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Kreuzwege

Kapitel 13 - Finale

geschrieben von Ulrich-Alexander Schmidt

Larsen drehte sich auf die Seite. Die Neuralimplantate in seinem Schädel dämpften die Schmer-
zen, die durch seinen Körper zu toben schienen.
Gendo Ikari hatte ihm in den Bauch geschossen.
"Verfluchter Mistkerl."
Er preßte die Hand gegen die Wunde, spürte Dinge, die er lieber nicht bei Licht - und sonst
auch nicht - betrachten wollte.
"EVA-04?"

"Einsatzbereit. Soll ich kommen?"

"Nein, Status?"

"EVA-Einheiten-01 und -02 sind gestartet und in Kämpfe verwickelt worden. Die taktischen
Anzeigen sind unklar. Offenbar wurden die Perimetersysteme beschädigt. Ihre Lebenszeichen
fallen rapide."

"Danke, daß du mich daran erinnerst."
Seine linke Hand tastete blind über den rechten Unterarm, bis seine Finger die kleine Klappe
unterhalb des Ellenbogengelenks fanden und öffneten. Darin befand sich eine Injektorampulle.
"EVA-04, Protokollaufzeichnung."

"Bereit."

"Vermerke bitte, daß ich mir am... gib den Tag und die Uhrzeit an... den auf der EVA-Tech-nologie basierenden T-O-Virus injiziert habe."

"Meine Sicherheitsprotokolle zwingen mich dazu, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie ein hohes Risiko eingehen."

"Tue ich das nicht seit ich hier eingetroffen bin?"

Vorsichtig entnahm er die Ampulle, riß dann den Stoff seines rechten Hosenbeines auf, öffnete
dort eine weitere Klappe, legte die Ampulle hinein, legte einen Schalter um.

Zischend entleerte sich die Ampulle, der Inhalt wurde durch eine Kanüle direkt in sein Blut
abgegeben.
"Jetzt gilt es. EVA-04, falls das schiefgeht - wir waren ein gutes Team. Alles war ich brauche, ist Zeit..."

Er atmete tief ein und wartete darauf, daß der hochkonzentrierte Techno-Organische Virus sein Werk tat...

* * *


Irgendwo

Wir empfangen wieder Signale von Seraph, sie werden ständig stärker.

PALADIN-Einheiten haben SEELE fast erreicht!

Aktivitäten auf der Mondoberfläche, der Longinusspeer!

Wie ist das möglich?

Jener, der die Gruppe zusammengeführt hatte, jener, der seit Jahrzehnten die Aktivitäten von
SEELE überwacht und Reaktionen auf jeden ihrer Schritte vorbereitet hatte, jener, der Seraph
in den Einsatz geschickt hatte, schwieg...
Und hoffte...

* * *


Vor dem Kommandozelt des Generalstabes

Kaji stürmte aus dem Geländewagen, der ihm ins Kampfgebiet gebracht hatte, seinen Ausweis wie einen Schild vor sich haltend, stürmte ins Zelt, wo die Oberkommandierenden der Armee gerade dabei waren, ihre Karten des Geländes um Tokio-03 zu inspizieren.

Ich bin Sonderagent Ryoji Kaji von der UN. Stellen Sie den Angriff gegen NERV und die EVAs ein.

Angriff einstellen? entgegnete ein General und sah Kaji an wie einen Verrückten. Wir sind
auf dem Rückzug vor einem roten Riesenroboter!

* * *


Terminal-Dogma

Es ist deine Entscheidung, Rei...

Larsens letzte Worte hallten in Reis Ohren nach, als sie neben Gendo Ikari trat, ihren
Schöpfer.

Sie trug ihre Plug-Suit, ihre gewöhnliche Kleidung lag zu einem Haufen aufgeschichtet neben ihr.

Es ist soweit.
Gendo streckte die Hand aus...

Nein!
Der Schrei kam von einem der Laufstege über ihren Köpfen, direkt neben der gekreuzigten LILLITH. Dort stand Doktor Ritsuko Akagi, die Finger der einen Hand um das Geländer gekrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten, die andere Hand in der Tasche ihres Labor-kittels.

Ikari hielt inne, blickte nach oben.
Ritsuko, das ist... äußerst unpassend.

Warum? Störe ich etwa?
Sie zog die bisher verborgene Hand hervor, offenbarte die Waffe, die sie mit sich führte.

Und nun? Willst du Rei töten?

Nein. Ich habe die anderen Klone ausgelöscht, die anderen seelenlosen Puppen, die du mir vorgezogen hast, doch ich werde ihr Leben nicht nehmen, im Gegenteil, ich habe es ihr bereits
zurückgegeben.

Was?

Die Konditionierung existiert nicht mehr, ich habe dafür gesorgt, daß sie gelöscht wurde. Das wirft deine Pläne über den Haufen, oder?

Gendo lächelte kalt.
Nicht wirklich. Rei ist es gewohnt zu gehorchen.

Und genau deswegen habe ich die Selbstzerstörungsschaltung der MAGI aktiviert. In wenigen Sekunden geht hier alles zum Teufel...
Sie löste die Hand vom Geländer und holte eine taschenrechnergroße Fernsteuerung aus der anderen Kitteltasche. Ihre Augen wurden groß, als sie die Anzeige las.

COUNTDOWN ABGEBROCHEN.

Mutter, warum...

Ikari hob seine Waffe.
Es tut mir leid, Ritsuko, aber ich muß sicherstellen, daß du uns nicht noch einmal unter-
brichst.
Mit diesen Worten drückte er ab.

Akagi wurde zurückgeschleudert, als sie die Kugel traf. Sie rutschte an der Felswand herab und blieb regungslos auf dem Steg liegen.

Gendo wandte sich wieder Rei zu, die sich nicht gerührt hatte.
Bist du bereits?
Seine Hand durchstieß ihre Brust.

Es schmerzte...

Ikari bewegte die Hand durch Reis Körper, der durchlässig wie Wasser zu sein schien.
Bring uns in das Innere von LILLITH, Rei.

Rei zögerte.
"Kommandant Ikari will den Third Impact auslösen, um die Menschheit auszulöschen und neu zu erschaffen, in einer Welt nach seinen Vorstellungen. Er will erreichen, daß die Seelen der Menschen ihre körperlichen Beschränkungen hinter sich zurücklassen und sich vereinen, sich weiterentwickeln zu einer höheren Wesenheit, Leid und Trauer zurücklassen und Glückseeligkeit erlangen. Und er will diesen Vorgang kontrollieren..."
Sie sah Ikari an, sah die Kälte in seinen Augen, die Bestimmtheit, die Gier.
"Soll dies das Anglitz Gottes sein? Warum will er der Welt seinen Willen aufzwingen? Und
warum helfe ich ihm dabei? Leben heißt kämpfen, heißt Entscheidungen zu treffen..."

Rei?

Und Rei traf ihre Entscheidung.
Nein!

Unwillkürlich trat Gendo Ikari einen Schritt zurück, teilweise zog er die Hand aus Rei, teil-
weise wurde er abgestoßen.

Reis Blick schien ihn festzunageln, schien bis tief in seine Seele vorzudringen, durch alle
Barrieren, die er um sein Herz errichtet hatte.

Dann sah sie zu LILLITH, den gekreuzigten Engel, der sich nun ohne den Einfluß des Longinusspeeres völlig regeneriert hatte.
Der Drang, mit LILLITH zu verschmelzen und zu tun, wozu sie geboren worden war, war stark, der Drang, den Third Impact auszulösen, der Drang sich mit Shinji zu vereinen...

* * *


EVA-01 stieß einen lauten Schrei aus, ehe er sich auf die weißen EVAs stürzte, die gerade
dabei waren, EVA-02 zu verspeisen.

Asuka! Hörst du mich? brüllte Shinji in der Hoffnung, daß der Entry-Plug unbeschädigt war. Asuka!

Er hob das Prog-Schwert auf, das EVA-02 fallengelassen hatte, als ihm die Energie ausging,
hackte auf die weißen EVAs ein. Diese aktivierten ihre Triebwerksaggregate und brachten sich
mit einem weiten Satz außer Reichweite.

Asuka!

In der einen Hand das Schwert sichernd in Richtung des Feindes ausgestreckt, ging EVA-01 in die Knie, wühlte durch die Reste von EVA-02, wühlte durch Bruchstücke der Panzerung, or-ganische Fetzen, Eingeweide und verstärkte Knochenteilchen, bis er fand, was er suchte. Triumpfierend hielt er den äußerlich intakten Entry-Plug in der Hand.

Die weißen EVAs rührten sich nicht.

Fast zärtlich legte EVA-01 die Kapsel auf den Boden.

"Worauf warten sie?" dachte Shinji. "Daß mir auch die Energie ausgeht? Da können sie lange warten, EVA-01 hat auch eine S2-Maschine."
Er kletterte aus dem Pilotensitz.

Shinji, was hast du vor? fragte Misato leise. Um sie herum schwebten Blutbläschen in der
LCL-Flüssigkeit.

Ich hole Asuka da raus.
Er zog einen Schraubenschlüssel aus der Tasche mit der Notausrüstung, die in der Rückenlehne des Sitzes untergebracht war.

Irgendwie wußte er, daß EVA-01 nicht zulassen würde, daß die anderen Einheiten über ihn herfallen würden, sobald er draußen war, auch wenn er nicht sicher war, woher er dieses Wissen bezog.

Er ließ den Entry-Plug soweit herausfahren, daß die Luke freilag.

Shinji öffnete die Luke, kletterte hinaus. Die Rückseite des EVA war geriffelt wie die Sprossen
einer Leiter, die er nun flink hinabkletterte, die Gefahr und die Höhe ignorierend.
Das letzte Stück sprang er hinab, kam sicher auf, lief zu Asukas Kapsel hinüber.

Der Verschluß des Entry-Plugs bewegte sich, ruckte hin und her.

Shinji kantete den mitgebrachten Schraubenschlüssel in das Handrad der Luke, stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Die Luke entriegelte sich. Mit einem Schwall LCL-Flüssigkeit wurde
Asuka aus der Kapsel gespült, direkt in Shinjis Arme.

Ihr linkes Auge war zugeschwollen, die Braue aufgeplatzt, der rechte Arm hing schlaff an der Seite herab, ihr Blick war müde. Für einen Moment schien sie nichts weiter zu wollen, als in Shinjis Armen zu liegen und gehalten zu werden, im nächsten begann sie lauthals zu schimpfen wie ein Rohrspatz, verfluchte dabei Gott, die weißen EVAs, Kommandant Ikari und den Rest der Welt.

Asuka, wir müssen hier weg. unterbrach Shinji ihren Redeschwall, etwas, was er früher nie
getan hätte.

Es waren weniger seine Worte als sein Blick, der sie tatsächlich zum Verstummen brachte.
Mit ihrem gesunden Auge nahm sie die riesigen weißen Gestalten wahr, die in der Ferne lauerten.
Warum sagst du das erst jetzt, Dummkopf?

Er wußte erst jetzt, wie sehr er sie vermißt hatte.
Wir müssen klettern! Er deutete nach oben, sein Finger beschrieb in Etwa die Strecke, über
die sie auf der Außenseite von EVA-01 bis zur Einstiegsluke des Entry-Plugs kamen.

Das schaffe ich nicht, flüsterte Asuka.

Shinji warf den Kopf herum, sah sie an, sah, daß sie sich kaum auf den Beinen halten konnte.
Asuka...

Geh, rette dich, rette dich... mein Freund...

Er schüttelte den Kopf.
Und wenn ich dich tragen muß, niemand bleibt zurück! schrie er.

Plötzlich verdunkelte sich die Sonne.

Sie sahen nach oben.

Die freie, ausgestreckte Hand von EVA-01 senkte sich herab, hielt direkt vor ihnen an, wie eine Einladung aufzusteigen.

Shinji, wer steuert EVA-01?

Niemand...
Er zog Asuka auf die Hand.

Sanft wurden sie angehoben und in einem Bogen bis vor die Zugangsluke getragen.

Shinji kletterte zuerst hinein, half dann Asuka hinein.

Langsam wird´s voll hier drin. wurde der Rotschopf begrüßt.

Misato! Was ist denn mit dir?!

So ein Mistkerl hat mich angeschossen.

Misato, halte den taktischen Monitor im Auge. Asuka, vielleicht brauche ich Hilfe mit der
Steuerung, du hilfst mir dann. kommandierte Shinji.

Jeder Protest Asukas der Art ´wer ist gestorben und hat dir das Kommando übertragen?´ wur-de von Shinjis resoluter Stimme im Keim erstickt.
Aye, aye, mein Kapitän. erwiderte sie auf Deutsch.

Shinji ließ EVA-01 sich aufrichten und den Griff des Prog-Schwertes mit beiden Händen um-fassen.

Ring frei zur Zweiten Runde. In der einen Ecke der purpurne EVANGELION-01, ungeschla-gener Champion zahlloser Schlachten, in der anderen Ecke ein Haufen Loser! kommentierte Asuka und zog das letzte Wort besonders in die Länge.

Sehr, sehr weit über ihnen, auf dem Mond, um genau zu sein, löste sich der Longinusspeer aus
dem Mondstaub und raste auf die Erde zu...

* * *


Larsen glaubte, innerlich zu verbrennen, als der Umwandlungsprozeß in seine entscheidene
Phase trat.
Auf seinem Gesicht bildeten sich unzählige kleine Metallflecken, als mattschwarzes Tri-Polymer-Titanium aus seinen Poren zu treten begann, die sich schnell vereinigten und eine glatte Oberfläche bildeten.
Die Bauchwunde wurde versiegelt, regenerierte sich unter dem Einfluß des T-O-Viruses mit einer Geschwindigkeit, daß das bloße Auge kaum nachkam.
Das Haar fiel ihm gleich büschelweise aus. Eine Muskelkontraktion beförderte die Kontaktlin-sen auf den Boden, legte seine künstlichen roten Augen frei.

"Gratuliere zu erfolgreicher Selbstreparatur, Seraph."

"Hoffentlich läßt sich das wieder rückgängig machen..."

* * *


Rei erzitterte. Der Lockruf LILLITHs verbunden mit ihren eigenen Wünschen zog sie auf den
gefesselten Engel zu, ihr Gewissen widersetzte sich dem Zug.
Nein. Wiederholte sie dasselbe Wort, das sie schon Kommandant Ikari gegenüber benutzt
hatte.
"Nein, ich lasse mich nicht mehr benutzen. Ich lebe, ich treffe meine eigenen Entscheidun-gen."
Sie warf sich herum und rannte aus der Halle...

...lief dabei Larsen in die Arme, sah ihn kaum an, nahm weder wahr wie er sich äußerlich
verändert hatte, noch daß er eigentlich auf dem Boden liegen und langsam an seiner Bauch-wunde innerlich verbluten müßte.

Shinji, wo ist er?

Oben, kämpft gegen feindliche EVA-Einheiten.

Ich muß zu ihm!
"Shin-chan..."

EVA-04 steht im Hangar. Beeil dich!

Ja...

Ihre Schritte verhallten.
"Ich komme..."

Gendo Ikari stand regungslos in der Mitte der Halle, starrte zu LILLITH hinauf, die ihn mit ihren sieben Augen höhnisch zurück anzustarren schien. Der Plan, an dessen Verwirklichung er die letzten zwanzig Jahre gearbeitet hatte, für den er Frau und Sohn und einen Teil seiner Seele geopfert hatte, alles zerrann zwischen seinen Fingern wie Sand.

Harte, metallische Schritte ließen ihn aufhorchen.

Im Zugang zum Terminal-Dogma stand ein mattschwarzer menschengroßer EVANGELION mit rotglühenden Augen und zwischen den Fingerknöcheln ausgefahrenen Prog-Klingen...

* * *


SEELE

Das Ende dieser Welt rückt näher. Und wir werden die nächste Welt formen. flüsterte der Vorsitzende des Schattenkomitees, welches das Ende der Menschheit seit Jahrzehnten geplant hatte, heiser vor Erwartung.

Das Dach des Konferenzraumes öffnete sich - zum ersten Mal seit langer Zeit sahen sich die
Mitglieder des Kommitees bei Tageslicht - und registrierten, daß einer aus ihrer Mitte fehlte -, gab den Blick auf den klaren Himmel frei.

Und auf elf Feuerkugeln, die sternschnuppengleich vom Himmel herabfielen und sich beim Näherkommen als humanoide Giganten aus tiefschwarzem Metall entpuppten...

* * *


Rei stürmte in den Hangar, sprang, das Gesicht mit den Armen schützend, durch eine Feuer-wand.

Vor ihr wuchs EVA-04 in die Höhe.

Sie kletterte die Leiter zum Laufsteg hinauf, das Metall war heiß, verbrannte ihre Haut. Sie
ignorierte es, schwang sich in den offenstehenden Einstieg des EVA (der kein wirklicher EVA
war, aber der menschliche Wille kann schließlich Berge versetzen), warf die Luke hinter sich
zu und kletterte in den Pilotensitz.

"Identifiziere neuen Piloten: Rei Ayanami. Willkommen, Rei." stand auf dem Hauptbild-schirm.

Danke. flüsterte sie. Wir müssen an die Oberfläche.

"Bestätige Einsatzbereitschaft."

EVA-04 setzte sich in Bewegung...

"Ich komme, Shinji, ich komme..."

* * *


Der Longinusspeer raste auf die Erde zu, die Spitze direkt auf den Nacken von EVA-01 un-terhalb der Kontrollkapsel gerichtet, mißachtete dabei alle Gesetze der Natur.
(Aber es war ohnehin niemand da, der ihn dafür zur Rechenschaft gezogen hätte.)
EVA-01 lockte ihn an wie frisches Blut einen Hai, oder wie ein Magnet. Er war geschaffen worden, um Wesen wie EVA-01 zu bannen...

Die weißen EVAs warteten, warteten auf das Eintreffen des Longinusspeeres, warteten darauf,
sich auf EVA-01 stürzen und ihre Bestimmung erfüllen zu können, warteten darauf, den Third
Impact auslösen zu können.
Daß ihre Schöpfer nicht mehr imstande waren, dieses Ereignis auch nur im Geringsten zu beeinflussen, hätte sie selbst dann nicht interessiert, wenn sie es verstanden hätten.

Der Speer kam näher und näher, raste durch die oberen Schichten der Erdatmosphäre...

Worauf warten die bloß, zischte Asuka zum wiederholten Mal, während EVA-01 sich langsam um die eigene Achse drehte, um die neun weißen EVAs im Blick halten zu können, das Prog-Schwert schlagbereit vor sich haltend. Vor einer halben Minute war der taktische Schirm plötzlich erloschen, als eine unterirdische Explosion die Erde hatte erbeben lassen.

Der Longinusspeer war bereits mit bloßem Auge zu sehen, er zog einen Flammenschweif hinter sich her...

SHINJI, ZUR SEITE! WEICH AUS! hallte es aus dem Interkom.

"Rei... Rei ist hier..."
Shinji ließ EVA-04 einen Satz zur Seite machen. Dort, wo er eben noch gestanden hatte, bohrte sich der Longinusspeer in den Boden.

Etwa zeitgleich setzten sich die EVA-Einheiten der 5er Serie mit erhobenen Lanzen in Bewe-gung...

* * *


EVA-04 schoß aus dem Startschacht.

Rei hatte nur Sekunden, sich mit der Steuerung vertraut zu machen. Sie war... anders.
Die Synchronisation mit EVA-04 war weitaus weniger spektakulär als mit EVA-00 oder einer der anderen Einheiten, der Steuerungscomputer erledigte das Grundlegende, wie Laufen und Balancehalten. Zudem war die Reaktionszeit auf ihre Befehle aufgrund des primitiveren Inter-faces um einiges länger.

Dennoch halfen ihr ihre Erfahrung, ihr Willen und nicht zuletzt EVA-04 selbst.

Sie sah das Schlachtfeld und verspürte ein Stich im Herzen bei dem Gedanken an all die Toten,
die unter den Trümmern liegen mußten, sah die Reste von EVA-02 und verspürte Wut und Trauer über den Verlust Asukas. Sie sah die neun schneeweißen EVAs, die sich wartend im Umkreis platziert hatten, sah EVA-01 kampfbereit in Lauerstellung mit seinem Schwert.

Und sah den Longinusspeer vom Himmel auf EVA-01, auf Shinji, herabrasen.

SHINJI, ZUR SEITE! brüllte sie und rannte los (natürlich rannte EVA-04 los, aber das pri-mitive Interface war trotz allem gut genug, die Sinneseindrücke des Piloten entsprechend zu
modifizieren, sonst wäre der falsche EVA schon bei den ersten Synchronisationstests aufge-
flogen).

Der schwarze EVA pflügte über das Feld, während EVA-01 ihrer Anweisung folgte.

Rei streckte die Arme, ergriff den Schaft des Longinusspeeres, wirbelte ihn herum.

Im nächsten Moment standen sie und Shinji Rücken an Rücken, zusammen...

* * *


Terminal-Dogma

Es ist aus. drang die Stimme des EVA/Larsens durch die Halle. Der Plan zur Vervollkomm-nung der Menschheit ist gescheitert.

Nein! schrie Ikari, Der Plan muß vollendet werden, nur so kann die Menschheit über ihre
Grenzen hinauswachsen! Ich habe mein Leben dem Plan gewidmet, zum Wohle der Mensch-heit!

Ihr Plan führt zum Ende der Menschheit!

Zu ihrem Aufstieg, ihrer Komplettierung!

Sie wissen nicht einmal, mit welchen Mächten Sie spielen! Ihre Torheit hat vor fünfzehn Jahren die zweite Sintflut ausgelöst, wieviele Leben wollen Sie noch auf Ihr Gewissen laden?

Ikari riß die Waffe hoch, schoß auf den EVA/Larsen, verfeuerte fast sein ganzes Magazin.
Die Kugeln prallten wirkungslos an der Tri-Polymer-Titaniumpanzerung ab, hinterließen nicht
einmal Kratzer.

Wie sinnlos. So sinnlos wie Ihr ganzes Werk. In Ihrer Verblendung, der Zweck heilige die Mittel, haben Sie Tausende, Millionen, von Leben geopfert. Doch das endet jetzt. Vielleicht bin ich das, wozu die Menschheit werden kann, bin ich die nächste Stufe der Evolution. Doch wer bin ich, mir soetwas anmaßen zu können. Wer sind Sie, über den Wert der Leben aller Men-schen auf dieser Welt entscheiden zu wollen? Wer sind Sie, daß Sie Gottes Platz in der Schöpfung einnehmen wollen?

Ich bin Gendo Ikari! Ich werde die Menschheit auf den nächsten Schritt ihrer Existenz füh-ren!
Er wandte sich LILLITH zu.

All die Jahre hat die Gruppe, die mich hierher geschickt hat, beobachtet und geplant, geplant
zu reagieren und sich auf den heutigen Tag, auf diesen Moment, vorbereitet. All die kleinen Steine in Ihrem Pfad, all die Probleme und Problemchen, all dies war unser Werk, das Werk von Menschen, unvollkommenen Wesen, die sich gerade durch diese Unvollkommenheit defi-nieren. Hier und heute endet es!
Der menschliche EVA, geschaffen durch den Willen des Menschen, schleuderte seine Prog-Klingen durch die Luft.

Die sechs Klingen lösten sich aus ihren Halterungen, rasten auf LILLITH zu, bohrten sich in
ihre Augen.

Der Engel löste sich vor ihren Augen auf, zerfloß zu einem Rinnsaal LCL-Flüssigkeit.

Auf dem Laufsteg hob Ritsuko langsam die Hand und griff nach einer Metallstrebe des Gelän-ders.

Gendo Ikari hielt noch immer seine Waffe in der Hand.

In der Ferne grollte eine Explosion und löschte die Kommandozentrale aus.

Durch das Terminal-Dogma hallte ein letzter Schuß...

* * *


Sie kommen! Rei, ausfächern!

EVA-01 und EVA-04 sprangen in entgegengesetzte Richtungen.

Bei EVA-04 war der Countdown für die Batterien mittlerweile bei zwei Minuten angelangt.

Allmählich verstand Rei einiges, so verfügte die EVA-Einheit, in der sie saß, über kein eigenes AT-Feld - sie hatte keine Seele -, dafür aber über ein leistungsstarkes Kraftfeld.

Doch die Einzelheiten schienen nicht weiter wichtig, in diesem Moment zählte nur, daß das
Kraftfeld das Schlimmste abhielt und der Longinusspeer die AT-Felder der weißen EVAs durchdringen konnte.

Sie zielte direkt auf die S2-Maschinen der EVAs, das Zielerfassungssystem von EVA-04 hatte
sie etwa zu dem gleichen Zeitpunkt darauf hingewiesen, als Asuka Shinji denselben Hinweis gab.

Der erste EVA vor ihr verging in einer Explosion, sie ließ EVA-04 direkt durch die Explo-sionswolke springen und gleich gegen den nächsten Gegner vorgehen.

Dieser drehte sich zur Seite, stieß den eigenen Speer in den Rumpf von EVA-04.

Als Reaktion erloschen die Lichter einiger Steuerungselemente auf der linken Seite der Steue-
rungarmatur.

In einem normalen EVA hätte Rei sich jetzt vor Schmerzen nicht mehr rühren können - das primitive Interface hatte also auch seine Vorteile.

"Notreparatur läuft, benötige eine Minute, um die beschädigten Schaltkreise umzulegen."

"Wir haben nicht soviel Zeit." Sogar Reis mentale Stimme klang sanft. Wenn es dem Bio-computer tatsächlich möglich gewesen wäre, hätte er für sie die Reparatur in einem Bruchteil der angegebenen Zeit erledigt. Leider vermag der Wille eines Computers keine Berge zu ver-setzen.

Immerhin reichte die verbliebene Kontrolle noch aus, den Angreifer aufzuspießen und den nächsten EVA, der sich in ihre Reichweite begab, abzuwehren, auch wenn die Steuerung zu blockieren schien und Rei den Eindruck hatte, teilweise Berge zu verschieben, statt metallener Hebel.

Dann leuchteten die beschädigten Kontrollen wieder auf.

EVA-04 drehte sich, suchte EVA-01.

Der hing im Griff von fünf anderen EVAs, die ihre Speere durch die Gliedmaßen und den Kopf
getrieben hatten und ihn nun mit Hilfe ihrer Raketentriebwerke in die Höhe schleppten.

"Sie werden den Third Impact auslösen..."
Rei fühlte alle Hoffnung schwinden.

Von den übrigen EVAs waren nur Trümmer und Staubwolken zu sehen.

Aus dem Interkom kam ein dumpfes Stöhnen, wie aus drei Kehlen.

"Asuka... Shinji... Mein Shinji..."

Rei... Rei-chan... flüsterte Shinji unter Aufbietung aller Kraft.

Rei riß die Augen auf.
Sie verletzten Shinji!
"Meinen Shinji..."

Sie schleuderte den Speer, traf den EVA, der sich am rechten Arm von EVA-01 festhielt, durchstieß sauber die S2-Maschine.

Der Verbund verlor durch den Verlust eines Mitgliedes an Höhe.

"EVA-04? Ich brauche deine volle Unterstützung."

"Ich wurde geschaffen, um zu dienen." antwortete EVA-04, der in Wirklichkeit auf die Bezeichnung PALADIN-01 hörte, aber das ist eine andere Geschichte.

EVA-04 fuhr seine Prog-Klingen aus.

"Niemand legt Hand an Shinji!"
Und Rei erlebte zum ersten Mal, wozu sie in ihrem Zorn fähig war...

* * *


EVA-04 stürzte sich mit feuernden Jetpacks wie ein Berserker auf die vier übrigen weißen EVAs, die immer noch damit beschäftigt waren, EVA-01 in der Luft zu halten, nachdem sich ihre Zahl auf drei reduziert hatte, schienen sie einzusehen, daß dies nicht mehr möglich war und ließen ihn fallen.
Zu ihrem eigenen Pech steckten ihre Lanzen noch immer in EVA-01, während Reis EVA über
eingebaute Waffen verfügte.

Als der erste weiße EVA endlich dazu kam, sein Prog-Messer zu ziehen, war nur noch er übrig.

Ein Fußtritt von EVA-04 gegen den Schädel schleuderte ihn zurück und verletzte zugleich
seine Wahrnehmungssensoren.

Die ganze Zeit über stieß EVA-04 laute Wutschreie aus, niemandem, der sich in der Nähe aufgehalten hätte, gehen wir mal davon, daß irgendjemand wirklich zu törricht sein sollte, wäre
aufgefallen, daß es sich um die elektronisch verstärkten Wutschreie eines vierzehnjährigen
Mädchens handeln könnte.

In diesem Moment sprang der Countdown auf ´0´...

Rei hielt den Atem an.
"Nicht jetzt."

Und der Countdown sprang wieder auf drei Minuten.

"Gehe auf Batterie Zwei."

Stillstand! Keine Bewegung mehr...

"Bestätigt."

EVA-04 verharrte.

Der letzte weiße EVA sah seine Chance gekommen, griff mit vorgestrecktem Prog-Messer an.

Rei trat einfach zur Seite und stellte ihm ein Bein, stieß dann mit ihren Klingen nach.

* * *


Asuka öffnete die Augen, daß heißt, sie wollte es. Über ihrem einen Augen befand sich eine Bandage, so daß ihr Blickfeld eingeschränkt war.

Sie lag auf einer harten Unterlage. Ihr ganzer Körper fühlte sich müde an.

"Wo...?"

Verschwommen sah sie die beiden Gestalten am Fußende ihres Lagers zusammen sitzen.

"Shinji... Rei..."

Mit einem Lächeln auf den Lippen driftete sie wieder weg.

* * *


Shinji glaubte noch immer, den Schmerz zu spüren, als die weißen EVAs ihre Speere in die
Arme, die Beine und den Schädel seines EVA gestoßen hatten.

Jetzt saß er am Fußende einer Klappritsche in einem Sanitätszelt im Schatten des zusammen-
gesunkenes EVAs, auf der Pritsche lag schlafend Asuka, neben ihm, oder besser an ihn gelehnt, saß Rei mit geschlossenen Augen. Sie saßen beide unter einer rauhen grauen Wolldecke mit dem Zeichen der Verteidigungsstreitkräfte. Er hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt.

Sie lächelte im Schlaf...

Kaji kam ins Zelt, Shinji wollte aufspringen, besann sich wegen Rei jedoch anders.
Wie geht es Misato?

Kaji stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus.
Sie kommt durch.

Shinji atmete erleichtert ein.

Du hast genau das richtige getan, die LCL-Flüssigkeit hat die Verletzung gesäubert und die
Blutung gehemmt.

Shinji griff vorsichtig in seine Tasche, holte das Silberkreuz hervor.
Misato hat es mir gegeben, als sie angeschossen wurde. Vielleicht könnten Sie es ihr zurück-
geben? Ich glaube, ich brauche vorerst keinen Glücksbringer mehr.

Gerne.
Kaji zwinkerte Shinji zu.
Wißt ihr drei eigentlich, daß ihr heute die Welt gerettet habt? Gut, Asuka wird wahrschein-
lich der EVA-Pilotenschein entzogen werden, nach all dem Chaos, das sie angerichtet hat...

...wer räumt das eigentlich wieder auf? fragte eine weitere Stimme vom Zelteingang her.

Wolf, rief Shinji und blieb wieder nur wegen Rei sitzen.

Larsens Körper war mit Staub, Ruß und Asche bedeckt, deshalb fiel es nicht auf, daß seine
Haut durch eine Titaniumpanzerung ersetzt worden war. Die roten Augen waren etwas verräterisch, andererseits waren alle viel zu beschäftigt, um es zu bemerken.
Ich freue mich, daß ihr es geschafft habt. Soweit ich gehört habe, habt ihr euch großartig
geschlagen.

Nachdem sich der Staub gelegt hatte, hatte Rei EVA-01 von den Speeren befreit.
Zugleich war Kaji in einem Jeep aufgetaucht und hatte die Kapitulation der angreifenden
Streitkräfte überbracht.

Misato war umgehend in das nächste Lazaret gebracht worden, während Suchmannschaften des Militärs nach Überlebenden suchten, erste Gruppen stiegen gerade über die Hangarschäch-te in das vernichtete NERV-Hauptquartier und die Geofront hinab.
Der erste Mensch, der ihnen über den Weg lief, war Wolf Larsen, der eine kleine Gruppe von
NERV-Mitarbeitern ins Freie geführt und mit unermüdlicher Kraft Trümmerstücke aus dem Weg geräumt hatte.

Jetzt schweifte sein Blick über die drei Children, deren Kindheit viel zu früh geendet hatte.

Shinji, ich habe eine schlechte Nachricht für dich...

Rei drückte sich stärker an Shinji, dieser sah Wolf fragend an.

Dein Vater hat den Angriff nicht überlebt. Er ist während der letzten Explosion ums Leben
gekommen.

Ja... Danke, Wolf.

"Er wird später weinen, aber er hat jemanden an seiner Seite, Freunde, die mit ihm durch die
Hölle gegangen sind..."

Kommen Sie, gönnen wir ihnen etwas Ruhe. murmelte Kaji.

Larsen nickte und verlor dabei etwas von seiner Schmutzschicht.

Netter Look.

Larsen grinste säuerlich.
Hoffentlich gibt es ein Gegenmittel. Was wollen Sie jetzt machen?

Ich fliege zu Misato ins Krankenhaus.

Was ist mit dem Major?

Schußwunde, aber sie kommt durch. Könnten Sie noch etwas hierbleiben und auf die Kin-der...

Die können wahrscheinlich ziemlich gut auf sich selbst aufpassen. Aber - ja, natürlich. Ich
bleibe noch ein wenig. Besorgen Sie ihnen nur eine Unterkunft, wo ich sie hinbringen kann.
Ich will nach Hause, zu meiner Tochter...

Ja, das verstehe ich. Kaji streckte die Hand aus. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen.

Wolf ergriff die Hand.
Kommen Sie mich doch in Deutschland besuchen. Und bringen Sie den Major mit.

Steht die Einladung zum Essen noch?

Ja. Und bringen Sie auch die drei da drinnen mit.

Oh, planen Sie schon die große EVA-Piloten-Reunion-Feier?

Machen Sie, daß Sie zu Major Katsuragi kommen.

* * *


"Shinji..."

Shinji sah sich um.

"Shinji..."

Er sah nach oben, sah durch eine Lücke in der Zeltplane aus Gesicht von EVA-01, dessen Augen golden aufleuchteten.
Ein längst vergessenes Gefühl von Geborgenheit erfaßte ihn.

"Shinji..."

Die Stimme in seinem Kopf war so vertraut, es war die Stimme von EVANGELION-01, und es war die Stimme seiner Mutter...

"Mutter..."

"Shinji, du hast jetzt jemanden, der für dich daist und für den du dasein kannst. Ich muß
dich nicht mehr beschützen."

"Mutter, geh nicht, bitte, bleib..."

"Ich werde immer in deinem Herzen sein und über dich wachen, mein Sohn."

EVA-01 richtete sich auf, drehte sich um, ging langsam davon.

"Mutter!"
Shinji sprang auf, die schlafende Rei kippte zur Seite, wachte auf, sah, wie er hinauslief.

EVA-01 verschwand mit Riesenschritten in der Ferne.

Shinji rannte.
"Mutter!"

"Achte auf sie. Und werde glücklich, Shinji."
Damit verstummte die Stimme und geriet EVA-01 außer Sicht.

Shinji hielt außer Atem an.
Mutter...
Er kämpfte gegen den Drang an, auf dem gefrorenen und festgestampften Boden zusammen-zusinken.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, breitete eine Decke über seine Schultern auf.

Rei war ihm gefolgt...

"Rei-chan..."


ENDE

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich-Alexander Schmidt