wirklichkeit um LILITH, den zweiten Engel, nicht um ADAM, wie Kaji-san
glaubte.
Vielleicht waren weitere Kämpfe gar nicht nötig!
Doch, wem sollte er sich anvertrauen?
Doktor Akagi war bereit gewesen, ihm zu glauben, daß er in EVA-01 seiner Mutter begegnet war, aber er hatte Zweifel, daß er sie von den wahren Absichten der Engel überzeugen
konnte. Und für Misato galt dasselbe. Und selbst wenn, sie würden Kaworu sicher untersuchen wol-len... und sein... ´Vater´ würde sicher auch noch ein Wort mitsprechen
wollen.
Nein, er konnte sich niemandem anvertrauen, konnte nur darauf hoffen, daß er sich nicht irrte - und daß Tabris sein Versprechen einhielt...
„Uh, das...“
Misato schüttelte den Kopf, warf einen Blick auf Shinjis nackte Brust.
„Darin befindet sich wirklich ein S2-Organ?“
„Ja. Ich könnte dir die Röntgenbilder zeigen - wenn ich sie nicht vernichtet hätte.“
„Warum hast du... wegen Ikari?“
„Stimmt. Misato, dieses Geheimnis darf diesen Raum nicht verlassen - in Shinjis Interesse.“
„Verstehe. Okay, einverstanden. Aber... Rei und Kaworu haben es doch sicher auch gesehen, oder?“
„Das... äh... stimmt... Aber sie werden nichts sagen, dafür... uh... kann ich garantieren“, stot-terte Shinji.
„Hm...“ machten die beiden Frauen gleichzeitig.
„In Ordnung, Shinji, du mußt es wissen“, sagte Ritsuko schließlich.
„Ein S2-Organ... Wow...“ murmelte Misato. „Unser Shinji hier hat sich also in den Hasen aus der Batteriewerbung verwandelt...“
Ritsuko sah sie befremdlich an.
„Du siehst zuviel TV, meine liebe. Aber der Vergleich stimmt.“
„Und jetzt? Ich meine, wir werden darüber schweigen. Und es wird dir sicher noch sehr hilf-reich sein, Shinji. - Aber, Ritsuko, willst du es gar nicht untersuchen?“
„Soll ich Shinji aufschneiden und riskieren, daß das Fragment explodiert? Danke, Selbstmord kann ich einfacher begehen.“
„Äh...“
„Urgh...“ machte Shinji.